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Ausgabe:

1920 Nr. 1

Spalte:

208-209

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hasse, Heinrich

Titel/Untertitel:

Das Problem des Sokrates bei Friedrich Nietzsche 1920

Rezensent:

Strunz, Franz

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Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 17/18.

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grenzt er dabei den eigentlichen Pietismus von feinen
Vorläufern, befonders von Arndt, ab und fcheidet auch
klar den kirchlichen und feparatiftifchen (den radikalen,
wie ihn Ritfehl in feiner Gefch. d. Piet. nennt) Pietismus.
Sehr gut ift auch die fchließliche Zufammenfaffung des
hann. Pietismus in feiner Eigenart und die Antwort auf
die Frage nach dem Einfluß desfelben auf die hann.
Kirche. Hier muß Uhlhorns Urteil, der dem Pietismus
jeden Einfluß auf die hann. Kirche abfpricht, berichtigt
werden (Abriß d. K. G. Hannovers).

Der Verf. war bei der Scheidung der beiden Arten
des Piet. infofern in einer günftigen Lage, als in Hannover
eine Trennung nach den Gebieten vorliegt. Der
feparatiftifche P. hat vorwiegend auf dem Harz feine
Stelle gehabt und ift außer in Hannover felbft in den
Orten, wo der kirchliche Pietismus fleh fand: Stift Hildesheim
, Göttingen, Bodenwerder, Einbeck, Münden, Hameln,
Moringen, Stolzenau, nicht hervorgetreten. Wo beides
durcheinandergeht, ift die Scheidung fehr fchwierig, zumal
fleh leicht an den Pietismus alle möglichen Sekten anhingen
, fodaß das Bild fehr fchillernd wird und fchwer
zu erfaffen ift.

Daher kommt es auch, daß feine ßekämpfer wie Molan in einem
Konfiftorialausfchreiben und Lüfcher in feinem Thimotheus Verinus
die Merkmale des Pietismus fo angeben, daß beide Arten davon getroffen
werden, obgleich Löfcher die verfchiedenen Arten des Pietismus kennt,
was S. 21 billigerweife von dem Verf. nicht unerwähnt hätte bleiben
follen. Vielleicht hätte es fich überhaupt empfohlen, wenn der Verf.
den kirchl. Pietismus vorangeftellt und dann erft den fep., fozufagen als
Abart, behandelt hätte, ftatt umgekehrt nach chronologifcher Ordnung
zu verfahren. Es wäre dann noch klarer, fchon durch die Anordnung,
hervorgetreten, daß nur der kirchliche Pietismus der eigentliche Pietismus
ift. Auch wäre es vielleicht im Schlußkapitel möglich gewefen,
auch über den Einfluß des Piet. auf die Prediger felbft die Quellen zu
befragen. Auffallend ift, daß ein doch wefentliches Merkmal des fog.
Piet., das unter den anderen im Text zu .ftehen verdient hätte, auf
S. 109 in eine Anmerkung verwiefen ift.

Sonft zeigt fleh auch gerade in allen Einzelheiten
des Verf. gutes Urteil. Manche bisher unwichtige und
fchiefe Anficht kann er berichtigen durch Hervorziehung
neuer oder nicht beachteter Quellen, und manche Per-
fönlichkeit tritt in ein deutlicheres Licht, fo befonders
der Gen.-Sup. Menzer als fcharfer Gegner des Piet.

Sehr glücklich beginnt das neue Unternehmen, das
als Ergänzung der Mitteilungen des Vereins für nieder-
fächf. K. G. gedacht ift und größeren Arbeiten Raum
geben foll, mit diefem Erftlingswerk des Verf. feine Veröffentlichungen
. Man kann nur wünfehen, daß die nach- j
folgenden Hefte auf derfelben wiffenfehaftlichen Höhe '
ftehen.

Hann. Münden. Rudolf Steinmetz.

