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Ausgabe:

1920

Spalte:

31-32

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oliger, Livarius

Titel/Untertitel:

Petri Iohannis Olivi de renuntiatione papae Coelestini V quaestio et epistola 1920

Rezensent:

Wenck, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 3/4.

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Beide find ,Neubeleber' des religiöfen Lebens, vom reinften
Eifer erfüllt und dem Ideale edelfter Gefinnungsmoral
zuftrebend. Wer den Orient für quietiftifch, das Abendland
für aktiviftifch hält, wird hier dahin berichtigt, daß
Gh. eine aktiviftifche Myftik pflegt, Aug. eine quietiftifche
(der paffiven Selbfthingabe). Dabei darf man jedoch diefe
beiden Lebensformen nicht als fleh ausfchließende Typen
betrachten, fondern muß fie als Phafen der myftifchen
Bewegung anfehen oder fogar Seiten derfelben, die
taufendfache Verbindungen eingehen. Ist doch das Lebensziel
Gh.s (wie auch das jedes aktiviftifchen Mönches) ein
quietiftifches: die Ruhe der Seele in Gott. Die inneren
und äußeren Schicksale1 Gh. find ein typifches Beifpiel
dafür, wie fehr der Zufall Leben und Gefchicke des einzelnen
und dadurch der Völker beftimmt und wie geheimnisvoll
, fpontan und gefetzlos der Menfchengeift
wirken kann. Den philofophifch-konftruierenden Gefchichts-
forfchern, die im Menfchheitsgefchehen überall geradlinige
Entwicklungen oder gefetzmäßige Kurven fehen, fei diefe
Tatfache zum Nachdenken empfohlen. Das Perfönlichkeits-
ideal des Orients zielt auf eine allfeitige Entfaltung der
ganzen Menfchennatur hin und darf daher nicht vom
Standpunkte einer einfeitigen Gefühlsreligion aus betrachtet
werden. Dann wird es uns auch gelingen, die auffällige
Autonomie und Selbftändigkeitsentfaltung orientalifcher
Kulturtypen — jeder Philofoph und Myftiker hat doch
fein eigenes Syftem — gerecht zu würdigen. Die Fülle
diefer Probleme zeigt, wie fehr die vorzügliche Arbeit
F.s berufen ift, weitreichend das Studium des islamifchen
Orients anzuregen.
Bonn. Horten.

I Die pfychoanalytifche Methode darf bei den neurotifchen Symptom-
komplexen Gh.s nicht überfehen werden. — Wie die Anrufungen des
Propheten beweifen, ift Muhammed für den Muslim eine Lebenskraft feines
feelifchen Seins, die als Haupt der myftifchen Gemeinde mit den dies-
feitigen Gläubigen in beftändiger Verbindung fteht, ihnen Gnaden von
Gott vermittelnd und ihnen im Traume erfcheinend.

Sperling, Eva: Studien zur GeTchichte der Kaiferkrönung und
-Weihe. (Diff. Freiburg i. Br.) (63 S.) 8«. (Stuttgart, W. Violet
1919.) M. 1.50

Eine Arbeit, die ohne ftraffen Gedankengang und ohne Sinn für
kritifche Einzelarbeit das große und bis in die neufte Zeit von zahlreichen
Forfchern durchackerte Gebiet der mittelalterlichen Herrfcherweihe
, Throngelübde ufw. darftellen will. Einzelfragen, deren endgültige
Löfung noch ausfteht, wie z. B. die abfchließende Aufklärung
der vorhandenen Krönungs-Ordines finden keine Förderung. Die Ver-
fafferin möchte auf ihrem allzuweit gefpannten Spaziergang durch die
mittelalterliche Gefchichte allerdings auch neue Thefen da und dort
pflücken, z. B. den von Eichmann der Krönung von 816 zugewiefenen
.kurzen' Ordo ins Jahr 800/1 verlegen, die fränkifche Herrfcherweihe
mit der Taufhandlung zufammenbringen u. dgl., alles Hypothefen ohne
wirklichen Wert. Es ift fchade, daß fie ihren Sammeleifer nicht auf
einzelne Fragen konzentriert und diefe dann wirklich gefördert hat.
Der letzte Abfchnitt ihrer Differtation beifpielsweife, der Anteil der
Stadtrömer an der Kaiferkrönung, hätte fich ganz gut zu einer eigenen
Studie erweitern laffen, wie die foeben erfcheinende Schönianfche Arbeit
beweift. Es ift immer bedauerlich, wenn fleißige Doktoranden,
deren Intereffen durch einen bedeutenden Lehrer geweckt find, durch
Überfchätzung ihrer Kraft und TJnterfchätzung des von anderen fchon Ge-
leifteten von nützlicher Detailarbeit auf großzügige Überblicke abgezogen
werden, die von Ferne nach etwas ausfehen, genau betrachtet
aber ihre Leere verraten.

Frankfurt a. M. Fritz Kern.

