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Ausgabe:

1919

Spalte:

196-197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Levertoff, Paul

Titel/Untertitel:

Die religiöse Denkweise der Chassidim, nach den Quellen dargestellt 1919

Rezensent:

Bischoff, Erich

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196

ten der islamifchen Religionsentwicklung in bezug auf die
Auffaffung des Wefens und der Bedeutung des Propheten
Muhammed zur Geltung gekommen find. In fechs er-
fchöpfenden Abfchnitten behandelt der Verf. zunächft die
im Koran vorherrfchende Selbftbewertung des Propheten;
dann die Auffaffung feines Charakters im Hadith, in der
orthodoxen Dogmatik, der rationaliftifchen Theologie und
in der fchlitifchen Sektirerei, ferner im populären Glauben
und Folklore, endlich in der islamifchen Philofophie
und in der gnoftifchen Theofophie des Süfismus. Seine
Darftellung ift durchgehends auf umfaffende Durcharbeitung
der in Betracht kommenden riefigen (zum Teil auch
handfchriftlichen) Originalliteratur gegründet, wobei einzelne
Fragepunkte der islamifchen Theologie (z. B. Wunder
des Propheten [S. 92—123]; Unfehlbarkeit desfelben
fS. 124—174); Wirkfamkeit der Fürbitte und Buße
[S. 232—246] u. a.) in tiefgründiger Weife erneuerter Behandlung
unterzogen werden. Wie es fcheint, völlig unabhängig
von der einfchlägigen Arbeit P. Lammens'
kommt auch der Verf. zu dem Refultat des großenteils
bloß exegetifchen Charakters der traditionellen Prophetenbiographie
(slra). Das hauptfächlifte Verdienft des
Werkes ift der oft in überrafchender Weife geführte
Nachweis der Beeinfluffung der islamifchen Prophetologie
durch externe Elemente, die fich bereits in der frühen
traditionellen Schicht betätigt. So findet der Verf., die
Methode R. Baffet's weiterverfolgend, in der traditionellen
Geburtslegende perfifche Einfchläge (S. 31 ff.). Befonders
reichlich find die Parallelen zu dem Mythen- und Märchen-
fchatz des helleniftifchen Kulturgebietes.

,Die Entlehnungen fcheinen faft ausfchließlich vom Judentum und
Chriftentum vermittelt worden zu fein. Auch die buddhiftifchen Elemente
werden dem Islam erit durch diefe Vermittlung zugeführt worden
fein . . . Aus jetzt verfchollenen Evangelienfchriften . . . könnte vieles
der muslimifcheu Legende zugefloffen fein' (S. 52).

Als wichtigfter Teil des Werkes find die Abfchnitte
über den Süfismus zu fchätzen, deffen Verftändnis durch
Ergänzung mancher Lücke (z.B. S. 39ff. wichtiger Beitrag
zur Kenntnis des Syftems des Ibn al-'Arabi) erweitert
und vertieft wird. Der Beftimmung des Werkes ent-
fprechend zielt die Behandlung des Süf. auf die Vor-
ftellungen ab, die in den Kreifen feiner Vertreter in
bezug auf die Perfon Muhammeds hervorgetreten find,
mit denen in diefer gnoftifchen Theofophie die Logos-,
Demiurg-, cpmq-, avd-Qcojcoq rtVemc-Begriffe und die (auch
bereits in den traditionellen Vorftellungskreis eingedrungene
) Vorausfetzung der Präexiftenz fich verknüpfen.
Überzeugend find die ins einzelne gehenden Nachweife
der Berührung des Süfismus mit der helleniftifchen
Myftik und Gnofis. Auch die Einwirkung chriftlicher
Mönchslegenden auf das Bild, das im Islam vom Propheten
geftaltet wurde, wird (in diefem Falle auch für
die außermyftifchen Schichten) reichlich nachgewiefen. In
allen diefen Beziehungen befchreitet der Verf. die Wege der
A. Dieterich, Reitzenftein und ihrer Schule, deren Methoden
er auf den Gegenftand feiner Unterfuchung mit
reichem Erfolg anwendet.

Man darf die Arbeit Andrae's als treffliche Leiftung
der aufftrebenden fchwedifchen religionsgefchichtlichen
Schule rühmen.

S. 65 Z. Ii Basra's 1. Baghdäd's. — S. 276—284 ift ZDMG
Bd. 50 S. 97 ff. in Betracht zu ziehen. — S. "07 Z. 12 v. u. Für das
richtige Verftändnis des etwas unklar wiedergegebenen Spruches f. das
Material in meinem Buch vom Wefen der Seele, S. 12* (dazu Ihjä
I 100, 11). — S. 337 ult. (vgl. 214, 20) 'Abdalkädir felbft bat keinen
Anlpruch auf Scherifengenealogie gemacht; erft fein Enkel, der Klädi
Abu Sälih Nasr ift mit einem folchen Stammbaum hervorgetreten (vgl.
'Omdat al'-tälib 109). — S. 382 Z. 2 ward 1. wird.

Budapeft. I. Goldziher.

Schweizerifche theologilche Zeitfchrift. Geleitet v. Pfr.

Aug. Waldburger. 35. Jahrg. 1918. (172 u. 102 S.) 8°.

