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Ausgabe:

1920

Spalte:

37-38

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Göransson, N. J.

Titel/Untertitel:

Evangelisk Dogmatik. 2 Delen 1920

Rezensent:

Alin, Folke

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Holzapfel, P. Heribert: Chriftus im Lichte der Vernunft.

Religiös-wiffenfchaftliche Vorträge. (IV, 102 S.) 8°.
München, J. J. Lentner 1919. M. 2.40

Die Münchener Franziskaner hielten 1912—14 in
ihrer Pfarrkirche ,religiös-viffenfchaftliche' Abendvorträge
für Gebildete, die ,aufdem Weg zum Glauben' find. Zwei
diefer Vortragsreihen: .Moniftiiche und chriftliche Welt-
anfchauung' (von Holzapfel und Keicher) und ,Können
wir noch Chriften fein?' (von Holzapfel und Schmoll) find
fchon vor dem Krieg, die vorliegende dritte Reihe ift
erft nach dem Krieg gedruckt worden. Sie will den
Vernunftbeweis für die Glaubwürdigkeit der Perfon Jefu
führen und bemerkt grundfätzlich, daß die Göttlichkeit
Jefu von keiner Wiffenfchaft bewiefen werden könne
(S. 15), fondern eine Sache des Glaubens d. h. des Willens
und der Gnade fei (S. 16). Mit diefem für Proteftanten
felbftverftändlichen Grundfatz tritt H. in Gegenfatz zur
traditionellen kathol. Theologie, wenn nicht zu höheren
Stellen. Fehlt etwa deshalb die kirchliche Druckerlaubnis?
Die Glaubwürdigkeit Jefu fucht H. aus feinen Wundern,
feinem Selbftbewußtfein und feiner Lehre zu beweifen.
Als Quellen dienen ihm die Synoptiker, deren Voruntersuchung
und Verteidigung gegen die ,negative Kritik'
ihm ergibt: fo lebte Jefu Perlon in der Urgemeinde und
den Evangeliften (S. 29). Neues wird nicht geboten,
aber als katholifche Jefus-Apologetik, die die Schwierigkeiten
des Chriftus-Dogmas kennt und redlich zu löfen
fucht, find diefe fympathifchen Vorträge beachtenswert.
Binsdorf (Württbg.) Wilhelm Koch.

Göransfon, Prof. Dr. N.J.: Evangelisk Dogmatik. 2 Delen.

(XIV, 297 u. VII, 297 S.) gr. 8°. Stockholm, P. A.

Norftedt & Söner (1914/16). Je Kr. 7.50;

in 1 Bd. geb. Kr. 16.50
Unter den zahlreichen dogmatifchen Werken, die in
den letzten Jahren in den nordifchen Ländern entftan-
den find, ift N.J. Göransfon's Buch eines der wichtigften.
Es gehört zu der Serie von theologifchen Lehrbüchern
für die Univerfitäten, die eben in unferem Lande ausgegeben
wird. Als Lehrbuch hat diefes Werk vielleicht
feine größte Stärke in den orientierenden Überblicken
aus der Dogmengefchichte, feine Schwäche dagegen in
der nicht immer leichtfaßlichen Darftellungsweife.

Der erfte Hauptteil behandelt das Wefen der Offenbarung
und den für das Gottesreich grundlegenden Inhalt
derfelben. Der zweite Hauptteil fpricht vom Gottesreich
und deffen Gegenfatz (die Sünde, die Schuld und
das Übel), und vom Gottesreich als Gnade. — Die Idee
der Offenbarung ift dem Verfaffer von unvergleichbarem
Gewicht, daher er immer wieder eine wirklich religiöfe,
pneumatifche, geiftige, überweltliche Auffaffung verlangt.
Der Einfatz des göttlichen Faktors ftreitet nicht gegen
das pfychologifche Prinzip, das Perfönlichkeitsprinzip,
fondern es ift gerade die göttliche Objektivität, die uns
zeigt, worauf unfer Innerftes von Gott angelegt ift. Zufolge
feinem Anfchluß an das idealiftifche Syftem von
Boftröm, kommt der Verfaffer zuweilen dazu, das fpezififche
der Offenbarung: die hiftorifche Gabe Gottes, wider feinen
Willen zu fchwächen und die Zufammengehörigkeit der
Religion mit unferem Wefen in folcher Weife hervorzuheben
, daß diefe beinahe mit logifcher Notwendigkeit
daraus deduziert zu werden fcheint. Wohl ift es wahr,
daß fie aus keiner einzelnen Seelenfunktion hergeleitet
wird, weder aus dem Denken noch aus dem Gefühl noch
aus der ethifchen Forderung an und für fich. Aber die
Religion fcheint mit logifcher Notwendigkeit aus dem
Erkennen des menfchlichen Wefens felbft deduziert zu
werden, das hinter diefen Geiftestähigkeiten liegt und
fich in ihnen äußert. Und wird nicht der gefchichtliche
Charakter der Religion gefchwächt, wenn fie zum Teil
unferes Wefens gemacht wird? Der Offenbarungsbegriff
felbft wird aber fo reichhaltig und tiefgehend entwickelt,

