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Ausgabe:

1920 Nr. 2

Spalte:

250

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gutberlet, Konstantin

Titel/Untertitel:

Die Meßfeier der griechisch-katholischen Kirche 1920

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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249

Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 21/22.

250

dem von ihm gefchilderten Entwicklungsprozeß zwei
Hauptabfchnitte: 1) die Periode der (römifchen) Katakombenmalereien
; 2) die Periode der Sarkophage und
Mofaiken. In der erften Periode fleht der Bilderkreis
unter dem Gefetz der Symbolik oder Typologie; die Bilder j
gruppieren fich in ihr dem Verfaffer in drei Klaffen:
die der Auferftehung, die von der Überwindung des
Todes predigen (Noali, Ifaaks Opferung, Daniel, Lazarus
usw.); die der Sündenvergebung, die hineinführen in die
Kämpfe im Schoß der römiichen Gemeinde des 3. Jahrhunderts
um die Bußdisziplin (Guter Hirt, nach Lc. 15:
,ein Denkmal diefer Zeiten', gewiffermaßen das Symbol
der milderen Partei, der Partei der Gefallenen; Sündenfall
; Verleugnung Petri); die des Abendmahls, die an
Familienmahle anfchließen (Quellwunder; Mannawunder,
Hochzeit zu Kana, Speifung der 5000). Dazu tritt in der
fpäteren Zeit der Katakomben das Bild des Weltgerichts,
genauer des Totengerichts. Die zweite Periode ift gekennzeichnet
durch ein fie beherrfchendes doppeltes Entwick-
lungsgefetz: 1) die Hiftorifierung (und Komplettierung),
2) die Allegorifierung (Tierfymbolik; Namenszug Chrifti
oder Kreuz an Stelle des Erlöfers u. a.) Die Grenzfeheide
feiner beiden Perioden fiehtAchelis in der Zeit Konftantins; 1
ganz wie in der Kirchengefchichte gliedert fich ihm dem- j
gemäß die Entwicklung der altchriftlichen Kunft und |
Ikonographie in eine vorkonftantinifche und eine nach-
konftantinifche Periode.

Allein in diefer Periodiefierung ift der Kirchenhifto-
riker mit dem Archäologen durchgegangen. Denn die
hier in erfter Linie zuftändige archäologifche Betrachtung
des Verlaufs der altchriftlichen Kunft lehrt fowohl für
den altchriftlichen Bilderkreis wie für die altchriftliche
Kunft überhaupt, daß die Grenze und Wende zwifchen
den beiden Perioden, die in der Tat zu unterfcheiden
find und deutlichft gegeneinander fich abheben, nicht dort
liegt, wo die Kirchengefchichte fie zu fetzen hat, bei
Konftantin dem Gr., fondern vielmehr im Gefolge der
Regierungszeit Theodosius des Gr., alfo zwei bis drei
Menfchenalter nach Konftantin und feiner weltgefchicht-
lichen Anerkennung des Chriftentums, d. i. am Ausgange
des 4. Jahrhunderts. Vielleicht rächt es fich gerade
in diefem Kapitalpunkte befonders, daß Achelis unter alt-
chriftlicher Kunft nur die altchriftliche Ikonographie verlieht
und ihrer formalen Entwicklung, alfo der eigentlich
kunftgefchichtlichen Seite an ihr keinerlei Aufmerkfamkeit
fchenkt; denn der formale Wandel geht dem inhaltlichen,
diefer jenem parallel, und in beiderlei Hinficht zeigt die
altchriftliche Kunft nicht unter Konftantin, wohl aber faft
wie auf Beftellung mit dem Übergang vom 4. zum 5. Jahrhundert
ein völlig verändertes, ein neues Geficht. Daß
diefer Wandel auf einer tiefen Umftellung der formalen
und pfychifchen Gefinnung beruht, kann hier nur angedeutet
werden. In einer längft vorbereiteten Studie über
die Grenze und die Epochen der altchriftlichen Kunft
gedenke ich diele Erkenntniffe, fobald die Zeitverhältniffe
ihre Veröffentlichung ermöglichen, ausführlich darzulegen
und zu begründen. Doch möchte ich nicht unterlaffen
darauf hinzuweifen, daß die Erkennung des wirklichen
Ganges der altchriftlichen Kunftgefchichte auch jene er-
ftaunliche und unnatürliche Verbindung der frühchriftlichen
Sarkophagreliefs mit den altchriftlichen Mofaiken rückgängig
macht und erftere an die Seite der Katakomben-
frefken zurückbringt, mit denen fie innig und unlöslich
zufammengehören.

Noch in einem zweiten, wenn auch mehr untergeordneten wefent-
lichen Stück hat fich der VerfalTer von feinem kirchenhiftorifchen
Wilfen, wie ich glaube, zu Unrecht maßgebend beeinfluflen lauen, fofern
er die Bildung der zweiten unter feinen drei Gruppen des alterten Szenen-
kreifes herleitet aus dem Streit innerhalb der römifchen Gemeinde im
3. Jh. um die Bußdisziplin. Die Erinnerung an diele gefchichtlichen
Vorgänge ift zwar intereflant, die Deutung aber der einfchlägigen Bilder
als Reflex jener Kämpfe unhaltbar. Man wird, von Petri Verleugnung
wohl abgefehen, auch die Bilder diefer Gruppe nicht anders zu erklären
haben denn als Typen jener im Glauben an die Wunderkraft Gottes
bzw. des Heilandes wurzelnden Auferftehungsgewißheit, die das Leitmotiv
für die Auswahl auch der übrigen frühchriftlichen Bildmotive
gewefen ift. Das, übrigens fchon vor dem 3. Jh. und auch außerhalb
Roms — ob Achelis ohnehin nicht allzu ftark nur mit dem römifchen
Material denkt? —, verwendete Symbol des Guten Hirten fpricht hier
für fich felbft; für die Darfteilung der Protoplaften verweife ich auf die
vorzüglichen Unterfuchungen von L. Troje, AJAM und Z£2H, 1916
fS. 64), die dem Verfaffer entgangen find.

