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Ausgabe:

1919

Spalte:

84-86

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kowalewski, Michael

Titel/Untertitel:

Über die Antinomienlehre als Begründung des transzendentalen Idealismus 1919

Rezensent:

Jordan, Bruno

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83 Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 7/8. 84

in der Necessary doctrine, die am unmittelbarften ein ; aber man darf nicht überfehen, wie fehr die religionskritifchen Lehren
Urteil über ihn felbft und feinen Willen geftattet, etwas Spinozas (nicht feine religidfe Metaphyrik, die völlig für fich geht) zu

Lcffings Zeit Gemeingut der Aufklärung geworden waren. Und ift

erfchloffener war, als wir annahmen, und daß er eine
.vermittelnde' Stellung zwifchen Rom und Wittenberg
nicht gerade beabfichtigte, daß eine folche mehr nur tat-
fächlich bei ihm herauskam. Von mir aus möchte ich fagen:
eigentlich religiöfes Intereffe und Verftändnis hatte der
König nicht, aber es fcheint, daß er in gewiffem Maße
wirklicher Theolog und ,theologifchen' (exegetifchen)
Gefichtspunkten zugänglich war.

Es ift leidig, daß wir von den englifchen Bekennt-
niffen keine deutfche Ausgabe haben. Müller bietet
keine der vier (fünf) Schriften, die Lang behandelt.
Makower in feinem vortrefflichen Werk über die ,Ver-
faffung der Kirche von England'(1894) läßt nicht minder
hier im Stich. Aber felbft bei den Engländern findet
man keine vollftändige, einheitliche Ausgabe der fukzel-
fiven Bekenntniffe ihrer Staatskirche (gefchweige aller ihrer
Kirchen). Hardwick gibt die zehn und die dreizehn
Artikel, aber nicht die andern von Lang befprochenen
Dokumente. Und iogar Charles Lloyd der die Formu-
laries of Faith, die Heinrich VIII erfcheinen ließ, eigens
behandelt, gibt den Text des Blutigen Statuts nicht.
Gee und Hardy können vollends nicht den uns nötigen
Dienft tun. Lang gibt reichliche Einzelzitate, aber
ich bekenne, daß ich nicht kontrolliert habe, ob eine
zufammenhängende Lektüre der Werke, um die es fich
handelt, diefe Zitate für völlig ausreichend zur Beurtei-

nicht Lcffings Erziehungsgedanke mit feiner entwicklungsgefchichflichcn
Telcologie etwas anderes und ungleich Bedeutungsvolleres als der farb-
lofe Anpaffungsgedankc Spinozas und der Aufklärung?

Im übrigen kann ich den Ergebnifl'en dicfer fleißigen und in
fließendem Deutfch gefchriebenen Arbeit auf Grund meiner eigenen
Forfchungen nur zuftimmen. Sic klärt zwar nicht alles, was zu klären
gewefen wäre (insbefondere nicht die Frage, mit welchem Recht Jacobi
trotz Baylc und C hr. Wolf ein grundfätzlich neues Verftändnis Spinozas
für fich in Anfpruch genommen hat); aber an den Punkten, an denen
lie ihre Hebel anfetzt, hat fie die Erkenntnis in anregender Weife
gefördert.

Breslau. Heinrich Scholz.

Weif er, Chriftian Friedrich: Shaftesbury und das deutfche

Geiftesleben. (XVI, 564 S. m. 1 Titelbild.) gr. 8°. Leipzig,
B. G. Teubner 1916. M. 10—; geb. M. 12 —

Es mag fonderbar erfcheinen, daß mitten im Weltkrieg
ein englifcher Denker zum Gegenftand einer umfallenden
Darfteilung erkoren wird, noch dazu mit der
Nebenabficht, die Beziehungen zum deutfehen Geiftesleben
hervorheben. Da zeigt fich wieder einmal das
weltfremde Gelehrtentum, das unbekümmert um die Zeit-
ftimmung feine Liebhaberei verfolgt. So werden viele
fprechen, die nur den Titel lefen und die beträchtliche
Stärke des Bandes fchauen. Tatfächlich bietet der Ver-
faffer zu der bisherigen Shaftesbury-Literatur nicht bloß
einen übertrumpfenden fpezialiftifchen Beitrag, fondern
zeigt uns jenen Denker auch von einer Seite, die gerade
lung diefer Werke zu erachten geftatte. Nur das fei | den intimften Kontakt mit unferer gegenwärtigen politi-
doch ausdrücklich bemerkt, daß ich nirgends Grund ge- ; fchen Lage hat. So gewinnt das Ganze ein aktuelles
funden, mich mißtrauifch zu verhalten. j Intereffe. Nach W. hat Shaftesbury Wefenszüge, die fich

