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Ausgabe:

1920 Nr. 1

Spalte:

182

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Neumann, Carl

Titel/Untertitel:

Jakob Burckhardt, Deutschland und die Schweiz 1920

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 15/16.

182

mindeftens in dem Umfang des Volkes oder der Gemein-
fchaft, denen er angehört hat. Es fehlt bei B. wahrlich
nicht an feinen Streiflichtern auf das „mondäne" Leben
Frankreichs um 1650, auf Hof und Gefellfchaft, Forfchung
und Literatur, Jefuiten undjanfeniften. Aber daß es in der
franzöfifchen Welt Pascals auch einen Proteftantismus gab,
und zwar vertreten durch Männer von höchfter wiffenfchaft-
licher Energie uud religiöfer Eigenart, daran wird man in
diefem Buch kaum durch eine Zeile erinnert. Indeffen für
Pascal haben die Proteftanten Frankreichs nichts bedeutet,
darum fehlt in einem Pascal nichts, wenn fie übergangen
werden. Und Bornhaufens Pascal ift nicht vorbildlich
für jede Art von Lebensbefchreibung fondern für eine
Sonderart, die, entfprechend der alten Liebe des Ver-
faffers zur Religionspfychologie, auf die Analyfe der re-
ligiöfen Perfönlichkeit eingeftellt ift, deren Werden und
Sichauswirken beobachtet und die Elemente erforfcht,
aus denen fie fich nährt und die fie in fich zu neuen,
höheren Formen geftaltet.

Natürlich hat B. auch Einzelprobleme der Pascal-
Forfchung weiter gefördert; die Chronologie der Schriften
aus der Zeit der zweiten Bekehrung z. B., oder die Frage
nach der Entftehung der Meditation über die Todesangft
jefu oder S. 150 über den Zufatz zu Pascals Bekehrungsbericht
. Aber wichtiger erfcheint mir doch die gleichmäßig
liebevolle Ergründung der Zufammenhänge zwifchen
den einzelnen Produktionen Pascals und dem was fein
Wefen ausmachte: mit der fallchen Objektivität hat B.
gründlich gebrochen.

Bei der Leichtigkeit feiner Feder wundert man lieh, wenn er als
I bcrfetzer manchmal zu wörtlich verführt, bei den 5 Thefen S. 213 h
fo weit, daß der Nichttheologe fie nun kaum verliehen wird, aber auch
S. 277: ,fo ift es viel beffcr, fich auf unfcr äußeres Betragen als auf
unfere inneren Abheilten zu prüfen'. Daß Pascals Satz, S. 202, das
wahre Gut miiffc die gleiche Lebensdauer wie die Seele haben und ihr
nur mit ihrer Einwilligung genommen werden können, von B. als Anerkennung
der Verlierbarkcit der Gnade — in dem Sinn nämlich wie
das gemeint war, wider Willen und ohne Willen des Begnadigten — ver-
ftanden wird, leuchtet mir nicht ein: S. 203 ruft Pascal wiederum: ein
Gut, das, fo lange fie es begehrt, nicht geraubt werden kann. Die
Noten I auf S. 170, 2 auf 203, 1 auf 255 würden zu beanflanden
lein. S. 66 wünfehte man ein deutlicheres Wort über den Ausgang des
Streites zwischen Pascal und Port Royal über Jacquelone's Mitgift. Aber
dem gegenüber etwa S. 253 die Parallele zwifchen der Bruderliebe bei
Pascal und bei dem hl. Franz: allerwärts liegt der Tatbeweis vor,
daß bei Bornhaufen von einem Berufenen ein Stück der katholifchen
Seele unferm Bewußtfein crfchloffen wird.

Marburg. Ad. Jülicher.

Mahrholz, Dr. Werner: Deutrehe Selbftbekenntniffe. Ein

Beitrag zur Gefchichte der Selbstbiographie v. der
Myftik bis zum Pietismus. (VIII, 254 S.) 8°. Berlin,
Furche-Verlag 1919. M. 8—; geb. 10 —

Der Verf. ift von einer Studie über Goethes Werke
und ihre Aufnahme beim deutfehen Publikum ausgegangen
und allmählich zu einer Unterfuchung über Form und
Inhalt des bürgerlichen Lebens im 18. Jahrhundert vor-
gefchritten; er glaubte einen befonderen Zufammenhang
zu finden zwifchen der Autobiographie und der bürgerlichen
Lebensform, die fich ihm wieder im Laufe ihrer
Entwicklung in drei Stufen darfteilte: als Klein- Mittel-
Großbürgertum. Aus diefen Unterfuchungen erwuchs
ihm zunächft das vorliegende Buch, das einmal die inneren
Zufammenhänge zwifchen Lebensformen und künftlerifch-
HterarifchenDarftellungsmitteln innerhalb eines beftimmten
Zeitraumes erweifen, weiterhin aber den Begriff der .bürgerlichen
Literatur' entwickeln will. Wie weit ihm befonders
das letztere gelungen fei, darüber können wir hier in
keine nähere Erörterung eintreten und nur einftweilen fo-
viel fagen, daß wir dem Verf. reiche Förderung und Anregung
auch methodologifcher Art verdanken. Für den
Religionsforfcher ift u. a. der Nachweis von Bedeutung,
wie die religiöfe Selbftbeobachtung und die teleologifche
Einftellung derPietiften eine freiere Auffafiung des inneren
Gefchehens unter dem Gefichtspunkt der Entwicklung
vorbereitete. Wichtig aber ift vor allem feine gefchickte

