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Ausgabe:

1920

Spalte:

8-10

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Metzger, Max Jos.

Titel/Untertitel:

Zwei karolingische Pontifikalien vom Oberrhein 1920

Rezensent:

Rendtorff, Franz

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TheologiSche Literaturzeitung 1920 Nr. 1/2.

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wandelt. So unfolide alfo, wie das Fundament ift auch
der krönende Abfchluß des Buches, deffen anfpruchsvoller
Ton angefichts diefer mangelnden Stichhaltigkeit feiner
Behauptungen noch unerfreulicher wirkt. Als ein fördernder
oder gar abfchließender Beitrag zu der in ihm
behandelten Frage kann er jedenfalls nicht bezeichnet
werden.

Einen fehr viel erfreulicheren Eindruck hinterläßt das
anfehnliche, mit trefflichen Wiedergaben einiger Schriftproben
und Bilder ausgeftattete Buch von Joh. Köck2,
(Prof. an der Univerfität Graz), das als ein wertvoller
Beitrag zur Kenntnis der Entwicklung der Meffe im
deutlchen Mittelalter bezeichnet werden kann. Die weite
Kluft, die in unferer liturgiegefchichtlichen Kenntnis zwischen
dem 9. Jahrhundert und dem Abfchluß der Meßentwicklung
im Miffale Romanum 1570 noch immer klafft,
wird nur in dem Maße ausgefüllt werden, als es gelingt,
die zahlreichen Diözefanagenden, in denen allein die mittelalterliche
Meffe ihre Entwicklung vollzog, der Forfchung
zugänglich zu machen. Am weitgehendften ift das für
das italienifche Gebiet gefchehen, für das Adelbert Ebner
in feinen .Quellen und Forfchungen zu Gefchichte und
Kunftgefchichte des Miflale Romanum im Mittelalter'
(1896) die wichtigften Sakramentar- und Miffalhandfchrif-
ten der Bibliotheken Italiens befchrieben hat. Leider
ift es ihm nicht vergönnt gewefen (f 1898), diefem Iter
Italicum ein Iter Germanicum folgen zu laffen. Brühere
bahnbrechende Arbeiten auf diefem Gebiete, wie vor allem
die Monumenta veteris liturgiae Alemannicae des Fürft-
abts Gerbert von St. Blähen (1777) und deffen vetus
liturgia Alemannica (1777/78) entbehren, Solange die vielverheißenden
Arbeiten Monibergs nicht zum Abfchluß
gelangt find, noch der würdigen Nachfolge. Welche handschriftlichen
Schätze mögen noch ungehoben in deutfchen
und öfterreichifchen Klofter- und Stiftsbibliotheken, in
Landes- und Pfarrarchiven, ja auch auf Kirchenböden und
in Pfarrhauskammern der Entdeckung warten. Einen anschaulichen
Beweis dafür liefert das Buch von Köck.
Nicht weniger als 73 zum großen Teil vollständige Miffal-
handfchriften hat er allein in der Steiermark in den Stiftsbibliotheken
in Admont, Rein und Vorau, der Klofter-
bibliothek der Dominikaner in Graz, den Pfarrarchiven in
Haus und zu Maria am Weizberge, fowie im fürftbifchöf-
lichen Ordinationsarchiv, dem fteiermärkifchen Landesarchiv
und der Universitätsbibliothek zu Graz zusammengebracht
. Im vorliegenden Buch unterfucht er Sie alle
auf ihre Herkunft und ihr Alter — 12 bis 15 Jahrhundert
— auf ihr Verhältnis zu einander und ihre Eigentümlichkeit
und bringt dann die Texte felbft, foweit Sie im einzelnen
Befonderes bieten, nacheinander zum Abdruck.
Leider befchränkt er Sich dabei auf die Wiedergabe der
Vorschriften über die Praeparatio missae, das Staffelgebet,
Kyrie und Gloria, das Offertoriumsgebet, Präfation und
Sanctus, Communion- und Schlußgebete fowie der Texte
für Votiv- und Requiem-Meffen, für die Karwoche, der
Prozeffions- und Benediktionsformulare und befonders
intereffanter Kaienderverfe. Daß die Wiedergabe des
Kanon Missae, der Collecten und Lektionen, die freilich in
manchen Handfchriften nur unvollkommen angegeben
find, unterlaffen ift, bleibt zu bedauern. Befonders die
der Perikopen wäre als wertvoller Beitrag zur Kenntnis
der mittelalterlichen Entwicklung bzw. Verwilderung der
urfprünglichen Lefeordnung fehr willkommen gewefen.
Auch den Schlußabfchnitt über ,einige Eigentümlichkeiten
des Meßritus' hätten wir gern ausführlicher gefehen. Aber
auch fo bleibt das Buch eine wertvolle Gabe. Möchte
fie in anderen gewiß nicht weniger ergiebigen Gebieten
bald Nachfolge finden.

