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Ausgabe:

1919

Spalte:

113-118

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Gottes Wort in Eiserner Zeit. 3. Folge, 4. Lfg 1919

Rezensent:

Schian, Martin

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H3

Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 9/10.

114

m letzten Heft der 14. Reihe elf Predigten aus dem
3. Kriegsjahr. Ein ungarifcher Prediger, Schwalm, bietet
eine in manchen Wendungen den üblichen Gang gehende,
nachher aber zu wirkfamen Neuformulierungen durchdringende
Adventspredigt. Mahr fteuert eine fehr konkrete
Predigt vom Regierungsjubiläum des heffifchen
Großherzogs bei, Taube eine Predigt, die der deutfchen
Kriegsgefangenen nach Pf. 107, 10. 13—16 gedenkt (auch
im Sonderdruck). Sonft find noch beteiligt: J. Herzog,
W. Thimme, H. Bodenfieck, K. Weyrich, H. Steiner,
A. Poßner, F. Rahn, B. Violet. Der Gefamttitel: ,Der
heilige Krieg wider den inneren Feind' deckt den Inhalt
des Bändchens nicht recht. Mit der 15. Reihe hat Nie-
bergall das Amt des Herausgebers übernommen. Er
fcheint der Problempredigt befondere Aufmerkfamkeit
widmen zu wollen; der Titel ,Chriftentum und Politik',
den das erfte Heft diefer Reihe führt3, ift wohl pro-
grammatifch zu nehmen. Im erften Heft gehen Marfch und
Schettler der Titelfrage eigens zu Leibe (Religion und
Politik; Chriftliche Politik?); Mahr behandelt die Politik
der Straße und die öffentliche Ordnung; Ködderitz fordert
: Chrift und Staatsbürger zugleich! Baumgarten ftellt
,Monarchie und Gottesknechtfchaft' zufammen. Nieber-
gall felbft predigt: ,Was uns Gott im Sturm der Zeit zu
fagen hat'. Die Predigten haben reiche und gute Gedanken
; einige find fogar fehr eindrucksvoll; nur fetzen
die meiften recht urteilsfähige Hörer voraus. Jetzt, nach
der Revolution, diefe Sammlung zu lefen, ift befonders
intereffant. Von diefen Predigern kann keiner die Notwendigkeit
der Umwälzung behaupten 1 Gerade durch die
Stimmung, die zum fcharfen Ausdruck kommt, ift das
Bändchen ein zeitgefchichtlicb.es Dokument von Wert geworden
. — Von der Meyerfchen4 Sammlung (vgl. 1917,
Sp. 107) liegt jetzt der 3. Band fertig vor; ein vierter und
letzter foll folgen. Der 3. Band trägt den gleichen Charakter
wie die beiden erften; er bringt viele Predigten
aus befonderen Anläffen; fo mehrere aus der Reformationszeit
1917; daneben ftehen Kriegsbetftunden, auch (was
ich weniger begrüße) einige Vorträge. Einige Themata:
Vom Stöhnen (Bode); Vaterländifcher Hilfsdienft (Bode);
Unfer täglich Brot (Jahn); Am Ifonzo (Mahr); Geburtenrückgang
und Chriftenglaube (Meyer). Die Verfaffer find
wefentlich die gleichen geblieben; die theologifche Linke
tritt kräftig hervor (Bode, Tribukait, Pfannkuche, Simons),
aber die Rechte fehlt nicht. Daß die Stimmung von 1917
das Ganze beherrfcht, verfteht fich. Das wird überhaupt
der befondere Wert der Sammlung fein, daß man an ihr
die Entwicklung der Stimmung beobachten kann. In ge-
wiffem Maße auch die homiletifche Entwicklung der Kriegspredigt
; doch bewirkt die Auswahl, daß der Krieg in
diefer Sammlung auch 1917 noch eine größere Rolle
fpielt als im Durchfchnitt der Predigt diefes Jahres.

2. Heimatspredigten einzelner Verfaffer. —
Doehring5 läßt feine Predigten in Einzelheften erfchei-
nen, die unmittelbar nach dem Gottesdienft am Ausgang
der Kirche gekauft werden können. Er will fo das »Material
' feiner Predigten weitergeben, nicht die rednerifche
Form. Es ift alfo kein Urteil über feine gehaltenen I
Predigten, wenn ich die Form diefer Niederfchriften recht
fchwer finde: lange Sätze, viele Fremdwörter, manchmal
reichlich theoretifche Ausdrucksweife. Auch könnte die

3) Chriftentum und Politik. Zehn Predigten v. O. Banmgarten,
G. Ködderitz, H. Kremers G. Mahr, P. Marfch, E. Nack, F. Niebergall,
A. Schettler, B. Violet, hrsg. v. F. Niebergall. (Göttinger Predigt-
Bibliothek 15. Reihe I.Heft.) (IV, 90 S.) 8°. Göttingen, Vandenhoeck
& Ruprecht 1918. M. 2 —

4) Gottes Wort in Eiferner Zeit. 3. Folge, 4. Lfg. M. 1.20

5) Doehring, Kgl. Hof- u. Dompred. Lic. Bruno: Und wenn die
Welt voll Teufel war! Gedanken zur Gegenwart, 3. Folge. Mit e. Anh.:
Deutfchland, verleugne deine Toten nicht I Rede bei der vaterländ. Gedächtnisfeier
f. die Gefallenen am Totenfonntag 1917 in Berlin. (258 S.)
8°. Berlin, F. Zilleffen 1918. M. 3—; geb. M. 4.50

