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Ausgabe:

1918 Nr. 45

Spalte:

67

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Althaus, Paul

Titel/Untertitel:

Lodzer Kriegsbüchlein. Deutsch-evang. Betrachtungen 1918

Rezensent:

Schian, Martin

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67

Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 45.

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über die Aufgaben der Kirche nach dem Kriege zu
hören, ift fehr intereffant. Freilich ift Mötteli11, ob-
fchon er über Ragaz einige fehr treffende Urteile fällt,
ein Pazifift, dem Krieg und Chriftentum unvereinbare
Gegenfätze find und der uns Deutfchen gewaltig, aber
verftändnislos den Text lieft, weil wir meinen, nicht der
Teufel, fondern Gott fei mit uns im Krieg. Seine politi-
fchen Urteile find gänzlich unpolitifch und darum unbrauchbar
, aber feine religiöfen und fittlichen Urteile
find fehr ernft, und fo denken wir ihnen ernft nach, wenn
fie auch auf fchweizerifche Verhältniffe zugefchnitten find.
Übrigens fchreibt M. recht temperamentvoll und kräftig
zugetpitzt. —

4. Andachten, Betrachtungen ufw. Religiöfe
Sonntagsbetrachtungen aus der ,Deutfchen Lodzer Zeitung
' find es zumeift, die Paul Althaus12 in feinen beiden
Lodzer Kriegsbüchlein gefammelt hat. Ein kurzes
Schriftwort ift zugrunde gelegt; der Ton ift ungewöhnlich
frifch, die Gedankenführung fehr anregend. Lebhaftes
deutfches Empfinden regiert, ohne daß das Deutfch-
tum dem Chriftentum gefährlich wird. Vorausgefchickt
find dem erfiten Büchlein Auffätze zur Gefchichte des
Deutfchtums und der lutherifchen Kirche in Polen, dem
zweiten folche über deutfche Arbeit in Lodz während
des Krieges (von Adolf Eichler, dem Vorfitzenden des
Deutfchen Vereins für Lodz und Umgegend) und über
die Stellung der Kirche im Volksleben. Fafit ift es
fchade, daß diefe Auffätze, denen weite Beachtung zu
wünfchen ift, mit andersartigem Stoff zufammengekettet
und fo fchwerer greifbar geworden find. Aber es wird
niemanden gereuen, um ihretwillen auch die Sonntagsandachten
in Kauf zu nehmen; fie flehen unfraglich erheblich
über dem Durchfchnitt folcher Betrachtungen. —
Die Andachten von Schmökel13 find ein wenig länger
als die eben befprochenen; fie find fehr gefchickt aufgebaut
und rhetorifch gut geftaltet; auch fehlt nicht Anregung
durch eingeftreute Eriebniffe u. a. Aber fie wurzeln
dennoch nicht dermaßen im Erleben diefer Zeit wie
die von Althaus; fie heben mehr über die Zeit hinaus,
als daß fie die Zeit innerlich zu verarbeiten fuchten. Etwa
Kögelfche Schule mit manchen Vorzügen, aber auch den
Nachteilen. — Die ganz kurzen, aus diefer Zeit heraus,
geborenen und in das Ewige hineinleitenden Andachten
von Seilacher14 haben mir fehr zugefagt; fie find fein
und unaufdringlich fchlicht; jede hat eine ganz befondere
Spitze, die ins Herz hinein zielt. Möchte das kleine
Büchlein über der Fülle gleichartiger Erfcheinungen doch
ja nicht überfehen werden! — Krebs15 hat, wie fchon
früher mehrmals, eine Anzahl feiner wöchentlichen Kriegsbetrachtungen
aus dem ,FreiburgerKatholifchen Gemeindeblatt
' gefammelt vorgelegt. Die Zeit ihrer Entftehung
— Ende 1915 bis Ende 1916 — drückt ihnen das Gepräge
auf. Der Grundton ift religiös, in deutlich katho-
lifcher Färbung; aber viele Ausführungen find allgemeineren
Charakters. Gute, kräftige vaterländifche Gerinnung
regiert überall. Die Zeitereigniffe zieht K. nachdrücklich
heran; kaum eine uns jetzt bewegende Frage,
die nicht irgendwie angerührt würde. Er fchreibt frifch,

11) Mötteli, Pfr. H.i Die neuen Aufgaben nnferer Kirche nach
dem Kriege. Vortrag, geh. an der Jahresvcrfammlung d. Vereins f.
freies Chriftentum in Aarau, 22. V. 1916, (32 S.) 8°. Zürich, Beer &
Cie. 1916. M. — 60

12) Althaus, Gouv.-Pfr. Die. Paul: Lodzer Kriegsbüchlein.
Deutfch-evang. Betrachtgn. (VT, 97 S.) 8°. Göttingen, Vandenhoeck&
Ruprecht 1916. M. 1 —

— Um Glauben und Vaterland. Neues Lodzer Kriegsbüchlein.
VIII, 111S.) kl. 8°. Ebd. 1917. M. 1.20

13) Schmökel, Herrn.: Friede fei mit Euch! Erbauungs-
ftunden in fchwerer Zeit. (48 S.) 8°. Potsdam, Stiftungsverlag 1917.
M. — 80

14) Seilacher, Pfr. Carl: Kriegsandachten. (80 S.) kl. 8". Stuttgart
, J. F. Steinkopf 1916. Geb. M. 1 —

