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Ausgabe:

1920

Spalte:

77-79

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Karl Ludwig

Titel/Untertitel:

Der Rahmen der Geschichte Jesu 1920

Rezensent:

Dibelius, Martin

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vorbereitet: er neigt von Natur zu einer ruhigen, verhältnismäßig
unparteiifchen Unterfuchung der Fragen; daß
er der Wellhaufenfchen Schule angehört, will er nicht
verleugnen. Die Gefahr feiner Darftellung ift, daß er
über die Fülle der Einzelheiten manchmal die Uberficht
über die großen Züge aus den Augen verlieren oder !
jedenfalls dem Lefer nicht erleichtern mag. Und darüber
hinaus mag man zweifeln, ob die Aufgabe, die allen
Nachdruck darauflegt, in die altteftamentliche Forfchung
der Gegenwart einzuführen, richtig formuliert war. Höher
als die Forfchung über einen Gegenftand fteht diefer 1
felber. Vielleicht wäre es richtiger gewefen, das Thema
fo zu faffen, daß das Volk Ifrael dargeftellt werden
foUte in feiner wunderbaren, widerfpruchsvollen Begabung
und Anlage, dies Volk mitten unter den Nationen und
Kulturen flehend, von denen es fich fo stark unter-
fchied, von denen es fo viel lernen und über die es
fich fo hoch erheben follte, dies Ifrael, hineingeriffen
in eine wechfelvolle Gefchichte, der es zuletzt als Staat
erliegen und aus der es doch wieder als Gemeinde er-
ftehen follte, diefe Religion, einzig in ihrer erfchütternden
Wucht und fittlichen Erhabenheit und in manchem noch
jetzt unfer Vorbild, dies Schrifttum, reich an gewaltigen,
entzückenden und jedenfalls einzigartigen Schöpfungen:
dies alles aber, wie es fich in dem Geift eines Forfchers
der Gegenwart widerfpiegelt, der durch das Stahlbad
moderner Kritik hindurchgegangen ift. Ich möchte vermuten
, daß einfolches Bild, mit breitem Pinfel farbenreich
hingemalt, mehr dem entfprechen würde, wonach unfere
Heimgekehrten dürsten. Wenn alfo die Meinholdfche
Darfteilung vielleicht nicht ganz das Bedürfnis erfüllt, zu
deffen Befriedigung fie gefchrieben ift, fo wird doch jedenfalls
der Fachgenoffe und der fchon einigermaßen Eingeweihte
gern ein Buch in die Hand nehmen, das mit
fo viel Sachkenntnis und Befonnenheit verfaßt worden
ift, mag er fich auch fagen, daß das eifrige Beftreben
des Verfaffers, den Dingen Leben und Farbe zu verleihen,
nicht immer vom Erfolge gekrönt worden ift.

Dem Stoff nach gibt der Verfaffer, im ganzen in
gefchichtlicher Reihenfolge, eine (politifche) ,Gefchichte
Ifraels', eine .Altteftamentliche Theologie', d. i. ifraeli-
tifche Religionsgefchichte, fowie eine ,Einleitung'. Nun
hat er zwar mit wünfchenswerter Deutlichkeit erkannt,
daß die bisherigen .Einleitungen' nur eine kritifche Vorarbeit
bieten, und daß das letzte Ziel der pofitive Auf- j
bau einer ifraelitifchen Literaturgefchichte bleibt, j
S. 39. Aber allzuweit ift er doch über diefe grundlegende
Erkenntnis des Zieles nicht herausgekommen. Zwar hat
er fich bei der Behandlung der älteren poetifchen Literatur
und der älteren Erzählungen durch literaturgefchicht-
fiche Gefichtspunkte leiten lafien; Anfätze dazu, aber
auch nur folche, finden fich hier und da auch bei den
Propheten. Faft völlig aber verfagt er in diefer Beziehung
z- B. bei den Pfalmen. Und nicht einmal die bereits
vorhandene Literatur über diefe Dinge gibt er mit einiger
Vollftändigkeit an. Ob er wohl meine .Reden und Auf-
fätze' kennt? Oder die betreffenden Artikel in der .Religion
in Gefchichte und Gegenwart'? Oder Balla, das
Ich der Pfalmen? Baumgartner, Klagegedichte desjere-
mia, hat er angeführt, aber nicht gelefen. So wird dies
Werk, das einen umfaffenden Überblick über die gegenwärtige
Forfchung und ihre weiteren Ziele geben follte,
gerade weil es sorgfältig und gewiffenhaft gearbeitet ift,
den Späteren vielleicht ein merkwürdiges Denkmal dafür
fein, welche Schwierigkeiten die beginnende ifraelitifche
Literaturgefchichte gefunden hat.

Gießen. H. Gunkel.

Schmidt, Privatdoz., Lic. theol. Karl Ludwig: Der Rahmen
der Gefchichte Jefu. Literarkrit. Unterfuchgn. zur älte-
ften Jefusüberlieferg. (XVIII. 322 S.) gr. 8°. Berlin,
Trowitfch & Sohn 1919. M. 16 —

Der Berliner Privatdozent Schmidt, der kürzlich eine
intereffante Studie über die Pfingftgefchichte veröffentlicht
hat, unterfucht in diefem älteren und umfangreicheren
opus die chronologifchen und topographifchen Angaben
der Synoptiker. Es ift bekannt, welche weittragenden
Folgerungen in der älteren und auch in der neueren
Literatur — wenigftens der katholifchen — mit diefen
Notizen, zumal im Hinblick auf das Johannes-fc-vangelium,
verbunden worden find. Die Kritik, die Schmidt an der
Vorausletzung diefer Hypothefen übt, ift einfchneidend
und wird — wenn fie den Erfolg hat, den ich ihr wün-
fche — viele weitläufige Kommentar-Erörterungen in
Zukunft überflüffig machen.

