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Ausgabe:

1920

Spalte:

85

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sandt, Hermann

Titel/Untertitel:

Die Pädagogik Wicherns, ihre Grundgedanken und deren Bedeutung für die modernen pädagogischen Probleme 1920

Rezensent:

Schmid, R.

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«5

Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 7/8.

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S. 115 die Nahe Jefu angibt, oder von einem Bezugichein auf
Chriftentum fpncht, dann bedeutet das Schranken, die es manchem
fchwer machen, das fonft reiche und förderliche Büchlein
für die Arbeit an (Ich felbft oder an andern zu benutzen.
Heidelberg. Niebergall.

kenntnisbegriff Peftalozzis, in den Kapiteln 2 und 3 fetzt K. bekanntlich nie, höchftens einmal draftifch und gerucht bis
fich der Verfaffer mit Alfred Heubaums und Wigets a" das Gefchmacklofe heran. Sehr fpricht z. B. der Abfchnitt

Darftellungen auseinander, Kapitel 4 fährt mit den Un- ^M^r^Lhn^ohi t?™ 68 ihm seHngt, dtefen Zuftand
. _r , & , T. . ' . f .J* _ . . T> . . . gieicniam lpurDar zu betchretben: wenn er aber als Seelenpulver

terluchungen des 1. Kapitels fort (Peftalozzis Pnnzipien-

lehre im Lichte des idealiftifchen Erkenntnisbegriffes),
das Schluß-Kapitel zeigt Peftalozzis Bedeutung für den
künftigen Wiederaufbau unferer Kultur. Das Buch bildet
eine wertvolle Ergänzung zu Natorps ausgezeichneter
Feftalozzi-Darftellung in Greßlers Klaffikern der Pädagogik
(Band I der Ausgabe) und zu dem Natorpfchen Natur-
und Geifteswelt-Bändchen, in dem die Ideenwelt des
großen Schweizer Pädagogen in knapper, aber fo gut
wie erfchöpfender Weife dargelegt wird. Für eine Neuauflage
dürfte es fich empfehlen, die Kapitel 2 und 3 als
.Anhang' an den Schluß zu fetzen, da fo der enge
Zufammenhang von 1 und 4 fchärfer hervortreten würde.
Sachlich behält Natorp gegenüber den Gegnern wohl in
allen wefentlichen Punkten recht, wenngleich bei Pefta-
lozzi felber die begriffliche Klarheit nicht erreicht ift,
mit der heute ein kongenialer Geift ihn darfteilen kann.
Peftalozzis befondere Größe ift es gewefen, wie Natorp
mit Recht am Schluffe feiner Ausführungen betont, daß er
die Grundquellen des echten Menfchentums, gleich dem
Stifter der chriftlichen Religion, in jedem geringften
Menfchenkinde erkannte und in ihm zu beleben den
Weg fand, den Weg der Liebe, der Einfachheit, der un-
beirrten Wahrhaftigkeit und Treue des Arbeitens unmittelbar
von Seele zu Seele, von Herz zu Herzen.
Natorps Unterfuchung hat einen doppelten, einerfeits
hiftorifchen, andererfeits fyftematifchen Wert. Für jeden,
der fich ernfthaft mit Peftalozzi befchäftigt, ift aus dem
Buche vieles zu lernen.
Berlin. Artur Buchenau.