Halle. F. Kattenbufch. , über den gewöhnlichen englifchen Nationalcharakter er-

--—--•-■- ' heben, fo daß diefer Fhilofoph in leinem eigenen Volke

Stockum, Theodoras Cornelis van: Spinoza — Jacobi — ; nicht recht zur Geltung gekommen ift und faft wie eine
Leffing. Ein Beitrag zur Gefchichte der deutfehen j tragifche Figur erfcheint. Daß ihm dafür im deutfehen
Literatur und Philofophie im 18. Jahrb.. (Diff.) (VII, i Geiftesleben ein ftarkes und nachhaltiges Fortwirken zu
108 S.) gr. 8° Groningen, P. Noordhoff 1916. M. 5 — ! teil geworden ift, deutet auf eine Wahlverwan dtfehaft
Diefe Schrift — eine Groninger Doktordiffertation— ; hin, die befonders in den weitausholenden Völker pfycho-
liefert eine erneute und felbftändige Erörterung der mit ; logifchen Betrachtungen der ,Einleitung' fehr fein ge-
Jacobis Spinozabüchlein vom Jahre 1785 zufammenhän- fchildert wird. Die fpezielle Charakteriftik von Shaftes-
genden Probleme. Sie faßt diefe Probleme in zwei Haupt- burys Gedankenwelt gruppiert fich um zwölf Titel: Vertragen
zufammen: l. Wie ift Jacobis Darftellung des 1 innerlichung, Philofophie als Lebens- und Weltanfchauung,

Spinozismus zu beurteilen? 2. Ift Leffing Spinozift
gewefen ?

Was die erfte Frage betrifft, fo zeigt der Verfaffer,
daß Jacobi den inneren Zufammenhang der fpinoziftifchen
Ideen im ganzen und großen richtig erfaßt hat.

In ftiliftifcher Hinficht höchft unbefriedigend, ift Jacobis Darftellung
doch fachlich klar. Wo fie unklar wird, liegen Dunkelheiten vor, für
die Spinoza verantwortlich ift. Alfo Lehren wie die von den unendlich
vielen Attributen oder den unendlichen Modi, die noch heute
kontrovers find. Pollocks Behauptung, daß Jacobi Spinoza nur zur
Hälfte verftanden habe, läßt fich gegenüber dem Tatbeftand nicht aufrecht
erhalten. Richtig ift, daß er fich faft ganz auf die fpinoziftifche

Begriffdes Moralifchen, Spott als Wahrheitsprobe (Ironie),
äfthetifches Genießen, künftlerifches Geftalten, Prinzip der
Aktivität, Gefchmacksbegriff, Natur und Natürlichkeit,
Staat und Gefellfchaft, Wiffenfchaft, Religion. Eine wertvolle
Beigabe ift die Zufammenftellung von einfehlägigem
bibliographifchem Material mit eingeflochtenen orientierenden
Bemerkungen am Schluffe des Bandes. Schade, daß
ein Regifter fehlt, mit dem man den Reichtum alles Dargebotenen
bequem überblicken und ausnützen könntel,
Befondere Beachtung verdienen die treffenden Gedanken
über das Wefen der Romantik S. 70fr., die originelle

Metaphyfik befchränkt und die Ethik nur ganz ^ Vergleichung von Shaftesbury und Cro'mwell S. 83 ff.

hat; aber das hangt mit der Abzweckung feines Buchleins zufammen, I ,. f , • 1. u-n. tu at 1 7r , c- t • 1

eine urkundliche Unterlage für Leffings Spinozismus zu fchaffen. die lehrreichen hiltonlchen Nachweife über das Schick

Was die zweite Hauptfrage betrifft, fo kommt der
Verfaffer zu dem Ergebnis, daß Leffing zwar in feiner
letzten Epoche Spinozift gewefen ift, aber in einem
wefentlich anderen als in dem von Jacobi behaupteten

fal des Adjektivs ,moral' S. 105 ff., die Einordnung des
zentralen Shaftesburyfchen Begriffs der ,innern Form'
in die Logostradition, deren Hauptftationen bei diefer
Gelegenheit fkizziert werden, S. 2756"., die Analyfe des

Sinne. Nämlich nicht fowohl in Hinficht auf feine meta- [ äfthetifchen Erziehungsideals S. 369 die kulturpolitifche

phyfifchen Anfchauungen, als in Bezug auf feine religions- j Kontraftierung des Calvinismus, in dem Shaftesbury wur-

gefchichtlichen und religionsphilofophifchen Anflehten. zeit, und des Luthertums S. 478ff-

Hiev findet der Verfaffer eine fo weitgehende Übereinftimmung Königsberg i. Pr. A. Kowalewski.

mit den Lehren des theologifch-politifchen Traktats (der Erziehungs-______■-.—__

gedanke, die Kritik der inftitutionellen Religion, die praktifche Zu- Kowaipwckv Michael' Über die Antinnmipnlphrp als Be-

fpitzung der Religion u.f.f.), daß er an eine unmittelbare Beeinnuffung AOWaieWSKy, " -J^^ 3S De

glaubt. Dagegen find die Gedanken über Gott und Welt im wefent- grundUlig des transzendentalen Idealismus. (Sonderdr. aus

liehen Leffings eigene Gedanken, und auch fein entfehiedener Deter- den Abhandlgn. der Pnesfchen Schule N. F. IV. Bd.,

minismus greift nirgends auf fpinoziftifche Argumente zurück- . Heft.) (72 S.) gr. 8° Göttingen, Vandenhoeck &

Ob Leffings religionsphilofophifche Anfchauungen, die uns hier Runrecht I9I8. M. 2 ac

eigentlich nicht intereffieren, wirklich fo ftark von Spinoza beeinflußt ; TT" --uu r,nA Ai* V»^r„-t,D J ir •<.:.:<..«„<; «™a« j"°

find, daß man von einem Abhängigkeitsverhältnis fprechen kann, möchte ; .. Ungezählt find die Verfuche, den Kritizismus.von der

ich bezweifeln. Die übereinftimmung mit Spinoza ift freilich fehr groß; Afthetik oder der Eogik oder einzelnen Ablchnitten