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Ausgabe:

1920 Nr. 1

Spalte:

234-235

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haering, Theodor L.

Titel/Untertitel:

Die Materialisierung des Geistes 1920

Rezensent:

Scholz, Heinrich

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233 Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 19/20.

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fchaft — Sittliches Mandeln — Die Welt der Kunft —j lichung erfahren habe, von neuem feine weltüberle°-ene
Religion — Erziehung, Rechts- und Gefchichtsphilofo- 1 Kraft beweife.

phie — Kant als Politiker — Völker- und Menlchen- i Bafel. Johannes Wendland,

künde — Zur Seelen- und Menfchenkenntnis. Anordnung ______________________________

und Auswahl können nur als meifterhaft bezeichnet
werden; auch die kurzen Überfchriften zu jedem Stück ! """"gl t?t Mater.alifierung des

find gut gewählt. Es gibt zur Zeit kaum eine beffere ! pedtes Ein Be.tiag zur■ Knük des Geiftes der Zeit,
erfte Einführung in Kants Gedankenwelt! Manches Vor- (X' 341 b0 8* 8" Tubl"gen, J. C. B. Mohr 1919.
urteil wird durch die einfache Anführung der Stellen „ - „, . . M-

über den Haufen geworfen. Das Buch ift vom Verlage i „D'efes ,}Ver£c1?er. VoIl™{% e!ner »«»lofophie des
in gewohnter Weife gefchmackvoll ausgeftattet. > Vergehens,' enthat eine toarfmmge und eindringende

Berlin Artur Buchenau. pibk des Materialismus. Unter Materialismus verfteht

der Verf. die Leugnung der Autonomie des Geiftes und der

Hirfoh, Priv.-Doz. Lic. theo!. Emanuel: Chriftentum und §W^ Je"es iüdas Mf^f dei; theoretifchen,
Gerchiehte in Fichtes Philofophie. (VII, 70 S.) gr. 8». ! diefes das Kennzeichen des praktifchen Materialismus.

Tübingen J C B Mohr 1920. M. 6_ Der theoretilche Materialismus exiitiert in zwei Haupt-

Der Verf. Ychüdert im Rahmen der philofophifchen < formen; in einer groben: als Lehre von der Materialität
Gefamtentwicklung wie in feinem früheren Buche die Reli- , des Geiftes, und in einer feinen: als Lehre von der ein-
gionsphilofophie fo jetzt die Gefchichtsphilofophie Fichtes : felt'gen materiellen yphyfiologifchen) Bedingtheit des
und die Stellung des Chriftentums innerhalb derfelben. Geiftes. Der methodifche Materialismus ift, weil er nur
Er zeigt vollkommene Ueherrfchung des Stoffes und Selb- ! em 1** ob'i eine Methode ift, mit Recht aus diefer Kritik
Bündigkeit des Urteils, dringt in den Geift des Philofophen : des weltanfchauhchen Materialismus ausgefchieden.
ein und weil,! manche Unebenheiten und Brüche in feinen Der radikale Materialismus wird durch eine eindring-

Gedankengängen mit vorfichtiger, fetter Hand bloßzu- ' ende Darlegung der völligen Wefensverfchiedenheit von
legen. Die Darfteilung ift faft allzuknapp und mutet dem Geift und Materie entwurzelt. Diefe aufweisbare und jeden
Lefer trotz bemerkenswerter Klarheit und Sicherheit 1 Verdunkelungsverfuch uberftrahlende Wefensverfchieden-
einiges zu. Da der leitende Gefichtspunkt die Würdigung j heit macht eine finnhafte Einordnung des Geiftes in den
desChriftentumsinnerhalbderFichte'fchenGefchichtsphilo- : Begriff der Materie unmöglich, da die Grundvorausfetzung
fophieift, hätten m.E. manche abftrakten Gedankenreihen, [ einer folchen einMindeftmaß gemeinfamer lugenfchaften ift.
bef. aufS. 19 ff, wegfallen und das entfcheidend Wichtige | Dem phyfiologifchen Materialismus wird auf Grund
breiter ausgeführt werden können, wenigftens wenn der I einer forgfältigen Prüfung des Tatbeftandes das Urteil
Verf. feine Lefer nicht nur in dem Kreis der Fichte-Kenner entgegengefetzt, daß die Abhängigkeit des Geiftes von
fachte. Er behandelt zunächft die Zeit der werdenden ; der Materie nach Umfang und Art ,weit hinter der von
Wiffenfchaftslehre und zeigt, wie nach Fichte unter dem j der herrfchenden Meinung angenommenen zurückbleibt'.
Gefichtspunkt der Perfektibilität fich die im Grunde ftets i Zwar ift der Zufammenhang von ,Gehirn und Seele' über
leiche Moral und Vernunftreligion aus finnlichen Denk- j jeden Zweifel gewiß. Aber erftens ift die phyfiologifch