Sandt, Stadtfchulinsp. Dr.Hermann: Die PädagogikWicherns,

ihre Grundgedanken u. deren Bedeutg. f. die modernen
pädagog. Probleme. (VIII, 270 S.) gr. 8ft. Leipzig
, J. Klinkhardt 1913. M. 5.60
Teich mann, Dr. Gerhard: Johann Hinrich Wicherns Erziehungsgedanken
. (Aus: „Viertelj.-Schrift f. Innere
Miffion". (VIII, 72 S.) gr. 8°. . Gütersloh, C. Bartelsmann
1916. M. 1.60
Die Gefchichte der Pädagogik ift bisher an Wichern
meift vorübergegangen, ohne ihm nähere Beachtung zu
fchenken. Es ift zu begreifen, daß ihm nun von Sandt
eine eingehende Darftellung nach der theoretifchen und
praktifchen Seite gewidmet wird. Es zeigt fich, daß er
nicht nur, was jedermann weiß, ein praktifcher FJrzieher
von Gottes -Gnaden war, fondern auch, daß feine Gedanken
über Erziehung tief und reich find, obgleich er zu
einer fyftematifchen Zufammenfaffung nicht gekommen
ift. Fußend auf Pestalozzi und Schleiermacher, genauer
auf dem .preußifchen Peftalozzismus' Harnifchs, erfcheint
er als Prophet der neueften, auf Willensbildung, Arbeits-
fchule, Gemeinfchaftserziehung gerichteten Pädagogik.
Ebenfo eigenartig leuchtet fein erzieherifches Lebenswerk
innerhalb der Gefchichte der religiöfen Erziehung als
Vorbild einer Lebendigkeit, Freiheit und Natürlichkeit,
wie fie feiten zu finden war und ift.

Zu ähnlichen Ergebniffen kommt, ohne auf Sandt
Bezug zu nehmen, Teichmann, deffen Arbeit eine Erweiterung
feiner Erlanger Differtation von 1912 darfteilt.
Markgröningen.__R. Schmid.

K»ller, Samuel: Meine Minuten. Kurze Anreggn. zum Nachdenken
f. müß. Augenblicke des Tages oder fchlaflofe Stunden)
der Nacht. (292 S.) kl. 8». Freiburg i. B., W. Momber (1918.

v ' Geb. M. 3 50

Auch in dielen kalendarilch geordneten gleichlangen Aphorismen
ift fich K. treu geblieben: mit feelforgerlichem und erweck-
«chem Sinn schaut er in alle Ecken des Lebens und der Men-
Ichenfeele hinein, um fein befonderes Gedankengut hilfreich
anzubieten, das in der engen Verbindung von Jefusflnn mit
tnodernen Nöten und mit modernen Darftellungsmitteln befteht.
Immer kommt es ihm darauf an, den Seelen zurecht zu helfen
im Geift des Jefusfriedens und der Jefuskraft. Langweilig wird

Feftgabe für D. Dr. Julius Kaftan zu feinem 70. Geburtstage
(30. IX. 1918). Dargebracht von Schülern und
Kollegen. Mit einem Bilde Jul. Kaftans. (VII, 435 S.)
8°. Tübingen, Mohr 1920. ' M. 20 —

Die fchwere Zeit hat es mit fich gebracht, daß diefe
Gabe nur handfehriflich auf den Geburtstagstifch gelegt
werden konnte, auch nicht alle Grußwilligen darin vereinigt
find. Nun ift es dank der freudigen Bereitfchaft
des Herrn Verlegers gelungen, fie noch der Öffentlichkeit
vorzulegen: ein vielftimmig einheitliches Zeugnis von
der Arbeit deutfeher Theologie mitten im Krieg, auch
für unfere Feinde. Das Buch ift gefchmückt mit einem
trefflichen Bilde Kaftans. Betrachtet man es von der
Mitte aus, fo zeigt es lauter dankbare Verfenkung in die
Beiträge; wenn ein wenig von links, in dem belebten
Mundwinkel etwas von Fragezeichen freundfehaftlicher
Kritik. Die Aufgabe des Berichterftatters kann nur die
fein, durch — freilich fehr verkürzte — Inbalsangabe zu
reichem Gewinn und Genuß einzuladen.

