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Ausgabe:

1919 Nr. 1

Spalte:

228-229

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vrijer, M. J. A. de

Titel/Untertitel:

Henricus Regius, een ‘cartesiaanisch’ hoogleeraar aan de Utrechtsche hoogeschool 1919

Rezensent:

Windisch, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 19/20.

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fchichtsfchreiber des Konzils dienlich fein wird; für die
hier allein mögliche Charakteriftik mochte das vorliegende
Material fchon hinreichen. Auf fpezielle Fragen, etwa im
Zufammenhange mit der vorhin berührten: wie weit die
Formulierung gewiffer Trienter Lehrcanones, z. B. in dem
Gebiete der Rechtfertigungslehre, von der gegnerifchen
beeinflußt worden find — ift der Verf. nicht eingegangen.

Dr. jur. Schneller in Zürich befpricht an dritter
Stelle .Kirche und Staat' in ihren Wechfelbeziehungen
in diefer Zeit, in deren zweiter Hälfte (17. Jahrh.) der neu
gewonnene kirchlich-katholifche Einfluß in Europa geftützt
auf die Grande Nation mit ihrem kulturellen Leiftungen
befonders hervortrete.

Diefe Leitungen auf dem Gebiete der Literatur und Kunft wird
man nicht in Abrede (teilen; aber wenn dem Verf. dabei die Compagnie
du Saint Sacrament als Frucht von Humanismus und Kirche (S. 125)
vor Augen tritt, in welcher ,die edelften Kräfte des lebendigen Katholizismus
aus den Kreifen der Ariftokratie . . . zur Caritas angeleitet, der
Arbeiterfürforge zugeführt, ja zum befremden Einlluß in der Rechtspflege
verwendet wurden', fo möchte ihm doch Kaoul Aliier's Cabale des
Devots, Paris 1902, oder die in der Revue historique 1899 veröffentlichten
f kandalöfen Annalen der Compagnie behufs befferer Information
empfohlen werden dürfen.

Die Struktur unferes Werkes macht, daß Wiederholungen kaum zu
vermeiden find — fo in dem 4. Beitrage ,Orden und Kongregationen
' von dem Benediktiner Dr. Egger in Engelberg, auch in dem
dann folgenden ,Die Kirche als Mutter der Heiligen' von Profeifor
Kirfch in Freiburg, fofern fie Anftalten und Perfönlichkeiten eingehender
behandeln, welche bereits vorher zur Charakteriftik der Zeit und der
kirchlichen Reftauration verwendet werden mußten.

Neu dagegen in der Gefamtdai ftellung ift der fechfte
Beitrag ,Leiden und Verfolgungen der Kirche' von j
dem Herausgeber Profeffor Scheuber in Schwyz. Unter j
der von ihm gewählten Überfchrift wird zuerft behandelt :
der literarifcbe Kampf, in dem Luther mit der Schrift
.Wider die Bulle des Entchrifts' zum Angriff vorgegangen j
fein foll, während doch erft zu Unteraichen wäre, wer ■
.angefangen' hat. Dann folgen .Kirchenraub und Bilder- |
(türme' und das Hauptftück bieten .Blutzeugen in Eng- i
land', deren Zug gar bis in das 18. Jahrhundert vor dem
Lefer vorbeiwandert — natürlich werden die Opfer zur j
Zeit der .blutigen Maria' mit Schweigen bedeckt. Während j
darauf der Freiburger Profeffor Beck die Frage der Seel- ;
forge gemäß den Trienter Weifungen behandelt, führt j
der 9. Beitrag aus der Feder des Leiters das Steyler I
Miffionswerk auf das ausgedehnte Gebiet, in deffen I
Bearbeitung die evangelifche Kirche fleh die Vorhand hat |
abgewinnen laffen. Es find glänzende Erfolge, welche
P. Freitag vorführen kann, und er gibt, wenn auch zu
äußerfter Kürze gezwungen, von S. 290 — 334 davon ein
anziehendes Bild.

