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Ausgabe:

1918

Spalte:

154-157

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Arndt, Georg

Titel/Untertitel:

Das Reformationsjubelfest in vergangenen Jahrhunderten 1918

Rezensent:

Köhler, Walther

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auf deffen Reichtum zu fchließeni Auch bei der Überfchrift von I, 54:
Ai>QrjXiavät ü.XovaxQW) änö 'EkM/vtov kann der Vorwurf eines des
Evangeliums unwürdigen Lebenswandels zur Vermutung geführt haben,
daß es fich um einen ehemaligen Heiden handle. Viel Bedenken macht
mir die Tatfache, daß die beiden in Konftantinopel lebenden und fchrei-
benden Kirchenhiftoriker Sokrates und Sozomenos trotz ihrem ausgesprochenen
Intereffe für Asketen und Mönche von einem nicht viel
älteren galatifchen Zeitgenoffen keine Notiz nehmen, der dem Brief-
wechfel nach das Orakel feiner Zeit gewefen fein und mit allen Kreifen
der Gefellfchaft bis zum Kaifer hinauf Fühlung gehabt haben müßte
(S. 121 f.). Auch auf dem Konzil zu Ephefus 43' wurde er unter den
.Zeugen für das 9eordxog nicht genannt, obwohl ihre Reihe bis auf
Attikus von Konftantinopel (f 426) geführt wurde. Diefem, freilich die
verfchiedenften Möglichkeiten offen laffenden Umftande hat H. (S. 94f.)
keine Beachtung gefchenkt.

Während die vorausgehenden Unterteilungen H.s
bei aller Fruchtbarkeit an Erkenntniffen doch noch da
und dort zu Zweifeln und Bedenken Raum laffen, führt
er im letzten Kapitel den voll überzeugenden und durch-
fchlao-enden Nachweis den er fchon in den Neuen Jahrbb.
f. d. kl Altert. Bd. 37 (1916) 107—121 in ftark verkürzter
Form vorgetragen hat, daß die Erzählung vom
Überfall der Mönche am Sinai ganz nach der Technik
des griechifchen Romans gearbeitet ift, wenn auch höchft-
wahrlcheinlich ein gefchichtlicher Kern darin ftecken wird,
und daß fie unmöglich vom Verfaffer der Briefe herrühren
kann. Damit fallen alle aus der Narratio bezogenen
Angaben über die Lebensverhältniffe des Nilus bzw.
des Verfaffers der Briefe dahin.

Ein Anhang bringt noch Bemerkungen zum Traktat an Agathius
und zur Schrift De malignis cogitationibus: ersterer wird (wie auch ein
Pfalmenkommentar) Nilus abgefprochen, letztere ftark in Zweifel gezogen
.

Mögen H.s Studien über Nilus den Asketen einen
guten Fortgang nehmen und weitere reife Früchte zeitigen.
München. Hugo Koch.

Haeringen. Johan Hendrik van: De Augustini ante baptismum
rusticantis operibus. (Diff. Amfterdam.) (III, 124 S.) gr. 8°.
Groningen (1917).

In einer dankenswerten Unterfuehung befchäftigt fleh van
Haeringen mit der Tätigkeit Auguftins in Cafficiacum, mit der
Lage des Ortes, mit der Zeit, in der die Dialoge gehalten wurden,
mit den Perfonen, mit denen fie geführt wurden, mit der Art, in
der fie niedergefchrieben und ausgearbeitet wurden, mit der
Dauer der Dialoge, ihrer Verteilung auf die Tage und ihrer Reihenfolge
(die Disputationen über die akademifche Skepfis nicht unterbrochen
durch die Erörterungen de vita beata und de ordine),
mit der Abfaffung der Bücher über die Disputationen und den Beziehungen
zu Cicero (Hortenfius, de Academicis; Ablehnung der Annahme
Ohlmanns und Drewnioks).
Tübingen. Scheel.

Rüting, Gymn.-Oberlehr. Prof. W.: Unterfuchungen über Augurtins
Quaeltiones und Locutiones in Heptateuchum. (Forfchungen zur
chriftl. Lit.- u. Dogmengefch. 13. Bd., 3. u. 4. Heft.) (X, 390 S.)
gr. 8°. Paderborn, F. Schöningh 1916. M. 15 —

Der VerfalTer will zeigen, daß Auguftin auch als Exeget für
feine Zeit Bedeutendes geleiftet hat. Jülichers Urteil, Auguftins
exegetifche Arbeiten hätten geringen wifTenfchaftlichen Wert,
er verfolge nicht nur die falfche Methode der Zeit (Typik, Alle-
gorefe), fondern achte zu wenig auf die gleichmäßige Erörterung
aller Textftücke, überfpringe vielfach dunkele und wichtige Partien
, um unverhältnismäßig lange bei den für feine Lieblingsgedanken
ausgiebigen zu verweilen, feien in diefer Allgemeinheit zu
fcharf. Stelle man fich auf Auguftins Standpunkt und verfenke
man fich in feine Arbeiten, fo erkenne man immer deutlicher,
welche Fülle von Licht er über die Schrift ausgegoffen habe.
An Auguftins reifftem exegetifchen Werk fucht R. diefe Behauptung
zu erhärten. Er hat viel redlichen Fleiß und Mühe aufgewandt
, ohne jedoch Jülichers Urteil die Berechtigung entzogen
zu haben.

Tübingen. Scheel.

