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Ausgabe:

1918 Nr. 2

Spalte:

316-317

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hartl, Vinzenz

Titel/Untertitel:

Die Hypothese einer einjährigen Wirksamkeit Jesu 1918

Rezensent:

Bauer, Walter

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315 Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 25/26. 3,5

durch fachliche Erwägungen beftimmt ift, mufterhafte, |
methodifche Unterfuchung und klare Darftellung — das
find die Vorzüge, die diefe Arbeit auszeichnen. Auch j
der Fachmann wird fie nicht ohne erhebliche Anregungen
aus der Hand legen, beweift fie doch, daß M. auch in den
verfchiedenften und fchwierigften altteftamentlichen Problemen
gründlich orientiert ift. Ref. kann nur dringend
wünfchen, daß wir dem Verf. nicht zum letzten Mal begegnet
find. Möchte ihm bald die Gelegenheit gegeben
werden, feine ganze Kraft der altteftamentlichen Wiffen-
fchaft zu widmen.

Straßburg i. E. W. Nowack.

König, Geh. Konf.-Rat Prof. DD. Eduard: Kanon und Apokryphen
. Eine gefchichtl. Darftellg. (Beiträge zur För- }
derg. chriftl. Theol. 21. Bd., 6. Heft.) (54 S.) 8". Güters- I
loh, C. Bertelsmann 1917. M. 1.40 j

Als ein .Präludium zum Jubelfefte der Reformation' j
veröffentlicht Ed. König diefen Beitrag zur Aufhellung
der Gefchichte des Alten Teftanients. Er unterfucht in
§ 1 die Frage, in welcher Zeit die Hauptgruppen des !
hebräifchen Schrifttums hervortreten, und fetzt die Schluß-
abfaffung des Pentateuchs um das Jahr 444, die der !
15 Prophetenbücher um 200 v. Chr., während die Zeug-
niffe über die Ketubim erft viel fpäterer Zeit zugehören. [
Der zweite Paragraph erörtert die Sammlung und Ka- j
nonifierung des altteftamentlichen Schrifttums in ihrer
gegenfeitigen Beziehung. K. zeigt hier, daß die frühere |
relative Differenz zwifchen Sammlung und Kanonifierung |
der althebräifchen Literatur fpäter verwifcht wurde und ;
fetzt fich bei diefer Gelegenheit mit Budde, Hölfcher u. a. j
über den von den kanonifchen Büchern gebrauchten Aus-
druck, daß fie ,die Hände verunreinigen', auseinander, j
ohne freilich eine überzeugende Erklärung zu geben. Im
dritten Paragraphen: .Merkmale der Kanonizität und die j
Triebkräfte bei der Bildung des altteftamentlichen Kanons' ,
befpricht K. die Frage, inwieweit das Parteiintereffe der |
Pharifäer bei der Kanonbildung tätig war, und entfcheidet
fich dahin, ,daß die pharifäifch gefinnten als eifrigfte Geifter
befonders energifch an diefem Werke beteiligt gewefen
fein mögen'. Im vierten Paragraphen behandelt K. die
Frage des offiziellen Abfchluffes des Kanons, die von
ihm mit Recht mit der Synode von Samnia 90 n. Chr. in
Verbindung gebracht wird. Bei der Erörterung der
Nachgefchichte behandelt K. die ftrittige Bedeutung des
Verbums M3t, das nach ihm bedeutet: in die Geniza bringen,,
d. h. in den bei der Synagoge befindlichen Raum, in dem
die fchadhaft gewordenen Exemplare der im Gottesdienft 1
gebrauchten Bücher aufbewahrt werden, von hier aus
empfängt T3S die Bedeutung ,vom Vorlefen im Gottesdienft
ausfchließen'. K. beftreitet aber gegen Budde,
Steuernagel ufw. die von ihnen vertretene Bedeutung
.akanonifieren'. Nach kurzer Erörterung der Grade der
Normativität § 5 erörtert K. in § 6 die Abgrenzung des
altteftamentlichen Kanons nach außen hin und in § 7
die Stellung der Religionsparteien zu Kanon und 'Apokryphen
.

Wie alle Arbeiten von K. zeichnet auch diefe fich
durch reiches Material aus. Der von ihm vertretene
Standpunkt in den meiften der hier in Betracht kommenden
Fragen ift im wefentlichen derfelbe wie in feiner
Einleitung, zu der diefe Arbeit eine Ergänzung bildet.
Die Darfteilung läßt bisweilen zu wünfchen übrig, ich
verweife nur auf § 4 Nr. 1.

Straßburg i. E. W. Nowack.

Kittel, Priv.-Doz. Lic. Gerhard: Jelus als Seelforger. 3.Taufend
. (Zeit- und Streitfragen des Glaubens, der Welt-
anfchaug. u. Bibelforfchg. XI. Reihe, 7. Heft.) (24 S.)
8«. Berlin-Lichterfelde, E. Runge 1917. M. — 60
K. befchreibt, wie Jefus als Seelforger den Menfchen
nahekommt, wie er jedem anfleht, was er braucht, mit ihm
fühlt und ihm hilft, ohne für fich felbft etwas zu erwarten.

