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Ausgabe:

1920

Spalte:

227-228

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Prutz, Hans

Titel/Untertitel:

Zur Geschichte der Jungfrau von Orléans. Der Loire-Feldzug 1429 1920

Rezensent:

Hasenclever, Adolf

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den Jahren 1265—1268, die fo ein volles Viertel der Darfteilung
einnimmt, dank der Reichhaltigkeit der englifchen
Gefchichtfchreibung für jene bewegte Zeit, in der das
Land nach der Schlacht bei Evesham und dem Tode
Simons von Montfort noch unter den Nachwehen des
inneren Krieges litt und Ottobuono an der Herftellung
des Friedens zwifchen König Heinrich III. und den noch
unbotmäßigen Großen mitwirken konnte neben den anderen
Aufgaben eines päpftlichen Legaten, deffen Andenken
feine auf der Londoner Synode von 1268 erlaffenen Konfti-
tutionen noch lange in England wachhalten füllten. Dieter
englifchen Legation Ottobuonos verdankt auch eine Haupt-
quelle feiner Gefchichte ihre Erhaltung: offenbar ift eines
feiner Briefregifter in England zurückgeblieben und im
Anfang des 15. Jahrhunderts bei der Anlage eines Oxforder
Brietbuches benutzt worden, über das zuerft Hampe
1897 im Neuen Archiv XXII, 337—372 nähere Mitteilungen
gemacht hat; zu einer größeren Zahl von Briefen Ottobuonos
, die dann Rote Graham in der English Historical
Review XV (1900), 87—120 daraus veröffentlicht hat,
fügt Schopp in einem Anhang fünf weitere Stücke hinzu
(S. 335,16 ift wohl ,compereat'oder 'torpefcat' zu fchreiben,
340, 28 lucrifactos'). Außerdem teilt fie aus der fehr
befchädigten Urfchrift in London einen Brief feines Bruders
Percival an König Eduard I. mit, auf den bereits Fritz
Kern kurz hingewiefen hatte (Acta Imperii, Angliae et
Franciae S. 5), in dem es fich um Ringe in Ottobuonos
Nachlaß handelt, deren Befitz man in England dem kürzlich
als Papft Verftorbenen als unrechtmäßig beitritt. Es
war eben nicht nur die Finanzpolitik der Kurie, die das
Andenken an feine Legation bei der englifchen Geiftlich-
keit wenig freundlich geftaltet hat; auch unangemeffene
Forderungen für Verwandte und perfönliche Habgier
werden diefem weltförmigen, prachtliebenden Grandfeig-
neur vorgeworfen, dem danach auch Dante feinen Platz
im Purgatorio (XIX) angewiefen hat. Die Verfafferin hat
die mit Ausnahme der englifchen Zeit dürftigen und recht
zerftreuten Nachrichten über Ottobuono mit großer Belesenheit
gefammelt und daraus im Rahmen der Zeitgefchichte
ein Bild feines Lebens und feiner Persönlichkeit zu gewinnen
verfucht, bei der oft kärglich Überlieferung eine
nur teilweife dankbare Aufgabe, die fie innerhalb der
Grenzen des Erreichbaren mit Umficht gelöft hat, und
auch H. Otto ift in feiner ausführlicheren Befprechung
im Hiftorifchen Jahrbuch 38 (1917), 783—789 nur in wenigen
Fragen zu einer abweichenden Auffaffung gekommen.
Bonn. W. Levison.

Prutz, Hans: Zur Gefchichte der Jungfrau von Orleans.

Der Loire-Feldzug 1429. (Sitz.-Ber. der bayr. Akad.

d. Wiff., philos.-philol. u. hiftor. Kl. Jg. 1920, 3. Abh.)

(36 S.) 8°. München, G. Franz i. Komm. 1920. M. 3 —
Im Fortgang feiner Studien über die nunmehr, im
Mai 1920, vom Papfte endlich heilig gefprochene Jungfrau
Sucht Prutz die Entftehung derjeanne d'Arc-Legende klarzustellen
; auch jetzt wieder kommt er zu dem Ergebnis,
daß die urfprünglichften Quellen von übernatürlichen
Kräften bei Johanna nichts zu berichten wiffen, aber er
weift doch daraufhin, daß gewiffe hinter Johanna flehende
.welterfahrene und menfchenkundige Arrangeure und Re-
giffeure', ihr felbft vielleicht unbewußt, dafür forgten, daß
ihr eigene natürliche Fertigkeiten in den Augen des Volkes
eine übernatürliche Bedeutung erlangten. Auch jetzt tritt
wieder klar zu Tage, daß die Jungfrau militärifche und
taktifche Kenntniffe nicht befeffen, daß fie deshalb auf
den Gang der Operationen keinen Einfluß ausgeübt hat,
ja in der entscheidenden Schlacht bei Patay wurde fie ge-
fliffentlich bei der Nachhut gehalten, durfte fich erft nach
dem Siege lediglich als barmherzige Schwerter betätigen,
Ihre Hinzuziehung zu den Kriegsereigniffen entfprang nur
der Berechnung, fich ihren Einfluß auf die leichtgläubige
Maffe des Volkes und die ihr blind vertrauenden ftäd-
tifchen Kontingente zu nutze zu machen; wenn der ihr nach