formen und anfehaulich fymbolhafter Prägung zu begriff- i bedingte Seele (die .pfychifche Materie,' der Inbegriff aller
lieber Reinheit erhebt; darauf der tieferen und reicheren ; Sinnesinhalte) bei weitem noch nicht der Geift im charak-
Gedankenwelt der vollendeten Wiffenfchaftslehre fich zu- i teriftifchen Vollfinne des Wortes, obfehon fie empirifch
wendend, die die Entwicklung nicht fo fehr als automa- durchaus aufs engfte mit ihm verwoben ift. Das fchöne
tifchen Fortfehritt wie als Fortfchöpfung in immer neuen ! Wort,Geift'follte vielmehr denjenigen Akten (des Denkens,
Anfätzen der geftaltenden Vernunft faßt, bringt er zur j Wollens und Fühlens) vorbehalten bleiben, die fchon des-
Darftellung, wie Fichte nunmehr die epochemachende halb einen eigenen Tatbeftand bilden, weil fie fich nicht
gefchichtliche Bedeutung des Chriftentums und der Perfon J auf irgend welche beftimmte phyfiologifche Correlate
feines Stifters an der Wende der Zeiten, beim Übergang ; zurückbeziehen laffen. (Es wird hier alfo gewiffermaßen
vom erften zum zweiten Plchte'fchen Zeitalter, zu würdigen i die alte Unterfcheidung von ,Seele' und Geift', von ,ge-
verfteht, ohne fich freilich auch jetzt dem Banne der bundenem' und .freiem' Bewußtfeinsgehalt, fcharffinnig
Vernunftreligion und der Geringfchätzung des bloß Tat- erneuert). Zweitens ift neben der Abhängigkeit der ,Seele'
fächlichen ganz zu entziehen. ! vom .Leibe' eine umgekehrte Abhängigkeit der .Materie'

Iburm W. Thimme. j vom .Geifte' zu bemerken, die die materialiftifche Lehre

1 eines einfeitigen Funktionszufammenhanges durch das Ge-

Bornhaufen, Prof. D. Karl: Proteftantismus als Tatglaube, wicht ihrer Bedeutfamkeit einfach umftößt.

Vortrag in der Univerfität Kriftiania am 24. Sept. 1919 | Bei diefem dualiftifchen Ergebnis foll man als Ana-
u. in der St. Petri Kirche in Kopenhagen am 6. Okt. lytiker ftehen bleiben und es nicht durch eine moniftifche

1919. (16 S.) 8°. Marburg i. H., Verlag der Chriftl
Welt (1920). M. —.5.5

Ergreifend wirkt das perfönliche Bekenntnis von B

Metaphyfik, weder materialiftifchen, noch fpiritualiftifchen,
noch identitätsphilofophifchen Charakters verdunkeln. Die
Überwindung des Gegenfatzes von Materie und Geift ift

wie er felbft den Krieg erlebt hat: nicht als heiligen j nicht von der Spekulation, fondern lediglich von der cha

Krieg; vielmehr in der graufigen Not des Mordens und
Gemordetwerdens öffnete die heiße Sehnfucht nach
Wahrheit und Befreiung vom Elend die Herzen; vor

raktervollen Tat zu erwarten, die die Materie in den
Dienft des Geiftigen ftellt.

Die Kritik des pr aktif ch e n Materialismus (der Höher-

dem Tode fielen die Schranken der Bildung, und die | wertung des Materiellen) geht von der weltanfchaulich
Seelen öffneten fich einander in der Vereinfamung, die | bedeutfamen Feftftellung aus, daß letzte Werthaltungen
viele in den eng zufammengedrängten Mafien befiel. Der ; überhaupt nicht bewiefen, fondern immer nur auf Grund
Glaube, in Gottes Hand zu fein, fei es im Leben fei es : ihres Erlebtwerdens bejaht werden können. Bewiefen
im Sterben, verband fich mit der Tat der Liebe, führte i werden können immer nur Mittel- und Wirkungswerte,
auch oft zum Fatalismus. Der Opfergedanke artete auch | alfo Werte, die die Anerkennung eines Eigenwertes vor-
pathologifch zum Selbftmord aus. Der Zurückgekehrte j ausfetzen; aber niemals die Eigenwerte felbft. Diefe
empfand mit Dankbarkeit, daß er fein Leben als anver- | werden entweder als folche erlebt oder in der Eigenart
trautes Gut den Brüdern hinzugeben habe. B. fchließt, : gründlich mißverftanden. Daraus folgt, daß der praktifche
die Niederlage fei für Deutfchland nötig gewefen, damit ; Materialismus fo wenig wie der praktifche Idealismus eines
der Glaubender in Luther feine größte Innerlichkeit, in 1 theoretifchen Beweifes fähig ift, alfo auch keinen intel-
Fichte und Schiller feine Verbreiterung und Verweit- lektuellen Vorzug vor diefem befitzt.