15) Krebs, Engelbert: Der ruhige Gott. Vierte Reihe der
Gedanken über den großen Krieg. (V, 157 S.) kl. 8°. Freibürg i B„
Herder 1917. M. 1.80; geb. M. 2.20 '

anfehaulich, volkstümlich. — Die ohne Namen erfcheinen-
den Vorträge und Anfprachen für Front und Etappe1'1
find gleichfalls katholifchen Urfprungs; das Vorwort, von
A. Heinen gezeichnet, deutet an, daß der Inhalt als
Grundlage für zu haltende Vorträge und Anfprachen
dienen foll. Es foll denen dienen, ,die fich um das gei-
ftige Leben unferer Krieger mühen möchten'. Wer ift
gemeint? Feldgeiftliche? Sie brauchen diefe Hilfe kaum.
Wer aber fonft? Es handelt fich um fehr volkstümliche,
klar geteilte, einfache Reden über praktifche ethifche
(nur zuweilen ins Religiöfe hineinklingende) Gegenftände:
Von kriegerifcher Disziplin, Manneszucht, Kameradfchaft-
lichkeit, Ehre ufw. —

5. Anderes. Aus Vorträgen erwuchfen die hier
vorgelegten fünf Abhandlungen von O. Dibelius17: Die
Offenbarung Gottes; Vom betenden Vertrauen; DerAuf-
fchwung des Lebens; Die Überwindung des Todes; Der
Krieg und das Evangelium der Liebe. Es find gedankenreiche
, von ernfter Frömmigkeit getragene Erwägungen
, die manchem, der an den Fragen der Zeit fich abmüht
, weiterhelfen können. Der Schlußfatz des letzten
Stücks ift für den Geift, der in diefem Heft weht, bezeichnend
: ,Mit den Augen des Glaubens fchauen wir
fchon hinter den fchwarzen Gewitterwolken des Weltkrieges
die Morgenröte jener erfehnten Zeit' (da das
Gottesreich durch die Gefinnung der vom Geift Jefu Chrifti
ergriffenen Perfönlichkeiten die Welt durchdringen wird).
— Haußleiter18 legt auf 14 Druckfeiten feine Auffaffung
von dem ewigen feiigen Leben dar, deffen Gewißheit der
wahre Chriftentroft in diefer Zeit ift. Mancher abwegigen
Meinung entgegentretend, bekennt er fich fchlicht und
recht zu dem Glauben an ein ewiges Leben, der als der
chriftliche gelten muß. — Echt katholifch ift Rackls1'1
alle Argumente der Dogmatik herbeiholende und mit
Gründen und Gegengründen arbeitende gelehrte Unter-
fuchung. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß der chriftliche
Soldatentod ein wirkliches Martyrium ift, aber es
fehlt eine akzidentelle Befchaffenheit, die intentio per-
secutoris; daher ift er ein martyrium minus proprie dictum
. Das Wefen des Martyriums ift vorhanden, daher
auch das Martyriumsverdienft und die Martyriumsglorie.
Die zu diefem (wie zu jedem) Martyrium erforderlichen
Bedingungen find rechte Meinung und chriftliche Geduld.
Weil wir nicht ficher wiffen, ob diefe Bedingungen bei
allen Gefallenen zutreffen, dürfen wir ihnen keine religiöfe
Verehrung erweifen, wohl aber religiöfe Ehrung. Mit
folchen Fragen, wie fie R. hier aufwirft, brauchen wir
uns nicht zu mühen; deften freue ich mich aufrichtig. —
Die Roftocker Weilmach tsgrioe enthält einen hübfeheu
Auffatz von W. Walther2«: .Völkerpfychologifche Beobachtungen
Luthers' (S. 7—2n). Die mitgeteilten Urteile
Luthers über Italiener, Frart'zofen und Engländer dürfen
jetzt auf allgemeines Intereffe rechnen.

Gießen. M. Schian.

16) Vorträge und Anrpraclien für Front und Etappe. 1. Heft.
(98 S.) kl. 8». M.Gladbach, Volksvereins-Verlag 1917. M. 1.20

17) Dibelius, Pfr. Lic. Dr. Otto: Die Ernte des Glaubens.
Kriegsnöte u. Kriegserfabrgn. (84 S.) 8'1. Berlin-Lichterfelde, E. Runge
1916. M. 1 —

i8j Haußleiter, Prof. Dr. Job.: Chriftentroft bei dem großen
Sterben der Gegenwart. (S.-A. aus der Allg. Ev.-Luth. Kirchenzeitg.)
(16 S.) 8". Leipzig, Dörffling & Franke 1916. M. — 25

19) Rackl, Prof. Dr. Michael: Ift der Tod fürs Vaterland ein
Martyrium? S.-A. a. .Chriftl. Schule1.; 8. Jahrg. (1917), Heft4. (41 S )
gr. 8». Eichftätt, Ph. Brönner (1917). M. —60

20) Aus ftiller Arbeit. Weihnachtsgabe der Roftocker Univer-
fitätslehrer an ihre Schüler im Felde, (122 S.) 8h Roftock, H. War-
kentien 1916. M. 1.50

Nietzfches Briefwechrel mit Franz Overbeck. Hrsg. v.
Dr. Rieh. Oehler u. Carl Albrecht Bernoulli. (III,
475 S.) 8°. Leipzig, Infel-Verlag 1916.

M. 10—; geb. M. 12 —
Von Nietzfches Briefen find diefe an feinen Freund
Ff anz Overbeck, den Bafeler Theologen, die innigften und