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Ausgabe:

1920

Spalte:

84

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaplun-Kogan, Wlad. W.

Titel/Untertitel:

Die jüdischen Wanderbewegungen in der neuesten Zeit (1880-1914) 1920

Rezensent:

Bischoff, Erich

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Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 7/8.

84

Luther s, D. Martin, Werke. Kritifche Gefamtausg. Tifch-
reden. 4 Bde. (XLI, 656, XXXII, 700, XLIV, 738 u.
XLV, 737 S.) Lex. 8°. Weimar, H. Böhlaus Nachf.
1912—16. M. 92 —

Mit der Veröffentlichung von Luthers Tifchreden beginnt
die Weimarer Ausgabe eine neue felbftändige Reihe
ihrer Bände, deren fachliches Recht keiner weiteren Begründung
bedarf. Die Bearbeitung ift in die bewährte
Hand von Ernft Kroker in Leipzig gelegt worden und
verdient, wie fofort bemerkt fei, vollfte Anerkennung und
aufrichtigften Dank. Zum erften Male ift das fehr umfangreiche
Material kritifch gefichtet und in kritifcher
Ausgabe dargeboten, und die Unficherheit oder gar Unbekümmertheit
in der Zitation diefer Quelle macht Sicherheit
und Zurückhaltung, wo fie geboten ift, Platz; m. a.
W.: man kann die Tifchreden jetzt endlich wiffenfchaftlich
nutzen. Dazu ift freilich die Durcharbeitung der eingehenden
, jedem Bande vorgefetzten kritifchen Einleitungen
Vorausfetzung, und darum feien einige Richtpunkte hier
angegeben. Da muß zuerft mit allem Nachdruck unter-
ftnchen werden, daß die Originalfchriften der Tifchreden
fämtlich verloren gegangen find, alfo die gefamte Überlieferung
auf Abfchriften beruht. Für die kritifche Ausgabe
find mehr als 30 Plandfchriften geprüft worden,
aber das ift nur ein Teil der Überlieferung. Von ihnen
kommen als Grundlage (fogen. ,Urfchriften') in Betracht
drei Gruppen, 1529—1535, dann 1536—1539, endlich
1540—1546 umfaffend, perlonlich gefprochen: Veit Dietrich
und Medier, Schlaginhaufen, Rabe, Cordatus, Weller,
Lauterbach, Mathefius, Aurifaber. Der letztere ift in der
viel zitierten Ausgabe von Förftemann-Bindfeil vollftändig
aufgenommen worden, was man nur billigen kann. Dem
Text der einzelnen Reden ift das Verzeichnis der Parallelen
beigegeben, für den Schlußband ift ein alphabetisches
Regifter der Textanfänge und eine vergleichende Überficht
in Ausficht geftellt. Als felbftverftändlich darf ich
wohl vorausfetzen, daß uns auch ein Perfonen- und (mög-
lichft eingehendes) Sachregifter geboten wird, um die
neue Ausgabe wirklich ausgiebig nutzen zu können. Sehr
erfreulich ift, daß die chronologifche Fixierung dermeiften
Tifchreden möglich geworden ift; fie war dank der Reihenfolge
in den Handfchriften verhältnismäßig leicht zu gewinnen
. Bez. der f. Z. von Preger veröffentlichten Tilch-
reden Schlaginhaufens ftellt Kroker feft, daß die beiden
Bände Clm. 937 und Clm. 939 wenn auch nicht ganz, fo
doch in mehreren Abfchnitten nicht von Gg. Steinhart,
fondern von Joh. Lindener gefammelt wurden. Die Sammlung
von Ldw. Rabe gibt vielleicht Luthers Redeweife
bei Tifch befonders treu wieder. Daß hingegen Wrampel-
meyer feine Cordatus-Sammlung erheblich überfchätzte,
wußten wir fchon; Kr. ftellt feft, daß nur ein Teil eigene
Nachfchriften von Cordatus enthält; und daß ,von allen
Tifchgenoffen Cordatus am wenigften die wörtliche Nach-
fchrift von längeren Reden Luthers geliebt zu haben
fcheint'. Umgekehrt gewinnt Lauterbach, gegen den der
Vorwurf der Ruhmredigkeit nicht erhoben werden darf,
während die von Loefche veröffentlichte Nürnberger Hand-
fchrift Math. N. überhaupt keine Veröffentlichung verdiente
. Sehr eingehend und lehrreich äußert fich Kr. zu
Aurifaber; feine Zufätze bringen nicht nur fremde Worte,
fondern oft falfche Jahreszahlen und unrichtige fachliche
Angaben in die Texte; ,es ift deshalb ein Mißgriff ge-
wefen, wenn man Aurifabers Ausgabe von Luthers Tifchreden
für den Sprachfehatz Luthers ausgefchrieben hat'.
Seine oft fo anfehaulichen Einleitungen bedürfen forg-
fältigfter Kritik, und feine Auslaffungen find oft willkürlich
. Bei Rörer etwa allererfte Niederfchriften eines Tifchgenoffen
zu faffen, ift eitle Hoffnung. Daß Kr. die Leipziger
Handfchrift Math. L, die uns die große Mathefifche Sammlung
von Luthers Tifchreden in ihren wichtigften Abfchnitten
erhalten hat, für das Jahr 1540 an die erfte
Stelle fetzt, zeigte fchon feine frühere Separatpublikation.
Math. L bietet hier den urfprünglichen Text. Über die