Auswahl und feine im ganzen recht felbftändige, fcharfe,
bisweilen überfcharfe Kennzeichnung der einzelnen Autobiographien
und ihrer Verfaffer. An der Hand des Riefenmaterials
, das M. in feiner Überficht zufammenträgt und
das er durch zahlreiche Proben uns nahebringt, läßt er
uns wiederum vor allem die verfchiedenen Strömungen
und literarifchen Einwirkungen des Pietismus fo bequem
überblicken, wie keiner feiner Vorgänger.
Hamburg. R. Petfch.

j Neu mann, Prof. Carl: Jakob Burckhardt, Deutrchland und
die Schweiz. (Brücken, Heft 1.) (83 S.) 8°. Gotha,
F. A. Perthes I919. M. 3 —

Der Heidelberger Kunfthiftoriker bietet in diefem
Büchlein den durchgefehenen, mit einigen Zufätzen vermehrten
Neudruck zweier Auffätze, die in der deutfehen
Rundfchau von 1907 und 1918 zuerft erfchienen find.
Dabei wäre es mir praktifcher erfchienen, die Reihenfolge
umzuftellen, im Intereffe der Erzielung eines einheitlichen,
chronologifch aufgebauten Gefamtbildes. Jetzt fleht ,die
Jugend Burckhardts und die Entftehung feines Renaiffance-
begriffs' am Schluß, und .Burckhardts politifches Vermächtnis
', nämlich die Würdigung der .weltgefchichtlichen
Betrachtungen' am Anfang. Daß N. Wertvolles und Feinfinniges
über den eigenartigen Bafler zu fagen weiß,
leidet keinen Zweifel, und jeder Verehrer B.s wird feine
Wertung mit Nutzen, ja mit äfthetifchem Genuß lefen.
Das letzte Wort ift hier freilich noch nicht gefprochen
und wird auch wohl fo bald nicht gefprochen werden,
nachdem der Züricher Gymnafialprofeffor Otto Marck-
walt, von dem wir eine B-Biographie erwarten durften,
in diefem Sommer ftarb. In Gewiffes kann fich nur der
Schweizer oder ein feit längerem in der Schweiz Weilender
richtig einfühlen; ich denke z. B. an S. 19 (B.s Zurückhaltung
), 29 (die fcharfe Ablehnung des .vordröhnen-
den Pathos'), 30 (die Würdigung des Staates als Not-
inftitut, dem man nicht zufchieben folle, was der Freiheit
und was der Gefellfchaft gehöre), 41 (Feftlegung des
Chriftentums auf Askefe, zu deren Erklärung F. Overbeck
heranzuziehen wäre). Im übrigen erquickt man fich wahrhaft
an den gerade jetzt aktuellen Ausführungen über
Politik und Moral, Stellung zu Nietzsche oder zur Demokratie
. Zu dem von N. eingehend behandelten Renaif-
fanceproblem ift jetzt der klärende Auffatz von W. Weißbach
: Renaifiance als Stilbegriff (Hiftor. Zeitfchr. Bd. 120)
zu vergleichen.

N.s Buch eröffnet eine vom Verlage Perthes begründete
Sammlung .Brücken'. Daß wir folche brauchen zum
Wiederaufbau der Menfchheit, wird kein Vernünftiger
beftreiten, ebenfo wenig, daß die Brückenbogen fich speziell
zwifchen Deutfchland und der Schweiz fpannen
follten. Das ift nur viel, viel fchwieriger, als man es fich
gemeinhin in der Heimat vorftellt, wo man nur zu leicht
vergißt, daß die Schweiz ein eigenes Staatswefen von
ftarkem, eigenwilligen Charakter ift. Die Zeiten, wo man
gern im Schatten des großen Nachbarreiches faß, find
vorüber, und Worte, wie die aus Jak. Burckhardts roman-
tifcher Zeit: .daran will ich mein Leben fetzen, den
Schweizern zu zeigen, daß fie Deutfche find' (S. 68), oder
auch fein Bekenntnis zum Deutfchtum in feiner wundervollen
Schillerrede (S. 77 ff.) werden heute gemeinhin*
nicht gern gehört. Aber wir müffen die Beziehungen
zur ftammverwandten Schweiz pflegen, und ganz vergehen
find wir hier auch nicht. Möchten die Brücken
fich bauen und fertigen!

Zürich. , W. Köhler.

Hänfen, Jofeph: Preußen und Rheinland von 1815 bis 1915.

Hundert Jahre polit. Lebens am Rhein. (VII, 270 S.)
Lex. 8°. Bonn, Marcus & Weber 1918. M. 9 —

Diefes Buch ift ein verbeflerter und an einzelnen Stellen
erweiterter Sonderabdruck aus dem von Hänfen felbft
I herausgegebenen zweibändigen Werke ,Die Rheinprovinz