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Ausgabe:

1918

Spalte:

113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Erich

Titel/Untertitel:

Das Erlebnis der Reformation 1918

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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Seite 1

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H3

Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 8/9.

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meine Mitteilung in Lutherftudien S. 19) ein und bringt j Briefe von Wichelhaus und einige von verfchiedenen andern
zwei m Dithmarfchen etwa 1689 erfundene Lutherbriefe mit
und erörtert die Gründe der Fälfchung. Ich möchte zu
den Anzeichen der Unechtheit noch hinzufügen, daß dem
Adreffaten an erfter Stelle Gregor von Nyfla, de perfec-
tione zur Lektüre empfohlen wird, eine Schrift, die L.,
fo viel wir wiffen, überhaupt nicht kannte und nach ihrer
Myftik kaum fo hoch geftellt haben würde. Diefer Brief,
der nachdrücklich zur katechet. Befchäftigung mit den
Kleinen aufruft, fteht m. E. in Zufammenhang mit dem
am Ende des 17 Tahrh s einfetzenden Intereffe an dem

tluJ^-r i a 7 ■ uT 7 Brief 1627 an Nik brügges' lind die Briefe gefchichtlich nicht wertlos. Wer

rel giofen Jugend unterrichtet. Dei ^2-Mn"® ,'j27 A. Ritfeh ls Urteil (Gefch. des Pietismus 1,595) verlieht, es fei

Boie in Meldorf fchließt mit der Mahnung, Iraktate .....
über Salz-, Waffer- und andere Weihen fowie gegen Vi-
gilien und Seelenmeffen in den Druck zu geben. In zwei

und dergl. bietende Anhang (S. 155—200) erhalten hat; das zeigt
endlich das auf den letzten vier unnumerierten Seiten gebotene,
in feiner Befchränkung wiffenrchaftlich unbrauchbare Verzeichnis
der Schriften von Paftor Dr. theol. H. F. Kohlbrügge, welche in
diefen Briefen erwähnt werden oder bis zum Jahre 1857 herausgegeben
wurden'. Doch ift den Briefen allerlei zur Gefchichte
der noch heute beftehenden, nicht zur Landeskirche gehörigen
,niederländifch-reformierten Gemeinde' in Elberfeld zu entnehmen
; und das Verzeichnis der Briefe unter Angabe des
wichtigften Inhalts derfelben' (S. XIX—XXIV) ermöglicht es, die
zerftreuten Stellen, die inbetracht kommen, herauszufinden.
Auch als ,Beitrag zum Verftändnis der Perfönlichkeit . . . Kohl-

Abfchriften befindet fich die hier angekündigte Schrift
auf der Kieler Bibliothek als angeblich 1528 gedruckt. Da
fich kein Exemplar diefes Drucks auffpüren läßt, nimmt
Deo-ering an, auch diefe ganze Schrift fei nur eine Erfindung
des 'Briefdichters. Aber wer follte Ende des 17.
Jahrh.s in dem rein evangelifchen Dithmarfchen auf den
Gedanken gekommen fein, in diefer Art von Polemik gegen
römifche Bräuche fich zu verfuchen, und zwar, ohne dabei
aus der Rolle eines Predigers der Reformationszeit
zu fallen? Die Sache bedarf noch näherer Unterfuchung.
— Auch diefe Lutherforfchungen find eine reichhaltige
und wertvolle Feftgabe.
Berlin. Kawerau.

Stange, Liz. Erich: Das Erlebnis der Reformation. Eine Frage
an junge Menfchen. (37 S.) kl. 8°. Berlin, Furche-Verlag 1917.

