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Ausgabe:

1918

Spalte:

56-57

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hörmann zu Hörbach, Walter v.

Titel/Untertitel:

Zur Würdigung des vatikanischen Kirchenrechts 1918

Rezensent:

Sehling, Emil

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Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 4/5.

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im i8.Jhrh.' R. wurde 1722 von Zinzendorf als Pfarrer nach
Berthelsdorf berufen und hat mit diefem feinen Patron j
trotz gewiffer Meinungsverfchiedenheiten lange Jahre j
in brüderlicher Gemeinfchaft zufammengearbeitet. Ein |
2. Teil wird das Vorgehen der kurfächfifchen Regierung i
gegen Herrnhut und Berthelsd orf, das tragifche Ausein- j
andergehen Zinzendorfs und Rothes i. J. 1737 und des
letzteren ferneren Lebenslauf behandeln. Den Schluß
des Heftes bildet die Gedächtnisrede von Albert Hauck
auf den langjährigen Leipziger Univerfitätsdozenten Georg
Schnedermann vom 18. Januar 1917, ausgezeichnet durch
Klarheit und forgfältig abgewogenes Urteil.

Mitau. O. Clemen.

Bezzel, Oberkonf.-Präf. D. Dr. v.: Luther. Bismarck. Inhalt:
Warum haben wir Luther lieb? Bismarck u. das deutfche Gemüt
. 1. Zehntauf. (72 S.) kl. 8«. München, Müller & Fröhlich j
1917. M. — 40

Der bayrifche Oberkondit.-Präfident v. B. gibt hier feine !
fchon einzeln erfchienenen Auffätze: Warum haben wir Luther j
lieb? Bismarck und das deutfche Gemüt, in einem kartonierten
handlichen Heft zufammen heraus; die letzte Gabe des kürzlich
verftorbenen Verfaffers.
Hannover-Kleefeld. Schuft er.

Huch, Ricarda: Jeremias Gotthelfs Weltanrchauung. Vortrag. 1
(72 S.) 8°. Bern, A. Francke 1917. M. 1.80 j

Ricarda Huch weilte während der Kriegszeit lange !
in Bern; das hat ihr Veranlaffung zu einem Vortrag !
über Jeremias Gotthelf gegeben, der die freundliche Aufnahme
, die er in der Schweiz fand, vollauf verdiente.
Es ift merkwürdig, daß bisher noch Niemand darauf gekommen
ift, über Gotthelfs Weltanfchauung etwas von
Bedeutung zu fagen; das hängt z. T. mit dem üblichen
Betrieb der Literaturgefchichte zufammen, der fich mit
den literarifchen Prägen, in die kurze Inhaltsangaben
verflochten zu werden pflegen, begnügt, anftatt den Dichter
als Propheten (im a. t. Sinne) feiner Zeit zu erfaffen.
Wenn Ricarda Huch jetzt Gotthelfs Weltanfchauung dar-
ftellt und würdigt, fo bietet gerade er ihr ein vortreffliches
Objekt, das die ihr eigene Gabe der feinfinnigen
Einfühlung auch richtig zu ergreifen verfteht, loweit das
in einem Vortrage möglich ift; denn der Stoff ift geradezu
übergroß, und es wäre dringend zu wünfchen, daß er
noch weiter ausgefchöpft würde. Und ganz gewiß hat die
Vf. Recht, daß Gotthelfs Weltanfchauung ihm ,eine lebendige
Kraft' war und ihrerfeits den künftlerifchen Wert
feiner Werke bedingte, nicht umgekehrt. Auch das ift
richtig, daß Gotthelf kein Parteipolitiker war, vielmehr
das, was man feinen Konfervatismus nennt, nur die Reaktion
feiner Weltanfchauung gegenüber der modernen
ift. Perfönlich finde ich diefes Konfervative und Reaktionäre
mit das Befte an Gotthelf; wie kein zweiter hat
er die gewaltigen Schwächen der Schweizer Demokratie
begriffen und gegeißelt, er kann hier gerade der Gegenwart
, die der Gefahr des demokratifchen Raufches nahe
ift, lehr viel fagen. ,Wer mit Liebe am Volke hängt,
der muß überall mit der radikalen Politik feindlich zu-
fammenftoßen, denn diefelbe ift eigentlich keine Politik,
fondern eine eigene Lebens- und Weltanfchauung, die
alle Verhältniffe umfaßt, der ganzen Menfchlichkeit fich
bemächtigen will'. Gotthelf fetzt dem feinerfeits die göttliche
Ordnung der Dinge gegenüber, die — diefe fozio-
logifche Seite hätte R. Huch wohl noch etwas fchärfer
herausarbeiten können — in einem Patriarchalismus gefunden
wird, zu dem das alte Bauerntum Modell geftan-
den hat Die Grundlage ift die Familie, und wenn dabei
fein beobachtet ift, daß ,kein Dichter, auch Goethe nicht
ausgenommen, die Frau fo hoch über das Irdifche erhoben
und zugleich mit fo feiten Füßen auf die Erde
gelteilt, und darum fo vollendete Frauengeftalten ge-
fchaffen hat wie Gotthelf', der Mann hingegen bei ihm
als Vertreter der ungöttlichen Welt erfcheint, fo rührt
das daher, daß die Befeitigung des Patriarchalismus