Zu den Rettungstypen im echtesten Sinne des Wortes gehört endlich
auch das Bild, das Achelis (mit Victor Schultze u. a.) als Dar-
ftellung eines Schiffbruches erwähnt (S. 9) und das ihm als folches ein
befonderes, glücklich verlaufenes Ereignis des Befitzers der Grabkammer
bedeutet: es ftellt in Wahrheit, wie immer wieder gefagt werden muß
eine frühe Faffung der Jonasfzene dar.

Auf weitere Einzelheiten, wie etwa die von der Entftehun" des
Chriftustypus (S. 18), vermag ich hier nicht einzugehen; ebenfowenig
auf folche zur Sache gehörige Probleme, die, wie das von dem Quellgebiet
des frühchriftlichen Bilderzyklus, nicht einmal geftreift find.

Um fo mehr liegt mir an, es noch einmal auszu-
fprechen, daß die altchriftliche Ikonographie, die zugleich
ein hervorragendes Interefle der altchriftlichen Religions-
gefchichte vertritt, dem Verfaffer für feine gediegene,
auf gründlicher Durcharbeitung und Beherrfchung des
umfangreichen Stoffes beruhende Veröffentlichung allen
Grund hat dankbar zu fein.

Berlin. Georg Stuhlfauth.

Gutberiet, Domkapit, päpftl. Hausprälat Prof. Dr. Konftantin
: Die Meßfeier der griechifch-katholifchen Kirche.

(VII, 181 S.) 160. Regensburg, Verlagsanftalt vorm.
G. J. Manz 1920. M. 3—

Eine deutfehe Überfetzung des Textes der drei Liturgien
der orthodoxen Kirche des Oftens nach der offiziellen
römifchen Ausgabe des Großen Gebetbuches (Eu-
chologion to mega) 1879'. Ich weiß nicht recht, was
für Lefer feines Büchleins (es hat Tafchenformat) Gutberiet
im Sinne hat. Die Einleitung ift ganz dürftig. Sie zeigt
wefentlich nur Intereffe dafür, die Befonderheiten der römifchen
Meßfeier zu rechtfertigen, und vergißt darüber
diejenigen der ,griechifch-katholifchen' erft zu fchildern.
Hätte ich nicht wiederholt orientalifchen Feiern der Liturgie
beigewohnt, alfo gefehen, wie es dabei hergeht,
hätte ich nicht eine Anfchauung von dem typifchen
Bau einer orientalifchen Kirche, dem Auftreten, des Priefters
ufw., läge mir nicht die Münk (Chorgefänge) bei der Liturgie
im Ohr, könnte ich mir die Gemeinde und ihr Ge-
bahren nicht vorftellen, fo wüßte ich wenig mit G.'s Büchlein
anzufangen. Auch mir ift's ja letztlich bequemer das,
was das Euchologium bietet, deutfeh ftatt griechifch zu
lefen. Aber das Euchologium bietet fehr vieles nicht, was
man wiffen muß, um es feinem Inhalte nach fachlich zu
verliehen, in der Phantafle die euchariftifche Feier fich
danach vorführen zu können. Gewiß, Gutberiet gibt auch
eine Überfetzung der .Ordnung der göttlichen und heiligen
Liturgie', die den Gebeten ufw. vorangeht, welche
den Namen des Johannes Chryfoftomus bezw. Bafilius des
Großen tragen. (Die dritte Liturgie ift dann noch die der
fog. Präfanktifikaten; die auf Gregor d. Gr. ,Dialogos' zurückgeführt
wird), aber fie mit Nutzen zu lefen,&bedarf
man eben auch erft gründlicher Anleitung. Kurzum, ich
weiß an G.'s Büchlein eigentlich nichts zu loben, als'daß
es gut lesbar ift; das ift ja auch etwas.

HaIle- F. Kattenbufch.

Schubert, Geh. Kirchenrat, Prof. D. Dr. Hans von:
Grundzüge der Kirchengefchichte. Ein Überblick. 6. ver-
beff. Aufl. (XI, 344 S.) 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr
I9I9- M. 6.75; geb. M. 9—

Das fchöne Buch, das zu loben ich als unbefcheiden
empfinden würde, ift wiederholt in diefer Zeitung gewürdigt
, zuletzt 1915, 284 in feiner 5. Auflage. Die vorliegende
6. Auflage ift um ein kurzes Kapitel ,Nach der
Entfcheidung' vermehrt. Der Verf. verfucht aus der eben
hinter ihm liegenden Weltkriegskataftrophe (Vorwort
vom 1. I. 19) die Summe zu ziehen. Wir lefen mit
Aufmerkfamkeit, was er über die Ausfichten des Pro-
teftantismus und der chriftlichen Miffion fagt, mit Dank