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Ausgabe:

1918 Nr. 1

Spalte:

133-134

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Diehl, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Reformationsbuch der evangelischen Pfarreien des Großh. Hessen 1918

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 10/11.

134

Denker zu illultrieren. Der ,Ausfchnitt' fetzt ja auch bereits ein
Urteil über das voraus, was der mittelalterlichen Weltanfchauung
.typifch' war. Der Beitrag zur mittelalterlichen Weltanfchauung,
der die Arbeit v. Martins ,in erfter Linie' fein will, wäre darum
doch wohl richtiger als ein Beitrag gewürdigt, der die Wirkung
mittelalterlichen Denkens auf den Frühhumanilten Salutati fchil-
dern will. Eine klare Scheidung .mittelalterlichen' und ,humani-
ftifchen' Guts war ohnehin nicht möglich. Angefichts diefes
Sachverhalts möchte man doch fragen, ob v. Martin nicht zweckmäßiger
verfahren wäre, wenn er die Verflechtungen mittelalterlichen
und beginnenden humaniftifchen Denkens in der Perfon
Salutatis aufgedeckt hätte. Das wäre, dünkt mich, hiftorifch reizvoller
geweren, als dierer fchematifche Ausfchnitt, der foviel ich
fehe, eine erhebliche Bereicherung unferes WilTens um die mittelalterliche
Welt- und Lebensanfchauung nicht gebracht hat, wohl
auch nicht bringen konnte. In der ,Antithere von Weltverneinung
und Weltbeherrfchung' (S. 32-93) und den .Möglichkeiten und
dem Wert der menfchliehen Erkenntnis' (S. 94—160) werden ganz
gewiß .typifche« Elemente mittelalterlicher Weltanfchauung ge-
fchildert Aber wir befitzen bezeichnendere und reicher fließende
Quellen als grade Salutatis Schriften. Indem er aber als .typifcher
Vertreter' dargeftellt wird, verwifchen (ich die hiftorifch konkreten
Beziehungen, die doch auch das mittelalterliche Denken charakterisieren
. Anders liegen freilich die Dinge, wenn wir die Arbeit
in erfter Linie als einen Beitrag zu Salutatis Lebensanfchauung
würdigen dürfen. Dann danken wir v. Martin eine allerdings
der Ergänzung bedürftige Unterfuchung zum Verftändnis Salutatis.
Die Ergänzung ftellt der Verfaffer felbft in Ausficht. Wenn fle
vorliegt, mag auf das Ganze eingegangen werden.
Tübingen. Otto Scheel.