durch Kapitalismus, Radikalismus ufw. Mannestat war
und an der häuslichen Frau einen natürlichen Widerftand
findet. Meilterhaft arbeitet R. Huch die Gotthelffche
Frauengeltalt mit ihrer Herzensliebe, diefe .Atmofphäre
kraftvoller Reinheit' heraus. Patriarchalifch ilt auch
Gotthelfs Stellung zum Kriege: der ilt ihm eine notwendige
Entladung innerer Kräfte, aber das Itaatliche
Militärgefetz verwirft er, wie überhaupt den Rechtsftaat.
Wie tief wertet er die Erblündenlehre, wenn fie ihm
Schutz ift für den Menfchen, ,der gewiffe Grenzen nicht
überfchreiten kann, ohne feine Kraft zu überfpannen'.
Unwillkürlich wird man oft zu der Frage nach den Quellen
von Gotthelfs Weltanfchauung gedrängt; ob wohl
Luther unter ihnen ilt? Der unbedingte Refpekt vor der
göttlichen Ordnung, die dann mit einer beftimmten Ge-
fellfchaftsordnung gleichgefetzt wird, erinnert an ihn. —
Möchte diefer Vortrag Gotthelf neue Freunde und dankbare
Lefer gewinnen!

Zürich. Walther Köhler.

Hörmann zu Hörbach, Prof. dz. Prorekt. Dr. Walter v.:
Zur Würdigung des vatikanifchen Kirchenrechts. (123 S.)
gr. 8°. Innsbruck, R. Grabner 1917. M. 3—

Das katholilche Kirchenrecht ift in vollfter Entwicklung
begriffen. Eine Reformgeletzgebung hat eingefetzt,
fo wie fie die Kirche leit den Zeiten Alexanders III nicht
gefehen hat. Es ilt begreiflich, daß bereits eine große
Literatur über diefe entftanden ilt. Von diefer kommt
hier eine befondere Gruppe in Betracht, welche es unternimmt
, die Tendenzen und den Geilt des neuen Rechtes zu
erkennen. Zur Beurteilung dieles Rechtes wie fie von
Freifen, Hilling, Rothenbücher, Stutz und anderen bereits
verflicht worden ilt, liefert der gelehrte Kanonilt v. Hörmann
einen höchft inltruktiven, zufammenfaffenden Beitrag
. Wie fchon Stutz (dem fich der Verf. im wefent-
lichen anfchließt) erblickt Hörmann das Charakteriltifche
der neuen Entwicklung in der ,Spiritualifierung', der ,Ent-
weltlichung' des Rechtes; hierbei laffen fich drei Hauptrichtungen
dieler Spiritualifierung herausheben. 1. Innere
Kraftlteigerung, 2. Erhöhung des äußeren Anfehens und
Einfluffes der Kirche, des geiltigen und fittlichen Wertes
ihrer Organe, 3. Hervortreten der religiöfen Tätigkeit.
Unter diefen Gefichtspunkten prüft der Verf. das reiche
Material, welches die kirchliche Gefetzgebung unferer
Tage — dabei zieht er ausdrücklich auch die Zeit Leos XIII.
mit heran, während der Schwerpunkt natürlich in der
Epoche Pius X. ruht — gefchaffen hat. Die Art und
Weife, wie er die zahllofen größeren und kleineren Maßnahmen
der Päpfte zufammenzufaffen und fyftematifch
zu verarbeiten verfteht, verdient unfere höchfte Anerkennung
.

Was hat es aber mit diefer Charakterifierung in
Wahrheit auf fich? Zugegeben einmal, daß wir wirklich
eine ,Spiritualifierung', eine .Entweltlichung' herauslefen
können — vieles wird hier entfchieden übertrieben, lo die
Beurteilung des Erlaffes von Rampolla vom 20. Juli 1900,
zahlreiche Ordnungen laffen fich auch ohne weiteres nur
im Sinne des alten Rechtes und des alten überlieferten
Geiftes deuten — fo vollzieht fich doch diefe Entwicklung
entweder unbewußt, als eine naturgemäße Folgeerfchei-
nung der Veränderungen in Staat und Gefellfchaft, oder
wenn bewußt, dann gegen den Wunfeh und Willen
der maßgebenden kirchlichen Kreile, zum mindeften
nicht mit deren ausdrücklicher Zuftimmung (tolerari), und
kann doch jeden Augenblick wieder umgeleitet werden.
Alle Konzelfionen an den neuzeitlichen Geift können
jeden Moment wieder zurückgenommen werden, nirgendswo
hat die offizielle Kirche auch nur auf das geringfte
ihrer alten verbrieften Rechte Verzicht geleiftet. Wenn
fie praktifch in verfchiedenen Ordnungen und Kundgebungen
ein Zurückweichen, eine Selbftbefchränkung auf
rein religiöfes Gebiet, oder ein nachgiebiges kluges Anpaffen
an tatfächliche und rechtliche Machtverhältniffe