M. —80

Stange lieht vor fich eine ,erfchütternde Tatfache'. ,Wir
fchicken uns an, das Gedächtnis einer Gefchichte zu feiern, für
die wir meinen, kaum Worte groß und herrlich genug zu haben,
und find doch innerlich weit von ihr entfernt.' Der Rechtfertigung
aus dem Glauben fteht die Jetztzeit verftändnislos gegenüber.
Er will dazu helfen, daß das Erlebnis der Reformation von neuem
erlebt wird, indem er zeigt, wo in der Seele Raum ift für ein
folches Erlebnis. Unfere Zeit ringt um .Charakter und Perfönlichkeit
', damit man nicht ,zerrieben wird von den Alltäglichkeiten
des Lebens'. Soll da die Rechtfertigung aus dem Glauben nichts
zu fagen haben; will de doch der Seele einen ,neuen, tiefen un-
zerftörbaren Edelgehalt, das Königsrecht der Kinder Gottes' verleihen
? Aber dem Ringen um das Werden der Perfönlichkeit
liegt noch eine tiefere Not, eine ethifche und religiöfe, zu Grunde.
Die Verantwortung für das eigene Leben und die Lad der fozi-
alen Verantwortung heben fich allein durch die Auflöfung in eine
.einzige alles umfpannende Verantwortung gegenüber dem ewigen
Willen'. Eine unlösbare Aufgabe. Aber die Rechtfertigung aus
dem Glauben macht fie lösbar durch den Ratfchluß einer unfaßbaren
Barmherzigkeit. Und die religiöfe Not, die Sorge um den
Wert des Lebens, fie kann nur dadurch gelöft werden, daß die
Seele fich in Gott findet. Das aber heißt Rechtfertigung. —
Stange wird hoffentlich felbft nicht der Meinung fein, in einem
Vortrag das von ihm mit Recht fo fchwer empfundene Problem
gelöft zu haben. Wenn es wahr ift, daß jedes Jahrhundert in
feiner Weife der Rechtfertigung aus dem Glauben gewiß werden
muß, fo wird man noch viel tiefer in den Geilt unferer Zeit eindringen
muffen, als es in einem Vortrag vor Studenten gefchehen
konnte. Dann werden fich aber wohl noch ganz andere Richtlinien
zeigen. Aber dennoch wird man das kleine Büchlein nicht
ohne innere Anregung aus der Hand legen.
Alfeld. Schornbaum.

Kohlbrügge, weil. Palt. D. H. F.: Briefe an weil. Prof. Johannes
Wichelhaus aus den J. 1843—1857. Ein Beitrag zum Verftändnis
der Perfönlichkeit Palt. Dr. H. F. Kohlbrügge's u. zur
Gefchichte der Gründg. feiner Gemeinde. Hrsg. v. Palt. em.
J. J. Langen. (XXIV, 200 S. m. 4 Bildern.) Elberfeld, Reformierter
Schriften verein in Komm. M. 4 —
Diefe Sammlung von Briefen Kohlbrügges (t 1875) famt der
ihr vorangefchickten, Kohlbrügges Leben bis zu feiner Anftellung
in Elberfeld (1846) behandelnden Einleitung (S. V—XVIII) rechnet
auf dankbare Lefer aus dem weiteren Kreife der Verehrer Kohlbrügges
und feiner Predigten, nicht auf kirchengefchichtliche
Verwertung. Das zeigt die Überfetzung der lateinifchen Briefe
und Briefltellen, die, nebenbei getagt, nicht immer richtig ift
(S. 47: ast nos poma natamus — ,Aber wir überftrömen von
Obft (?)' !); das zeigt der Umftand, daß ,einige fcharfe, nicht näher
begründete Urteile über verfchiedene Perfonen' ausgelaufen find
(S. III); das zeigt die Zufälligkeit des Umfängs, den der mehrere