Diehl. Prof. D. Dr. Wilhelm: Reformationsbuch der evan-
gelifchen Pfarreien des GroBh.Helfen. (614S.) 8°. Friedberg
, Selbftverlag 1917. M. 4.50
Mit befonderer Freude begrüßt Ref. Diehls mühfame
Arbeit. Denn 1883 hatte Ref. gegenüber dem abfprechenden
Urteil Dr. G. Haags in der Flugfchrift ,Die hiftorifchen Vereine
vor dem Tribunal der Wiffenfchaft' unter dem Beifall
zünftiger Hiftoriker gezeigt, daß die hiftorifche Wiffenfchaft
die örtliche und provinzielle Gefchichtsforfchung
gar nicht entbehren kann. Nun gibt Diehl die Reformations-
gefchichte der einzelnen evangel. Pfarreien des heutigen
Großherzogtums Heffen. Diele Analyfe gibt eine fichere
Grundlage für die Synthefe einer heffifchen Reformations-
gefchichte, die über HafTenkamp hinausführt. Welche
Arbeit hier zu tun war, ergibt fich fchon aus der Zahl
der behandelten Pfarreien, die, wenn Ref. recht gezählt
hat, 392 beträgt, wozu noch die Klöfter, Stifte, Deutfchherrn-
und Johanniterkonvente kommen. Dabei geht Diehl
immer auf die urkundlichen Quellen zurück, die er aus
den Archiven erhob, wobei er fich der Unterftützung von
Prof. Fr. Herrmann erfreute. Freilich konnte er die Funde
in den Archiven Laubach, Lieh, Gedern, Lauterbach und
Birftein in diefer Ausgabe nicht mehr verwerten, die
ficher eine Gabe für das Reformationsjubiläum an feine
heimatliche Kirche fein follte, aber fie follen in einer noch
in diefem Jahr erfcheinenden Neuausgabe Verwendung
finden. Leider konnte er aber für manche Pfarreien kaum
mehr als eine Lifte der bisher bekannten Pfarrer, ja für
einige wenige kaum die geben. Große Schwierigkeit bereiteten
der Reformation, aber auch der Darftellung ihrer Ge-
fchichte die verwickelten Pierrfchafts- und Rechtsverhält-
nifle, hohe Obrigkeit und Kollatur ufw. Da galts manchmal
fich wie durch einen Irrgarten mit viel Geftrüpp
durcharbeiten und bisher als gefchichtliche Tatfachen
geltende Annahmen gründlich befeitigen. Ein ganz be-
fonderes Verdienft hat Diehl fich erworben, indem er die
Gelchichte der Schule mit berückfichtigte und nachwies, wo
einzelne Schulen fchon vor der Reformation beftanden, wie
fie aber in ihrer überwiegenden Mehrzahl erft mit der Reformation
, und in einer Gemeinde unter Widerftand, in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrh. entftanden. Neu zu unter-
fuchen wäre das Vehältnis der mittelalterlichen Schule
zu den Lateinfchulen, in welche fie umgewandelt wurden.
Da und dort fällt auch ein Licht auf die Lehrfächer der
neugegründeten Schulen und auf die Bildung der Lehrer,
von denen viele wiffenfehaftliche Bildung befaßen, fodaß
fie Pfarrdienft z. B. in Filialien tun konnten. Erfreulich
ift die Sorge für beffere Paftoration durch Erhebung von

Filialien zu Pfarreien, während einige folche zu Filialien
wurden. Sehr wertvoll ift der Nachweis, daß die Gemeinden
durchaus der Reformation geneigt waren und
oft längft der alten Kirche entfremdet waren, ehe die
Obrigkeit reformierte. Noch beachtenswerter ift, daß
die Totengräber der alten Kirche ihre minderwertigen
Priefter und Mönche waren, und die Klöfter, ehe fie eingezogen
wurden, meift fchon auf dem Ausfterbepunkt
Fanden und nur noch ganz wenige Infaffen zählten.
Märtyrer ihrer Überzeugung find feiten. Gern lieft man
von der Überzeugungstreue der Gräfin Wandala von
Wertheim, Äbtiffin zu Marienborn, die bis zu ihrem Tod
katholifch blieb, wenn gleich fchon 1544 von dem Schutzhelm
ein evangel. Prädikant ins Klöfter gefetzt wurde.
Recht fcharf untertcheidet fich das Reformationsverfahren
des Landgrafen Philipp in feiner Klarheit und Be-
i ftimmtheit, aber auch in feiner Schonung gegenüber den
Pfarrern und den Mönchen und Nonnen die mit Leib-
geding abgefertigt wurden, und leiner Achtung vor fremden
Rechten, denen zu lieb er auf Reformation verzichtete
. Ganz anders verfährt man in der Pfalz, wo man
ftramm zugreift. Wirklich ein widriges Bild bietet diefes
Gebiet mit der vierfachen Umänderung des Bekenntniffes,
die dann jedesmal Pfarrer ins Elend, aber auch nicht wenige
zur Verleugnung brachte. Am Schluß gibt Diehl einen
Überblick über die kalviiüftifchen und katholifchen Änderungen
des Bekenntnisftandes der Gemeinden nach der
Reformation, wobei es fogar zu iechsfachem Glaubens-
wechfel kam.

