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Ausgabe:

1918 Nr. 1

Spalte:

164

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vogel, Fritz

Titel/Untertitel:

Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern 1918

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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»63

Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 12/13.

164

Erreichbarkeit ift eine, wenn auch wichtige und fchwierige,
Nebenfrage. Die Hauptfache ift der endlich gefundene
Gegenftand, der dem Maßftab der Ausfchließung fowohl
alles Empirifchen als der in der empirifchen Realität ftets
mitgeführten Unveränderlichkeit des Gegenftandes ent-
fpricht. Als Beifpiele dienen die Lehren Spinozas von
der natura naturalis, Hegels vom Abfoluten, Herbarts
von den Realen. Das find die einzigen Philofophen,
alles übrige ift Begleiterfcheinung oder Mißverftändnis
der Philofophie. — Daß diefer Gegenftand von allem Empirifchen
völlig gelöft und ganz frei gefetzt fei, ift eine
merkwürdige Meinung des Verf. Daß er 10 ganz verfchieden
erfaßt werden kann, entfpricht allerdings der Definition
der Philofophie als des Ausfchluffes des Empirifchen, an
dem ja allein die Unveränderlichkeit hafte. Wie damit
aber das Ziel einer eindeutigen und allgemeingiltigen Erkenntnis
erreicht fein foll, ift unerfindlich. Höchftens die
Abfteckung des formalen Gegenftandes ift eindeutig be-
ftimmt, aber nicht fein Sinn und Wefen. Damit find wir
wieder in der alten Unruhe und Unficherheit. Diefe
,noologifche Methode', wie der Verf. feine Methode
nennt, hilft aus dem Elend nicht heraus und führt nur zu
neuer Paradoxie und Sophiftik, wovon wirÜbernuß haben.
Oder follte das Ganze vielleicht nur fatirifch gemeint fein f
Berlin. Troeltfch.

Siebeck, Richard: Das Unmittelbare in unterer Beltimmung.

Anfätze zu den Grundlagen der Religion. (VII, 42 S.)

gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1917. M. 1.20

Diefe kleine, anfpruchslofe aber gehaltreiche religions-
philofophifche Schrift ift für den Theologen deshalb be-
fonders intereffant und wertvoll, weil fie der Feder eines
Mediziners entflammt. In drei Abfchnitten fpricht S. über
das .Unmittelbare', über den .Glauben' und über die
.Wahrheit'. Das Unmittelbare: wir find verantwortlich,
das ift in uns; aber in uns ift der Kreis nicht gefchloffen,
es ift zugleich eine Macht, die über uns ift. Der Glaube:
er ift der Ausdruck des Unmittelbaren in der uns be-
ftimmten Sprache; daher ergibt fich die Aufgabe, aus
der in der Gefchichte gewordenen Form des Glaubens
das Wefentliche herauszuheben. Die Frage nach der
Wahrheit fchließlich führt auf das Verhältnis des Unmittelbaren
und des Begrifflichen und dann weiter auf
das Verhältnis von Glauben und Wiffen. Denn für den
Glauben hat das Unmittelbare die entfcheidende Bedeutung
, für das Wiffen aber das Begriffliche. Wir müffen
daher beide klar gegeneinanderftellen, wenn wir die
Wahrheit erfaffen wollen. Beide haben Geltung; aber jedes
gilt für fich. Wir dürfen nicht Eines auf das Andere
beziehen, jedes hat eigene Geltung, jedes feine Wahrheit.
Immer aber ift die Wahrheit gebunden an unfere Treue
und unfere Gewiffenhaftigkeit. Das ift in knappfter Skizze
der Gedankengang der vorliegenden Schrift. Er. liegt
wefentlich in der Linie des ethifchen Idealismus (Kants
und) Fichtes. Aber neben diefer Linie Kant—Pichte ift
auch die andere Luther—Schleiermacher wirkfam: das
Erlebnis der Gnade Gottes als Bewußtfein schlechthinniger
Abhängigkeit. Ja man könnte vom methoditchen Ge-
fichtspunkt aus fagen, daß die verfchiedenen Gedankenreihen
letztlich auf die religionsphilofophifche Grundpofi-
tion Schleiermachers hindrängen. Dazu würde dann freilich
gehören, daß das bloße Nebeneinander und die aus-
fchließliche Beziehungslofigkeit von Glauben und Wiffen
durch ein kritifch gefaßtes Beziehungsverhältnis beider
überboten werden müßte. Aber auch dafür bietet die
Schrift felbft, die fich ebenfofehr durch religiöfe Wärme
wie durch klares und fcharfes Denken auszeichnet, be-
deutfame Anfätze.

Heidelberg. G. Wobbermin.