2) Köck, Prof. Dr. Job.: Handschriftliche Miffalien in Steiermark
. Feftfchrift der k. k. Karl-Franzens-Univerfität in Graz f. d.
Studienj. 1915/16. Graz, TJniv.-Buchdr. Styria 1916. (VII, 200 S. m.
Tat'.) gr. 8U. M. 4.30

Auch die fleißige Arbeit von Metzger3, eine aus
Pfeilfchifters kirchenhiftorifchem Seminar erwachfene, von
der theologifchen Fakultät Freiburg gekrönte Preisfchrift,
begrüßen wir als eine dankenswerte Gabe. Die Vor-
gefchichte des römifchen Pontifikale liegt noch fehr im
Dunkeln, da nicht nur eine zufammenfaffende kritifche
Ausgabe der Ordines-Handfchriften noch fehlt — ,fie gehört
zu den dringendsten Bedürfniffen der liturgifchen
Forfchung' — fondern für weite Gebite die Handfchriften
felbft noch der Veröffentlichung harren. Metzger hat nun
zwei der älteften Pontifikalien, nämlich das um die Mitte
des 9. Jahrhunderts wahrfcheinlich für den Bifchof von
Bafel und das gegen Ende des 9. Jahrhunderts wahrfcheinlich
in St. Gallen für die Bifchofskirche in Konftanz geschriebene
, herausgegeben, und die Ausgabe mit Untersuchungen
über Alter und Heimat der Handfchriften wie
über Urfprung und Entwicklung der in ihnen beschriebenen
Riten und deren Verhältnis zu den bekannten
Ordines begleitet. Der Textausgabe liegt die erstgenannte
Handfchrift (Cod. 363 der Freiburger Universitätsbibliothek,
mit F bezeichnet) zu Grunde, der die Varianten der
zweiten, zeitlich und örtlich ihr naheftehenden Handfchrift
(Cod. 192 der Donauefchinger fürftl.-fürftenbergi-
fchen Bibliothek, mit D bezeichnet) beigefügt find. Da
beide Handfchriften als von Compilatoren freihändig
hergestellte Sammlungen in der Auswahl des Stoffes auch
willkürlich verfuhren, mußten aus D die Formulare, zu
denen in F keine Parallelen fleh finden, fo befonders der
ordo baptismi mit den Skrutinien, befonders abgedruckt
werden. Ein Verzeichnis der Gebetsanfänge, fowie Sorgfältige
Perfonen-, Orts- und Sachregister erhöhen den Gebrauchswert
des Buches, das in die Entstehungsgeschichte
der Pontifikalbücher lehrreiche Einblicke eröffnet.

An diefer Stelle fei auf das Pontifikale hingewiefen, das bei der
Weihe des erften Erzbifchof's von TJpfala durch den Erzbifchof von
Lund Eskil in der Kathedrale von Sens (Frankreich) 1164 benutzt
wurde und fich gegenwärtig in der Königl. Bibliothek in Stockholm
befindet, vgl. N. Söderblom, Ärkebifkop Stefans Invigning i Katedralen
i Sens är 1164. Uppfala und Stockholm 1914.

Ein fchwieriges liturgiegefchichtliches Problem, das
feit alten Tagen die Forfchung befchäftigt, behandelt das
Buch von Fifcher4, der fleh befonders mit den Unter-
fuchungen Morins (L'origine des quatre temps. Revue
benedictine 1897) auseinanderfetzt, aber auch alle früheren
Forfchungen (Bellarmin, Binterim, Duchesne, Probft u.
a.) eingehend berücksichtigt. Sein Ergebnis ift, daß die
Quatember urfprünglich Faftentage waren, die mit Ausnahme
des auf das jüdifche Faften des Verföhnungstages
zurückgehende Herbftquatembers in Rom zur Zeit des
Calliftus aufgekommen find. Die Sitte, an diefen Tagen
befondere Naturalgaben für die Armen zu Spenden, hat
Später ihre Ausgestaltung zu Erntedankfeiern veranlaßt,
woraus fich die merkwürdige Mifchung von Freude- und
Bußftimmung in ihrer Liturgie erklärt. Die Sitte endlich,
die Vigiliengottesdienfte der Quatemberfonnabende zur
Vornahme von Ordinationen zu verwenden, die Gelafius
feftlegte, gab ihnen das Gepräge ordentlicher Weihetage.
Lehrreiche Erörterungen über die Weiterentwicklung der
Quatember, die trotz Luthers Proteft — ,das Verständnis
für die hiftorifche Entwicklung der Quatember fehlte
Luther und mußte ihm fehlen; das 16. Jahrhundert war
nicht das Jahrhundert der Gefchichte' — bis in die Bestimmungen
der proteftantifchen Kirchenordnungen und
die proteftantifchen Büß- und Bettage nachwirkten und

3) Metzger, D. Max Jof.: Zwei karolingifche Pontifikalien vom
Oberrhein. Hrsg. u. auf ihre Stelig. in der liturg. Literatur unterfucht.
Mit gefchichtl. Studien üb. die Entftehg. der Pontifikalien, über die
Riten der Ordinationen, der Dedicatio ecclesiae u. des Ordo baptisme.
Von der theolog. Fakultät in Freiburg im Breisgau gekrönte Preisfchrift.
(Freiburger theol. Studien, 17. Heft.) Freiburg i. B., Herder 1914.
(XV, 190 u. 115 S.) gr. 8». M. 6 —

4) Fifcher, Ludw.: Die kirchlichen Quatember. Ihre Entftehg.,
Entwickig. u. Bedeutg in liturg., rechtl. u. kulturhiftor. Plinficht. (Veröffentlichungen
a. d. kirchenhiilor. Seminar München. IV. Reihe, Nr, 3.)
München, J. J. Lentner 1914. (XII, 278 S.) 8°. M, 6.20