i wie vor voller Mißtrauen gegenüberftehende Hof Anerkennung
zollte, fo gefchah es aus Politik, nicht aus Überzeugung
. So viel lieht feft, daß die nächfte Umgebung
Johannas nichts Heiliges, nichts Wunder Wirkendes an
ihr verfpürt hat, daß erft fpätere Legendenbildung im
Widerfpruch mit der hiftorifchen Wahrheit ihrem Eingreifen
Erfolge zugefchrieben hat, welche andere errungen
haben: wenn objektive Gefchichtsforfchung bei Heilig-
fprechungen ein Wort mitzureden hätte, fo würde die

j nationaliltifche Hetze zuGunften der Kanonifierung Jeanne

| d'Arcs ohne Erfolg geblieben fein.

Halle/S. Adolt Hasenclever.

Söderbio m, Nathan: Humor och Melankoli och andraLuther-
ftudier. (Sveriges Kriftliga Studentrörelfes Skriftferie
N:r 100.) (X, 383 S.) 8». Stockholm, Sveriges Kriftl.
Studentrörelfes Fori. (1919). Kr. 14.50

Söderblom legt eine Reihe von Auffätzen über
Luther vor, die alle Schließlich in die Kernfrage einmünden,
von denen aber doch jene die Aufmerksamkeit befonders
anziehen, die Sich mit dem Humor und der Melancholie
in Luthers Leben befaffen. Sie haben darum auch mit
gutem Grund dem Buch den Titel gegeben. Daß es fich
nicht bloß um eine Zufammenftellung des Humorvollen
und Melancholifchen im Leben Luthers handelt, ift bei
einem ForScher und Beobachter wie Söderblom Selbstverständlich
. Wir haben hier vielmehr den intereffanten und
geistvollen, aber auch in die Tiefe gehenden Verfuch,
Humor und Melancholie als Triebkräfte der Entwicklung
Luthers deutlich und durch fie auch das Lebenswerk
des Reformators begreiflich zu machen. So rücken diefe
Äußerungen feines Lebens, die oft genug die Aufmerksamkeit
gefeffelt und wie die Melancholie fogar den
Anlaß zur Annahme einer Schweren geiftigen Erkrankung
Luthers gegeben, ins Zentrum und werden zu .wesentlichen'
Bestandteilen feines religiüfen Lebens.

Luthers Leben und Werk als das eines geiftig erkrankten
Mannes zu Schildern, liegt S. natürlich fern.
Er kennt den Reformator zu gut, um diefen Abweg zu
betreten. Wohl weiß er und Scheut fich auch nicht es
auszufprechen, daß manchmal Angftzuftände, Anfechtungen
und feelifche Bedrückungen mit phyfifchen Erkrankungen
verknüpft waren oder daß der Reformator
an einer bisweilen krankhaft gefteigerten Angft litt. Söderblom
wird aber gar nicht verfucht, hier pfychopathifche
Erfcheinungen zu entdecken. Was die .Melancholie' des
PSychiaters ift, ift ihm zu bekannt, als daß er Luthers
Anfechtungen ihr einordnen könnte. Außerdem fchützte
ihn feine befondere Auffaffung von der Bedeutung der
Melancholie für Luthers Perfon und Werk vor voreiligen
Schlußfolgerungen. Luthers Krankheiten, fein Gallenfteinleiden
, fein Ohrenfaufen u. dgl. m. konnten, wie S. weiß,
ohne Schaden für Luthers religiöfen Genius fehlen. Nicht
so die Melancholie. .Wenn es Sich um die Seele handelt,
muß man fich etwas zurückhalten, ehe man bei einem
ungewöhnlichen Mann in ungewöhnlicher Lage Krankheiten
feftftellt. Eine Heldenfeele, wie diejenige Luthers,
befitzt Fähigkeiten und Möglichkeiten zu leiden, die uns
anderen fehlen. Seine Innerlichkeit war viel empfindlicher
als diejenige anderer, für die Bewegungen der Seele und
i für Gottes Heiligkeit' (S. 205). Man kann diefem Grund-
| Satz vorbehaltlos zuftimmen. Auch was S. über Humor
I und Melancholie im einzelnen ausführt, verdient ernfte
Beachtung. Ich felbft würde auch über die einzelnen,
feinen Beobachtungen hinaus dem Grundfatz, in dem fie
gipfeln, weithin zuftimmen können, daß nämlich Luthers
Humor und Melancholie zentrale Bedeutung für fein
Werden und für die Durchführung Seines reformatorifchen
Werkes befeffen hätten; vor allem feine Melancholie, feine
Anfechtung.

Freilich müßte ich einen Vorbehalt machen. Es mag
doch bedenklich fein zu Sagen, daß Luthers Humor Sich
mit keiner Form des asketifchen Trainings vertragen