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Ausgabe:

1918

Spalte:

115-117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grunwald, Georg

Titel/Untertitel:

Philosophische Pädagogik 1918

Rezensent:

Rein, Wilhelm

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ii5 Theologifche Literaturzeitung 1918 Kr. 89. 116

von Kant unter der felbftverftändlichen Vorausfetzung j Welche Wiffenfchaft ift denn fo felbfländig, daß fie von

wirkender, eben dadurch erfcheinender Dinge an fich ge
bildet fein foll. Diefer Anficht vermag Ref. nicht beizupflichten
; denn ,virkende Dinge' müßten nach Kanti-
fcher Lehre im Räume wirken, Körper fein, Körper aber
(s. die S. 30 zitierte Stelle) find ja bloße Erfcheinungen.
Ohne hier auf einzelnes eingehen zu wollen, fei die überaus
fcharfflnnige und von dem einmal gewählten Standpunkte
in fleh konfequente Abhandlung zu

jeder Beziehung auf benachbarte Gebiete abfehen könnte?
Ift z. B. die Medizin eine durchaus felbftändige Wiffenfchaft
? Das wird die Medizin, die mit den Naturwiffen-
fchaften aufs engfte verflochten ift, nie beanfpruchen
wollen, ohne deshalb an Wert und an Würde zu verlieren
. In ähnlich enger Weife hängt die Pädagogik mit
der Ethik und Pfychologie zufammen. Muß fie deshalb
auf Selbftändigkeit verzichten? Joh. Fr. Herbart, der

Berlin. Artur Buchenau.

Studium empfohlen. j bekanntlich die enge Verbindung zwifchen den genannten

Wiffenfchaften zuerft hergeftellt hat und damit die Pädagogik
zu einer philofophifchen Disziplin erhob, hat
Thys, Jan: De moderne pofitieve Theologie in Duitfchland. deshalb die Pädagogik keineswegs zu einer unfelbftän-
Academischproefschrift. (224S.) 8°. Wageningen 1917. j digen Wiffenfchaft gemacht, wenn man überhaupt fo

Eine gelehrte und umfangreiche Abhandlung zur
Erwerbung der theol. Doktorwürde bei der freien Uni-
verfität in Amfterdam. Dementfprechend auch ftreng
rechtgläubig. Die Einleitung, die eine Gefchichte der
Theologie von Anfang bis zur Jetztzeit gibt, dürfte
größtenteils fehlen. Auch das Programm der Vertreter
der modern-pofitiven Theologie, Th. Kaftan, Seeberg,
Grützmacher, Beth und Girgenfohn, könnte kürzer gefaßt
fein, da in Kapitel 3 die einzelnen loci der Dogmatik
nach der Auffaffung der genannten Theologen folgen:
Gott, Schöpfung, Sünde, Perfon Jefu, fein Werk, die
Gnadenmittel, das perfönliche Chriftentum und die letzten
Dinge. Den wichtigften Abfchnitt des Buches bildet
natürlich die Beurteilung der modern-pofitiven Theologie
. Der Verf. fteht auf dem Standpunkt der ref.-
calvinifchen Orthodoxie, nach welcher die Bibel a. und n.
T.'s (mit organifch verftandener inspiratio verbalis!) das
Fundament des Glaubens ift. Und von diefem Standpunkt
aus wird nun ein Brenges Gericht über die modern-
pofitive Theologie gehalten, mit dem Refultat, daß der
Graben zwifchen diefer Theologie und dem alten Glauben
viel breiter und tiefer fei als der, den die betreffenden
Theologen fo gefliffentlich zwifchen fleh und dem Liberalismus
ziehen. Denn Kaftan verweift die Metaphyfik
aus der Theologie, die Wefenstrinität erkennt er nicht
an, die.Jungfrauengeburt gibt er preis, Jefus ift ihm nur
die perfönliche Offenbarung Gottes und fein Tod der
höchfte Beweis der vergebenden Liebe. Ein noch größeres
Regifter von Ketzereien wird aber Seeberg vorgehalten.
,Eine Theologie, welche die Trinitätslehre aufhebt, die
Gottheit Chrifti in eine Willenseinheit des Menfchen
Jefus mit Gott auflöft, die dem Leiden des Herrn keine
Bedeutung beilegt und über feine Auferftehung mit fo
viel Zurückhaltung fpricht, die die Sünde abfehwächt,
das Wort als genügend zur Schaffung des Glaubens anfleht
, die Sakramente ihrer Bedeutung beraubt, die leibliche
Auferftehung, das jüngfte Gericht und die ewige
Höllenftrafe leugnet — eine folche Theologie hat das
Recht auf den Namen „pofitiv" verwirkt'. Von Grützmacher
wird getagt, daß er dem alten Glauben näher
flehe, Girgenfohn dagegen foll auf den Weg zur äußerften
Linken begriffen fein. Die modern-pofitive Theologie
will vermitteln; fie hat daher Gegner auf beiden Seiten.
Wer eine durchweg wiffenfehaftliche Polemik von rechts
lefen will, kann nichts befferes tun, als das Buch von
Thys zur Hand zu nehmen, von liberaler Seite aber hat
wohl Bouffet in der Theol. Rundfchau bereits 1906 und
1907 das Berte darüber gefchrieben.
Göttingen. Regula.

