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Ausgabe:

1918 Nr. 1

Spalte:

159-160

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herrmann, Rud.

Titel/Untertitel:

Die Reformation in Kirche und Schule des Groh. Sachsen-Weimar-Eisenach 1918

Rezensent:

Clemen, Otto

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 12/13.

160

wenig von religiöfer Kriegsbegeifterung, ebenfowenig von
heroifcher Bereitfchaft zu kämpfen und zu leiden um des
Glaubens willen. Dagegen findet fich ein tiefer Peffimis-
mus, die .Sterbekunft' wird Thema frommer Betrachtung,
Aberglaube verbindet fich damit. Die Frömmigkeit die-
fer Epoche beftimmt A. als vor dem objektiv Mächtigen
Halt machenden Individualismus; die konfeffionellen Ge-
genfätze mildern fich (NB: Rupertus Meldenius S. 70 ift
höchft wahrfcheinlich Melchior Beller, f. Koepp in Th.
St. Kr. 1912). Der Geift des Pietismus wird als Duld-
famkeit, Individualismus und Sentimentalität beftimmt,
Reaktion des Herzens, Gefühlschriftentum, Bibelbenutzung,
Wunderglaube, Dringen auf fittliche Bewährung (zu S. 79:
von der Begründung des Senfkornordens durch den
Knaben Zinzendorf kann nach den Forfchungen von
Reichel keine Rede mehr fein). Mit der Aufklärung wird,
wie A. gut formuliert, eine wohltemperierte Frömmigkeit'
erzielt. A. nennt fie auch .Frömmigkeit desVaterunfers'und
fchätzt fie hoch ein, in berechtigter Reaktion gegen frühere
Mißachtung als Intellektualismus. Darf man aber die Aufklärung
eine Volksbewegung nennen, der die Theologie
nachfolgte? (S. 120) Schaut man auf die englifch-deiftifchen
Wurzeln, fo geht der Anftoß doch von den Theologen aus.
Das Schlußkapitel (das 19. Jh.) ftellt die Fortdauer der
Aufklärung feft, das Wiederaufleben des Pietismus und
feine Auffaugung durch eine ftreng konfeffionelle, ftaats-
kirchliche Orthodoxie zu einer kirchenpolitifchen Partei, j
Vermißt habe ich hier die Heraushebung des ftarken Ein- j
fluffes der Naturwifienfchaften auf Weltanfchauung und
Frömmigkeit.

Über Eckarts Sammlungen von Urteilen über Luther9
habe ich f. Z. anläßlich der erften Auflage (ThLz 1906,
Nr. 7) eingehend berichtet. Die neue Auflage hat, namentlich
aus der Gegenwart, neues Material beigefügt, bis herunter
auf die neueften Arbeiten über Luther wie Scheel,
Böhmer, Preuß, Buchwald und den Referenten. Wer
richtig zu lefen verfteht, hat hier fo ziemlich den ,Luther
im Wandel der Zeiten' vor fich und wird das Material
gelegentlich gerne nutzen. Vielleicht achtet E. noch mehr
darauf, alle Quellen aus erfter Hand zu bringen, namentlich
die aus der Reformationszeit. Erich Mareks ift nicht
mehr in Heidelberg, fondern in München, H. Böhmer nicht
mehr in Marburg, fondern in Leipzig (zu S. 180 u. 182).

Hübfeh präfentiert fich die Sammlung von Lutherworten
durch Grotjahn10. Sie ift gruppiert nach den
Gefichtspunkten: Welt und Leben, Natur, Politik und
öffentliches Leben, Haus und Familie, der Bekenner, im
Zorn, Marter und Tod des guten Bruders Heinrich, die
Bibel (hier ift die rhythmifche Setzung der Verfe fehr
wirkungsvoll). Benutzt find WA, EA, BA, und Bredow
(denn der Herr ift dein Trotz) fowie Buchwald (So fpricht
Dr. M. Luther); man kann leicht finden, in welcher Luther-
fchrift die betr. Worte flehen: In Nr. 2 und 3 lies am
Schluß B ftatt Bd.
Zürich. W. Köhler.

9 Eckart, Rudolf: Luther und die Reformation im Urteil bedeutender
Männer. Zur Vitrhundertjabrfeier der Reformation hrsg. 2.,
verm. Aufl. (VIII, 194 S.) gr. 8». Halle, Dr. F. Maenncl 1917. M. 4.50

10 Grotjahn, Dr. Allred: Luther. Ein Charakterbild aus feinen
Werken. (Aus der Gedankenwelt großer Geifler Bd. 9.) (266 S.) kl. 8°.
Stuttgart, R. Lutz. M. 2.50; gel). 3 —

Die Reformation und ihre Wirkungen in der Landeskirche des Herzogt.
Gotha v. Oberhofpred. Scholz, in d. Volksfchule des Herzogt.
Gotha v. Sem.-Dir. Schuir. Dr. Witzmann, im Gymnafium
des Herzogt. Gotha v. Gymn.-Dir. Dr. Anz, in der theolog.
Fakultät der Univ. Jena v. Prof. Dr. H. Lietzmann. (Die
Reformation u. ihre Wirkg. in erneftin. Landen, hrsg. v. Guft.
Scholz, 1. Bd.) (VI, 175 S.) 8». Leipzig, A. Deichen 1917.