.nicht der Mühe wert, die verfchiedenen theologifchenGedan-
kengänge diefes Mannes weiter zu verfolgen', wird zwar über
vielesfchnell hinweglefen und in der Tat auch nach meinerMeinung
dabei nichts verlieren, fondern nur Zeit fparen. Doch nicht ohne
Wert ift der von den Briefen vermittelte Eindruck der Perfönlichkeit
des eigenartigen, ernften und frommen, aber fchroffen
Mannes, der unerfchüttert feit fteht auf der wörtlich infpirier-
ten und nach pietiltifcher Art erklärten hl. Schrift. Kohlbrügge
war nicht eigentlich ,PietiIt', aber noch weniger ein orthodoxer
Calvinilt. Es war, was Würde, Geilt, Selbltändigkeit und
Selbftbewußtrein anlangt, in ihm etwas von der ,Propheten'-Art,
die auf anderm (z. B. amerikanifchem) Boden die Sektenltifter
zeigen. — Intereffant ift, wie diefem Reformierten' einige genuin
Lutherfche Gedanken, namentlich an Rö. 7 anknüpfende, von
grundlegender Bedeutung geworden find. Man wird das mit feiner
bis in feine Hilfspredigerzeit reichenden lutherifchen Vergangenheit
in Zufammenhang bringen müffen.
Halle a. d. Saale. Loofs.

Erdmann, Benno: Die Idee von Kants Kritik der reinen Vernunft
. Eine hiftor. Unterfuchg. (S.-A. a. d. Abhandlgn.
d. kgl. preuß. Akad. d. Wiff. 1917. Phil.-hift. KL)
(89 S.) Lex. 8°. Berlin, G. Reimer 1917. M. 3.50
Erdmann bezeichnet feine Arbeit als ,eine hiftori-
fche Unterfuchung' und betont, daß er fich bemüht habe,
Gedanken, die er auf andern Wegen erworben, nicht in
Kant hineinzudeuten. Was die Form der Darftellung betrifft
, fo hat der Verfaffer reichlich mit Angabe von
Zitaten gearbeitet und fo die Nachprüfung erleichtert.
Es ift bezeichnend, daß gerade Erdmann, dem wir be-
deutfame Ausgaben aus den Kantifchen Nachlaßpapieren
verdanken, mit Berufungen auf folche Nachlaßveröffentlichungen
fehr fparfam gewefen ift. Mit vollem Recht,
denn, wie er (elbft es formuliert, follten als primäre
Quellen für die Lehrmeinungen eines Philofophen aus-
fchließlich die von ihm felbft veröffentlichten Schriften
gelten. Erdmanns erfte Thefe geht dahin, daß wir aus
dem Aufbau des Werks den Plan abzuleiten haben,
der ihm als geftaltende Idee zugrunde liegt und fo die
in der Vernunft gegründete innere Einheit des Ganzen
enthüllt. Drei Grundauffaffungen fcheiden damit als
Ausdruck der ,Idee' der Vernunftkritik aus, nämlich 1.
die Frageftellung: wie find fynthetifche Urteile a priori
möglich? 2. das Bild von der kopernikanifchen .Revolution
der Denkart' und 3. die Annahme, daß der Schwerpunkt
des theoretifchen Kritizismus in dem fog. transzendentalen
Idealismus liegt. Erdmann knüpft an den
Schlußabfchnitt der Kritik der reinen Vernunft: die Architektonik
an und unterfucht danach im einzelnen das
Gefamtfchema der Vernunftkritik. Dabei zeigt fich, daß
wir lediglich in einer genaueren Beftimmung der .Kritik',
ihres Objekts und ihrer Methode, die Idee des Werkes
zu fuchen haben. Worin .Objekt' und .Methode' beliehen,
wird fodann erörtert und das Ergebnis kurz folgendermaßen
zufammengefaßt (S. 79): ,Die Idee der Kritik der
reinen Vernunft liegt in dem auf der Grundlage des
transzendentalen Idealismus gemäß der organifchen Gliederung
der reinen Vernunft nach transzendentaler fyn-
thetifcher Methode allgemein geführten Beweis, daß der
fpekulative Erkenntnisgebrauch der Vernunft, der fich
in der Idee der Metaphyfik realifiert, niemals weiter als
bis zu den Grenzen möglicher Erfahrung reicht'. Schließlich
wird noch die .realiftifche Voraussetzung' der Kritik
genauer behandelt, wonach der Begriff der Erfcheinung