daß diefe Partie ficher als das Bedeutendfte des Werkes
bezeichnet werden muß. Die Offenbarung ift Gottes per-
fönliche Kraft, in die religiöfe Erfahrung infpirierter Men-
fchen aufgenommen. Belbnders vom Gefichtspunkt des
Lehrbuchs betrachtet würde es aber nichts gefchadet
haben, wenn der Verfaffer das Verhältnis zwifchen den
Begriffen Offenbarung, Infpiration und Intuition ein wenig
deutlicher angegeben hätte. Den gefchichtlichen Charakter
des Chriftentums will G. jedoch häufig unterftreichen. Gerade
der in tieferem Sinn gefchichtliche Zug wird im Kapitel
von der .Identifikation der Offenbarung mit ihrer
Vermittlung' entwickelt. Der Höhepunkt der Offenbarung
Gottes ift Chriftus, nicht wie ein zufälliges Faktum
verftanden, fondern als ein Moment in der göttlichen
Infpiration, die durch die Gefchichte geht. Als der für
uns gegenwärtige und lebende Herr, durch den auch
Gott felbft bei uns gegenwärtig ift, gehört er mit zum
Evangelium. Er muß in unfer Gottesverhältnis eingehen
und die Vergebung uns vermitteln, was gegen
Harnack und Norftröm befonders hervorgehoben wird.
Was die Religiofität des Letzteren betrifft, wendet G.
ein, daß fie als nur myftifch kraftlos werden müffe, indem
fie das übergefchichtlich Religiöfe, Ewige, Metaphyfifche
von der .gefchichtlich-fozialen Erlöfung' fondere, von der
Norftröm fpricht.

Bezeichnend ift weiter, daß G. die perfönlich-ethifche
Tendenz in feinem ganzen Werke ernftlich durchzuführen
verfucht. Die Vereinigung vom Religiöfen und
Ethifchen tritt in der Lehre vom Verhältnis zwifchen der
Liebe und der Heiligkeit Gottes wie in der Rechtferti-
gungs- und Verföhnungslehre hervor. In der Behandlung
des Schuldbegriffs fcheint G. aber den ethifchen
Gefichtspunkt zu fehr hinter dem religiöfen zurücktreten
zu laffen, wenn er von einer Art Freiheitsentfcheidung
fpricht, ohne daß von irgend einer perfönlich bewußten
Wahl die Rede ift, und wenn er unfere Verantwortlichkeit
vor Gott auf einer folchen Freiheit baut.

. Ein anderes Charakteriftikum diefes Werkes ift,
daß es die Religion in organifchen Zufammenhang mit
dem ganzen Kulturleben fetzen will. Die Dogmatik foll
eine Totalanficht des Lebens, eine religiöfe Weltanfchau-
ung fachen, die für alles wertvolle Theöretifche, Ethifche
und Äfthetifche Platz hat; fie foll mit Anfprüchen auf
Wahrheitsgehalt in ebenfo hohem Grade wie andere
Wiffenfchaften hervortreten. G. ift mit Norftröm darin
einig, daß die Religion die höchfte vollendende und endgültige
Wahrheit gibt.

Die gründliche Schulung des Verfaffers in der Bo-
ftrömfchen Philofophie tritt auch im Darftellen des Gottesbegriffes
hervor. Man denkt daran, z. B. wenn er Per-
fönlichkeit als das Erfte bei Gott fetzt, mit Kritik ge^en
Ritfehl, der die Liebe das Erfte fein läßt und der (dadurch
nach der Meinung des Verfaffers in den Gottesbegriff
einen nur .fachlichen' Inhalt als alleinbeftimmend
einführt. Der Boftrömfche Gedankengang ift wohl hier
die Urfache, daß die Perfönlichkeit höher als die Liebe
gefetzt worden ift. Wenn man aber den Begriff der
Liebe richtig verlieht, ift Perfönlichkeit darin einbegriffen
. Liebe ift nichts nur .Sachliches'. Sie wird fogar
als Ausgangspunkt beffer fein als die Perfönlichkeits-
idee, weil die Liebe direkter die Wefensart Gottes
angibt.

Gottes Reich wird religiös aufgefaßt als Gottes Selbft-
mitteilung. Ritfchls Begriff davon als eine nur ethifche
Vereinigung der Menfchheit genügt dem Verfaffer nicht
als Ausdruck einer vollftändigen Weltanfchauung. Denn
dazu ift es nötig, daß alles in letzter Hand auf göttliche
Kaufalität zurückgeführt wird.

Lund. Folke Alin.