Mit den folgenden Beiträgen kehren wir zur innerkirchlichen
Arbeit zurück: P. Aebifcher (Einfiedeln)
behandelt: ,Die Armen- und Krankenpflege', Stigl-
mayr in Feldkirch das weite Gebiet .Unterricht und
Erziehung', dem 62 Seiten gewidmet find. Es find
zwei Mittelpunkte, um welche fich die Bewegung fammelt
und fortpflanzt: das Trienter Dekret über die geiftlichen
Seminare und das Erziehungswefen der Jefuiten in ihren
Anftalten. Über deffen Erfolge werden freilich, was den
Wert angeht, die Urteile verfchieden lauten, aber daß von
dem Gefichtswinkel aus, den fie felber nehmen, Erftaun-
liches erreicht worden ift, kann nicht in Abrede geftellt
werden. Übrigens befchränkt Stiglmayr fich nicht auf
die Schultätigkeit feines Ordens — er tut auch deffen
Erwähnung, was in befcheidenerem Umfange die Thea-
tiner und Barnabiten, in weiterem die Oratorianer,
Somasker, die Brüder der chriftlichen Lehre und gewiffe
weibliche Orden geleiftet haben.

Trotz äußerfter Befchränkuug ift Ref., indem er liier die Grenze
des ilim erftatteten Raumes erreicht, erft bis zur Befprechung des zehnten
der Beiträge vorgerückt. Bei den noch folgenden ift es nicht tunlich,
über die bloße Erwähnung hinaus zu gehen. Zumal bei dem II. ,Dic
Lehre der Reformatoren und die katholifche Theologie' von
Regens Gisler in Chur, der den Stoff zu einem ganzen Controvers-
katechismus bietet, während der Rektor am päpftüchen Bibelinftitut in
Rom, der Jefuit Fonck, unter der I berfchrift ,Die heilige Schrift,
(XII) von der katholifchen Bibelwiffenichaft feit den Trienter Feftfetzun-

I gen und der Vulgataausgabe handelt. Es folgen fodann ,Kanzel-
! beredfamkeit' (XIII) von Prof. Künzle, .Gefchichtliche Studien'
j (XIV) von Baronius bis zu den Bollandiften von 1'. Maurus Knar,
,Die bildende Kunft' (XV) von Prof. Kuhn, ,Der Katholizismus
und die Literaturen' (XVI) von Prof. Oehl, ,Die Mufik' (XVIIj
von Seminardirektor Flueler und endlich ein allgemeiner Schluß: ,Aus-
j Wirkungen und Folgerungen' von Stadtpfarrcr Weiß in Zug.

Das aus fo vielartigen Zullüffen hergcftellte Werk macht infolge
des dominierenden Gefamtzweckes und einer hier und da merkbaren
1 redaktionellen Tätigkeit des Herausgebers doch einen einheitlichen Eindruck
. Es ift das erftemal, daß die katholifchen Theologen der Schweiz,
die längft in ihrer Zeitfchrift beachtenswerte gefchichtliche Einzelbeiträgc
geliefert haben, gemeinfam hervortreten. Die Anficht des Bilchofs von
Chur, der das ,imprimatur' erteilte, daß ,das Buch in durchaus ireni-
fcher Weife, ohne die im Glauben getrennten Brüder zu verletzen, die
ewig junge Kraft des katholifchen Glaubens zeigt' ift in einer an-
gefehenen proteftantifchen Zeitfchrift beanftandet worden. Die dort angeführten
Proben zeigen allerdings, wie fchwer es dem, der vom eng
katholifchen Standpunkte aus an das Thema herantritt, hält, die er-
wünfehte Linie zu wahren. '

Königsberg. Benrath.

Vrijer, Dr. M.J.A.de: Henricus Regius, een .cartefiaanifch'
hoogleeraar aan de Utrechtfche hoogefchcol. (VII, 221
ix. XXII S. m. 1 Bildnis.) gr. 8U. Haag, M. Nijhoft'
1917. 3 Gld.