Eür die Neuausgabe empfiehlt fich eine Kaite der Herrfchaftsoe-
1 biete, Superintendenturen und Pfarreien und dazu Verbefierungen und
1 Ergänzungen. S. 30,6 1. Efchenbach bei Göppingen, S. 170I". Murmelius.
| Wibel Hohenloh.K. u. Ref. G. 1,384. S. 318 1. Herbrech'.ingen. Bl. WKG
1889, 56 S. 340 und 404 1. Pfeffinger ebd. 1894, 15. S. 412 Lauterburg.
S, 513 .Schwab. Hall. Wibcl 1, 119, 526, 528, 400. S. 478 In'antius,
: BBKG 3, 108ff. S. 526,24 ((reiche Graf. S. 295 neben Sarcerius ge-
i hört Phil. Neuheller der Reformator Hanaus ARG 14, 279. Zu Ref. in
Wimpfen Prefiel Anecdota Brentiana 256. Obenhin 233 heißt Rhätius
d. h. aus dem Ries. Zu Roner 207 Keim Eßl. Ref. Blätter 146. S.
342 zu Eflenheim Pf. Lconh. Werner. Beck, Erbauungslit. 324. Dort
auch 327 Rosbacb. ZGOK N. F. 12, 87. zu S. 321. 17, 415 zu S.
443 Vgl. B1WKG 1893, 351- '9. 582 zu S. 453. In meinem Interim
in Würltb. zu S. 419 S. 113, 205. zu S. 435 S. 101, 160. Zu S. 472
S. 105. Meine .Liebestätigkeit der ev. K. Württb. bis 1650.' W. Jahrbücher
1905, Lieft 2 S. 83, 87, 113 —115. und Regifter 1906 Lieft 1.
Zu S. 254 Buchwald Ord. Buch 28 m. 432.

Stuttgart. G. Boffert. .

Claufi, Pfr. Tic. Herrn.: Die Einführung der Reformation in
Schwabach 1521 — 1530. (Quellen u. F orfchungen z.bayer.
Kirchengefchichte. Hrsg. v. H. Jordan. 2. Bd.) (VII
122 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Deichert 1917. M. 3 —
Schwabach fpielte bisher keine große Rolle in der
Kirchengefchichte. Nur im 18. Jahrhundert war es eine
Zeit lang in aller Munde, weil man fich über die wirkliche
Geftalt der fogenannten Schwabacher Artikel nicht
klar werden konnte. Doch befchäftigte fich die Forfchung
damals nicht im geringften mit der kirchlichen Gefchichte
diefes Städtchens felbft. Wohl hatte 1856 O. Schade, im
3. Bande feiner .Satiren und Pasquillen aus der Reformationszeit
' eine bedeutfame Flugfchrift aus der Schwabacher
Vergangenheit zum Abdrucke gebracht; aber die For-
fchung ging achtlos an ihr vorüber. Denn was Ed.
Engelhardt, Ehrengedächtnis der Reformation in Franken
Nürnberg 1869 S. 54: .Reformationszeugniffe aus Schwabach
' bot, kann ja wiffenfehaftlichen Anfprüchen nicht
genügen. So ift es denn mit Dank zu begrüßen, daß die
Reformationsgefchichte diefes Städtchens endlich in trefflicher
Weife dargeftellt wurde. Aber nicht nur die lokale
Forfchung, fondern die Gefchichte der Reformation
überhaupt hat dadurch eine wertvolle Förderung erfahren.

Eine große Rolle konnte Schwabach als markgräflicheLandffadtnicht
fpiclen; dazu fehlte ihr die Selbftändigkeit. Doch hatte lieh die Bürgep'chaft
einen offenen Sinn bewahrt. Die Lage an der großen HandelsftraßeNüm-
berg—Augsburg, die Nähe der alten Reichsftadt konnten nicht ohne Bedeutung
bleiben. So kam es, daß man auch bald auf die von Wittenberg
ausgehende religiöse Bewegung aufmerkfam wurde, daß nicht nur dahin
fich die Studenten wandten, fondern daß man auch eifrig die