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Ausgabe:

1919 Nr. 1

Spalte:

204-206

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braun, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Biographisches und theologisches Verständnis der Entwicklung Luthers 1919

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 17/18.

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verftanden bin ich mit der Beurteilung des Verhaltens
Luthers in Sachen der heffifchen Doppelehe, das als
„Beichtpraxis, Kafuiftik und Probabilismus" abgetan wird.
Ganz zur Rtligion lenkt der fein disponierte, methodifch
ausgezeichnete Schlußvortrag von W. Veit über die Religion
als Erlebnis. .Entweder man fucht mit dem Katholizismus
Gott mit natürlichen Kräften zu erlangen, oder
ihn mit Luther als übernatürliches Seelenwunder zu erleben
.' Sowohl das Entweder als auch das Oder werden
klar gemacht, und dann fehr treffend als Mifchgebilde
von beiden auf proteftantifchem Boden Orthodoxie, Romantik
, Rationalismus, Aufklärung, Idealismus und Methodismus
erwidern Lenaus .Savonarola' belegt die
Möglichkeit des Erlebniffes auch in der modernen Welt.

Nicht weniger als 23 Beiträge vereint das Jubiläumsheft
der .Süddeutfchen Monatshefte'1. Sie alle einzeln
aufzuzählen oder gar zu befprechen an diefer Stelle, ift
unmöglich. Es foll ein Gefamtbild des Proteftantismus
in feinen verfchiedenen Ausftrahlungen bis hin zu den
proteftantifchen fogen. Sekten, über die deren Vertreter [
ielbft berichten, gegeben werden. Auch die Schweizer I
Reformatoren werden (von Wernle, Vifcher, Schwarz)
karakteriftert. Alle Richtungen kommen zum Worte,
daher denn fcharfe Gegenfätzlichkeit der Auffaffung ;wie
etwa zwifchen Lauerer und Traub) nicht fehlt. Über
.Luther und der Staat' fpricht Hauck, über .Proteftantismus
und Sittlichkeit' Troeltfch, und Seeberg über '
.Proteftantismus und Sozialismus'.

Das Lutherheft der .Theologifchen Studien und Kritiken2
' enthält zunachft eine Abhandlung von P. Kalkoff
über ,das unechte Breve Hadrians VI an den Kurfürften
von Sachfen' (vgl. Köftlin-Kawerau: M. Luther I 784!),
als deffen Verfaffer mit überzeugenden Gründen Hoch-
ftraten erwiefen wird, der durch diefe gleichzeitig auch
in der Volksfprache veröffentlichte Elugfchrift in weitere
Kreife eine Erregung hineintragen wollte, unter deren
Druck der Befchützer Luthers fich in letzter Stunde noch
zu deffen Preisgebung entfcheiden follte. Ad. Rifch
zeigt .Luther als Bibelüberfetzer in dem Deutfchen Pfalter i
von 1524—1545', d. h. unter Benutzung des in W. A.
niedergelegten wiffenfchaftlichen Apparates wird an aus-

Pewählten Beifpielen die Entwicklung der Lutherfchen
falterexegefe aufgewiefen unter befonderem Hinweis auf
feine Einfühlung und die Zielftrebigkeit des Ausdrucks.
Eine derartige Unterfuchung wird einmal für die ganze
Bibelüberfetzung gemacht werden muffen. Das Glanz-
ftück der Feftnummer bietet die tiefgründige Arbeit von
Loofs über den .articulus stantis et cadentis ecclesiae'.
Der Raum verbietet, mehr als das Ergebnis hier anzuführen
: den Terminus articulus stantis et cadentis ecclesiae
für die Rechtfertigung kann L. zuerft bei V. E.
Löfcher nachweifen; er hat fich gebildet auf Grund von
ähnlichen Äußerungen Luthers, Auguftins und Johann
Gerhards, doch ift der Sinn bei allen vieren ein verfchie-
dener. Die Bedeutung bei Luther erläutert L. an dem
Begriff iustitia dei passiva, die nicht, wie üblich, zu deuten
ift als iustitia, qua iustificamur coram deo, fondern nach
einem von L. bei Luther auch fonft üblichen fogen. Ob-
jectivationsfchema = agnoscere deum iustum in obiecto
= die Gerechtigkeit, die wir Gott allein zufchreiben und
mit der er uns dann wiederum befchenkt. ,Wir müffen
Gott Recht geben, wenn wir von ihm gerechtfertigt
werden wollen.' Auch die iustitia passiva Christianorum
ift entfprechend zu deuten. O. Albrecht nimmt in breit
angelegter Unterfuchung Stellung zu dem zwifchen Harde-
land und Meyer (Göttingen) entbrannten Streit über die
Erklärung des erften Gebotes in Luthers k.einem Kate-

1) Der Proteftantismus. Dargefte'lt in Beiträgen v. Geh. Rat
Dr. Dietrich Schäfer, Geh. Rat D. Albert Hauck. Geh Konf.-Rat D.
Dr Karl Holl, Prof. D. P. Wernle ufw. (Süddeutsche Monatshefte,
Oktober 1917.) (160 S.) gr. 8°. München, Süddeut. Monatshefte.
M 1.80