S. geht von der fchon immer einmal ausgefprochenen,
aber immer wieder vergeffenen Erkenntnis aus, die auch
ich meiner .Formgefchichte des Evangeliums' als Voraus-
fetzung aller Iiterarifchen Arbeit an den Evangelien betont
habe: die evangelifche Überlieferung befteht, wenn
wir von den Sprüchen Jefu einmal abfehen, im Grunde
nur aus Einzelgefchichten. Die Bemerkungen chronolo-
logifcher und topographifcher Art, die fie verbinden,
find Rankenwerk, von den Evangeliften oder ihren Vorgängern
um die Erzählungen herumgelegt, für uns meift
intereffant, manchmal wertvoll, immer aber literarifch
fekundär. Damit ift das Urteil über den aus diefen
.Ranken' gebildeten Rahmen gefprochen: ,es geht nicht
an, daß die Vertreter der Mk-Hypothefe den Rahmen
der Gefchichte Jefu bei Mt. und Lk. zertrümmern und
daß die Liebhaber des Lk.-Ev. dasfelbe bei Mk. und Mt.
tun. Der Rahmen muß in allen drei Ev. zertrümmert
werden. Damit erleidet die Mk.-Hypothefe in ihrem wirklichen
Kern (Mk. das ältefte Ev.!) keinen Abbruch. Und
die Vorliebe für Lk., die gerade in dem Rahmenwerk
der Gefchichte Jefu ihre Stütze zu haben glaubt, wird
diefer Stütze rettungslos beraubt' (S. 53 f.). Immer wieder
ergibt fich bei S.s Unterfuchungen das Gefetz, das er
S. 91 — im Hauptfatz nicht eben glücklich — fo formuliert
: ,Das ift das Wefen eines Anekdotenfchatzes'
(foll heißen: es gehört dazu), ,daß er chronologifch und
topographifch nicht ergibig ift'. Wenn fich Zeit- und
Ortsangaben aber innerhalb der Erzählungen finden,
fo verdanken wir ihre Erhaltung dem Zufall der Überlieferung
. Die Evangeliften haben da bisweilen unbefangen
etwas flehen laffen, was ihrem eigenem Aufriß
widerftrebt.

So fetzt S. die Ausfätzigen-Gefchichte Lk. 17 — entgegen der
lukanifchen Angabe 17 11 — in die Gegend von Jerufalem, weil die
mit einem Opfer verbundene Reinfprechung nur dort zu denken ift und
die rafche Rückkehr des einen Geheilten zu Jefus eine lange Reife aus-
fchlicßt (anders Mk 1,40—45). Die Erzählung vom Ahrenraufen muß
in der Erntezeit, alfo nach Odern fpielen; fie beweift, daß die Wirk-
famkeit Jefu mindedens ein knappes Jahr dauert, aber fie beweift
nichts für dieDatieruug der bei Mk. vorausgehenden Gefchichten, denn
Mk. hat auf die in diefer Erzählung verdeckte chronologifche Notiz
offenbar gar nicht geachtet. Von dem aus, was die Einzelgefchichten
fagen, oder nicht fagen, gelangt S. zu einer Kritik an dem Mk.-Rahmen,
der ich grundfätzlich vollkommen zuftimme, die mir aber im einzelnen
zuviel Argumente gegen Mk. aus den Ezählungen herausholt. Gewiß
ift der Aufriß des Wirkens Jefu, nach dem Jefus nur zuletzt in Jerufalem
aultritt, eine Schöpfung des Mk.; aber die Zeugniffe, die ihn
widerlegen follen, find nicht gerade zwingend: die Gefchichten Mk.
n,2ff. 14, t2ff. find ausgefprochenermaßen Legenden; die Worte Mt.
23. 37> '9i44. Mk. 14,49 können auch von einer einmaligen (nur
etwas länger dauernden) Wirkfamkeit Jefu in Jerufalem verftanden werden
; Simon der Ausfätzige und Jofeph von Arimathia können Jefus
anderswo kennen gelernt haben. Gewiß ift auch, daß die Anfetzung
des Auftretens Jefu nach der Gefangennahme des Täufers Mk. 1, 14 vom
Evangeliften stammt, aber die Perikope von der Frage des Täufers an
Jefus Mtt. 11 fpricht für die Richtigkeit diefer Notiz.

Die Arbeit des Verf. verfchafft uns neben der Erledigung
oft verhandelter Probleme — ich verweife be-
fonders auf die Unterfuchung des fälchlich fo genannten
lukanifchen Reifeberichts S. 2466°. — auch allerlei wertvolle
Einzelerkenntniffe: Mt. und Lk. werden oft und
mit Erfolg als ältefte Ausleger des Mk. gewertet, die
Textgefchichte zeigt, wo fchon die Alten Unftimmigkeiten
erkannten, und vor allem tritt das gruppierende, rech-