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Ausgabe:

1918

Spalte:

281-283

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niebergall, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die lebendige Gemeinde 1918

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 21/22.

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jenigen, die auf unbewußte Prozeffe rekurrieren (v. Kries,
Wundt, Ach), c) diejenigen, die dann aber noch diefe
unbewußten Prozeffe einen Schein ähnlich der Bekannt-
heitsqualität ins Bewußtfein werfen laffen (Wundt, James).
Bei der Darftellung der experimentellen Unterfuchungen
über das Wefen der Gedanken tritt F., genützt auf Bühler
u. a. den Wundtfchen Einwänden gegen die Brauchbarkeit
der Gedankenexperimente entgegen. Er charak-
terifiert dann kurz Marbes ,Bewußtfeinslagen', Achs .Bewußtheiten
', Schultzes Gegenüberftellung von Erfcheinun-
gfen und Gedanken und von unbewußt und unanfchaulich
und gelangt zur Bühlerfchen Definition der Gedanken
als feelifcher Tatfachen von origineller Eigenart, die auch
ohne Verbindung mit Vorftellungen klare Wiffensinbalte
darfteilen In der Diskuffion des Tatfachenmaterials po-
lemifiert F. zunächft gegen die Auffaffung G. E. Müllers,
der die Bedeutung allgemeiner Wörter wefentlich in dem
Auftreten entfprechender undeutlicher Vorftellungen fieht;
aber auch, das Entfcheidende der Gedanken ins Unbewußte
zu verlegen, gehe nicht an, der Gedanke fei vielmehr
etwas ganz klares; es bleibe darum kein anderer
Weg, da der Gedanke ein wahres aktuelles Wiffen ift
und Vieh in Vorftellung und Gefühle nicht auflöfen laffe,
vorläufig wenigftens den Gedanken als ein neues pfychi-
fches Element aufzufaffen (4.10). Das Urteil zeige darum
auch neue Grundeigenfchaften, die den Vorftellungen nicht
zukommen, fo den Gegenfatz von Anerkennung und Verwerfung
, in den verfchiedenen Gewißheitsgraden eine neue
Art von Intenfität, eine neue Art Vollkommenheit im Prädikat
der Wahrheit und des Irrtums. — Das Kapitel über
Wahrnehmung und Vergleichung bildet der Abfchluß des
III. Abfchnittes. Der IV. Abfchnitt ift der Pfychophyfik
gewidmet und dürfte in der Klarheit leiner Darfteilung
und der Reichhaltigkeit feiner Inhalte allgemeine Anerkennung
finden. Praktifche Beifpiele erhöhen die An-
fchaulichkeit; auch die in der neueren Pfychologie jetzt
häufiger angewandte Korrelationsrechnung findet gebührende
Berückfichtigung. — Als letzter Hauptabfchnitt
folgen die Affoziationen der Vorftellungen — die Lehre
vom Gedächtnis — wohl dasjenige Gebiet, das die experimentelle
Pfychologie am meiften bearbeitet und um
das fich auch die Müllerfche Schule, aus der Fröbes hervorgegangen
ift, befonders verdient gemacht hat. An
eine ausführliche Befprechung der einzelnen Methoden
zur Auffindung der Affoziationsgefetze fchließen fich die
fo zahlreichen Probleme der Gedächtnispfychologie an:
die Abhängigkeit der Affoziationsftärke von der Wiederholungszahl
, der Zahl der Glieder der Reihe, der Zeit,
von allgemeinen feelifchen Bedingungen, dem Vorftellungs-
typus ufw. Auch die Affoziationsreaktionen werden an
diefer Stelle behandelt. Am Schluffe des Kapitels erörtert
F. die Frage, ob die Affoziationspfychologie zur
Erklärung des Vorftellungsverlaufs genüge. Die Affoziationen
feien zwar ein unentbehrliches Mittel, aber fie
feien auch nur das Inftrument eines höheren Einfluffes,
des Willens. .Diefer ift es, der die von felbft nach ihren
eigenen Gefetzen auftauchenden Vorftellungen entweder
zuläßt oder verwirft, der den Nachdruck auf gewiffe Vorftellungen
legt, fie durch Gefühle, Motive ufw. verftärkt
und immer wieder darauf zurückkommt; durch diefen
indirekten, aber dirigierenden Einfluß wird der normale
Gedankenverlauf des wachen Lebens hervorgebracht.' (605).
— Man darf mit demfelben Intereffe dem IL Bd. entgegen-
fehen, mit dem man den 2. Teil des L erwartet hat.
Bonn. Kutzner.

Nieberg all, Prof. D.Friedrich: Theologie und Praxis. Hemmungen
u. Fördergn, der Predigt u. des Religions-
Unterrichts durch die moderne Theologie. (Praktifch-
theolog. Handbibliothek. 20. Bd.) (VII, 112 S.) 8°. Göttingen
, Vandenhoeck & Ruprecht 1916.

M. 2.40; geb. M. 3.20

Moering, Pff. Lic.Ernft: Kirche und Männer. Eine grundfätzl.