A. Bertholet bahnt fich durch Bearbeitung vieler Verfuehe, den
,Urfprung des Totemismus' zu erklären, den Weg zu feiner eigenen
Hypothele, nämlich dem ,Täufchungsmotiv, namentlich bei der Namen-
gebung zu prophylaktifchen Zwecken gegen feindliche Mächte'. Die
Tier- und Pflanzennamen find eine Art ,Wortmarken', find Schutznamen,
Daher ift die Macht des Totem auf jede Weife zu fördern und zu
mehren (felbft durch .Exogamie') — R. Hartftock führt aus, daß die
,Vifionsberichte in den fynoptifchen Evangelien' nirgends als folche
vorgeführt werden. Bei der Taufe Jefu kaum bezweifelt, gelte das
in viel weiterem Umfang (1. Kor. 15, Luk. 5,1 (f., Verklärung, finken-
der Petrus u. a.). Nicht aber feien aus Vifionen der Gemeinde Erzählungen
über das Leben Jefu entftanden (z. B. Speilüng oder Jüngling
von Nain, am eheften noch Taufe Jefu). — C. Giemen unterfucht ,Die
Bildlichkeit der Offenbarung Johannis' und findet, daß der Verf. rein
bildliche Größen neben andere (teile, die er wirklich gefchaut zu haben
behaupten konnte. Das fei nur verftändlich, wenn feinen ,Vifionen' als
literarifche Form aufgefaßt werden, was H, auch aus anderen Gründen
notwendig findet. — ,Die Echtheit der Paulini fchen Hauptbücher im
Lichte des antignoftifchen Kampfes' erweift H. Weinel durch die
Beobachtung, daß ihr Verfaffer in der Behandlung der gnoftifchen Probleme
(Opferfleifch, Gefchlechtsleben, Fleifch und Geift, Frau im Gottes-
dienft) über beiden Parteien mit Innerlichkeit und Liebe feinen Standort
nimmt, nur möglich vor dem großen Kampf. —A. von Harnack
,Über Sanftmut, Güte und Demut in der alten Kirche' zeigt, daß 2. Kor.
10,1 und 1. Kl. 16,17, höchftwahrfcheinlich auch Polyk. Phil. 10,1 auf das
Herrenwort M. 11,29 zurückgehen, und gibt eine Fülle fachlich wichtiger
Einzelbeobachtungen über jene fpezififch chriftliche Trias (neben der
bekannteren Glaube, Liebe, Hoffnung), in der fich die tiefften von Jefus
in Kraft gefetzten Triebfedern felbftändig geltend machen, man vgl.
befonders tantivoipQoavvri mit aviqiQoavvij. In der Kirche find diefe
Urbegriffe verkürzt und transformiert worden, aber auch an Erneuerung
ihres wahren Sinns hat es nicht gefehlt, und fie follen heute trotz und
unter allen anftößigen Zerrbildern neu ihre fiegreiche Kraft bewähren.
— Dem Auffatz über .Tragende und ftählende Kräfte des N. T.' liegt
eine Vorlefung zu Grunde, die A. Deißmann vor den deutfehen Feld-
geiftlichen in Warfchau 1916 gehalten hat. Das .Buch' N. T. ift nur
das Sekundäre, die letzte Vibration von Seelenkräften, die in ihrer
fchöpferifchen Urzeit buchlos und unftilifiert lediglich durch den Geift
getragen find. Diefe Kräfte geniigen völlig, um uns die feelifche Aus-
ftattung zu geben, die es uns ermöglicht, das Schickfal der Gegenwart
zu tragen und die Zukunft zu gehalten. Es find die Kräfte des
heiligen Verzichtens (Opferns) und des heiligen Duldens (mit dem Unterton
der Freude, nicht der Refignation in eine unnormale Erfcheinung).
Sie find eins mit den ftählernen, offenfiven, aktiven des heiligften in
Arbeit lieh auswirkenden Trotzes, auf Grund der Reichszuverficht, der
vollen Uberzeugung, daß die letzte und größte Auswirkung des göttlichen
Gnadenwillens in feiner Mcnfcheit noch vor uns liegt. Sie find Aus-
flrahlungen der einen Kraftgewißheit von der Nähe Gottes, die als Realität
der Realitäten durch Chr. und feine Apoftel nicht gelehrt, fondern
gefchenkt und übermittelt worden find.

Fünf Abhandlungen haben Probleme der Lutherforfchung zum
Gegenftand. E. Hirfch in Justitia theologiae Lutheri' weift die engen
Zufammenhänge mit den Sätzen G. Biels über justitia Dei nach; felbft
die Anfechtungen, die L. daraus erwuchfen, find von B. im voraus
befchrieben. Sodann erörtert H. das neue Vcrftändnis L.s von Rom. 1,17