Öliger, P. Livarius, O. F. M.: Petri lohanms Olivide renun-
tiatione papae Coelestini V quaestio et epistola. Extractum
ex Periodico Archivum Franciscanum historicum Vol. XI.
An. 1918, fasc. III—IV [p. 309—373].
Mit überaus forgfältiger Behandlung und umfallender
Erörterung aller Fragen tvird uns die Schrift des Franziskaners
Olivi über die Abdankung Papft Coeleftins V.
(1294) und desfelben Verfaffers Brief an feinen Ordens-
genoffen Konrad von Offida aus zwei römifchen Handschriften
in vollem Wortlaut mitgeteilt, zum erftenmal
nur die quaestio (p. 340—66), für die wir insbesondere
auf einen Auszug F. X. Seppelts (Studien zum Pontifikat
Papft Coeleftins V. (1911) S. 23—37, vgl. meine Anzeige

in Hift. Ztfchr. Bd. 107, 661) angewiefen waren. Die Einleitung
verbreitet fich auf 30 Seiten über den Namen und
die Schriften Olivis, über deren Beurteilung feitens der
Kirche, des Ordens nnd einzelner Ordensgenoffen, fodann
über Wahl und Abdankung Coeleftins, die Abfaffungszeit
der Quaestio, würdigt endlich ihre und des Briefs, der
fich auch auf die ftrittigen Armutsffageu bezieht, Gedankengänge
. Bei der Bedeutung diefer Schriften für die
Rechtmäßigkeit der Abdankung Coeleftins und des Papft-
tums Bonifaz VIII., weiterhin für die Notftandslehre und
die konziliare Theorie ift O.s Abhandlung fehr willkommen.
Marburg i. H. K. Wenck.

Zwingliana. Mitteilungen zur Gefchichte Zwingiis u. der
Reformation. Hrsg. vom Zwingli-Verein in Zürich.
Jahrg. 1919. Nr. 2. (16 S.) gr. 8°. Zürich, Berichthaus.

M. -75

Hatte 1918 Nr. 2 und 1919 Nr. 1 zufammen 6V2 Bogen
als Gedenknummer auf Neujahr 1919, fo umfaßt 1919
Nr. 2 nur 16 Seiten, aber wir erhalten von K. Gauß eine
anfehauliche Gefchichte der Reformation in den zürcherischen
Dörfern Mafchwanden und Mettmenftetten, die
beide keineswegs der Reformation fehr geneigt waren.
Jeder weiß, wie fchwer es ift, über die Reformation in
Landgemeinden Klarheit zu gewinnen. Wir hören von
heftiger Predigt gegen den neuen Glauben und Ludwig
Hätzers Eingreifen, von Steinen, mit denen Bauernjungen
einen neugläubigen Priefter davonjagten, von dem Prior
zu Cappeln, der Zwingli bat, er follte ihm fein ,Euan-
geli' leihen, und die Antwort erhielt, die Bibel wäre es,
die follte er lefen und daraus predigen. Sehr wertvoll
ift das zuverläffige Verzeichnis der Pfarrer von Zürich
Stadt und Land, von Glarus, Thurgau und Appenzell
etc. bis 1601, das Gauß aufgefunden hat, und das manche
Lücken ergänzt und manches Dunkel erhellt. Von Martin
Seger aus Maienfeld ift jetzt doch wohl ficher geftellt,
daß er nie Pfarrer in Ragaz war. Fraglich ift noch, ob
der Stadtvogt von Maienfeld derfelbe ift wie der Vogt
von Hohentrins. Zu beachten ift die fchöne Zwingli-
medaille von 1919 mit der Infchrift aus Capitos Brief
vom 19. April 1529: Unum habet Turicum Zwinglium
in ihrem Verhältnis zu Hans Aspers Bild und Jakob
Stampfers Medaille von Zwingli. Sehr erfreulich ift der
Bericht über die Vorbereitung von Bullingers Briefwechfel,
der eine ungemeine Bereicherung der Reformationsge-
fchichte zu werden verfpricht.

Stuttgart. G. Boffert.

Beck, k. Oberkonf.-Rat D. Hermann: Die Feier des Reformationsjubiläums
1917 in der proteft. Kirche Bayerns d. d. Rh. Ein

Gedenkbuch. (96 S.) 8». Nürnberg, Buchh. d. Vereins f.

Innere Mifflon 1918. M. 2.20

Wir muffen Beck dankbar fein, daß er noch während des
Krieges Zeit gefunden hat, die Feier des Reformationsjubiläums
in Bayern zufammenfaffend zu befchreiben. War es ihm doch
möglich, manches Material, wie Zeitungen und Flugfchriften, zu
verwerten, die fonft fchon nach kurzer Zeit unauffindbar gewefen
wären. Auch ftand ihm das wichtigfte Material: die Berichte der
einzelnen Pfarrämter famt und fonders zu Gebote. Er teilt feinen
Stoff in 9 Abfchnitte: die Zurüftung zum Fefte, zur Vorfeier, die
Fefttage, die Nachfeier, im Feftfchmuck der Kunft, im Lichte der
Gefchichte, zu bleibendem Gedächtnis, das Schrifttum im Dienfte
des Fettes, der Wiederhall auf der Gegenfeite. Soviel ich fehe,
ift ihm wenig wichtiges entgangen. Es hätte vielleicht bei der
Erwähnung der Reformationsjubiläumsftiftung auch mitgeteilt
werden können, daß in einer Reihe anderer Gemeinden eine
Anzahl ähnlicher Stiftungen mit gleicher Zweckbeftimmung ent-
ftanden ift. Daß Referent über die Verhandlungen vor der Feier
des 300 jährigen Reformationsjubiläums 1817 intereffante Mitteilungen
machte, fei nur kurz angedeutet. Beck hat richtig gefühlt,
daß für eine kritifche Würdigung der ganzen Feier noch nicht
die Zeit gekommen ift, er hat fich infolgedeffen meift des Urteils
enthalten und nur die Tatfachen fprechen laffen. Gerade das
wird aber dem Werk den bleibenden Wert verleihen. Diefe
Aufgabe kann ja auch nur dann gelöft werden, wenn u. a. einmal
die Sitzungsprotokolle der kirchlichen Oberbehörde und des
Kultusminifteriums alles klar erfehen laffen. Vielleicht wäre es
gut gewefen, wenn in den Anmerkungen die einzelnen Orte, auf