Er ftützt fich dabei auf die Synoptiker, ohne jedoch das
vierte Evangelium ganz auszufchalten. Die Benutzung
der Quellen ift charakterifiert durch ein außerordentlich
weitgehendes Vertrauen auf ihre Güte. Nicht nur begegnet
nichts, was wie Kritik anmutet, K. macht auch
am Schluß (S. 24) ausdrücklich Front gegen gewiffe Be-
anftandungen, denen der überlieferte Evangelientext ausgefetzt
gewefen ift. Ihnen gegenüber glaubt er z. B. die
Inkongruenz zwifchen Luc. 10, 29 und 36 befeitigen zu
können durch Hinweis auf den lebendig fortfchreftenden
Gedankengang des Seelforgers (vgl. auch S. 5. 6). Ich
kann das nicht glücklich finden. Stillfchweigendes Verrücken
des Standpunktes (S. 6) ift gewiß kein Merkmal
befonders kunftvoller Seelforge. Das, worauf die Ex-
egeten vor K. nie verfallen find, kann doch gewiß nicht
naheliegend heißen. Hätte Jefus wirklich ohne jede Andeutung
eine folche Schwenkung vollzogen, fo wäre er
mindeftens ftark in Gefahr geraten, das zu tun, was er
nach K. (S. 7) niemals getan hat, nämlich an den Menfchen
vorbeizureden. Ein Publikum, das mit dem Verf.
die Überzeugung von der makellofen Güte unferer Evangelien
als Quellen für das Leben Jefu teilt, wird ihm für
die Zufammenftellung des auf fein Thema bezüglichen
Stoffes dankbar fein. Wer mehr verlangt, muß die Schrift
zum Ausgangspunkt eigener eindringenderer Studien
machen. Auch er darf fich dem Verf. dafür verpflichtet
fühlen, auf einen lehr fchönen Gegenftand, der weitere
Unterfuchungen verdient, aufmerksam gemacht worden
zu fein.

Göttingen. Walter Bauer.

Hartl, Prof. Stiftsdechant Dr. Vinz., C. R. L: Die Hypothek»
einer einjährigen Wirkfamkeit Jelu. Kritifch geprüft. (Neu-
teftamentliche Abhandlungen. 7. Bd., 1.—3. Heft) (VI
351 S.) gr.8». Münfter i. W., Afchendorff 1917. M.9—'
Seit einer Reihe von Jahren gehört die Chronologie
des Lebens Jefu zu den Lieblingsgegenftänden der ka-
tholifchen Forfchung, fpeziell die Frage nach der Dauer
des öffentlichen Wirkens des Herrn. Nach zahlreichen
Beiträgen geringeren Umfangs von anderer Seite hat nun
H. in einem ftattlichen Werke das Wort ergriffen, um
wenigftens eine Vorfrage zur Erledigung zu bringen, die
Frage nämlich, ob die Annahme einer nur einjährigen
Wirkfamkeit Jefu angängig fei.

Aus der Art, wie fich feine Arbeit als Erledigunoeiner
Vorfrage einführt, ergibt fich, daß Verf. kein Am
hänger der Einjahrstheorie ift. In der Tat läßt er als feine
Aulfaffung gelegentlich durchblicken, daß Jefus drei Jahre
gewirkt haben müffe, und fetzt fich mit den Vertretern
jener Anfchauuijg — es find nach der Entwickelung diefes
Zweiges der Wiffenfchaft nur katholifche Forfcher, in erfter
Linie Belser, aber auch Klug, Vezin, Fendt u a. — fortlaufend
auseinander.

Jeder, der fich über die Dauer der öffentlichen Tätigkeit
Jefu ausfpricht, muß Stellung zum Johannesevangelium
nehmen. So teilt H feine Widerfacher in folche, dieihie
Meinung unter Anerkennung der johanneifchen Chronologie
durchführen zu können glauben, und andere, welche die
zeitliche Anordnung des 4. Evangeliums preisgeben. Zu
den letzteren rechnet er freilich jene Gelehrten nicht, denen
die ganze Berichterftattung des 4. Evangeliften zweifelhaft
geworden ift. Mit ihnen hat er nichts zu fchaffen; denn
,eine Einigung in diefer Frage ift nur mit jenen möglich,
welche von der Erkenntnis ausgehen, daß das maßgebende
Urteil in unferem Streit die Evangeliften abzugeben haben'
(S. 12). Doch auch unter denen, die das Johannesevangelium
als Werk eines Apoftels und Augenzeugen fchätzen,
gibt es welche, die annehmen, der Erzähler hätte neben
chronologifchen auch fachliche Gefichtspunkte bei der
Anordnung des Stoffes walten laffen, oder gar vermuten
, ein Mißgefchick hätte den Text in Unordnung
gebracht.

Von dem allen will H. nichts wiffen. Er ift über-