Unterfuchg. über die Unkirchlichkeit der Männer u. die
Mittel zu ihrer Überwindung. (Praktifch-theolog. Handbibliothek
. 21. Bd.) (127 S.) 8°. Göttingen, Vandenhoeck
& Ruprecht 1917. M. 2.4O; geb. M. 3.20
Niebergall, Friedr.: Die lebendige Gemeinde. (Religions-
gefchichtliche Volksbücher f. d. deutfehe chriftl. Gegenwart
. 4. Reihe, 24. Heft.) (IV, 36 S.) 8°. Tübingen, J.
C. B. Mohr 1917. M. —50; geb. M. —80
Zwei grundfätzlich fehr wertvolle Ünterfuchungen
bringen uns Bd. 20 und 21 der Praktifchen Handbibliothek
— nicht eigentlich in erfter Linie praktifche Rezepte
zu bequemer Überwindung einzelner Schwierigkeiten, fondern
Erörterungen, welche der befprochenen Erfcheinung
an die Wurzel gehen. Für die .moderne Theologie' ift
es eine Schickfalsffage, ob fie im kirchlichen Leben die
praktifche Probe zu beftehen vermag. Andernfalls wäre
fie trotz aller wiffenfchaftlichen Vortrefflichkeit über kurz
oder lang dem Untergang geweiht. Ihre Anhänger ebenfo
wie ihre Gegner find an der Frage intereffiert, ob ihre
wiffenfchaftlichen Ergebniffe eine gute Grundlage für eine
fruchtbare Praxis abzugeben vermögen. Niebergall zeigt
mit fchonungslofer Wahrhaftigkeit zunächft die Schwierigkeiten
, welche die hiftorifch-kritifche Forfchung, die reli-
gionsgefchichtliche und die religionspfychologifche Arbeit
gefchaffen haben. Es fcheinen in der Tat nur noch Trümmer
zu bleiben, nachdem die alte fupranaturaliftifche, dualifti-
fche und ,faft materialiftifche' Grundauffaffung befeitigt fei.
Dann ftellt er die Überwindung diefer Hemmungen dar.
Er unterfcheidet dabei den Inhalt und die Form der
neuen Darbietung. Beide find ganz auf die geiftig-per-
fönliche Auffaffung aller Dinge zu ftellen. Alle hiftorifchen
Perfönlichkeiten, auch Jefus, follen nur zu Modellen und
Sinnbildern des Göttlichen und damit zu Anregungen ftei-
gender Selbftentfaltung werden. Dabei gelte es im Perfön-
lichkeitsleben den übergefchichtlichen Gott zu erfaffen. So
verftanden, könne auch die Religionsgefchichte grade das
Befondere und Eigentümliche vom Wert des Chriftentums
herausarbeiten, und die Religionspfychologie könne uns
die Bahnen weifen, dies Welentliche und Wirkliche, das
hinter den gefchichtlichen Erfcheinungen liege, den Men-
fchen von heute wieder lebendig zu machen. Der rechten
Religionspädagogik müffen die Wege gewiefen werden.
N. veranfehaulicht das an einigen Beifpielen der Predigt-
und Unterrichtskunft. Wie alle Schriften des Verfaffers enthält
die kleine Schrift eine Fülle nachdenkenswerter Gedanken
und Anregungen. Freilich die Problemftellung ift ebenfo
vereinfacht wie die Beantwortung unzureichend, fofern
die altgläubige Auffaffung zu maffiv dargtftellt erfcheint.
Ich kann wenigftens weder diefe Art von Ausfchaltung
alles ,Supranaturalismus' — der Verf. tut dies im Grunde
felber nicht — mitmachen, noch mich in die relativiftifche
Subjektivierung diefer Werturteilstheologie hineinfinden.
Darüber läßt fich in dem eng bemeffenen Raum diefer
Anzeige nicht ftreiten. Es liegt einmal in der Grundauffaffung
des Verfaffers. Aber niemand wird die Schrift ohne
Nutzen und ohne ftarke Anregung zum Nachdenken lefen,
und wir alle ohne Unterfchied der Richtungen ftehen dem
Verfaffer in der Praxis recht nahe, weil wir diefe Umfetzung
in das Geiftig-Religiöfe garnicht entbehren können. Freilich
hat das auch der alten Theologie in ihrer Art nicht
gefehlt.

Ernft Moerings Gedanken über die Unkirchlichkeit
der Männner und deren Urfachen berühren fich an
einigen Punkten mit Niebergalls Gedanken, infofern
auch er die Unzugänglichkeit der altgläubigen Verkündigungsweife
als eine der vielen Urfachen anfleht, die
zur Entfremdung unferer intellektualiftifch veranlagten
Männerwelt von der Kirche geführt haben. Auch er
wünfeht eine aktuellere Berührung der kirchlichen Verkündigung
mit den inneren Bedürfniffen modernen Geiftes-
lebens. Doch ift dies bei Moering nur ein Gefichtspunkt
neben vielen anderen.

Er fpricht von dem Verhältnis der Kirche zum Staat,