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Ausgabe:

1920 Nr. 2

Spalte:

253-255

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Westman, Knut B.

Titel/Untertitel:

Reformationens genombrottlår i Sverige 1920

Rezensent:

Scheel, Otto

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253

Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 21/22.

254

Teil mit Wesels Theologie ein und gruppiert hier fo: I
Grundgedanken über Gott, Menfch, Sünde, Offenbarung j
und Perfon Chrifti, Lehre von der Rechtfertigung, Kirche
und Papfttum, Sakramente, Ablaß und Fegfeuer, Marienver-
ehrung — d. h. wie van Veen auch. Aus der Anthropologie
feien die wertvollen Nachrichten über W.s Pfychologie
mit dem Zentrum des Ich herausgehoben. (S. 168ff.)
Im Übrigen handelt es fich um eine Erweiterung und
Vertiefung, vorab durch zahlreiche Zitate aus W.s Schriften,
der fchon von van Veen richtig herausgeftellten Gedanken
. Die dogmen-hiftorifche Wertung — von ihr handelt
der dritte Teil — lehnt den ,Vorreformator' mit
beften Gründen ab, gerade auf Grund der Verfchieden-
heit der Heilslehre, betont (wie fchon van Veen) den
Marken Einfluß Auguftins auf ihn, zeigt feine Wirkung
bis herunter auf Cornelius Hoen und Zwingli, um ihm
fo einen bedeutfamen Platz in der vorreformatorifchen-
mittelalterlichen Geifteswelt anzuweifen. Aus den Beilagen
feien noch erwähnt die Unterfuchungen über die
Quellen, insbefondere über Hardenberg, über die Porträts
von ihm (fehr dankenswert!) über die Ausgaben feiner
Werke; hier ift inzwifchen eine englifche Ausgabe hinzugekommen
.

Unter den Gegnern Weffels befand fleh auch der
Dominikaner Antonius de Caftro. Sein Impugnatorium
contra epistolam M. Weffeli Groningensis de indulgentiis
gibt van Rhijn neu heraus. Es ift erwähnt bei M. Chemnitz
im Examen concilii Tridentini. Inhaltlich wird
Wessels Ablaßlehre eine gut curialiftifche, aus der aber
nicht allzuviel Neues zu lernen ift, gegenübergeftellt. Der
ältefte Herausgeber des feltenen Schriftchens hat biffige
antipäpftliche Gloffen an den Rand gefetzt.

Zürich. W. Köhler.

Weltman, Knut B.: Reformationens genombrottlär i Sverige.

(XV, 462 S.) gr. 8«. Stockholm, Svenlka Kyrkans
Diakoniftyrelfes Bokförlag (1919). Kr. 12 —

Im Zufammenhang mit dem Reformationsjubiläum
find auch die fkandinavifchen Länder mit wertvollen
Gaben an die Öffentlichkeit getreten. Sie find uns deutfehen
Proteftanten um fo wertvoller, als fie unberührt von der
wie eine Pfychofe uns anmutenden Verblendung im
angelfächfifchen und romanifchen Proteftantismus der
Wittenberger Reformation auch in weltgefchichtlicher Beziehung
geben, was ihr gebürt; zugleich aber auch uns
deutfehen Forfehern dankenswerte Auffchlüffe über die
Kirchengefchichte des fkandinavifchen Nordens in der
erften Hälfte des 16. Jhd.s bringen. Vor einiger Zeit
konnte hier auf die ausgezeichnete Arbeit des Dänen
Anderten über die kirchliche Entwicklung in Dänemark
unter Chriftian II. hingewiefen werden. Wir durften hoffen,
daß Hjalmar Holmquift, der da weiß, was in Luther
,ein Deutfcher der Welt gefchenkt hat', die fchwedifche
Reformationsgefchichte in ihren großen europäischen Zu-
fammenhängen uns fchildern würde. Seine Abficht fcheint
bis heute nicht verwirklicht worden zu fein. In Weftmans
Arbeit liegt nun wenigftens eine Schilderung der Anfänge
der Entwicklung vor. Dem Verfaffer dürfen wir für feine
Darfteilung zu Dank verpflichtet fein. Sie ift lebhaft
und anfehaulich gehalten, aus den Quellen herausgearbeitet
, geht forgfam den Einzelheiten nach, felbft wenn fie
nur Epifoden find, vergißt aber darüber nicht die großen
Zufammenhänge und hält die Fäden feft in der Hand.
Die führenden Geftalten und treibenden Kräfte und Ideen
gehen nicht unter in der Fülle der Begebenheiten, fondern
heben fich deutlich heraus und feffeln mit der fortschreitenden
Darstellung die Aufmerkfamkeit immer stärker. Die
Eigenart diefer ,Durchbruchsjahre' der Reformation läßt
fchon Ausblicke auf die befondere Stellung Schwedens
in der europäischen Reformationsgefchichte zu. Holmquift
hat mit Recht fich gegen das Verfahren gewendet, die
fchwedifche Reformation als Appendix der deutfehen
Reformationsgefchichte in einem Nebenparagraphen zu

