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Ausgabe:

1919

Spalte:

65

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfister, Oskar

Titel/Untertitel:

Gefährdete Kinder und ihre psychanalytische Behandlung 1919

Rezensent:

Vorbrodt, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 5/6.

66

Mangel jeder aggreffiven Polemik, der Verfuch verlohn- '
licher .Ausgleichung der rjegenfätze', die Bemühung, unbefangen
und fachlich zu fein.
Bremen. Bruno Jordan.

Pfilter, Pfr. Dr. Oskar: Ein neuer Zugang zum alten Evangelium.

Mitteilungen über analyt. Seelforge an Nervöfen, Gemütsleidenden
u. a. feelifch Gebundenen. (100 S. m.
6 Abb.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann 1918. M. 2.50
— Gefährdete Kinder und ihre pfychanalytifche Behandlung.

Vortrag. (In Jugendwohlfahrt, Schweiz. Blätter f. Schul-
gefundheitspflege,Kinder-u.Frauenfchutz, i9i8Heft iflf.)
(26 S.) gr. 8°. Zürich, Art. Inftitut Orell Füßli.
Indem Pfifter von der Herrlichkeit, aber auch Schwierigkeit
des Pfarramts bez. der Seelforge ausgeht, behandelt
er in vier Abfchnitten: I. Zwei Bruchftücke analytifcher
Paftoration, 2. Aufgabe der Pfychanalyfe, 3. Eingliederung
derfelben in die allgemeine Seelforge 4. Erfolge der
Pfychanalyfe in der Seelforge. Die zwei Bruchftücke bieten
die Neurofen-Pfychographie zweier Jugendlichen von 18
und 19 Jahren. Die Aufgabe der Pfychanalyfe ift die
Deutung der den Patienten felbft unbewußten Triebe,
Hemmungen, Störungen, die zur Feftftellung von Verdrängungen
und Verklemmungen führen. Die Erklärungen
der letzteren ift die 2. Aufgabe, die fich zerlegt in
hiftorifche und pfychologifche kaufaler Reduktion, beffer
ausgedrückt in die lebensbefchreibende und emotionelle
der unterbewußten Motive. Erft jetzt kann der Analy-
fand Stellung nehmen zu feinen Verdrängungen, kann
Neubahnungen durch das Evangelium einleiten. Wollte
der Seelforger die Stellungnahme ohne Vorarbeit der
Piychanalyfe darbieten, fo würde die Erdkrufte des Gemüts
gar nicht berührt werden, fo wenig als die Vergebung
ohne Beichte Sinn und Erleichterung hat.

In Abfchnitt 3 fucht Pfifter Chriftus als Pfychana-
lytiker anzufprechen, was nach Lage der vorhandenen
Gefamtberichte nicht recht möglich ift und in Einzelerörterungen
Widerfpruch erweckt. Abfchnitt 4 bringt
einen neuen Fall, wie auch der pädagogifche Vortrag,
der fich indes gar nicht auf Kinder befchränkt, fondern
der Regreffion in's Infantile breiten Raum läßt.

Es ift meine fefte Überzeugung, daß eine gereinigte
und bereicherte Pfychanalyfe der zukünftigen Theologie
wie Pädagogik von befonderer Tragkraft werden kann,
wenn man erft fich müht, fachlich und willig den fruchtbaren
Kern herauszufchälen. Sie könnte der Theologie
befonders der praktifchen zum Anlaß dienen, aus dem
leidigen Spiritualismus, in deffen Unbiblicität fie durch
den Idealismus gedrängt wurde, zur umfaffenderen Auf-
faffung eines phyfio-pfychifchen Organismus zurückzukehren
. In die Symptomatik könnte die Korrelationsmethodik
der differenziellen Pfychologie ftraffere Ordnung
bringen, ebenfo wie die Deutung der Diagnofe an I
den Typen diefer differentiellen Pfychologie methodifche j
Richtlinien findet. Die eigentliche Erlöfung, Höher- |
bahnung könnte vielleicht in 1. Veredlung der Triebe
(Wiedergeburt und Sublimierung), 2. Kräftigung des Min-
derkeitsgefühls (Adler), 3. Konzentration (Einftellung) fich |
vollziehen.

Alt-Jeßnitz. G. Vorbrodt.

