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Ausgabe:

1918 Nr. 1

Spalte:

7-9

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mayer, Anton

Titel/Untertitel:

Die Quellen zum Fabularius des Konrad von Mure 1918

Rezensent:

Vollmer, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 1.

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Ausdruck zu gebrauchen, überlegen war: aus fich heraus
würde jenes Königtum nie zu der Monarchie geworden
fein, mit der Philipp die Hellenen und Alexander die Welt
bezwang. Statt der für feine Zwecke zu ausführlichen
und doch vieles auslaffenden Skizze der makedonifchen
Gefchichte und der Regierung Philipps hätte der Verf.
einen Überblick über die Ausbildung des hellenifchen
und halbhellenifchen Abfolutismus geben follen; damit
würde er den Lefer in das politifche Wefen des Hellenismus
beffer eingeführt und zugleich die Frage entfchie-
den haben, ob ein Ausgleich zwifchen den Makedonen
und Hellenen möglich war. Infofern das makedonifche
Königtum mit dem griechifchen Abfolutismus fich ver-
fchmolz, muß fie bejaht werden; daß die ,Polis' oder, wie
man auch fagen kann, die hellenifche Libertät wider-
ftandstähig blieb, lag nur daran, daß ihr nach Alexander
nicht eine, fondern mehrere Monarchien gegenüber ftan-
den, deren Gleichgewichtspolitik jene Libertät künftlich am
Leben erhielt, um fie als politifche Waffe zu benutzen.

Auch die Darfteilung der Feldzüge Alexanders ift
für eine Einleitung in die Gefchichte des Hellenismus
zu weitläufig ausgefallen; eine kurze Skizze, die das Wefent-
liche fcharf hervortreten ließ, wäre mehr gewefen und hätte
Raum gefchaffen für eine Darftellung des Orients, wie ihn
Alexander vorfand. So unvollkommen unfre Kenntniffe find,
verfucht muß eine folche Darftellung einmal werden, und
zwar fo, daß der Standpunkt nicht von der hellenifch-
makedonifchen, fondern von der orientalifchen Seite aus
genommen wird. Die ungeheure Verfchiedenheit zwifchen
Vorderafien und Iran, zwifchen den Gebieten der hellenifchen
und der aramäifchen Kultur, ferner zwifchen
den Iraniern des Kulturlands, der Berge und der Steppen
läßt fich (chon zur Anfchauung bringen; einzelne Gebiete,
wie Ägypten und Paläftina, geftatten fogar das Wagnis,
mehr ins Einzelne zu gehen.

Dem Verf. kommt es, von der Erzählung der Feldzüge
abgefehen, lediglich darauf an, den Ideengehalt der
Weltmonarchie Alexanders zu entwickeln. Er erklärt ihn
für hellenifch, für hellenifch auch den von Alexander
verlangten Kult. Dem ift zuzuftimmen, wie überhaupt
dies Kapitel am meiften zeigt, was der Verf. zu leiften
vermag. Wenns nur nicht fo im Allgemeinen bliebe.
Alexander will nach feinen Taten beurteilt fein; die zeige
1 bei aller Kühnheit einen fcharfen Blick für das Mögliche
und warnen davor, feine Pläne ins Uferlofe ver-
fchwimmen zu laffen. Es gibt ferner zu denken, daß er
nicht den Makedonen, wohl aber den Hellenen ein Gott
fein wollte; damit ift zufammenzuhalten, daß die Diadochen
ihren Kult regelmäßig als Bringer oder Bürgen der .Freiheit
' erhalten, wie übrigens fchon Lyfander. Gerade der
Herrfcherkult ift ein Problem, das nicht präzis genug
angefaßt werden kann.

Der Verf. fteckt fich feine Ziele hoch; nur fchade,
daß er die Gedanken, die dem Stoff das Leben geben
follen, mehr von außen in ihn hineinträgt als fie ihm
felbft abgewinnt. Seine Sprache macht das Lefen zu
einem mühfeligeren Gefchäft als nötig war; prolix, reich
an Periphrafen und abftrakten Wendungen, vermag fie
weder eindrucksvoll zu formulieren noch anfchaulich dar-
zuftellen.

Straßburg. E. Schwartz.

Mayer, Dr. Anton: Die Quellen zum Fabularius des Konrad

von Mure. Diff. (139 S.) 8°. München 1916. Nürnberg
, B.Hilz. M. 4—
Was Ludwig Traube in Anknüpfung an dieSchriften De
viris illustribusdes Hieronymus, Gennadius von Marfeilleund
Ifidorus von Sevilla über mittelalterliche Literarhiftoriker
ausführte (vgl. Vorlelungen und Abhandlungen, herausgegeben
von Franz Boll, II S. 162ff), das hatte, von ihm
angeregt, fein Schüler Paul Lehmann in dem verdienft-
lichen Auflätz über Literaturgefchichte im Mittelalter
(Germ.-roman. Monatsfchrift IV 1912 S. 569fr. u. 617ff)

