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Ausgabe:

1919 Nr. 1

Spalte:

198-199

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weiß, Johannes

Titel/Untertitel:

Das Urchristentum. 2. Teil: Schluß 1919

Rezensent:

Vischer, Eberhard

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197

Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 17/18.

198

(r^bn) neben Tora (min) ufw. Sonft aber fei die fleißige

Arbeit zu ergehendem Studium empfohlen.

Leipzig. Erich Bifchoff.

Harnack, Adolf v.: Der Spruch über: Petrus als den Fellen
der Kirche (Matth. 16, 17 f.). (S.-A. a. d. Sitzungsberichten
d. Kgl. preuß. Akademie d. Wiffenfchaften.
1918, S. 637—654.) Lex. 8°. Berlin, G. Reimer 1918.

M. 1 —

Wie ich mich das letztemal mit diefem wichtigen
Herrenwort belchäftigte, blieb mir als ein noch unaufge-
löftes Bedenken die Empfindung zurück, daß die Verheißung
- jtvXcU ctiöov 00 xaTiazvoovOip avzrjs nicht recht
zur K?rche' paffen will, da hier doch offenbar an ein
Individuum gedacht ift, das fleh mit Erfolg gegen den
Tod wehren wird, alfo entweder ewig leben oder dem
Hades wieder entfliehen wird. Diefe Schwierigkeit hat
Harnack zu einer neuen, ingeniöTen Erklärung gefuhrt:
Die Perfon, der hier verheißen wird, daß fie nicht
fterben werde, ift Petrus und nicht die Kirche.
Der Spruch ift eine perfönliche Zufpitzung des Wortes
Mk 9j auf Petrus und eine Parallele zu Joh. 2i22.
Drei Zeugen aus alter Zeit kann H. für diefe Erklärung
namhaft machen, Ephräm, den Heiden bei Macarius
Magnes und Origenes; eigentlich ift nur der Heide ein
wirklicher Vorgänger, denn nur er hat erkannt, daß das
Wort eine Prophetie ift, die fleh nicht erfüllt hat. Diefe
Auslegung ift freilich im vorliegenden Text nur möglich,
wenn man aurijc über rijv ixxXt,o'iav hinweg auf jiixQa
bezieht (vgl. Origenes). Das ift fyntaktifch nicht unmöglich
(vgl. Hebr. I217, I. Joh. j'.a aber dann wird
der Satz vom Kirchenbau eine völlig ifolierte Zugabe,
wogegen die gewöhnliche Beziehung (auf die Kirche) den
fchwierigen und anftößigen Gedanken liefert, daß Petrus
(nicht Chriftus) der Fels der Kirche fei. Alfo ift nach
H. der Zwifchenfatz zu ltreichen und als urfprünglich
anzufetzen: ov tt Krjfpäg xul xöXai Aiöov ov xatioyv-
oovoiv aov, d. h. der Text Tatian's (bei Ephräm). Der
Satz von der Kirche wurde eingefchoben, um den ,ewig
lebenden' Petrus zu befeitigen und die .Kirche' zu verherrlichen
; die Einfchiebung gefchah wohl in Rom etwa
zur Zeit Hadrians.