Fichte, J. G.: Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürften
Europens, die fie bisher unterdrückten. Eine Rede Nach dem
Erftdruck des Jahres 1793 neu hrsg. v. Dr. Reinhard Strecker.
(XV, 34 S.) 8". Leipzig, F. Meiner 1919 (Umfeld. 1920). M. 2 —
Ein Abdruck der politifchen Erftlingsfchrift Fichtes, der — der
Verficherung des Verlegers auf dem Titelblatt entgegen — dem Text
der Sämtliche Werke folgt, aber den Text des Urdruckes vergleicht
und am Rande die Seitenzahlen beider Texte notiert. Format und
Druckeinrichtung find der Ausgabe der Werke von Medicus angeglichen,
fodaß das Heft als ein höchft wünfehenswertes Supplement zu diefer
Ausgabe gelten kann. Möge der Verlag fleh noch zu recht vielen fol-
cher Supplemente entfchließen und fo allmählich eine neue Gefamtaus-
gabe zuftande bringen.

Zu 34 Seiten Fichte fchrelbt der Herausgeber XV Seiten Einleitung.
Das ift ein wenig viel. Das Seite IX über das Verhältnis Fichte's zu
zu Kant's Philofophie Gefagte ift ebenfo irrig wie die Behauptung S. X,
daß Fichte mit der Cberfendung der Offenbarungskritik an Kant die
Bitte um materielle Hilfe verbunden habe — diefe Bitte erfolgte erft
fpäter. — Die Analyfe der herausgegebenen Schrift S. XI ff. ift in mehr
als einer Hinficht mißglückt.

Bonn. E. H i r f c h.

Paulus, Stadtpfr. Rudolf: Fichte und das Neue Teftament. (Sammig.

gemeinverft. Vorträge, 93.) (III, 58 S.) gr. 8°. Tübingen, J. C. B.

Mohr 1919. M. 2.80

Nach einigen Worten über Fichtes Stellung zum Kanon, fowie
fein hermeneutifches Prinzip fchildert Verf. Fichtes inneres Verhältnis
zum Neuen Teftament in feiner Werdezeit (als cand. theol.), fodann fein
philofophifches Verftändnis der unphilofophifchen Religion des Neuen

Tellaments während feiner Jenaer Epoche und des Atheismusftreites
(letzterer hat den religiöfen Funken in ihm entzündet und die biblifchen
Gedanken der Wiedergeburt, der Weltüberwindung, des Vorfehungsglau-
hens wirkfam werden laffen; vor allem aber ift es der fittliche Heroismus
und Rigorismus des Urchriftentums, mit dem er fleh berührt), ferner
feine Aneignung des fpekulativ-myftifchen Kerns des Johannesevangeliums
in den metaphyfifcben Entwürfen der Jahre 1804/06 (obwohl F.
fleh feiner Grundanfchauung zuwider zu der Konzeffion entfchließt, den
hiftorifchen Jefus ins Metaphyflfche zu erhöhen, fteht er jetzt doch der
einfachen urchriftlichen Frömmigkeit ferner als früher), endlich feine
Gefchichtsphilofophie von 1813, in der F. die Bedeutung der großen
Männer, insbefondere Jefu für die Geiftesgei'chichte würdigen lernt (Jefus
Knotenpunkt der Heilsgefchichte), ohne die abfchließende Klärung des
Problems ,Idee und Gefchichte' zu finden. Alles in allem: Das Neue
Teftament ift für F., fo fremd ihm die biblifche Sündenlehrc ftets blieb,
ein Lebensbuch gewefen, kein Buch der fpekulativen Theorie. ,Wie
kein fpekulativer Philofoph vor und nach ihm ha^F. nicht am Dogma,
fondern an der neuteftamentlichen Frömmigkeit feine Auffaflüng des
Chriftentums orientiert', S. 54,

Iburg. W. Thimme.

