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Ausgabe:

1920

Spalte:

176-177

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Göller, Emil

Titel/Untertitel:

Die Periodisierung der Kirchengeschichte und die epochale Stellung des Mittelalters zwischen dem christlichen Altertum und der Neuzeit 1920

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologiffche Literaturzeitung 1920 Nr. 15/16.

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zuverläffig deren Überlieferung im arabifchen Diateffaron
ift1 (Die altfyrifchen Evangelien in ihrem Verhältnis zu
Tatians Diateffaron, Freiburg 1911; der Beweisgang ist
genau der gleiche wie in der erften Studie). Nunmehr legt
er uns eine Arbeit über die lateinifchen Evangelienharmonien
vor, aus denen neue Beiträge zur Kritik des Arabers
und zur Rekonftruktion des urfprünglichen Diateffaron
gewonnen werden können. V. zeigt hier zunächft
(S. l—34) daß der Cod. Fuld., der bekanntlich weithin
einen ziemlich reinen Vulgatatext vertritt, auf einer älteren
lateinifche Evangelienharmonie beruht, deren Spuren
fich einerfeits in den Diskrepanzen der aus ihr übernommenen
Capitula mit dem jetzt vorliegenden Text —
die Unftimmigkeiten betreffen fowohl die harmoniftifche
Kompofition wie die Textgeftalt —, andererfeits in zahlreichen
in den Vulgatatext eingefprengten altlateinifchen
Varianten verraten. Viktor von Capua (oder wahrfchein-
licher fchon einer feiner Vorgänger, denn V. v. C. ließ
die von ihm gefundene Harmonie nur abfchreiben und
Mattete fie mit den Eufebianifchen fynoptifchen Canones
aus) tat alfo wefentlich dasfelbe wie Hieronymus, er überarbeitete
eine ältere Überfetzung. Der Nachweis ift m.
E. überzeugend, und ich ziehe meine früher ausgefpro-
chene Zuftimmung zu der vielfach angenommen entgegengefetzten
Hypothefe, daß Viktor eine griechifche Harmonie
an der Hand der Vulgata lateinifch bearbeitet
habe (Th. Lit. Zeit. 1909, 260; vgl. Preufchen, PRE.
Art. Viktor von Capua; Chapman, The early History
of the Vulgate Gospels p. 78fr. u. a.), zurück. Übrigens
hat fchon Zahn in einem merkwürdig (auch
von Preufchen a. a. O.) unbeachtet gebliebenen Auflatz
, auf den V. verweift (Zur Gefchichte von Tatians
Diateffaron N. K. Z. 1894 S. 85—120) gezeigt, ,daß F.
nicht die einzige und nicht die urfprüngliche Geftalt des
lateinifchen Tatians fei' (a. a. O. S. 115); aber er führte
den Beweis nur an der harmoniftifchen Kompofition und
fah in dem bzw. den Vorfahren von F fchon Vulgata-
rezenfionen des Textes. V.s Verdienft ift der Nachweis
einer altlateinifchen Evangelienharmonie mit vorhierony-
mianifchem Text. Dazu dient ihm weiter die eingehende
Prüfung des Textes von zwei lateinifchen Evangelienharmonien
in Münchener Hss. des XIV. Jahrhunderts (S.
34—90; eine vollftändige Kollation dieier Hss. an der
Vulgata S. 91—123), die für die Unterfuchung der Kompofition
bereits von Zahn in dem angeführten Auffatz
verwertet waren; fie lehren in beiden Richtungen, daß
jene altlateinifche Grundlage von F neben diefem weiter
in der Überlieferung fruchtbar gewefen ift, und dies be-
ftätigen Stichproben an anderen abendländifchen lateinifchen
und nationalfprachlichen Harmonien (S. 123—138).

Damit wäre alfo die Exiftenz eines altlateinifchen
Tatian mehrfach gefichert und reiches Material für
feine Rekonftruktion beigebracht, das durch weitere Bi-
bliothekforfchungen gewiß unfchwer zu vermehren wäre.
Diefer textkritifche Materialwert von V.s klaren Unter-
fuchungen bleibt unabhängig von der Zuftimmung zu ge-
wiffen weitergreifenden textgefchichtlichen Hypothefen,
die fie für ihn unterbauen follen. V. ift nämlich der
Meinung, daß fein altlateinifcher Tatian die ältefte Überfetzung
der Evangelien ins Lateinifche gewefen und beider
Überfetzung der .Getrennten'ausgiebig benutzt worden fei,
daß fich alfo hier ganz derfelbe Prozeß abgefpielt habe
wie nach jetzt herrfchender und wohl zutreffender An-
fchauung im Syrifchen, wo ,die Textgefchichte im Grunde
nichts weiteres fei als eine fortfchreitende Enttatianifierung,
ohne daß diefe Arbeit jemals ganz bei ihrem Ziel angelangt
wäre' (S. 79). Was für diefe Thefe fpricht, ift die
Fülle harmoniftifcher Lesarten in altlateinifchen Texten
und in den von diefen ftärker beeinflußten fogenannten
irifchen Texten der Vulgata; in dem dadurch beftimmten

I) Weiß-fchwarz Aufnahmen der von Ciasca benutzten beiden
arabifchen Hff. find in meinem Befitz und flehen Intereffenlen auf einer
Bibliothek gern zur Verfügung.

