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Ausgabe:

1918

Spalte:

89-90

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heyde, Erich

Titel/Untertitel:

Grundlegung der Wertlehre 1918

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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ebenfo, wenn auch in ganz anderer B egrenzung, Hofmann-
Francks Theologie zu Haufe war, ift fo einfach heute
nicht mehr zu haben.

Gießen. S. Eck.

Heyde, Dr. Erich: Grundlegung der Wertlehre. (V, 159 S.)

gr.8°. Leipzig, Quelle & Meyer 1916. M. 5—

Ein Führer durch die moderne Wertlehre wäre nicht
unerwünfcht. Das Wort und die durch es gedeckte Begriffswelt
hat feine Bedeutung erhalten durch den Neu-
Kantianismus und feinen Rückgang auf eine vom Subjekt
her die Wirklichkeit ordnende Denkweife, wobei
zugleich die in der älteren Metaphyfik übliche Verfchling-
nng von Kaufalität und Teleogie in der Weife der modernen
Naturwiffenfchaft radikal aufgelöft ift. Damit wurde die
Feftftellung von Seiendem eine Aufgabe der naturwiffen-
fchaftlichen, allenfalls auch der gefchichtswiffenfchaftlichen
Begriffe, während alle ethifche, äfthetifche, religiöfe, gefühlsmäßige
Deutung dem Werturteil anheimfiel, das damit
überhaupt an Stelle der alten Metaphyfik und ihrer
Intereffen trat. In gewiffer Hinficht hatte hier fchon Schopenhauers
Willenslehre und Lotzes Geltungs- und Deutungslehre
vorgearbeitet. Vollendet worden ift diefe Theorie
durch Windelband, Richert und Lalk, die in letzter Hinficht
auch die Feftftellung von theoretifchen Seinsurteilen
als Anerkennung von Werten bezeichneten und damit
eine umfaffende Lehre von geltenden Werten an die
Stelle der Metaphyfik fetzten. Von einer anderen Seite her
hat die moderne Pfychologie, ebenfalls vom Subjekt ausgehend
aber auch alles Sein wie alle Geltung durch das
Subjekt und feine pfychologifchen Akte konftituiert betrachtend
, die Wertlehre in Humefcher Weife durch pfy-
chologifche Gefetze der Wertbildung begreiflich zu machen
gefucht, damit dann freilich auch feiner metaphyfifchen
Funktion entkleidet und die Werte zu lediglich fubjek-
tiven Zufätzen zu einer an fich allein fuffizienten Seinswirklichkeit
gemacht. Das Buch von Heyde polemifiert
lehr ungeniert gegen beide Richtungen, vor allem gegen
die erft genannte, der derVerfaffer vollendete Unklarheit
verwirft. Seine eigene Darfteilung, die auf der Philofophie
Rehmkes beruht und vermutlich eine beiRehmke gearbeitete
Differtation ift, wird demLefer aber auch feinerfeits nur
lehr fchwer klar. WederVorausfetzungen noch Konfequen-
zen find entwickelt, der Beweisgang ift ein ganz anderer
als der der urfprünglichen Gewinnung der Pofition. Der
Sprachgebrauch und logifche Zergliederungen auf Grund
vorausgefetzter, für andere Leute höchft fraglicher Definitionen
find feine Beweismittel. Die Probleme find
nirgends aus der Kontroverfe herausgearbeitet, fondern
an der Hand von Definitionen und deren dialektifcher
Erörterung gebildet, wobei die Einzelformulierungen anderer
Autoren ohne Angabe von deren Gefamtanfchauung, die
in jenen Formulierungen fteckt und ihr Grund ift, als
völlig bekanntes Handwerkszeug vorausgefetzt werden.
Wer kein Rehmke-Schüler ift, wird die allem Anfchein
nach fcharffinnige Darlegung nicht ganz verftehen. Der
Grundgedanke fcheint zu fein, daß es nur wertvolle
Gegenftändegibt, deren Wirkung auf das Bewußtfein eben
in den Werturteilen zum Ausdruck kommt, daß die Werte
alfo Beziehungen von Gegenftänden auf Bewußtfein find,
die in den pfychologifchen Luftgefühlen nur anerkannt,
aber nicht erft vom Subjekt geftiftet werden. Sie zerfallen
dabei in Zweckdienlichkeitswerte, die auf der vom
Willen aufgenommenen Beziehung eines Gegenftandes
auf einen anderen erft zu erwirkenden Gegenftand beruhen
, und in luftbringende Werte, die eine von den
Gegenftänden gewirkte ,Luft und Innenempfindung' bedeuten
, ohne daß fie gewollt zu werden brauchten. Es
fcheint alfo eine Art Metaphyfik der Beziehungen zu
Grunde zu liegen, die fehr verfchiedenartig fein können
und im pfychologifchen Akt nur zur Auswirkung kommen
, aber nicht hervorgebracht werden. Daher ift der
Wert für den Verfaffer etwas .Wirkliches', etwas Gewirktes
, eine Beziehung zwifchen Realem. Die fub-
jektiv-pfychologifchen Akte find nur Anerkennungen
diefes .Wirklichen', die felbftverftändlich im Subjekt d.h.
pfychologifch ftattfinden müffen, da ja die Wirkung
von Wirklichem auf das Subjekt jedesmal vorliegt. Dabei
gibt es individuelle und zufällige Werte, die von
der Sonderart des Subjektes abhängen, und allgemein-
giltige, die auf das freilich oft latente oder verworrene
allgemeine Wefen der Subjekte von beftimmten Gegenftänden
, äfthetifchen oder ethifchen, gewirkt werden. Was
diefe .wirklichen' Beziehungen felber dann find und worin die
außerpfychologifche, pfychologifch nur erfcheinende .Wirklichkeit
' befteht, das ift mir nicht verftändlich geworden.
Ich verkenne nicht die vielfachen Schwierigkeiten der
Werttheorie der Geltungsphilofophie, allein bei ihr kann ich
mir etwas denken, während ich mir bei diefer von Gegenftand
auf Gegenftand gewirkten, darum .wirklichen' Beziehung
nichts denken kann. Der fehr wichtige Gegenfatz
gegen den Pfychologismus fcheint mir immer noch bei
der Geltungsphilolophie beffer gewahrt, deren Gruna-
intereffe der Verfaffer ja offenbar doch teilt.