Prutz, Hans: Neue Studien zur Gerchichte der Jungfrau von
Orleans. (Sitzungsber. der Kgl. bayr. Akad. d. Wiff.
Philof.-philol. u. hift. Kl. Jahrg. 1917, 1. Abh.) (96 S.)
8°. München, G. Franz 1917. M. 2 —

H. Prutz zieht für die Fortfetzung feiner Studien über
die Jungfrau von Orleans eine bisher nicht genügend verwertete
zeitgenöfiifche Quelle heran, die im Jahre 1912
zum erften Male veröffentlichten Denkwürdigkeiten des
Perceval de Cagny, eines Gefolgsmannes des Herzogs von

Alencon. Der Verf. diefer Denkwürdigkeiten hat von dem
Auftreten der Jungfrau an bis zu dem unglücklichen Zug
gegen Paris in ihrer unmittelbaren Nähe geweilt und fchil-
dert uns den von fpäteren fremden Einflüffen, politifcher
und religiöfer Natur, unberührten Eindruck, den die Heldin
auf ihre Umgebung ausgeübt hat: es ift ihre Perfön-
lichkeit, ihre Wirkung auf den gemeinen Mann, worauf
ihre Erfolge beruhen, von göttlichen Aufträgen, von Weifungen
der Himmlifchen oder gar von überirdifchen Wundern
weiß der Zeitgenoffe nichts zu berichten. ,Das Bild
der gefchichtlichen Jeanne d'Arc ift uns am betten und
eigentlich allein bei Perceval de Cagny erhalten' (S. 20).
Und dem entfpricht es, wenn die Wirkfamkeit der Jungfrau
in ganz anderer Beleuchtung erfcheint als in den
Zeugenausfagen der beiden Tendenzprozeffe. Leiterin und
Führerin ift fie keineswegs gewefen, fondern fie wird von
den beftimmenden Perfönlichkeiten im entfeheidenden
Augenblicke vorgefchoben, um durch fie auf die Maffe
zu wirken; von der Beratung und tatkräftigen Mitwirkung
bei militärifchen Unternehmungen wird fie, die überdies
von Anfang an von den Hotkreifen mit Argwohn behandelt
wurde, gefliffentlich fern gehalten; von irgendwelcher
Begabung in Strategie und Taktik ift niemals die Rede.
Das Bild jener legendären Jungfrau, deren Heiligfprechung
aus nationaliftifchen Gründen um jeden Preis durchgefetzt
werden foll, verfchwindet; dafür "tritt uns ein gefundes,
reines, in Wort und Tat fchlagfertiges Bauernmädchen
entgegen, das durch Anlehnung an die Kreife, denen es
entflammt, die Maffe des Volkes vorübergehend mit fich
fortzureißen weiß, in diefer Wirkung recht eigentlich die
Kraft feiner Miffion erblickt und dadurch vorübergehend
in die großen Weltereigniffe entfeheidend eingreift.
Halle/S. Adolf Hafenclever.

Reform ationsfehriften.

Die im Auftrage des deutfchenEvangelifchen Kirchen-
ausfehuffes verfaßte Feftfchrift von Conrad 1 präfentiert
fich fchon rein äußerlich fehr gefällig. Mit dem durch
Herrn v. Cranach-Wartburg wieder entdeckten Lutherbilde
ausgeftattet, auf gutem Papier, vortrefflichen Lettern
gedruckt, gewinnt fie auf den erften Blick. Und diefer Eindruck
bleibt auch bei der Lektüre; in edler, ruhiger und
doch packender Sprache, die ftellenweife zu eindrucksvoller
Wucht fich fteigern kann, wird dem deutfehem
Volke die Reformation und Luther nahe gebracht. Auch
wenn es nicht mitunter eingeführte Zitate erwiefen,
würde man fofort die wiffenfchaftliche Grundlage merken,
der gegenüber Vf. fich felbftverftändlich die eigene
1 Stellungnahme vorbehalten hat. Nach der wirkungvoll
j mit der Lutherfeier am 31. Okt. 1892 einfetzenden Einleitung
folgt zunächft Luthers Heilserlebnis — ,wer ihn
verliehen will, muß ihn von hier aus zu verliehen fuchen'
— und feine erften Wirkungen bis zum Reichstage von
Worms, dann unter dem Titel ,lutherifch und reformiert'
die Eigenart des Zwinglianismus und Calvinismus in ihrer
Abhebung vom Luthertum, deffen ,Zug der Sorglofigkeit,
Leidfamkeit und gewiffe Gleichgültigkeit gegen die Fragen
des weltlichen, politifchen, fozialen und wirtfchaftlichen
Lebens' treffend gezeichnet werden, dann der Verlauf
der äußeren Reformationsgefchichte bis 1648, die inneren
I Kräfte der Reformation, ausmündend in ,das Erbe der
Reformation'(ich hebe den Satz heraus, den auch Troeltfch,
gegen den C. fich hier nicht ganz zutreffend wendet,
unterfchreiben würde: ,die Aufklärung fleht doch auf
Luthers Schultern', ferner die Erfetzung der Rechtfertigungslehre
durch den Begriff der Sündenvergebung).
Nach dem markigen Kapitel,Luther derDeutfche' erwartet
man eigentlich nichts mehr, die Schlußfeiten ,Reformations-

1 Conrad, Geh. Konf.-Rat D. Dr. Paul: Die Reformation und das
deutfehe Volk. Feftfchrift zur Jahrhundertfeier der Reformation im Auftrage
des deut. ev. Kirchenausfchuffes verf. (III, go S. m. 1 färb. Bildnis
.) gr. 8°. Berlin, E. S. Mittler & Sohn 1917. M. 1 —

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