Umfang dürfte fie richtig fein (allerdings müßte m. E.
die Harmonie im 2. und 3. Jahrhundert mehr als einmal
ins Lateinifche überfetzt fein). Mit Recht fcheint
mir V. auf diefer Grundlage auch eine Reihe der fogenannten
Weftern-non-Interpolations als harmoniftifche
Kürzungen bezw. Glättungen aus der Konkurenz für den
Urtext auszufcheiden (S. 856*.). Aber wenn V. in dem
Einwirken des Diateffarons Tatians (falls es von ihm nicht
gefchaffen, fondern nur ins Syrilche überfetzt wäre, etwas
älteren, unbekannten Urfprungs) ähnlich wie mein Vater
in feinem großen Textwerk die Löfung ,der Kernfrage
der Textkritik der Evangelien' zu fehen und infolgedeffen
den enttatianifierten Text der kanonifchen Überlieferung
(nach V., Bibl. Zeitfchrift 1914, S. 383 h ,geht alles was Alt-
Syrer und Alt-Lateiner gegen unfere griechifche Überlieferung
gemeinfam haben auf Tatian zurück*) für den
urfprünglichen zu halten geneigt ift (S. 77), fo ift damit
doch nur ein Teil diefer durch die Übereinftimmungen
zwifchen dem alt-fyrifchen und alt-lateinifchen Text in
der Tat geftellten Kernfrage beantwortet, nämlich fofern
es fich dabei um harmoniftifche Varianten handelt. Es
bleiben die weder als Korruptelen noch als Harmonismen
zu erklärenden Lesarten von hiftorifch-dogmatifchem In-
tereffe. Standen diefe auch in Tatians Diateffaron? Wenn
es der Fall war, fo ftanden fie vorher in einem Evangelium
der Getrennten, das er dem kanonilch gewordenen
Text vorgezogen hat. Diefe Varianten, die fleh ja nicht
nur in den Evangelien finden, geben uns das Problem
des .vorkanonifchen' Textes auf, das mit diefem Ausdruck
allerdings unftatthaft präjudiziert wird. Um aber diefem
Problem näher treten zu können, ift es methodifch geboten
aus der textgefchichtlichen Überlieferung der
Evangelien nach den Korruptelen die harmoniftifchen
Lesarten auszuheben und mit deren Hilfe jene Tatiani-
fche oder vortatianifche Evangelienharmonie in ihrem
griechifchen und lateinifchen Text (an einem griechifchen
Diateffaron als Original des fyrifchen Tatians wird ange-
fichts der Tatianismen in der griechifchen Überlieferung
auch Zahn nicht mehr zweifeln können) zu rekonftruieren,
gegen deren Verbreitung und wohl auch Verwilderung
die Kanonifierung des Textes der Getrennten einen Damm
aufrichten wollte. Wie weit ihr jedenfalls fehr bedeutfamer
Einfluß auf unfere Überlieferung fich erftreckt, kann erft,
wenn ihre Geftalt felbft einigermaßen feftgelegt ift, mit
Nutzen erörtert werden. V. ift dazu auf dem richtigen
Weg, weil er den entfagenden Fleiß befitzt, gerade die
Varianten zu fammeln und zu ordnen, bei deren fachlicher
Bedeutungslofigkeit eine Tendenz für die Einführung
, Fortführung oder Tilgung nicht in Frage kommt,
während es fonft beliebt ift, die Rofinen der Tendenzvarianten
herauszupicken. Dem Fortfchritt feiner Studien
fehen die Fachgenoffen deshalb mit Erwartung entgegen,
die dem Dank für das Gebotene entfpricht.

Breslau. H. v. Soden.

Göller, Prof. D. Dr. Emil: Die Periodifierung der Kirchen-
gelchichte und die epochale Stellung des Mittelalters Zwilchen
dem chriftlichen Altertum und der Neuzeit. Aka-
demifche Rektoratsrede, gehalten am 12. Juli 1919.
(67 S.) 8°. Freiburg i. B., E. Günther 1919. M. 3 —
Göllers Rektoratsrede verdient die Aufmerkfamkeit
der Fachgenoffen. Sie ift reich an Gedanken und Anregungen
und zeugt von allfeitiger Beherrfchung des Stoffs.
Die Fülle diefes Stoffes ift allerdings fo groß, daß der
Rahmen der Rede gefprengt wird. Aber das kann dem
Lefer gleichgültig fein. Deffen Aufmerkfamkeit lenkt
Göller zunächft auf die Frage nach der Zweiteilung der
Kirchengefchichte, wobei ihm die Wende vom 13. bis zum
14. Jahrhundert als die Scheidewand der altchriftlich-
mittelalterlichen und der durch die Renaiffance-Epoche
eingeleiteten modernen Zeit bedeutfam erfcheint. Er verweilt
indeffen — und, wie mich bedünkt, mit Recht —
nicht lange bei diefem Gedanken, dem in^er Praxis