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Ausgabe:

1918 Nr. 4

Spalte:

57

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Külpe, Oswald

Titel/Untertitel:

Immanuel Kant. Darstellung und Würdigung. 4. Aufl., hrsg. v. August Messer 1918

Rezensent:

Schuster, Hermann

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57

Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 4 5.

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hat eintreten laflen, fo hat fie doch die theoretifchcn
Grundsätzlichkeiten nirgends geändert und darum können
jene Änderungen nur als Symptome für eine kluge, den
Zeitverhältniffen angepaßte Verwaltungspraxis, niemals
aber als Beweife für eine Änderung in den oberften Prinzipien
betrachtet werden.

Und zum Schluffe noch ein paar Worte zu der
Formulierung .Vatikanifches Kirchenrecht' für das neue
Recht der Kirche. Ich kann mich mit diefer Bezeichnung
nicht befreunden. Sie fcheint mir die Bedeutung des
Yaticanum für die Rechtsentwicklung entfchieden zu über-
fchätzen. Wenn man überhaupt ein Schlagwort für
die moderne Rechtsbildung braucht, um fowohl die Ent-
ftehuno-szeit, als auch den modernen Charakter zu betonen,
fo fage man vielleicht ,Neuzeitiges Kirchenrecht', das
,neuefte Kirchenrecht' Hillings ift wohl etwas zu farblos.
Zur Orientierung über diefes neuzeitige Kirchenrecht ver-
nia(i die Schrift Hörmanns die vortrefflichften Dienfte
zu leiden.

Erlangen. Sehling.

Cohn, Prof. Jonas: Führende Denker. Gefchichtliche Einleitg. in
die Philofophie. 3. durchgereh. Aufl. (Aus Natur u. Geiftes-
welt. 176. Bdchn.) (III, 115 S. m. 6 Bildniffen.) kl. 8". Leipzig,
B. G. Teubner 1917. M. 1.20; geb. M. 1.50

Gegenüber der 1. Auflage hat der letzte Vortrag über Fichte
einige Zufätze erhalten. Die Tatfachen von Fichtes Leben find
an einigen Stellen nach der Biographie von Medicus richtig ge-
ftellt. Dem Wunfeh einiger Beurteiler nach Aufnahme weiterer
Philofophen (neben Socrates, Piaton, Descartes, Spinoza, Kant und
Fichte) hat C. nicht nachgeben können, weil er Denker, die zur
Philofophie hinführen, darftellen wollte, die großen Syftematiker
aber (wie Ariftoteles, Leibniz, Hegel) ein gefchu'.tes philofophi-
fches Denken vorausfetzen und eine umfangreiche Darfteilung
erfordern. Daß Cohns Darfteüung ihrem Zweck trefflich ent-
fpricht, erprobe ich foeben felbfi. bei einem der Einführung in
die Philofophie gewidmeten Unterrichtsgang.
Hannover-Kleefeld. Schulter.

Külpe, Oswald: Immanuel Kant. Darfteilung u. Würdigg. 4. Aufl.,
hrsg. v. Aug. Meffer. (Aus Natur u. Geilteswelt, 146. Bdchn.)
(IV, 137 S. m. 1 Bildn) kl. 8«. Leipzig, B. G. Teubner 1917.

M. 1.20; geb. M. 1.50
Diere 4. Auflage ift nach des Verfaffers Tode von Meffer
beforgt. Sie ift durch Streichung einzelner Sätze und Abfätze
merklich verkürzt, inhaltlich aber, foweit ich fehe„nicht ververändert
.

Hannover-Kleefeld. Schuft er.

Cohen, Hermann: Der Begriff der Religion im Syftem der
Philofophie. (Philofophifche Arbeiten hrsg von H. Cohen
u. P. Natorp. X.Band. I.Heft.) (VIII, 164 S.) gr. 8°.
Gießen, Töpelmann 1915. M. 5—; geb. M. 6 —

Cohen ift aus dem fcharfTinnigen und höchft kon-
ftruktiven Deuter und Umgeftalter Kants in feinem
Alter immer mehr zum Philo modernus geworden, der
aus den Bedingungen der ,fyftematifchen' d. h. Marburger
Philofophie heraus die jüdifche Glaubenslehre als Ausdruck
und Durchbruch der Vernunft-Religion oder der
abfoluten natürlichen Religion entwickelt. Sie ftimmt
bei dielem Charakter mit jedem Durchbruch der wählen
Philofophie zufammen, fodaß als Grundlage diefer
Religionslehre gleichzeitig die philofophifchen Autoritäten
Cohens — d. h. die Eleaten, Sokrates, Piaton und
Kant, alle in der bekannten lormal-moniftifchen Deutung
einer Lehre von den apriorifchen Denknotwendigkeiten,
— neben Mofes, den Propheten und den Pfalmen verwendet
werden können. Daneben kommen weiterhin als
Autoritäten die jüdifchen Relgionsphilofophen des Mittelalters
in Betracht, die gleichfalls gegen jedes myftifche
und metaphyfifche Mißverftändnis gefchützt werden. Deren
Werk vollendet nun die Marburger Schule, deren Schulcharakter
und Siegeshoffnungen das Buch nachdrücklich
mit großer Genugtuung auslpricht. Wenn die Welt
die ,Kulturreife' zur ,fyftematifchen Philofophie' erlangt

