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Ausgabe:

1919

Spalte:

89

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Felisch, Neuordnung der Menschenliebe. 2. Aufl 1919

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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8g

Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 7/8.

90

(47 S.) 8°. Ludwigshafen, Haus Lhotzky Verlag 1918. I der Armut als einer rein wirtfchaftlichen Erfcheinung

M. — 60 heraus. Fürforge für Arme ift ihm danach »Erziehung
Diefe ausgezeichnete, geiftvoll und knapp gefchriebene j Unwirtfchaftlicher, Verforgung Unwirtfchaftlicher, VerAbhandlung
enthält Praktifches aus der Sprechftunde des wertung Unwirtfchaftlicher'. Damit foll durchaus kein
Spezialfonds für Angehörige gebildeter Stände in Harn- moralifches Urteil ausgefprochen, fondern nur ein tatfäch-
burg. Mit wunderbarer Anfchaulichkeit und feinfter Pfy- j licher Zuftand feftgeftellt fein, deffen Gründe und Be-
chologie werden im Geift vertrauender Philanthropie ein j dingungen ganz oder doch teiiweife außerhalb der Macht
paar Bilder von Hilfefuchenden hingeworfen, die man ! der Beurteilten, vielfach in den allgemeinen wirtfchaft-
nicht mehr vergißt. Das Prinzipielle befteht in einer Ant- liehen Verhältniffen Ii egen. Wenn fich Kl. von (liefet
wort auf die Frage, aus welchen objektiven Ideen und 1 Gründauffaffung aus gegen jede Vermifchung der Für-
Bruchftücken einer Weltanfchauung die Wirkfamkeits- | forge mit religiöfen, moralifchen, politifchen Nebenzwecken
formen der öffentlichen Philanthropie erftehen können. wendet, lo ift er dabei der Zuftimmung aller wirklich
.Das was allein helfen kann, ift eine geiftige Weltanfchauung, j fachlich Denkenden auf allen Seiten gewiß, lofern dabei
die durch fich felbft, durch das, was fie zu bieten vermag, j die Fürforge nur Mittel zum Zweck wird. Welchen un-
fich in die Gedanken, in die Gefühle, in den Willen, kurz j erfetzlichen Wert aber fromme Gefinnung für diefes, wie
in die ganze Seele des Menfchen einlebt.' In diefem ; für jedes Erziehungswerk, fowohl als Mittel, wie als Quelle
Satz von Rudolf Steiner findet Verfaffer die Antwort. I der wahrhaft fürforgerifchen Gefinnung, die Kl. fo lein
Oder wie er felbft fagt: ,Nur das Schickfalsgefchenk fchildert, befitzt, dem würde er wohl mit weniger Ein-
einer großgearteten, fpirituellen Weltanfchauung wird ver- I fchränkungen gerecht werden können, wenn er fich die
mögen, was fo brennend notwendig erfcheint: nämlich Einficht dafür, die ihm im Grunde eignet, nicht durch
einmal eine Auslefe von gereiften Seelen für das philan- j den Gebrauch des unglücklichen unklar wirkenden Wortes
thropifche Problem zu entzünden und fo eine neue Hoff- »Weltanfchauung' verdunkelt hätte.

nung des Menfchengefchlechts zu begründen'. Im Zu- Was Kl. weiter über das Wefen der Fürforgetätigkeit,

fammenhang mit dem allgemeinen Streben nach Geift und über die Mittel der Hilfe, über Geftaltung der Fürforge-
Seele, das durch unfere Zeit geht, gewinnt diefe Schrift, arbeit ausführt, ift ebenfo, wie die Darfteilung des Armen-
die folches auch für die Philanthropie leiften will, ihren rechts und der Armenverwaltung in der Gefchichte der
rechten Hintergrund und ihre Weite. letzten hundert Jahre und in der Gegenwart, alles aus

Heidelberg. F. Niebergall. vollfter Beherrfchung des Stoffes und tiefem Eindringen

--------------I in die inneren Zufammenhänge des gefellfchaftlichen und

Felifch, Wirkl. Geh. Admiralitätsrat Dr.: Neuordnung der J wirtfchaftlichen Lebens gefchöpft. Alle neueren Be-
Menlchenliebe. 2. Aufl. (VI, 169 S.) 8°. Berlin, E. S. j ftrebungen, die Armenpflege zu wirklicher fozialer Für-
Mittler & Sohn 1918. M. 2.50 j forge umzubilden und ihr dadurch den rechten Platz
Der Verfaffer, Ehrenpräfident des freiwilligen Erzie- , unter den gefellfchaftlichen und ftaatlichen Betätigungen
hungsbeirats für fchulentlaffene Waifen in Berlin, führt I zu gewinnen, kommen darin zu ihrem Recht,
aus, daß die Nächftenliebe, ,die noch in den erften An- ! Frankfurt a. M. Georg Schloffer.