Schneider, k. u. k. Feldkurat Lic. Dr. Erwin: Religion
als Erfahrung am ,Worte Gottes' nach Luther. Eine religionsphilofophifche
Studie. (V, 76 S.) gr. 8°. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht. 1917. M. 2 —

Verf. hat fich, vor allem aus dem jungen Luther, den
Gedanken herausgelefen, daß der ringende, angefochtene,
über feine Sünden verzagte Menfch in Wahrheit fchon
Gottes Huld befitzt, und daß die fröhliche Heilsgewißheit
nur der letzte, nicht zu erreichende Zielpunkt des reli-
giöfen Lebens ift. An dem in der Bibel niedergelegten
Wort Gottes lernt der Menfch diefen feinen Zuftand als
das, was ihn Chriftus gleich macht, d. h. als religiös
normal erkennen. Durch diefen Gedanken hat Luther
feiner Meinung nach die philofophifche Begründung der
Religion als Erfahrung im Sinne Kants, fowie die Uberwindung
des Gebrauchs der Schrift als einer mecbanifchen
Autorität erreicht.

Reiche Belefenheit einerfeits, Verworrenheit und
Mangel an Methode andererleits geben dem Buch ihr
Gepräge. Der Verf. hat, ohne eigentliches Recht dazu,
nebenher zu zahlreichen Einzelproblemen der Luther-
forfchung Stellung genommen.
Bonn. E. Hirfch.

Vogel, f Sem.-Oberlehr. Fritz: Wer zu mir kommt, den wird

nicht hungern. Joh. 6, 35. Religiöfe Anfprachen, Suchenden
dargeboten. (59 S.) gr. 8°. Tübingen, J.C.B. Mohr
1917. M. 1.50

Es ift aufs tieffte zu beklagen, daß der Verfaffer
diefer ganz bedeutenden Anfprachen gefallen ift. Wer vor
Schulandachten zurückfcheuen follte, wird bald eines Anderen
belehrt. Ihn feffelt zunächft die überaus knappe
und gedrängte Geftalt diefer Anfprachen und ihre wundervoll
geiftreiche Sprache famt der fein gefchliffenen Form.
Wie ift dazu noch alles mit Anfchauungen, Bildern und
Gleichniffen, Erinnerungen an Zeitereignifie und Schulfahrten
gefättigt! Aber dann der Inhalt: es tritt den
jungen Leuten unaufdringlich, aber klar und ftark die hohe,
geiftige Welt mit ihren Kräften und Aufgaben nahe, daß
fie es fpüren müffen: ,Nur fo wird das Leben reich
und tief. Nach allen Seiten hin erweitert fich ihnen, die
fo oftim fichtbaren Bereich der Natur wiffensfroh ihr Genüge
finden, das Gebiet des Lebens und der Welt mit ihren Geheim-
niffen und Schätzen. Seine koftbaren Betrachtungen über
das Ewige und Irdifche knüpfte der fein gebildeteLeiterfeiner
Zöglinge dabei an gewählte Worte aus dem ganzen Bereich
von allem an, was tief und heilig ift: Bibel, Klaffiker, neuere
Erbauungsfchriftfteller (Reeg). Immer weiß er feine Gedanken
genau in das Leben feiner Hörer hineinzulenken:
er kennt fie mit ihren inneren Nöten von der Präge nach
dem Sinne der Welt an bis zu der Not, die fie mit dem
.Mädchen' haben. Solcher praktifch wertvolle Inhalt ift
ficher verftanden worden; wenn auch mancher der Semina-
riften die feinere Sprache und Gedankenführung weniger
erfaßt hat, die vielen begabten und ftrebenden Geifter
haben ficher ihre helle Freude daran gehabt. Mit Recht
betont der Titel, daß diefe Andachten auch Suchenden
dargeboten werden: immer wieder reizen fie jeden zum
Lefen und Nachdenken, der an der Hand eines eigenartigen
und feiner ganz ficheren Führers in die Tiefen der
Welt und des geiftigen Reiches eindringen will. — Wie
manches hätte uns der Verfaffer noch fchenken können!
Aber auch fein Leben ift .Einheit, gefammelte Kräfte,
fchenkende Menfchlichkeit'.

Heidelberg. Niebergall.

Mitteilung.

3. Am 19. Juni 1918 feierte Friedrich Loofs feinen 60. Geburtstag
; dabei kann er auf 30 Jahre reicher Wirkfamkeit als
Ordinarius in Halle zurückfchauen. Aus diefem Anlaß haben
ihm Schüler und Freunde eine Freude bereiten wollen, indem
fie ihm zu Ehren eine der wichtigften Urkunden der Reformationszeit
, das bekannte Dekanatsbuch der Theologenfakultät von
Wittenberg, das jetzt der Univerfität Halle gehört und auf der
Univerfitätsbibliothek zu Halle aufbewahrt wird, vervielfältigen