Berlin. Troeltfch.

Langer, Dr. Fritz: Intellektualmythologie. Betrachtungen
üb. das Wefen des Mythus u. der mytholog. Methode.
(XII, 269 S.) gr. 8». Leipzig, B. G. Teubner 1916.

M. 10—; geb. M. 13.20
Das Buch ift die zu einer felbftändigen Unter-
fuchung ausgewachfene Einleitung, die der Verfaffer
einer Arbeit über germanifche Mythologie vorauszu-
fchicken beabfichtigt hatte. Sie behandelt demgemäß
Wefen und Methode der mythologifchen Forfchung auf
Grund einer beftimmten Anfchauung vom Wefen des
Mythos. Zu diefer Ausführlichkeit hat ihn der Wider-
fpruch veranlaßt, in welchem er fich zu den herrfchen-
den Auffaffungen weiß und den fchon der Titel aus-
fpricht. Er ift überzeugt, daß der Mythos im Wefent-
lichen Ideen, und zwar religiöfe, in der Art der Primitiven
das ganze Leben in Natur und Kultur umfaffende
Ideen, ausfpricht, alfo im Grunde allegorifcher Ausdruck
für ethifch-religiöfe Ideen ift, die das Altertum in begrifflicher
Form auszufprechen nicht im ftande war, deren
Logik aber unter der alten Formenhülle in der Hauptfache
noch unfere heutige ift. Darum ift er geneigt, die
ftoifch allegorifche Mythendeutung, die Allegorefe der
Kirchenväter und der jüdifchen Schriftgelehrten für die
normale Fortfetzung des alten mythifchen Denkmotivs zu
halten. Auch die Gleichniffe Jefu und die Sprache der Bibel
glaubt er in fcharfem Einfpruch gegen Jülicher in diefer
Weife verftehen zu müffen. Ebenfo felbftverftändlich ift
es, daß er fich gegen Mythologen wie Wundt und Tylor
wendet, die den ideell-religiöfen Gehalt des primitiven
Mythos nicht gefehen hätten und damit vor die fchwierige
Frage kämen, den Punkt zu beftimmen, wo die Religion
aus dem vorreligiöfen Mythos und Zauber en.tfpringt.
Mythologie ift ihm primitive Religionsgefchichte und
zwar in einer den ideellen Gehalt viel ftärker betonenden
Weife, als das die damit übereinftimmende Auffaffung
von Ufener und Dieterich tut; auch die letzern können
die Loslöfung der .Religion' vom Mythos und überhaupt
deren Unterfcheidung nicht klar machen, ohne daß fie
doch die volle Identifikation beider vollzogen hätten. In
letzter Linie fteckt dahinter natürlich ein ftark intellektueller
Religionsbegriff, den der Verf. gegen die fubjektiviftifch
gefühlsmäßige, die Einheit von Kultur und Religion zerreißende
und die foziologifche Zufammenfaffung von Kultur
, Religion und Volk aufhebende Religionstheorie der
neueren proteftantifchen Theologen verteidigt. Eine
genauere Beftimmung und Begründung feines eigenen
Religionsbegriffes gibt der Verf. nicht; er wendet fich
nur lebhaft gegen Schleiermacher und Wernle.

Mit alledem wäre trotz mancher zutreffender Be-
I merkungen nichts Neues gefagt, fondern nur eine alte