Henricus Regius (l 598—1679), der Utrechter Profeflor
der Medizin, dem diefe intereffante und wertvolle, nicht nur
aus der gelehrten Literatur, fondern auch aus Briefen und
Akten fchöpfende Arbeit gewidmet ift, gilt in der wiffen-
fchaftlichen Tradition als Schüler und Freund Descartes',
der in der Nachfolge feines Vorgängers Renerius an der
jungen Utrechter Hochfchule Cartefianifche Philofophie
dozierte und in Gisbert Voetius, dem damaligen Führer
der calviniftifchen Scholaftik einen leidenfehaftlichen und
erfolgreichen Gegner fand. Diefe Aufftellung ift indes,
wie de Vr. nachweift, nur halb richtig. Regius war Car-
tefianer in der Phyfik und Medizin und vor allem als
Beftreiter der Scholaftik; nicht fo fehr in der Philofophie
und Pfychologie.

Regius beftritt den ontologifchen Gottesbeweis, den Descartes aufgehellt
hatte, und im Zufammenhang damit die Lehre von den eingeborenen
Ideen: Diefe beruhen ausfchließlich auf Erfahrung oder Überlieferung
; für die Gottesidee geftand Regius auch die Offenbarung als
Quelle zu, wie er denn die Autorität der heiligen Schriften nicht an-
taften wollte. Und in der Pfychologie neigt er zu einem, freilich nicht
ganz klar ausgefprochenen Materialismus. Er lehnt den Cartefianifchen
Dualismus ab. Der Geift kann freilich Subftanz fein, aber ebenfo gut
auch der Modus einer körperlichen Subftanz oder ein Attribut, das zu-
fammen mit der Ausdehnung demfelben Subjekt, dem Menfchen. angehört
. Regius legte den größten Nachdruck auf die körperlichen Bedingungen
ailer geiftigen Funktionen. Ausführlich hat Regius diefe
Anfchauungen in feinen 1646 erfchienenen Fundamenta Physices dargelegt
, die er gegen den Rat Descartes' herausgab und deren Erfcheineu
den Bruch mit dem früher hochgefchätzten uud bewunderten Freunde
und Lehrer herbeiführte. Aber wie de Vr. zeigt, hat Regius diefe
matcrialiftifche Pfychologie allzeit in fich getragen, und zwar fchon ehe
er mit Descartes' Schritten bekannt wurde. So kommt der Verf. zu dem
Ergebnis, daß er eigentlich niemals Cartefianer im eigentlichen Sinne
! des Wortes gewefen ift. Nicht ein .Abfall' von Descartes' war die
Trennung, wie die Cartefianifche Tradition behauptet, fondern das deutliche
Hervortreten der längft vorhandenen prinzipiellen Differenz in den
; Grundanfchauungen, die bisher nur durch den geincinfamen Gegenfatz
gegen die Scholaftik verfchleiert war.

So gibt das Buch einen fehr intereffanten Einblick
in den Gelehrtenftreit des 17. Jahrhunderts und zeichnet
j eine Phafe im Entwicklungszeitalter der modernen Philofophie
, die von hoher pragmatifcher Bedeutung ift. Des-
I cartes und Regius find Vertreter jener zwei Hauptftrö-
j mungen, der rationaliftifchen und der materialiftifchen,
deren eine den theologifchen Rationalismus ermöglichte,
I während die andere zum Atheismus und zur Bekämpfung
aller chriftlichen Religionslehren führen mußte. Leider
hat der Verf. darauf verzichtet, diefe Zufammenhänge
breiter auszuführen und dem Regius feinen Platz in der
I Gefamtgefchichte des wefteuropäifchen Geifteslebens genauer
anzuweifen. Er begnügt fich mit kurzen Andeutungen
. Er nenntRegius einen Wegbereiter für Büchner und
Haeckel (S. 83), hätte aber beffer auf die franzöfifchen
Materialiften des 18. Jahrhunderts weifen follen, auch fein
Verhältnis etwa zu Plobbes und Gaffendi hätte näher um-