weiter verfolgt, über das 12./13. Jahrhundert hinaus, und
gezeigt wie .gerade mit dem 13. Jahrhundert der literar-
hiftonfche Betrieb befonders ftark, mannigfaltig und namentlich
planmäßig zu werden beginnt' (S. 575). Die
Führung übernehmen die jungen Bettelorden; die Dominikaner
ftellen die meiften Literarhiftoriker und wirken
befonders befruchtend (Vincentius Bellovacensis mit feinem
Speculum historiale!). — In die Reihe diefer literar-
gefchichtüchen Werke gehört auch der Fabularius' oder
das .Repertorium vocabulorum exquisitorum, oratorie,
poesis et historiarum' des Konrad von Mure, der diefe
alphabetifche Enzyklopädie als Kantor der Propftei am
Großmünfter zu Zürich 1273 vollendete, über fein Leben
und feine ziemlich ausgedehnte fchriftftellerifche Tätigkeit
hat zuletzt F. I. Bendel in den Mitteilungen des Inftituts
für öfteireichifche Gefchichtsforfchung XXX (1909) S. 51 bis
IOI gehandelt. Hatte Traube einft für diefe ganze Literaturgattung
unter anderm eine gründliche Quelienana-
lyfe gefordert, fo läßt Anton Mayer diefe unferm .Fabularius
' in anerkennenswerter Weife angedeihen. Dabei
dient ihm als Textunterlage der um 1470 in der Werk-
ftatt von Berthold Ruppel oder Roth zu Bafel entftan-
dene Inkunabeldruck —auch die Parifer Ausgabe v. J.
1513 geht auf diefen zurück —; doch ift auch die hand-
fchriftliche Überlieferung nach Möglichkeit benutzt. Man
kann dem Werke Konrads von Mure wegen feiner hervorragenden
Bedeutung in der Reihe der Fabularii und
Elucidarii jener Zeit mit Mayer von Herzen eine fröhliche
Urftänd in einer forgfältig vorbereiteten neuen Ausgabe
wünfchen.

Konrad fagt felbft in der auch bei Bendel abgedruckten
Vorrede zu feinem .Fabularius': ,Non solum etiam
quaedam iucidentia, prout in scholastica leguntur hiftoria,
in declaratione fabularum de verbo ad verbum, sed etiam
genealogiam auctorum metrice compositam et de Novo
Graecismo presenti opusculo transsumptive insertam duxi
premittendam'. So umfaßt fein Werk vier Hauptteile:
l) einen Synchronismus zur Gefchichte des alten Tefta-
ments, 2) in 474 feinem ,Novus Graecismus' entlehnten
Verfen eine Art Götterlehre der Griechen und Römer,
3) das eigentliche Lexikon, die fabulae auctorum secundum
ordinem alphabeti (Abas—Zoroastes), 4) drei alphabetifche
Verzeichniffe von Mineralien und Bäumen; es folgt dann
noch ein durch feine perfönlichen Mitteilungen bedeut-
fames Nachwort, das aber in dem Frühdruck fehlt. In
feinen literargefchichtlichen bzw. biographifchen Bemerkungen
zeigt Konrad Berührungen mit Konrad von Hir-
lchau, Hugo von Trimberg, mit den katenenartigen ac-
cessus ad poetas und andern Werken, ohne daß fich in
allen Fällen eine beftimmte Abhängigkeit nachweifen
ließe. Manches, was man gern dem eigenen Scharffinn
Konrads von Mure zufchriebe, wie z. B. die kritifche Bemerkung
über den Verfaffer der fog. Disticha Catonis, ift

| fchon früher zu belegen. Unter den angeführten Dichter-
ftellen find die aus Üvid am zahlreichften; es folgen Ver-

I gil, Lucan, Statius, Horaz und Juvenal. Von mittelalterlichen
Dichtungen ift die Ecloga des Theodul1 (Gott-
fchalk? von Winterfeld) mit 22 Stellen vertreten; mit
Recht dürfte Mayer hier unferm Fabularius auch text-
kritifchen Wert beimeffen. Bei der Unterfuchung über

j Konrads Verhältnis zur Chronik des Otto von Freifing
weift M., über Dierauer hinausgehend, im Chronicon universale
Turicense zwei Versgruppen aus Konrads fonft
verlorener Passio Ss. Felicis et Regulae et Exsuperantii,

| der Stadtheiligen von Zürich, nach. Für die mytholo-
gifchen Stoffe des Fabularius treten der Mythographus

l Vaticanus II, die Poetica Astronomia des Hyginus und

! die Scholien zu Ovids Ibis als wichtigfte Vorlagen heraus.

I Es verbietet fich in diefer Befprechung der naturgemäß

! in viele Einzelfragen fich auflöfenden Unterfuchung des
weiteren nachzugehn. Im Anfchluß an die im Zufammen-

IJ Vgl. Monatsl'chrilt für die kiichl. Praxis 1904.