I Quinteffenz der eigenen Stellungnahme zu beftimmten
I erwähnten Zeitgefchehniffen gelegentlich deutlicher werden,
j Die äußerliche Durcharbeitung des Druckes (Satzzeichen!)
| wünfehte ich forgfältiger; den Ausdruck .herausknobeln'
(S. 115) würde ich zu vermeiden raten. Die Eigenart der
Sammlung aber liegt in der Behandlung ernfter, großer,
aus der Zeit heraus fich aufdrängender Fragen; nicht
bloß von eigentlichen Zeitfragen, am wenigften lediglich
von Fragen der Kriegszeit, fondern von großen geiftigen
und religiöfen Fragen der Gegenwart. Diefe Eigenart
I bedeutet für mich einen erheblichen Vorzug. Die Löfung
der Fragen erfolgt meift im rein religiöfen Sinn. Das ift
gut und wertvoll; aber die Linien von der religiöfen
Zentralftellung zur Einzelfrage hin find öfter nicht ausgeführt
. Dadurch bleiben dem Lefer die näheren Einzelfragen
gewiß nicht feiten unaufgehellt. Eine ftark per-
! fönliche Art der Rede, wie fie häufig bemerkbar wird,
halte ich nicht für falfch; ein Zuviel davon habe ich nicht
bemerkt. Sehr intereffant ift die Predigt nach der bekannten
Friedensrefolution des Reichstags Juli 1917. Inhaltlich
macht fich der Unterfchied der Stimmungen gegen
1914 kräftig geltend. Jedenfalls eine recht beachtenswerte
Sammlung. — Oertels .Kanzelreden'0 — er unterfcheidet
] fie abfichtlich von eigentlichen Predigten — wenden Texte
! aus Arnos — faft immer aus mehreren Amosftellen kom-
j ponierte — auf die Kriegszeit an. Die Beziehungen
; zwifchen damals und heute ermöglichen manchen nicht
alltäglichen Gedanken; die Beurteilung unferes Volkes
I ift kräftig, oft draftifch; die Reden geben zu denken und
greifen ans Gewiffen. Doch fchadet ihnen eine oft recht
ftarke Neigung zum Spielen mit Gedanken und Worten;
I zuweilen hindert fie die Klarheit der Gedankenfolge, oft
J die energifche praktifche Zufpitzung. Kraffes Beifpiel ift
die Rede: Jena oder Sedan? Sie hat drei Teile: Ein
| Glück und doch kein Glück; Kein Prophet und doch ein
Prophet; Ein Ende und doch kein Ende! Auch die Zahl
j der Fremdwörter ift viel zu groß. Mehr Einheitlichkeit,
mehr Schlichtheit täte not. — Von neben Predigten Baumanns
' behandeln fünf altteftamentliche Texte; darunter
fonft wenig benutzte wie 1 Sam. II, I—7 (gegen fchlaffe
Verftändigungswünfche). Diefe Predigt wie auch eine
über 1 Mof. 32, 23 ft. (Unfer Ringen mit Gott) find Zeitdokumente
, die den Druck des Bändchens voll begründen.
Auch die Predigt über ,das Weib nach Gottes Herzen'
(Sprüche 31, 25 ff.) verdient Aufbewahrung. Einige andere
wirken etwas ftark als .Kunfthomilien'. — Bürkftümmers8
16 Predigten find noch weniger eigentliche Kriegspredigten,
obfehon fie natürlich öfter auf Krieg und Kriegsnöte zu
reden kommen. Kräftige lutherifche Frömmigkeit alter
! Art prägt fich in ihnen in zeitgemäßer Form aus. Die
[ Gedankenentwicklung bietet nicht zu wenig und verlangt
nicht zu viel; die Gedankenfolge ift klar, ohne daß eine
feierliche Dispofition fich aufdrängt; mancher veran-
fchaulichende Zug wird eingeflochten, ohne daß der ,Bilder'
zu viel würden; forgfame Textbenutzung ftört den Charakter
der Gegenwartsrede nicht. Kurz: es find fehr
tüchtige Predigten, faft möchte ich fagen: Normalpredigten.
Damit ift zugleich gefagt, daß eine befonders hervor-
ftechende Eigenart nicht heraustritt.

3. Das religiöfe Leben im Feld verlangt auch
in feiner fpäteren Entwicklung forgfältige Beobachtung.
Aber fie muß mit nüchternem Wirklichkeitsfinn den Tatfachen
Rechnung tragen, nicht bloß ein paar Rofinen

6) Üertel, Paft. Laz.-Pfr. Hugo: Die Gegenwart im Lichte aller
Prophetie. Kanzclreden über Arnos-Texte. (V, 43 S.) 8". Breslau Ev.
Buchhandlg. 1918. M. 1.80

7) Baumann, Dompred. Lic. Eberh.: Stark in Gott. Sieben Kriegspredigten
. (77 S.) kl. 8°. Halle a. S., Gebauer-Schwetfcbke 1917. M. 1 —

8) Bürckftimmer, Dek. Pfr. Lic. Dr. Chritt.; In Gottes Gemein-
fchaft! Predigten vom Weltkrieg u. vom Frieden Gottes. (123 s.) gr. 8».
München, Müller & Fröhlich 1917. Geb. M. 3.50