behandeln. Ihre Eigentümlichkeiten und ihre Bedeutung
nicht nur für den fkandinavifchen Norden, fondern für
die europäifche und damit für die weltgeschichtliche Bewegung
gebieten, ihr eine felbfitändige Stellung zu geben,
wie fie, wenn auch naturgemäß in ganz anderen Ausmaßen
und mit viel größerem inneren Reichtum, die englifche
Reformation befitzt. Man darf aber doch, ohne ernftlich
befürchten zu müffen, einer fkandinavifchen Befangenheit
geziehen zu werden, auf diefe Analogie aufmerkfam machen.
Vielleicht haben die wiffenfehaftlichen Gaben des fkandinavifchen
Reformationsjubiläums doch den Erfolg, daß
die deutfehen kirchengefchichtlichen Darftellungen Schwedens
Sonderstellung und Selbständigkeit grundfätzlicher
und anfehaulicher fchildern, als bisher im großen und
ganzen der Fall war. Es zeugt von dem historischen Sinn
Weftmans, daß er, obwohl er bloß den erften Akt der
fchwedifchen Entwicklung bis zum Reichstag von Vefteräs
behandelt, doch die größeren Zufammenhänge und den
besonderen Charakter der fchwedifchen Reformation erkennen
läßt.

Weftman beginnt mit einer kurzen Skizze der allgemeinkirchlichen
Vorausfetzungen und einer Schilderung
der fchwedifchen Kirche gegen Ende des Mittelalters.
Den Hauptteil bildet die Darstellung der ,Durchbruchs-
jahre, 1521 bis 1527, die in drei Abfchnitte zerlegt wird:
,die erften Anfänge' 1521 bis 1525, ,Auf dem Wege weiter
vorwärts' 1525 bis 1527, und ,Der Reichstag von Vefteräs'.
,Wenn auch die Umwandlung der Kirche vom mittelalterlichen
Gesichtspunkt aus betrachtet groß war, fo doch
vom reformatorifchen Gefichtspunkt aus verhältnismäßig
geringfügig. (Der Kultus wurde nicht reformiert, man
rührte weder an die Meffe noch an das Offizium, man
führte nur ,evangelifche' Predigt neben der Meffe ein,
auch die Privatmeffen blieben bestehen, der Meßklerus,
die Klöster und der Cölibat wurden nicht verdrängt)
Brask's Lebensziel war vernichtet: die ,Freiheit der Kirche'
war gestürzt; die Türen waren der Ketzerei geöffnet. Aber
verglichen z.B. mit der reformatorifchen Kirchenordnung,
von der man am ehesten annehmen kann, daß fie damals
in Schweden bekannt war, der preußifchen von 1525,
waren die Reformen klein. Der Kirche eignete nach dem
Befchluß von Vefteräs eine eigentümliche Stilmifchung
von Altem und Neuem, ein Proviforium, in dem der Same
für viele Probleme lag, die bald genug aufstiegen und
Löfung verlangten.' ,Auf jeden Fall war die fchwedifche
Kirche in einen neuen Kurs hineingefteuert. Die mächtigen
Kräfte der nationalen Wiedergeburt hatten in einigen
wenigen, bis an den Rand inhaltsvollen Jahren die Grund-
fätze der neuen religiöfen Verkündigung auf den Hochfitz
in der Kirche geführt. Aber diefe Grundfätze herrfchten
mit Überzeugung und mit der Macht des Lebens zunächst
nur in wenigen, ganz wenigen Herzen. Es galt nun, fie
weiter hinauszuführen in ein von ihnen noch fast ganz
unberührtes Volk. Der Durchbruch war erfolgt; die
Durchführung konnte beginnen'.

Dies Zitat foll keine Inhaltsangabe erfetzen. Es will
nur zur Befchäftigung mit dem Werk aufmuntern. So
wenig hier eine ausführliche Inhaltsangabe möglich ift,
fo wenig kritifche Stellungnahme zu Einzelheiten. Was
z. B. über Chriftians II. Kirchenpolitik gefagt ift, dürfte
wohl nicht ganz zutreffend fein. An eine Loslöfung von
Rom und Errichtung einer dänifchen katholifchen Nationalkirche
, wie fie fpäter Heinrich VIII. von England fchuf,
hat Chriftian II. fchwerlich gedacht. Wenn Anderfens
Darstellung dem Verfaffer vor der Drucklegung feines
1 Werkes bekannt geworden wäre, hätte er vermutlich fich
vorfichtiger geäußert. Nur ein Urteil möchte ich hier
I beanstanden, da es öfters wiederkehrt und geeignet ift,
I falfche Vorftellungen zu verbreiten oder zu unterstützen.
I Es begegnet zum erften Mal in der Charakteristik der
heiligen Birgitta, fpäter in der Zeichnung Olaus Petri und
Peter Galles. Weftman findet in Birgittas perfönlicher
Frömmigkeit einen Zug evangelifchen Christentums. ,Der-