haben wird, dann wird fie auch der ,fyftematifchen
Religion', wie C. feine Religionslehre nennt (S. 122), fich
einheitlich zuwenden. Daß innerhalb der Schule Natorp
eine dem jüdifchen Denken fremdartigere und mehr
myftifche Religiofität vertritt, erkennt C. felber natürlich
an, er verwahrt fich jedoch nachdrücklich dagegen und
hofft die Schule bei feinem die Religionslehre rein
aus der Ethik entwickelnden ftreng ,wiffenfchaftlichen'
Monotheismus feilzuhalten. Infofern diefe feine Religionslehre
ftreng aus der Wiffenfchatt herauswächft und die
Wiffenfchaft der endlich im Marburger Sinne fyftematifch
gewordenen Philofophie allein einen geordneten und einheitlichen
Aufbau der Kultur gegenüber allen halbmittelalterlichen
Romantizismen und Myftizismen gewährt, ift
die .fyftematifche Religion' zugleich Abfchluß und Vollendung
des Kulturbewußtfeins, Erzeugnis einheitlicher
und alles gleichartig rational umfaffender Kulturreife. Die
Kultur wird wiffenfchaftlich-rationale Kultur fein und
die Religion rein und ausfchließlich ,Kulturfaktor', um
das meffianifche Endziel, den friedlichen Statenbund der
Menfchheit und die foziale Gerechtigkeit, herbeizuführen.

Unter diefen Umftänden ift es felbftverftändlich, daß
C. gar nichts wiffen will von der modernen. Religions-
pfychologie und Religionsgefchichte, von einem induktiv
zu gewinnenden Begriff der Religion. Er fchiebt das
von vornherein mit einer verächtlichen Handbewegung
bei Seite. Man müffe fchon bei der Auslefe des Materials
wiffen, was Religion fei; deshalb müffe man mit
einem rein rational gewonnenen Religionsbegriff in alle
folche Unterfuchungen bereits eintreten, und die Wirkung
davon fei wefentlich die Ausfcheidung alles Mythi-
fchen, Äfthetifchen, Anthropologifchen, Abergläubifchen,
Myftifchen und Metaphyfifchen aus dem, was wirklich
als Religion anerkannt werden kann. Eben deshalb
gibt es erft feit Mofes eigentliche Religion. Andrerfeits
ift bei den Vorausfetzungen der fyftematifchen d. h.
Marburger Philofophie ebenfo lelbftverftändlich, daß
diefer deduktive Religionsbegriff nur auf den Aufweis
apriorifcher Denknotwendigkeiten, notwendiger Denkgebilde
, hinauslaufen kann. Die Religion kann nur ein
Verhältnis zu denknotwendigen, autonom erzeugten Ideen
fein. Damit ift jede Metaphyfik, jede Myftik, jede reale
Gemeinfchaft mit Gott, jeder Gedanke an Subftanzialität
ausgefchloffen. Aus den logifchen Urbedingungen des
Denkens muß auch fie fich folgerichtig ergeben und
kann nur zu ,Ideen' führen. Überdies ift mit dielen Vorausfetzungen
feftgelegt, daß die Religion keine Selb-
ftändigkeit irgend welcher Art befitzen kann, daher auch
nicht etwa eine felbftändige Ideenbildung bedeuten könne.
Diefes letztere ift nun freilich eine Folge nicht fowohl
des grundfätzlichen Rationalismus überhaupt, fondern
des fpezififchen Marburger Rationalismus, der die drei
Seelenvermögen oder, wie C. lieber fagt, Bewußtfeinsarten
des Denkens, Wollens und Gefühls zu Grunde legt,
darnach die Philofophie in Aprioris des reinen natur-
wiffenfchaftlich-mathematifchen Denkens, des reinen Wollens
oder der Sittlichkeit, des reinen Gefühls oder der
Kunft zerlegt und nun für die Religion kein eigenes
Vermögen oder befondere Bewußtfeinsart übrig behält
. Da der Marburger Rationalismus als abfolute,
kanonifche Vorausfetzung gilt, fo bleibt der Religion nichts
übrig, als aus den drei normalen Vernunftvermögen und
darunter vor allem aus der Ethik entwickelt zu werden.
Sie muß in diefen Vermögen als Idee fchon mitenthalten
fein und muß daher als in deren logifchen Grundlagen
latent mitgefetzt herausgelöft und von ihnen her als lo-
gifche Forderung aufgezeigt werden. Damit wird dann
die Leugnung jedes myftifch-fubftanzialen Charakters der
Religion nachdrücklich unterftützt, da die C. fo fehr verhaßte
,Selbftändigkeit' im Grunde doch immer wieder
zu Myftik und Metaphyfik führen müffe, wie das bei
Fichte und Plegel in fo abfehreckender und verhängnisvoller
Weife gefchehen fei. Von Schleiermachers ,Gefühl,