2) Lutherana. Lutherheft der Theologifchen Studien u Kritiken
zum 31. Oktober 1917. (HI u. S. 231—526) 8°. Gotha, F. A.Perthes
1917. M. 8 —

chismus. Ergebnis: ,ich möchte Meyers Frage: Ift das
1. Gebot eine Idealfchilderung des Chriftenlebens, oder
fteigt es zu der Höhenlage der Volksf ömmigkeit und
Volksfittlichkeit in volksei zieherifchen Abficht hinab? dahin
beantworten: das erfte ift u. a. mit Hardeland zu bejahen
, und das zweite nicht durchaus zu verneinen'.
M. E. kommen über den tief in Luthers Theologie eingreifenden
, lehrreichen Auseinanderfetzungen mit Hardeland
Meyers Nachweife des hiftorifchen Werdens tler
Formel: ,Wir follen Gott fürchten und lieben' nicht zu
ihrem Rechte. A. V. Müller macht einige nicht ua-
wefentliche Fragezeichen zu der Auffaffung Scheels von
Luthers Eintritt ins Klofter. Die Behauptung, Luther wäre
durch ein der Angft abgepreßtes Gelübde nicht gebunden
gewefen, das Pfalmwort: vovete et reddite könne auf das
Gelübde von Stotternheim keine Anwendung finden,
fei irrig; darin dürfte M., der erstmalig fcholaftifche
Belegftellen bringt, Recht haben (ich hatte dasfelbe fchon
langft behauptet). Von dem Bewußtfein eines befonderen
himmlichen Rufes könne keine Rede fein, da dann Luther
nicht von einem votum coactum habe fprechen können,
vielmehr willig dem göttlichen Rufe gefolgt wäre. Das
überzeugt nicht; hier liegen keine ausfchließenden Gegen-
fätze vor, immerhin verdienen M.s Ausführungen über
das Gefpenft = praestigium = die das Gewitter vor-
täufchenden Dämonen Beachtung. Abgefchloffen wird
das Heft durch G. Krüger, der einen auch F. Hermann
(ZKG 23, 265 ff.) gegenüber nach dem von diefem entdeckten
Mainzer Manufkripte bereinigten Text des WA I,
62 ff. gedruckten Ablaßtraktates bietet, und G. Kawerau,
der ein wiederaufgefundenes Blatt aus dem Dresdner
Luther-Pfalter (f. WA III, 127) veröffentlicht.

Rittelmeyer1 bringt zunächft einen Vortrag .Luther
und Goethe' zum Abdruck, fehr geiftvoll, das Material
ausfehöpfend, aber doch den Eindruck hinterlaffend, daß
die Beiden nun einmal nicht zufammenftimmen können.
Ein folcher .Zwieklang und Zufammenklang' der beiden
großen Geifter: .Goethe ftrebt durch die Natur, durch
die äußere Welt zu der Chriftuswelt empor, zu dem
Chriftusgott, den Luther als Gefchenk der Gefchichte in
fich trug', ift letzlich keiner. Umfo freudiger ftimme ich
R. zu: .Darum follen unfere jungen Deutfchen der Zukunft
hindurchgehen durch Goethe und durch Luther'.
Es folgt eine treffliche Predigt über den Wert der
Lutherbibel im Anfchluß an Luk. 2, 27 f., über die Gnade
als männliche Kraft auf Grund von Luk. 10, 17 — 20, über
Luthers Perfönlichkeit.-wert im Anfchluß an Joh. 7, 38,
und eine prächtige Analyfe des Lutherliedes ,Ein fefte
Burg', für die man R. dankbar die Hand drücken möchte,
macht den Schluß.

L. Thimme4 fühlt fich berufen, als Claus Harms
redivivus ,neue Thefen' in die Welt zu fenden. Sie find
ein fehr lehrreiches Dokument der Gemeinfchaftsbewegung
in ihrer Stellung zu Luther und zum Landeskirchentum.
Zu diskutieren ift mit dem Vf. nicht, und Ad. v. Harnack
wird es nicht fonderlich bekümmern, daß ihm, allerdings
unter ausdrücklichem Vorbehalt des Irrtums, zugefchrieben
wird, er ftelle fich nicht unter, fondern über die Schrift.
Von der Verwirklichung der praktifchen Ziele des VL
nach deffen Wunfeh die jungen Kandidaten gefragt
werden follen: ,mein Lieber, haben Sie auch perfönliche
Heilsgewißheit?' find wir wohl gegenwärtig noch weit
entfernt.

Die Antrittsrede von W. Braun5 betrachtet Hausraths
.Luther' als typifches Beffpiel für eine Biographie,

3) Rittelmeyer, Friedrich: Luther unter uns! Luther u. Goethe.
Luther u. wir. Luther im Lutheilied. (IV, 97 S.) kl. 8«. München,
Ch. Kader 1917. M. 1.50

4) Thimme, P. L.: Neue Theten zum Reformations-Jubiläum,
Eine Weckfchrift f. das evangel. Deutfchland. (IV, 131 S.) 8". Marburg.
Reichsverlag 1917. M. 1.50

5) Braun, Lic. Wilhelm: Biographifches und theologifches Ver-
ftändnis der Entwicklung Luthers. Antrittsvorlemng an der Univerfität
Heidelberg. (29 S.) gr. 8". Berlin, Trowitzlch & Sohn 1917. M. I —