M. 4.50

Herrmann, Diakonus Rud.: Die Reformation in Kirche und Schule
des Großh. SachTen-Weimar-Eifenach. (Die Reformation u. ihre
Wirkung in erneftinifchen Landen 2. Bd.) (VI, 99 S.) gr. 8".
Leipzig, A. Deichen 1917. M. 2.70

Human, Kirchenr. Superint. Lic. Dr. Armin: Die Reformation in
Kirche und Schule des Herzogt. Sachren-Meiningen. (Die Reformation
u. ihre Wirkg. in erneftin. Landen 3. Bd.) (VI, 86 S.) 8».
Leipzig, A. Deichen 1917. M. 2.40

Das Kurfürftentum Sachfen, die Wiege der Reformation, ift
z. T. nachmals in die fächfifchen Herzogtümer zerfallen. Trotz
allem Gemeinfamen hat jedes derfelben ftaatlich, kirchlich,
fchulifch, feine eigne Gefchichte. So war es gerechtfertigt, jedem
eine befondere Kirchengefchichte zu widmen. Die Reformations-
gefchichte von Sachfen-Altenburg war bereits von Löbe
gefchrieben worden, in Sachfen-Koburg ftarb plötzlich
der Pfarrer, der die Aufgabe übernommen hatte, und in der
kurzen Zeit bis zum Abfchluß des Werkes konnte kein Erfatz
befchafft werden. So find denn nur die Herzogtümer Gotha,
Weimar-Eifenach und Meiningen vertreten. Nicht ganz gleichmäßig
. EineSonderftellung nimmt dasSachfen-Meiningen gewidmete
Heft ein. Es enthält nämlich keine zufammenhängende und
fortlaufende Darfteilung, fondern nur ,Bruchftücke einer größeren
Schrift, welche im Laufe diefes Jahres [1917] in den Schriften des
Vereins für Sachfen-Meiningifche Gefchichte und Landeskunde
erfcheinen foll'. Daraus folgt aber auch, daß diefes Heft ftofflich
überaus reich, reich befonders an willkommenen Einzelheiten
ift. Zuerft wird gezeigt, wie das Reformationsjubiläum von 1617,
1717, 1817 gefeiert wurde, dann werden die Beziehungen Luthers
und Melanchthons zum Meininger Land dargetan, endlich aus
der Meiningenfehen Kirchen- und Schulgefehichte die wichtigften
Ereigniffe und Perfönlichkeiten bis in die Neuzeit hinein, Iofe
miteinander verbunden, uns vorgeführt. Das Weimar-Eifenach
gewidmete Heft enthält eine vollftändige Gefchichte der dortigen
Landeskirche, ebenfo folid-quellenmäßig wie die Meiningenfehe
erforfcht, darüber hinaus aber mit dem Vorzug fortlaufender und
gegebenenfalls verweilender Erzählung. Die Hälfte des Buchs
kommt auf Pietismus und Aufklärung und 19. Jahrhundert. Am
bellen ift Gotha weggekommen, wo Landeskirche, Volksfchule
und hauptftädtifehes Gymnafium — letzteres allerdings nur
während des Reformationszeitalters — gefondert behandelt worden
find. Die diefes Heft befehließende Gefchichte der theolo-
gifchen Fakultät von Jena gehört zu allen drei Heften. Lietzmann
hat hier das Kunftftück fertiggebracht, auf 25 Seiten die wechfel-
vollen Schickfale der Fakultät und die wichtigeren Jenaer Theologen
uns vor Augen zu Hellen. Und die letzteren ziehen nicht
etwa nur wie blaffe Schemen mit den äußeren Lebensumftänden
an uns vorüber, fondern hell beleuchtet und feharf charaktcrifiert.
Mitau- O. Clemen.

Eickholt, päpftl. Offiz. a. D. Klemens Auguft: Roms
letzte Tage unter der Tiara. Erinnerungen e. röm. Kanoniers
aus den Jahren 1868—1870. (VIII, 319 S.
m. 8 Bildniffen.) kl. 8«. Freiburg i. B., Herder 1917.

M. 3.50; Pappbd. M. 4.50
Diefe Erinnerungen aus dem Soldatenleben in den
letzten Jahren der päpftlichen Armee find durch ihre
Schlichtheit und Anfchaulichkeit anziehend und gewähren
einen Einblick in Verhältniffe, die auch kirchengefchicht-
liches Intereffe erregen. Die Stellung des Verf. brachte
es zwar mit fich, daß er felbft von einem fo bedeutenden
Ereignis, wie es das Vatikanifche Konzil war, nur
wenig zu berichten weiß, aber er erzählt gut über das
kirchliche Rom und über italienifches Volksleben. Seine
Schilderungen der päpftlichen Armee haben den Vorzug,
daß fie auf eigener Anfchauung ruhen, und zeigen, daß unter
den jungen Leuten, die fich ihr zur Verfügung ftellten,
ein hoher Idealismus lebendig war. Die große Pietät des
Verf. gegenüber Pius IX. gibt der Darfteilung einen
warmen Grundton und läßt ihm die Zuftände des Kirchen-
ftaates vor deffen Auflöfung in einem rofigen Licht erfcheinen
; aber als Stimmungsbild aus den Kreifen, in
denen er fich bewegte, haben auch diefe Skizzen ihren
Wert. Befonders eindrucksvoll ift die Darfteilung der
Besetzung Roms durch die italienifchen Truppen, bei der
dem Verf. eine aktive Rolle zufiel. Von den zahlreichen
hiftorifch beachtenswerten Einzelzügen diefer Memoiren
möchte ich die in der Gegenwart befonders intereffante
Bemerkung hervorheben, daß bei dem Heranrücken der
italienifchen Armee fofort auf der St. Peterskuppel, auf
dem Turm von Santa Maria Maggiore und San Giovanni
in Laterano Beobachterpoften eingerichtet und telegra-
phifch mit einander verbunden wurden.

Göttingen. Carl Mirbt.