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Ausgabe:

1919

Spalte:

268-269

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schanz, Martin

Titel/Untertitel:

Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian. 4. Tl.: Die römische Litteratur von Constantin bis zum Gesetzgebungswerk Justinians. Erste Hälfte. 2., verm. Aufl

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 191g Nr. 23/24.

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Verfuche gemacht, von unferer neugewonnenen Kenntnis
der Metrik aus den exegetifchen Problemen beizukommen.
Ich erinnere vor allem an die treffliche Arbeit von
Duhm, zu Arnos fpeziell an die von Sievers ge-
meinfam mit Guthe unternommene metrifche Bearbeitung
im Bd. XXIII der Kgl. Sächf. Gefellfchaft der Wiffen-
fchaften und an die Bemerkungen von Praetorius in der
ZATW. 1915, zu denen er hier einen wertvollen Nachtrag
bringt. Zu 1,2—2,3 ftützt Pr. die von Sievers und Guthe
vertretene Anficht, daß die den Siebnerverfen angehängten
Doppeldrejer nicht urfprünglich find, und befei-
tigt mit leichten Änderungen in 1,5. 6t> g^>ß (Gloffe zu
111>) 12. I5blbzw. durch Umftellungen in 2, 2>> 3 vorhandene
Schwierigkeiten. Stärker ift der Eingriff in
Kap. 4, wo er in den Vv. 1.2 von der Erkenntnis ausgeht
, daß hier vier Siebnerverfe vorliegen, ebenfo fucht
er die fchon ZATW. 1914, S. 43 ausgekrochene Vermutung
, daß namentlich V. 2 gloffiert ift, weiter zu begründen
. Ref. hält die Vorfchläge von Pr. für fehr beachtenswert
, zweifelt aber, ob namentlich bei 2» fchon
das letzte Wort gefprochen ift. Die Vorfchläge zu 4,
4—6 führen das in ZÄTW. 1915, S. 15 f. dargelegte weiter
und geben eine fcharffinnige Löfung der vorliegenden
Schwierigkeiten. Auch die Bemerkungen zu 5,14. 1,5
greifen auf ZATW. 1915 S. i6f. zurück und fuchen mit
Hilfe der LXX eine befriedigendere Textgeftalt von V. 15
zu gewinnen. Wertvoll find die Vorfchläge zur Text-
herftellung in 7, 1—9. 8, 1—3, wobei Pr. von der Erkenntnis
ausgeht, daß jede Strophe aus vier fechsfüßigen
Verfen, die öfter gebrochen find, befteht. In den Reden

7, 10—17 liegt, wie Pr. zeigt, ein beftändiger Wechfel
des Metrums vor: fo V. 10 5 + 5, V. 113 + 5, V. 12 4 + 4,
V. 14. 15 4 + 4, i6f. dreimal 3 + 3. Auch in 8, 4—10
haben wir Doppeldreier mit Ausnahme von V. 5, der
drei Fünfer enthält, ebenfo in 8, 11 —14. Speziell zu

8, 14 bringt Pr. beachtenswerte Vorfchläge. Zu 9, 1—4
gibt Pr. Modifikationen zu den Darlegungen ZATW. 1915
S. 24f: er fieht jetzt hier fünf Doppelvierer und ver-
fucht von diefer Vorausfetzung aus den urfprünglichen
Text zu rekonftruieren, was freilich ftarke Ausscheidungen
bedingt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass derartige Verfuche
nicht den Anfpruch erheben können, überall zu
ficheren Ergebniffen zu kommen, namentlich werden die
Textänderungen da fraglich fein, wo man es mit Ausweitungen
des urfprünglichen Textes zu tun hat, bei denen
es immer zweifelhaft bleiben wird, ob ein Metrum überhaupt
vorliegt. Aber diefe Einfchränkung kann an der
Tatfache nichts ändern, daß ohne den Weg, den Pr. gegangen
ift, ein wirklicher Fortfehritt untererer Erkenntnis
der prophetifchen Literatur nicht möglich ift. Pr. kann
daher des Dankes aller Fachgenoffen ficher fein, auch
wenn er nicht überall, vgl. zu 1, 1.9, 1 ff, Zuftimmung
findet.

Leipzig. W. Nowack.

Lütgert, Prof. D. Wilhelm: Gefetz und Geift. Eine Un-
terfuchg. zur Vorgefchichte des Galaterbriefes. (Beiträge
zur Förderg. chriftl. Theol, 22. Bd., 6. Heft.)
(106 S.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann 1919. M. 3.60
Jede Auffaffung der Kämpfe des Pau'us muß fich
am Gal. bewähren.' In diefer Meinung fetzt Verf. feine
Thefe von den Kämpfen des PI. mit der beginnenden
Gnofis, die er vor Jahren an Kor. begonnen hat, hier an
Gal. fort. Von zwei Seiten fei die Gemeinde zerwühlt.
Pneumatiker hätten Verirrungen phrygifcher Kulte einge-
fchleppt und Paulus verleumdet, fein Evangelium habe
er von Menfchen empfangen und die chriftliche Freiheit
durch Übernahme der Befchneidung verleugnet. Der
drohende Rückfall zum Heidentum hätte eine jüdifche
Verfolgung erweckt (?); um vor ihr zu fchützen, hätten
Judaiften die Befchneidung empfohlen. Diefe Thele
orientiert den Brief wefentlich am Gegenfatz gegen die
Pneumatiker; an ihrem Bilde blendet befonders zweierlei:

Sicherung vor Verfolgung ift ein befferes Motiv für Übertritt
zum Judentum als das traditionelle, dadurch die
Seligkeit zu fichern; und das Wort von der Zerfchneidung
gewinnt grelle Beleuchtung durch Hinweis auf die Ky-
bele-Verehrer, welche an Fellen zu allerlei Enthufiasmus
bis zur Entmannung aufforderten. Indeffen die Thefe
von den beiden Parteien muß fich rechtfertigen an den
Anreden und an der Ausführung. 4, 21 (,die ihr unter
dem Gefetz fein wollt') fei nur der judaifierende Teil in
der Gemeinde angeredet. Aber einmal kann diefe Anrede
der ganzen Gemeinde gelten, wenn ihre Majorität
judaifiert; und fodann, wenn für den Verf. 4, 9 vom Rückfall
ins Heidentum redet und nicht von Übernahme des
Judentums, fo verfteht er doch gerade unter aror/tia das
jüdifche Gefetz (S. 71), von welchem auch die Pneumatiker
erlöft feien (S. 69); alfo wären doch die, welche
unter die örotvetec (= Gefetz) zurückwollen, 4,21 nächft-
liegend gerade die Pneumatiker. Nebenbei bemerkt,
fcheint es mir unmöglich, daß die Pneumatiker fich für
berechtigt hielten, als Chriften an heidnifchen Kulten
teilzunehmen, wie die Kor. an Kultmahlzeiten (S. 80);
denn den Kor. waren die Götzen Nichtfe, hier aber handelt
es fich um wirkliche Kultusdienfte. Und die Anrede
6, 1 (,die ihr chriftlich feid') andrerfeits kann fich auch
an die ganze Gemeinde wenden, da fie alle den Geift
empfangen haben (4, 6). Doch in der Ausführung follen
es die Pneumatiker fein, welche den doppelten Vorwurf
gegen PI. erheben, er habe das Evgl. von Menfchen empfangen
und die chriftliche Freiheit verleugnet. Vom
Judaiften freilich kann nicht als Vorwurf behauptet
werden, daß er fein Evgl. aus judaiftifchen Kreifen habe;
aber der wirkliche Vorwurf ift auch vielmehr der, daß
PI. keine felbftändige Autorität fei (weil er das Evgl. von
Menfchen habe), und der ift echt judaiftifch. Und ebenfo
wenig freilich können Judaiften ihm vorwerfen, daß er
,noch' Befchneidung predige (ftatt .nicht mehr') und fich
die Befchneidung habe auferlegen laffen; aber 2, 1 ff. wird
die Befcbneidungsfrage nicht zum Vorwurf der Gegner
gehören, der fich vielmehr gegen die Autorität des PI.
richtet, fondern fie wird in einer Pharenthefe von Paulus
gerade herangezogen. So erfchienen mir die beiden
wichtigften Beweife der Ausführung nicht treffend. Die
Verhältniffe in den beiden Briefen dürften zu verfchieden
fein, als daß jede Auffaffung von den Kämpfen des PI.
fich gerade an Gal. bewähren müffe. Es findet fich aber
in diefer Vorgefchichte eine umfaffende Exegefe, die bei
vielen wichtigen und ftrittigen Punkten ein neues Durchdenken
erheifcht.

Königsberg i. Pr. Pott.

Schanz, Prof. Martin: Gelchichte der römifchen Literatur
bis zum Geletzgebungswerk des Kailers Jultinian. 4- Tl.:
Die römifche Literatur von Conftantin bis zum Gefetz-
gebungswerk Juftinians. 1. Hälfte: Die Literatur des
4. Jahrh. 2., verm. Aufl. Mit aiphabet. Regifter.
Lex.-8°. (XV, 572 S.) München, C. H. Beck 1914.

M. 10—; geb. M. 12 —
Die erfte Auflage des wertvollen Buches ift in diefer
Zeitung 1904, Sp. 513 fr. ausführlich zur Anzeige gebracht
worden. Für die zweite müffen wir uns mit einem Hinweis
darauf begnügen, daß der Verfaffer den reichen
Ertrag der P+rfchung von zehn Jahren reftlos ausgenutzt
hat. Von den rund hundert Seiten, um die die zweite
Auflage gegenüber der erften gewachfen ift, kommt
freilich nur die Hälfte auf Rechnung diefer Nachlefe.
Die andere Hälfte füllt ein Rückblick, in dem fich der
Verfaffer auf den Höhen einer organifcheren Betrachtung
bewegt, als die rein äußerliche Aneinanderreihung einzelner
Schriftfteller im Korpus des Buches es geftattete.
Der Reichtum des Inhalts ift auch durch die Darfteilung
im dritten Band von Bardenhewers Literaturgeschichte
nicht übertroffen worden, während Teuffels Handbuch
trotz der in der neuen Auflage durch Kloftermann erzielten
eingehenderen Berückfichtigung der chriftlichen