Zürich, Beer & Co. M. 7.50

Den größten, feparat paginierten (102 S.) Teil diefes
Jahrganges nimmt eine Züricher Lizentiaten-Differtation
von Rud. Hauri über ,das Mofeslied Deuteronomium 32'

ein; Vf. faßt es in eingehender literar- und ftilkritifcher
Unterfuchung als einen .Vorläufer des Deuterojefaja, letzten
Endes als eine Schöpfung derfelben Bewegung, die am
Ende des Exils des letztern Heilsprophetie gefchafifen
hat'. E. Rippmann fchildert ,die Stadt Babylon nach
den neueften Ausgrabungsberichten'. In das Gebiet des
Neuen Teftamentes fällt die fehr intereffante Unterfuchung
von K. G. Goetz: Abendmahl und Meßopfer, die in
Auseinanderfetzung mit R. Olto auf eine Opferweihe von
Brot und Kelch hinauskommt, bei der Jefus (vgl. die
Abendmahlsgebete der Didache) feinen Opfertod nicht
erwähnte, vielmehr nur fein menfchliches Wefen in Fleilch
und Blut Speife und Trank verg.ich, damit die Jünger es
im Gedächtnis behielten als ihre wahre Stärkung und
Erquickung (vgl. außer der Didache Joh. 6,5). Die Auffaffung
der Synoptiker und des Paulus beruht auf einem
zum Myfteiiöfen hin tendierenden Mißverftändnis. Der
Kirchengefchichte gehören an eine quellenkritifche Unterfuchung
von Ph. Schmidt über die für die Anfänge des
Franziskanerordens in Deutfchland wichtigen Quellen des
Chronicon saxonicum, Balduin v. Braunfchweig und die
chronica anonyma, von P. Schweizer über das Marburger
Religionsgefpräch 1529 (wobei aber irrig der von den
Lutheranern proponierten Unionsformel die Transfub-
ftantiation untergefchoben und Albrecht Alcibiades als
Dichter des Liedes, ,Was mein Gott will' gefaßt wird),
von H. Henrici über die Entftehung der Bai ler Kirchen-
verfaffung. In die Gegenwart führen ein gut charakteri-
fierender Nekrolog von E. Muller auf Nippold, eine fehr
lefenswerte, namentlich für den Ausländer lehrreiche
Kennzeichnung des Unterfchiedes deutfch- und welfch-
fchweizerifcher Frömmigkeit von E. Platzhoff-Lejeune, und
die Fortfetzung der anonymen,Briefe über religiöfes Leben
und Denken im gegenwartigen Deutfchland' (Joh. Müller,
Ric. Huch, ,Deutfchlands reinfte Dichterin', W. Rathenau,
die Bethmannkrife). Die Syftematik kommt diefes Mal
nicht zum Worte, ftatt deffen leitet der Herausgeber,
Pfarrer Waldburger, jedes Heft mit einem kurzen Artikel
aktuellen Charakters ein, fei es, daß er in fcharfer Polemik
gegen Ragaz die hier zu Lande leider dringend nötige
Warnung: ,Die Pfarrer follind ftudierenl' erfchallen läßt,
fei es, daß er über .Kirche und Kunft' referiert oder über
E. Rucks Buch ,Die römifi he Kurie und die deutfehe
Kirchenfrage auf dem Wiener Kongreß' berichtet. Warmer
Dank fei ihm auch gefagt für fein offenes und gerechtes
Wort gegen ,die fchwerfte Beftialität, welche in diefem
Umfang je vorgekommen ift', die Fortfetzung der Hungerblockade
gegen Deutfchland; fie hatte leider auch im
neutralen Lande Verteidiger gefunden! — Wie immer
begleiten zahlreiche Befprechungen die einzelnen Hefte.
Zürich. W. Köhler.

Levertoff, Doz. Paul: Die religiöfe Denkweife der Chaffidim,

nach den Quellen dargeftellt. (Arbeiten zur Miffions-
wiffenfehaft, 1. Stück.) (IV, 164 S.) gr. 8°. Leipzig,
J. C. Hinrichs 1918. M 6.50

Die Chalfidim verkörpern die im ganzen Oftjuden-
tume vorherrfchende myftifch-kabbaliftifche Richtung
gegenüber der lediglich talmudiftifchen, deren Vertreter
misnagdim (mithnaggedim) genannt werden. Ihr Urfprung
geht auf Ifrael Befcht (d.h. Baal Schern Tob, 1700—1760)
zurück. Da das Oftjudentum wohl das ausfichtsvollfte
Arbeitsfeld für die Judenmiffion abgibt, so ift L.s Schrift,
welche reichhaltige Auszüge aus der chaffidifchen Literatur
(allerdings nur das Schöne daraus) bietet, fehr ver-
dienftlich. In den inhaltsreichen Anhängen ift befonders
intereffant (Anh. I, S. 109—128) die erneute Behandlung
des Themas Jefus im Talmud', die zu den Vorarbeiten
von Laible, Strack u. a. manche Ergänzungen bringt, ob-
fchon verfchiedenes nicht voll überzeugt; fehr gut aber
ift z. B. der Nachweis der (mir f. Z. von Loofs beftritte-
nen) Beziehung von Jebamoth IV, 13 auf Jefus. — S. 161 f.
würde ich mehreres anders überfetzen. Die Tranfkription
ift oft ungleich: Berachoth neben Sehne fto»), Thallith