Grunwald, Prof. Dr. Georg: Philorophifche Pädagogik. (VII,
375 S.) gr. 8°. Paderborn, F. Schöningh 1917. M. 8.50
Der Verf. geht von der Meinung aus, daß die Pädagogik
im Begriffe flehe, eine durchaus felbftändige
Wiffenfchaft zu werden. S ein Buch ift dazu beftimmt,
ihr in diefem Beftreben zu helfen. Das ift an fleh gewiß
löblich. Die Frage ift nur, ob das Werk diefe Abficht
erfüllt, ja ob es diefe Abficht erfüllen kann. Denn was
heißt denn eine durchaus felbftändige Wiffenfchaft?

fagen darf, fondern ganz fcharf herausgehoben, daß die
Pädagogik fich auf die ihr einheimifche Begriffswelt be-
finnen müßte. Die Abhängigkeit von der PThik und
Pfychologie geht nicht fo weit, daß man die Pädagogik
nur als angewandte Ethik oder nur als angewandte Pfychologie
betrachten dürfe. Vielmehr trifft die Pädagogik
in der Bearbeitung ihrer einheimifchen Begriffswelt auf
ethifche und pfychologifche Forfchungsergebniffe, die ihr
willkommen find, die fie aber einer kritifchen Prüfung
unterwirft, weil fie die Beziehung auf ihren Zweck, der
in der Idee der Volksbildung liegt, ftreng im Auge
behält.

So ift die alte Pädagogik unter der Führung Joh.
IT. Herbarts bearbeitet worden. Man leitete fie prinzipiell
aus dem Zweck der Erziehung ab und zog dabei die
F.rfahrungen heran, die auf dem Wege der Beobachtung
über die Entwicklung der Kinderfeele gewonnen worden
waren. Anders kann die fogenannte neue Pädagogik
auch nicht verfahren, nur mit der Erweiterung, daß fie
außer der empirifchen Pfychologie, die auf der Selbftbe-
obachtung fußt, auch die experimentelle Pfychologie
heranzieht als eine Errungenfchaft der neueren Zeit.
So willkommen diefe neue Forfchungsmethode ift, fo
darf man fich doch von pädagogifcher Seite keinen allzu
großen Hoffnungen hingeben, da das Experiment,
auf die Funktionen des Seelenlebens bezogen, in der
Anwendung fehr befchränkt ift. Ohne Zweifel ift auch
bereits eine große Ernüchterung eingetreten, namentlich
gegenüber den amerikanifchen Anpreifungen, die fich
vermaßen, mittels des Experiments die Schleier lüften
zu können, welche die intimeren Vorgänge des Seelenlebens
bedecken. Es glaubten die amerikanifchen Forfcher
durch die Maffenhaftigkeit von Verflachen zu erfetzen,
was an Gründlichkeit und Feinheit letzteren abging.

Wenn der Verf. (S. 10) hervorhebt, daß Ethik und
Pfychologie nicht genügten als Grundlagen einer Pädagogik
, die dem heutigen Zuftand der Kultur gerecht
werden foll, fo hat er damit recht, überfieht aber dabei,
daß fie als Grundvviffenfchaften der Pädagogik im Vordergrund
flehen, die übrigen Disziplinen,diehinzugefügtwerden,
nur den Rang von Hilfswiffenfchaften beanfpruchen können.
Eine folche Scheidung in Grund- und Hilfswiffenfchaften
erfcheint durchaus gerechtfertigt, wenn man die Hauptlinien
fefthalten will, auf denen fich die Pädagogik zu
bewegen hat. Diefe find von der Ethik und Pfychologie
befetzt, allerdings unter der Vorausfetzung, daß die normative
Ethik genau fo wie die empirifche Pfychologie
über fich hinausweifen zu den letzten Gründen unferes
Dafeins, die nicht auf dem Wege der Erkenntnis zu er-
fchließen, fondern allein mit Hilfe des Glaubens zu
fchauen find.

Sehr anfechtbar find die Kapitel 4 und 5 des vorliegenden
Buches: Einteilung der Pädagogik und Gefchichte
und Literatur der pädagogifchen Theorie. Bei
letzterem Kapitel fällt namentlich die fchiefe, ganz unzutreffende
Stellung auf, die der Verf. Herbart und Ziller
zuweift, bei erfterem die Orientierung an den Begriffen
des Wahren, Schönen, Guten und Heiligen, wonach vier
Hauptteile der Pädagogik gebildet werden: 1. Pädago-