So zwingend die Beweisführung auslieht, fo icheint mir doch noch
nicht jeder Zweifel an ihrer Richtigkeit unmöglich. Mit Recht fetzt
H. das dö Et Tit'rpos dcm di> ei ö Xpunug gegenüber und fieht das
Akumen von Rede und Gegenrede in der beiderfeitigen neuen Namen-
gebung. Dann erwarte: man aber noch einen Satz, in dem der neue
Name Petrus erläutert wird. Die e Erläuterung würde nach dem H.fchen
Text das Wort von den Hadestoren darftelien, aber das gibt einen un-
fchönen Bildwech el (vgl. Origenes ad v.), m. a. W. zum Feiten gebort
unbedingt ein Gebäude, das darauf feit gegründet ift (vgl. Mt. 7219".).
Ift das richtig empfunden, fo wäre die Auslcheidung unftatthaft. Dann
ließe fich gleichwohl die von H. angenommene Beziehung auf Petrus
fefthalten, ja fie muß als die nächftliegende anerkannt werden, da bei
dem Bild der Hadespforten unbedingt zunäcbft an ein Individuum gedacht
werden muß. Dabei ift dann entweder abxijg auf nizpa zu beziehen
oder aov fta't aör'/e zu le en. Die fcheinbare Ifolierung des
Satzes von der Kirchengründung hebt lieh, wenn eben gemeint ift, daß
ebenfo wie Petrus auch die auf ihn gegründete Kirche nie untergehen
wird Dann ift der urfprüngliche und lehr altertümliche Sinn des unverkürzten
Wortes der, daß Jelus den Petrus für die Zwifchen-
zeit (von feinem Tode bis zu feiner Parufie) zu feinem Chahfcn
ernennt und ihm «fiebert, er werde bis zur Parufie am Leben bleiben
und mit ihm die Kirche. Ob dies Wort nun echt fein kann oder in
einer paiäftinifchen Petrusgruppe gebildet fein muß, kann ich hier nicht
Unteraichen (vgl. noch Theol. Rund'ch. IQI4> 413; 1917. 33—35)- ~
Ein zweites Bedenken, das fich auch gegen meinen Erklarungsverluch
richten würde, ift leichter abschlagen. In IL Petr. I u Ichreibt
.Petrus': ,Rafch kommt der Abbruch meiner Hütte, wie auch unler
Herr Jefus Chriftus mir offenbart hat ! und ähnliches fleht Pl.-Clem
Horn. ep. ad Jac. 2 lf. m. Erklärung zu II. Petr. in Lietzm.'s Handb.;
H. hat auf die e Stellen nicht verwie en). Hier haben wir alio einen
Verehrer des Petrus, der von dem Herrenwort Mt. l618, wie wir es
auslegen, nichts weiß, fondern ein Wort entgegengefetzten Inhalts tradiert.
Das ift dann aber der eibe Fad, der auch Joh 21 ■ sf. vorliegt, worüber
H. plaufibel gehandelt hat. Entweder ift auch hier die Prophetie dem
Ausgange angepaßt worden oder der Verf. des II. Petr kannte Mt. l618
noch nicht. Von be bnderem Interefie ift die Clemens-Steile: fie fetzt
Mt. i6i7—ia voraus und zeigt an, da l eben weil Petrus doch fterben
muß und die Verheißung ewigen Beftandes [infolgedeffen) allein für

die Kirche gilt, ein .Nachfolger' oder .zweiter ChaliP (Clemens) an
feiner ftatt eingefetzt werden muß.

Auch J. Haußleiter hat in einem Artikel ,Der Spruch über
Petrus als den Felfen der Kirche' II (Theolog Lit.-Blatt 1018 Nr. 26)
gegen H.'s Hypothefe Einwendungen erhoben, die zum Teil beachtenswert
find. Aus der Analogie von Jefi 38101'. meint er zeigen zu können,
daß in dem Herrenwort der Gegenlatz Zwilchen der Gemeinde Jefu und
der Hadesmacht nicht eingetragen fei, fondern die Grundlage bilde.
Bedeutram ift der Hinweis, durch den auch die von mir gegebene
Kritik geftützt wird, daß Ephräm in feiner Erklärung des Spruches doch
von dem Bau der Kirche fpricht, womit gegeben ift, daß er den Text
nur abgekürzt und frei zitiert. Weiter fei die Beobachtung hervorgehoben,
daß all die ähnlich klingenden Zulagen Jefu wie Mt. i628 Par. Joh. 2i22,
LK 2iG eine Zielfetzung enthalten (.nicht fterben bis . . .'), wäurend in
dem von H. rekonftruierten Worte eine folche fehlen würde. Dagegen
ließe fich anführen, daß die Zielfetzung in Mt. i628 fleht, daraus er-
fchloffen werden kann oder nach Analogie die: es Wortes zu i6,8 als
felbftverftänddch fich ergänzen läßt. Schließlich bezweifelt Haußl.,
daß ein in Rom entftandener Einfchub fich fo leicht im ganzen Orient
habe durchfetzen können, wogegen zu bemerken wäre, daß 1. Spuren
des urfprünglichen Textes noch wahrnehmbar find, und daß 2. das
Motiv, eine nicht verwirklichte Weis agung los zu werden, die treibende
Kraft war, wodurch das ralche Verfchwindcn des urfprünglichen Wortlautes
fich leicht erklärt.