fangen fteckt', und deren Aufgaben infolge des Krieges----------

in verdoppelter Dringlichkeit und Fülle vor uns hintreten Knoke, Abt, Geh. Konf.-R. Prof. D. Karl: Die Kirchen-
— obwohl man fie bis auf weiteres auf die eigenen Volks- vorftands- und Synodalordnung der evangelifch-lutherilchen
genoffen einfehränken foll —, einer inneren Neuordnung Kirche Hannovers vom 9. Oktober 1864. Die Gefchichte
bedürfe. Er deckt als Sachverftändiger die vielfachen ■ ihrer Entftehg., die Verhandlgn. über ihre Abänderg.
Mißbräuche auf, die bisher häufig mit der Aufbringung u. Vorfchläge f. ihre Revifion. (VIII, 427 S.) 8°. Gütersund
Verteilung der Geldmittel verbunden waren, legt ; loh, C. Bertelsmann 1916. M. 13—; geb. M. 15 —
aber das Hauptgewicht nicht auf die wirtfehaftliche, fondern i Das Buch verdankt einem dringenden Bedürfnis feine
,die pflegerifche Hilfeleiftung', ,die Erziehung der Uner- ! Entftehung. Auf der 8. ordentl. Landesfynode der luth.

zogenen', die nur dann wirkfam durchgeführt werden
kann, wenn eine .Erziehung der Erzieher' voraufgegangen
ift und ,die Erziehung der Erzogenen' nebenher geht.

Kirche Hannovers ift zuerft der Gedanke einer Abänderung
der Kirchenvorftands- und Synodalordnung vom
9. Oktober 1864 wirkfam durchgedrungen. Die Verhand-

Anknüpfend an fein fpezielles Intereffengebiet, die Jugend- l lungen haben damals dazu geführt, die Kirchenregierung
fürforge, zu deren erfolgreicher Ausrichtung er in einer um die Erwägung zu erfuchen, ,ob und in wie weit eine
früheren, vielbeachteten Schrift den Erlaß eines deut- Änderung der genannten Ordnung erwünfeht und not-
fchen Jugendgefetzes gefordert hat, tritt F. fodann auch wendig fei' (Protokolle S. 175 u. 937). Daß unter diefen
für eine äußere Neuordnung der Liebestätigkeit ein, die I Umftänden eine forgfältige, vor allem auch gefchichtliche
einen Zufammenfchluß der zerfplitterten Änfätze unter Würdigung der bisherigen Ordnung notwendig war, liegt
möglichfter Wahrung der Selbftändigkeit der bisherigen auf der Hand; und Knoke, der von Anfang an die all-
Teilorganifationen nötig macht. Örtliche Wohlfahrtsämter ; mähliche Durchfetzung der Ordnung verfolgt, der fie als
in Anlehnung an die Gemeindebehörden follen die Grund- 1 Theologe und doch wieder als Gemeindeglied hat beob-
lage bilden, über der fich dann, fei es den Einzelftaaten ! achten können, der fie wiffenfehaftlich zu beurteilen in
oder noch beffer dem Reich angegliedert, das Volkswohl- j der Lage ift, und wieder nicht vom juriftifchen, fondern
fahrtsamt als Zentralftelle der Liebesübung aufbaut. vom allgemeineren Standpunkt, war der rechte Mann,
Eine fachkundige, an Anregungen und fruchtbaren Ge- i die Sache in die Hand zu nehmen. Er hat die Aufgabe
fichtspunkten reiche, von edlem Idealismus getragene | ausgezeichnet gelöft, und fein Werk ift auch bereits auf
Schrift. | der 9. ordentlichen Landesfynode dankbar gewürdigt und

Iburg. W. Thimme. ; anerkannt (Stenogr. Berichtes. 116). Es wächft aus der

---—--------—— j Gefchichte heraus und führt mitten in die Gegenwart

Klumker, Prof. Dr. Chr. J.: Fürforgewefen. Einführung in j hinein. Sein I. Teil behandelt die Entftehung der hanno-
dasVerftändnis der Armut u. der Armenpflege. (Wiffen- verfchen Kirchenverfaffung und Synodalordnung, der DL
fchaft u. Bildung. 146. Bd.) (119 S.) 8°. Leipzig, Quelle j die Verhandlungen über Abänderungen der hannoverfchen
& Meyer 1918/ Pappbd. M. 1.50 Kirchenverfaflung, die durch alle Landesfynoden fich hin-

Schärfer als er es in der von ihm herausgegebenen durchziehen und in den oben erwähnten Verhandlungen
zweiten Auflage von Rofchers .Armenpflege und Armen- i ihren einftweiligen Abfchluß finden; der III. Teil bringt
Politik' vermochte, arbeitet hier Kl. Begriff" und Wefen ! pofitive Vorfchläge zur Abänderung der Ordnung von