Blüh er, Hans: Die Rolle der Erotik in der männlichen
Gefelllchaft (1. Bd.) (248 S.) 8°. Jena, E. Diederichs !
1917. M. 6—; geb. M. 7.50

Kirftein, Priv.-Doz. Dr. Fr.: Der Geburtenrückgang die
Zukunftsfrage Deutfchlands. (30 S. m. 2 Tabellen.) Marburg
, N. G. Elwert 1917. M. — 50 j

Hammelrath, Emil: Teutonenkraft und fexuelle Frage.
Deutfche Worte zur Beherzigung. (208 S.) 8°. Trier,
Paulinus-Druckerei 1917. M. 3.60; geb. M. 4.50

Alle drei Schriften haben es mit der fexuellen Frage

zu tun, fo verfchieden fie im übrigen voneinander find. |

Blüher behandelt die Sexuologie als Grundlage der Soziologie
Er geht aus von der bekannten Anfchauung
Freuds, daß alle typifchen Strebungen des Menfchen, die
zwangsartig auftreten und Luft auslöfen, als transformierte
Sexualität zu verftehen find. Die Sexualität kann von
der gewohnten Richtung auf das andere Gefchlecht abbiegen
und fich mit voller Kraft auf das eigene Gefchlecht
werfen. Das ift die fexuelle Inverfion, für gewöhnlich
als Homofexualität bezeichnet. ,Der päderaftifche
Menfch wird von der Natur unmittelbar erzeugt und feine
Funktion in der Gefellfchaft ift um keinen Deut unwichtiger
als die feines Gegentypus' (S. 167). Der Eros ift das
lenkende Prinzip des triebhaften Lebens. Zu dem fchöpfe-
rifchen Geift gehört die enge Verbindung mit diefem
Formwillen des Eros. ,Der faunifche Menfch rührt an den
Weltabgrund; erift wieder Erkennende einereligiöfeErfchei-
nung' (S. 91). Für den Faun, wider den Mucker — das ift
naturgemäß eine Grundlinie des Verfaffers (S. 88 ff.). ,Es
geht um die menfchliche Gefellfchaft, es geht wider
Schriftgelehrte und Pharifäer' (S. 10). — Das eine Sozialprinzip
ift der mann-weibliche Eros, der die Familie hervorbringt
, das andere ift der mann-männliche Eros, der die
,männliche Gefellfchaft' oder die Männerbünde erzeugt.
Aus dem zwanghaften Gegeneinanderwirken beider er-
wächft der Staat. Über diefe Männerbünde foll der
zweite Band des Werkes handeln. Zum Verftändnis dient
die Erinnerung an folche, von der Liebe zum Weibe unberührte
, in ihrem Wirken und Empfinden ganz auf
Männergemeinfchaft eingeftellte, Perfonen wie Alexander,
Friedrich d. Gr., Cäfar, Karl XII. und Karl Peters. Aber
auch der Oberlehrer und Bibliothekar, der .Wandervogel',
von dem immer wieder die Rede ift, oder die Begeifterung
der Truppe für einen Führer gehören oft in diefe Reihe. —
Es wird an diefem Referat genug fein. Das Buch ift
übrigens lebhaft und mit Geift gefchrieben. Für richtig
vermag ich weder den Ausgangspunkt noch die Ausführungen
des Verf. anzuerkennen. Gewiß fpielt, im Unter-
fchied von den Dichtern, bei den großen Männern der
Tat das Weib bisweilen eine außerordentlich geringe
Rolle, was wenigftens ihr Innenleben anlangt, denn äußerlich
können fie die Sexualität dabei in normaler und
auch übernormaler Weife betätigen. Aber daraus auf
das Vorwiegen einer invertierten Sexualität zu fchließen,
wird nur dem notwendig erfcheinen, der den gefamten
Lebensdrang mit Freud für eine Äußerung des Ge-
fchlechtstriebes anfieht. Es ließe fich darüber noch viel
fagen, aber das Papier ift leider ungeduldig in diefen
Tagen.

In ausgezeichneter Weife führt der Mediziner Kirftein
in die furchtbare Gefahr ein, die der in den letzten
Dezennien bei uns beobachtete Geburtenrückgang für unfer
deutfches Volk bedeutet. Ich habe felbft in meiner
Schrift ,Der Geburtenrückgang in Deutfchland' 1913 diefe
Frage eingehend beurteilt. Zu meiner Freude kommt
Kirftein in allen Punkten damit überein, was ich gefordert
habe. Wie faft alle, die diefer Frage ernfthaft nachgedacht
haben, kommt auch er zu dem Refultat, daß das
einzige Mittel, das in diefer nationalen Not helfen kann, eine
ernfte Rückkehr unferes Volkes zu der chriftlichen Religion
und ihrer Moral ift. Er hofft auf Grund eigener Anfchauung
, daß der große Krieg in diefer Richtung wirken wird.
Heute freilich fieht fich manches anders an als zu der
Zeit, da Kirftein fchrieb. Da im Unterfchied von den
katholifchen Geiftlichen unfere Paftoren immer noch viel
zu wenig Verftändnis und Intereffe für diefe Fragen
haben, feien fie mit Ernft auf das vorzügliche Schriftchen
Kirfteins hingewiefen.

Vom patriotifchen Standpunkt her behandelt Hammelrath
in febr fachkundiger Weife die furchtbaren Ver-
wüftungen, die durch die fexuelle Zuchtlofigkeit des modernen
Lebens in unferem Volk angerichtet worden find