Leiden. Hans Windifch.

WeiH, weil. Prof. D. Johannes: Das Urchriltentum. 2. Tl.:
Schluß. Nach dem Tode des Verf. hrsg. u. am
Schluffe ergänzt v. Prof. D. Rudolf Knopf. (X, 681 S.
m. 1 Bildnis.) gr. 8°. Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht 1917. M. 6— (vollft. M. 13.60; geb. M. 15—)
Als ich den erften Teil des mir zur Befprechung vorliegenden
Werkes in diefem Blatte anzeigte! 1915 Sp. 398f.),
glaubte ich, damit rechnen zu müffen, daß es ein Bruch-
ftück bleibe. Da jedoch, als Weiß 1914 Harb, nicht bloß
eine ganze Anzahl weiterer Druckbogen bereits im Reindrucke
vorlagen, fondern auch ein druckfertiges Manu-
fkript für einen großen Teil des letzten geplanten Kapitels
vorhanden war, konnte Rudolf Knopf unternehmen, das
Buch zu vollenden. Indem er verfchiedene ältere Arbeiten
des Verfaffers benützte und fich, wie es deffen Abficht
gewefen war, mit Weizfäckers Anficht über den Zufammen-
bruch der paulinifchen Miffion auseinanderfetzte, bemühte
er fich, Weiß auch in dem nicht mehr von ihm felber
gefchriebenen Teile möglichft zu Worte kommen zu laffen.

An die drei erften Bücher, die die Überfchriften tragen
,die Urgemeinde', ,die Heidenmiffion und Paulus derHeiden-
miffionar' und .Paulus der Chrift und der Theologe' fchlie-
ßen fich nun noch zwei weitere an, von denen das vierte
,die Miffionsgemeinden und die Anfange der Kirche' und
das fünfte ,die einzelnen Gebiete' behandeln will. Diefe
Einteilung fleht freilich nicht im Einklang mit dem noch
von Weiß im Oktober 1913 gefchriebenen Vorworte, nach
dem die beiden letzten Bücher ,die Miffionsgemeinden und
die Anfänge der Kirche' und ,Glaube, Lehre und Literatur
des nachapoftolifchen Zeitalters' hätten fchildern follen.

Man möchte gerne wififen, warum der urfprüngliche Plan_

offenbar noch von Weiß felber — aufgegeben worden ift-
denn obfehon das jetzige letzte Kapitel wohl im Wefent-
lichen all den Stoff enthält, den Weiß in dem urfprünglich
geplanten unterzubringen dachte, fo handelt es fich
doch offenbar um mehr als eine Änderung der Überfchrift.

Überhaupt muß man fich beim Blick auf das Inhaltsverzeichnis
fragen, ob eigentlich der Titel .Urchriftentum'
berechtigt fei; denn nicht nur find zwei ganze Bücher dem
einen Paulus gewidmet, fondern diefe beiden Bücher bilden
auch beinahe zwei Drittel des gefamten Werkes. Auch
infofern ift das ältere, von mir fchon in der erften Befprechung
zur Vergleichung herangezogene Werk Weizfäckers
dem jüngern überlegen, als es nicht bloß den
Stoff überfichtlicher und einheitlicher ordnet, fondern auch
wenigftens in feinem Aufbau, mehr dem e'ntfpricht,'was
es verheißt. Über die Spärlichkeit der Quellen, auf die
wir angewiefen find, vermag freilich auch die gefchicktefte
Anordnung nicht hinwegzuhelfen. Deshalb gibt vielleicht
eine Darfteilung, die die Befchaffenheit des Urkunden-
materials offen zu Tage treten läßt, ein richtigeres Bild
der Wirklichkeit. Sie zeigt, wie weit wir trotz all der,