Meyer, Alfred G.: Karl Emil Gruhl, weiland Wirklicher Geheimer
Oberregierungsrat. Ein Lebensbild. (126 S.) 8'. Leipzig,
O. R. Reisland 1918. M. 4.20

Die pietätvolle Befchreibung läßt das Bild des verdienten
Pädagogen (1833—1917) in feiner klugen, wohlwollenden und
zurückhaltenden Art voll hervortreten. Von Haufe aus Mathematiker
, war Gruhl doch auch in der Gefchichte, Literatur,
Religion (vgl. S. 57. 113f.) heimifch geworden und fo zum Vertreter
ethifcher Bildung auf realiftifcher Grundlage befonders berufen.
In diefer Richtung liegen denn auch feine bleibenden Verdienfte,
und fo geftaltet fich fein Lebensbild zugleich zu einer lehrreichen
Überficht über die gefamte Entwicklung des Realfchulwerens in
Preußen, die für das Verftändnis der heutigen Reformgedanken
von Wert ift (vgl. S. 37ff. 56ff. 76f. 87ff. 92-103).
Göttingen. Titius.

Gefe, Paul, Alumnatsinfp.: LotZ68 Religionsphilofophie, dargeftellt und
beurteilt. (IV, 107 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Deichert 1916. M. 2.40
Eine abfchließende Darftellung von Lotzes Religionsphilofophie hätten
wir gut brauchen können. Die des Verf. ift nicht immer genau genug
und noch nicht erfchöpfend: fie beutet manches, z. B. die letzten Kapitel
der ,Grundzüge', nicht vollftändig aus. Die Beurteilung hebt offen-
fichtliche Schwächen der Philofophie Lotzes und feiner Anfchauungen
über Religion und Chriftentum richtig hervor, ift aber auch nicht frei von
Mißverftändniffen (z. B. S. 64, 98, 102) und Ungerechtigkeiten. M. E.
kann Lotzc eine höhere Geltung für Religionsphilofophie und Theologie
beanfpruchen. Wie Verf. das Trinitätsdogma auffaßt und verwertet,
(S. 66, 99L), ift dogmenhiftorifch anfechtbar. Zu den wertvolleren
Schriften der Lotzeliteratur gerechnet zu werden verdient die Gefefche.
Leipzig. K. Thieme.

Haffe, Heinrich: Das Problem des Sokrates bei Friedrich
Nietzfche. Akad. Antrittsvorlefg., geh. am 27. Juni
1917 an der Univ. Frankfurt a. M. (26 S.) gr. 8°.
Leipzig, F. Meiner 1918. M. 1.30

Diefe wertvolle Schrift, urfprünglich eine akademifche
Antrittsvorlefung, nimmt Stellung zum Sokratesprobleni,
wie es Friedrich Nietzfches Leben und Schaffen erfüllte,
wie diefe Frage ihn immer wieder zu vertieftem Verftehen
des Griechentums führte und notwendig zu einer Kritik
der neuzeitlichen Kultur zwang, infofern fie auch heute
noch von der Sokratik lebt und Farbe bekommt. Nietzfche
fah auch Sokrates ,faft immer unter der Optik einer
überhiftorifchen Betrachtungsweife'. Der Verf. fpricht von
dem Sinn diefes Problems und den Geftchtspunkten,
unter welchen es fich bei Nietzfche darfteilt; ferner von
den Gedanken, mit deren Hilfe der moderne Denker um
feine Löfung ringt und letztlich von der Richtung, in
welcher diefe Löfung, fachlich genommen, gefuchi werden
muß (S. 4). Es werden vom Standorte Nietzfches die
Fragen beantwortet: Welche befondere Problematik ift
durch die Tatfache der hiftorifchen Geftalt des Sokrates
und die Eigentümlichkeit feiner Philofophie für das
Denken gegeben? Wer verdient in Hinficht auf Wert-
fchätzung der Dinge mehr Autorität, der Inftinkt oder
die Vernünftigkeit? Warum ift Sokrates durch fein be-
dingungslofes Rationalifleren der Zerftörer der unbefangenen
Sittlichkeit und der Auflöfer der ungebrochenen
Inftinkte und großen traditionellen Mächte, wie fie fo
herrlich im .tragifchen Zeitalter der Griechen' ans Licht
gekommen find ? Sokrates ift, nach Nietzfche, der Typus