Fülle von Nachrichten, die die Tifchreden bieten, ift kein
Wort zu verlieren; ich erinnere nur an den Gebrauch,
den Scheel in feinem ,Luther' von ihnen machen konnte.
Die mühfame und entfagungsvolle Arbeit Krokers hat
fich ihre Krone aufgefetzt durch ausgezeichnete Anmerkungen
zur Texterläuterung. O. Brenner hat wie
immer die germaniftifche Erklärung übernommen, doch
kann ich mich nicht damit befreunden, daß fie an den
Schluß ftatt unter den Text gefetzt wurde. Dafür find
wohl Gründe der rafcheren Durcharbeitung maßgebend
gewefen; denn Drelchers Motivierung, daß man wohl
gerne das gefamte germaniftifche Material beifammen
haben werde, überzeugt nicht: man kann Brenners Sammlung
nicht durcharbeiten, ohne beftändig den Text, den
fie erläutert, nachfchlagen zu müffen. Umgekehrt ift man
nicht ficher, den Text zu verliehen, ohne hinten nach-
gefchlagen zu haben. Diefe Nachfchlagearbeit hätte uns
erfpart werden follen. Aber folche Unebenheiten brechen
dem Werte des Ganzen nicht allzuviel ab. Auch Germanift
und Herausgeber feien vollen Dankes verfichertl *)
Zürich. W. Köhler.

1) Nachtrag während der Korrektur; Wie vorlkhtig auch jetzt noch
im Gebrauch der Tifchreden verfahren werden muß, zeigt die kritifche
Unterfuchung von Adalb. Wahl im Archiv f. Reformationsgefch. 1920.

Ullrich, Albert: Goethes Teftament. Die Löfg. des Fauft-
Rätfels. Der Deutg. 1.—3. Buch. Euphorismen. Eilebeute
. Hexenküche. (208 S.) kl. 8°. Deffau, Fauft-
Verlag 1919. M. 8 —; geb. M. 12 —

,Die Forfchung im heiligen Werke war noch nicht
— niemalen bis heut — bis auf ein Zündholzfünkchen,
das von der Sonne träumte: Louvier. Jetzt trage ich
die Scheiter und errichte das Mal. Die Fauftforfchung
beginnt erftl' So geht es denn hinein in die neue
Epoche der Pauftforfchung auf den bewährten Bahnen
der Bacontheorie, mit Sperrdruck, Großdruck und Fettdruck
, Tabellen und Diagrammen und kabbaliftifchen
Zeichen, mit "Buchftabenverfetzungen und Sinnvertau-
fchungen gleich oder ähnlich klingender Wörter — und das
alles in einem Stil, der der allermodernften Zeitfchrift
Ehre machem würde.

Ein Beifpiel der Deutung müffen wir dem Lefer doch geben.
,Die Lieder' (die in den Fauft eingelegt find), nennen als Eideshelfer
Autoren, die auf Goethe eingewirkt haben . . . Leider nur Lieder!
ruft Goethe. Aber erkenne in ihnen die Leiter, die Führer der Menfch-
heit! Dringe durch die ,Lider* vor zum ,Auge' — fteige auf diefen
Leitern in den Himmel des Autors, das Geift-Gewölbe feiner Gedankenwelt
, in den heiligen Biencnftock der vielen Zellen und Waben, in denen

es fummt und duftet,--bis vor zur Zelle der Königin, der hl. Imme

Selbft! ,Gefetzlein' nennen die Schwaben die Liedftrophen und Sprüchlein
. Auch hier find die Lieder und Spruchverfe die ,Gefetze'.

Ein Beifpiel! In Auerbachs Keller fingt Mephiftopheles das Floh-
Lied. Und Goethes-Mephiftopheles nennt uns dabei den Autor, der
ihm bei der Einkleidung des Werkes behilflich war: Den Aegypto-
logen Schneider.

Ein anderes! Gretchens erftes Lied gibt uns nicht nur eine fchöne
Ballade, fondern den Umkreis ihrer Welt: der Becher des Königs von
Thüle ift: Der Myftiker Becher.'

So fitzen wir denn an der Quelle der Urweisheit.
Schade nur, daß die Mitarbeiter und Lefer diefer Zeitfchrift
keine Luft verfpüren werden, daraus zu fchöpfen!
Hamburg. Petfch.

Kaplun-Koqan, Dr. Wlad. W.: Die jüdifchen Wanderbewegungen Tn
der neuerten Zeit (1880—1914). (VIII, 80 S.) 8». Bonn, a. Marcus
& E. Weber 1919. M. 4.80

Der Verfaffer, welcher in der Sammelnummer der Süddeutfchen
Monatshefte zur Oftjudentrage (Juli 1915) eine gehaltvolle Arbeit über
die Lage des jüdifchen Proletariats in Rußland geliefert hat, behandelt
hier nach einer kurzen Erörterung der jüdifchen Auswanderung aus
Rumänien, Galizien und Rußland vornehmlich die jüdifche Einwanderung
nach den Vereinigten Staaten in fleißiger ftatiftifcher Durcharbeitung
.

Leipzig. Erich Bifchoff.

Natorp, Paul: Der Idealismus Peltalozzis. Eine Neuunter-
fuchg. der philofoph. Grundlagen feiner Erziehungslehre
. (174 S.) gr. 8°. Leipzig, F. Meiner 1919.

M. 6.50; geb. M. 8.50
Das erfte Kapitel behandelt den idealiftifchen Er-