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Ausgabe:

1918 Nr. 2

Spalte:

279-280

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krebs, Engelbert

Titel/Untertitel:

Was kein Auge gesehen 1918

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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279

Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 21/22.

280

eine Sache des Glaubens). Vor allem entfpricht er der
Religion und dem, was fie, die in der Gefchichte, der allgemeinen
eigentlichen Lehrerin deffen, was für den Geift
Wirklichkeit ift und wird, fo fehr eine Tatfächlichkeit
ift wie die Moral (oder auch die Kunft), vermittelt. Der
religiöfe Glaube bringt das Erleben des ,Abfoluten',
Gottes als des höchften Gutes, zugleich als der unbedingten
geiftigen, d. i. perfönlichen Macht über die Welt.
Von der Religion aus gewinnt das Erkennen feine Einheit
(die Möglichkeit Natur und Geift aufeinander zu beziehen
, jene für diefen als .Mittel' brauchbar zu machen.)
Sie gewährt fchließlich Antwort auf die drei Fragen, die
nach Kant die Philofophie zu beantworten hat, nämlich
die: was kann ich wiffen, was muß ich tun, was darf
ich hoffen.

Es ift mir faft peinlich, mit diefer Skizze der Gedanken
Ks aufhören zu müffen. Das Buch ift die
Frucht voll ausgereiften Denkens und feine Bedeutung
liegt ganz wefentlich mit in der konkreten Ausführung
der Themata, die es berührt. In der Voranzeige habe ich
über diefe regiftermäßig die Überficht gegeben. Das
Referat, das ich foeben geboten, kann nicht voll erkennen
laffen, wie belangreich das Buch ift. In den bloßen
Grundzügen vergegenwärtigt, erfcheint es minder eingreifend
, als es tatfächlich ift. Eine Schranke ift, daß K.
wefentlich nur Kant felbft kritifiert; felbft Wundt kommt
zu kurz bei ihm.

Ich ftimme K. etwa fo zu, wie er Kant, d. h. ich
meine, daß er fehr recht hat, den ,Glauben' als ein Erkennen
sui generis hinzuftellen, daß er aber bei dem
Streben, dem Glauben fein Recht in der Philofophie zu
erkämpfen, ebenfalls in Fehlern oder Einfeitigkeiten der
Philofophie ftecken bleibt, die es noch gelten wird zu
überwinden. Das ,sui generis' der Gedanken, die der
Glaube auslöft, ift mir zu fehr nach dem bisherigen
Maße philofophifcher Aufmerkfamkeit auf die Religion, gar
auf die chriftlichen Gedanken bemeffen. Will man dem
Glauben, der Religion, den Anfpruch fichern, die drei
Fragen der Philofophie entfcheidend mitzubeantworten,
d. h. die eigentliche Weltanfchauung für den Denker
zu beftimmen, fo muß man, meine ich, den Inhalt des
Glaubens viel entfchloffener heranziehen, als K. tut. Der
Gottesgedanke muß vollftändiger entwickelt und in feinen
Beziehungen auf den ,Geift' verfolgt werden. Die Philo-
fophen pflegen von der Arbeit der Theologen kaum
Notiz zu nehmen und urteilen doch fehr apodiktifch
gerade über den Inhalt des Glaubens. Eine fpezielle
Auseinanderfetzung mit Kants .Religion innerhalb der
Grenzen der bloßen Vernunft' bzw. eine Kritik der bisher
von den Philofophen gebotenen .Religionsphilofophie'
hätte wohl noch mit zu dem Gegenftande des Buchs
gehört. K. gibt ja manchen beachtenswerten Wink. Aber
daß er für die konkreten Anfchauungen hier nicht über
Winke hinausgeht, das ift es, was ich bedauere.

Halle. F. Kattenbufch.

Grupp, Dr. Georg: Jenfeitsreligion. Erwägungen über brennende
Fragen der Gegenwart. 2. u. 3., verm. u. verb. Aufl. (XII,
256 S.) 8». Freiburg i. B., Herder 1916.

M. 3.60; Pappbd. M. 4.20
Krebs, Prof. Dr. Engelbert: Was kein Auge gefehen. Die Ewig-
keitshoffng. der Kirche nach ihren Lehrentfcheidgn. u. Gebeten
dargelegt. (IX, 206 S.) kl. 8». Freiburg i. B., Herder (1917).

M. 2.50; in Pappbd. M. 3.20
Die erlte Auflage der Gruppfchen Schrift wurde Jahrgang
1911 diefer Zeitfchrift von Hr. Scholz angezeigt. Für die neue
Auflage fei auf diefe Befprechung zurückverwiefen. Wir haben
es nicht mit einer zufammenhängend fortlaufenden, geschweige
denn ftraff gefügten und klar disponierten Erörterung der Probleme
zu tun, fondern mit lofe aneinander gefügten perfönlichen Be-
kenntniflen zu allerlei Gegenwartsfragen; deren Verbindendes
liegt in einer bewußten Jenfeitsorientierung, die im katholifchen
Kirchenglauben als der einzig klaren und vollen Jenfeitsreligion
ihre Erfüllung findet. Gewiß ift aus dem Buche manches zu
lernen. Aber fein Eintreten für eine wirkliche Jenfeitsreligion
ift doch ftark belaftet durch eine weitgehende Selbftverftändlich-

keit des Kirchenglaubens des Verfaffers. Das Buch erweckt
mehr hiftorifches Intereffe an der uns hier entgegentretenden
fympathifchen Erfcheinungsform eigengearteter moderner, aber
garnicht moderniftifcher katholircher Frömmigkeit, als daß es die
fyftematifche Erörterung der Probleme in bedeutfamer Weife
förderte.

Noch weniger ift das der Fall bei dem Buche von E. Krebs.
Das Buch gehört in die Sammlung der ,Bücher für Seelenkultur'.
Es ift ein erbaulich belehrendes Bekenntnisbuch, voll kontem-
plativerjenfeitfehnfucht eines Mannes, dem die Lehrentrcheidungen
feiner Kirche, die er dem Lefer auszulegen fucht, auf alle Fragen
die denkbar ficherfte Auskunft geben. Befonders hervorzuheben
ift die fchöne Klarheit des Zufammenhangs; der Verfafler ift
nicht umfonft frommer Ariftoteliker und Thomift. Der Hauptreiz
des Buches liegt aber doch darin, daß es fo ganz aus einem
kirchengläubigen Herzen kommt; und dem verdanktes auch die,
— trotz gelegentlicher Syllogiftik, — auch wenn man diefe
Dinge ganz anders anzufallen gewöhnt ift, fo wohltuende fromme
Schlichtheit feiner Darlegungen.
Gnadenfeld. Th. Steinmann.

Fröbes, Prof. Jofeph, S. J.: Lehrbuch der experimentellen
Psychologie. I.Bd., 2. Abteiig. (XXVIIu.S. 199—605 m.
59 Figuren u. l färb. Tafel.) Lex.-8°. Freiburg i. B.,
Herder 1917. M. 8.60;

I.Bd. vollftändig M. 12.60; geb. M. 14.60
Was die 1. Abteilung verfprochen hat, hat die 2. gehalten
. Auf über 400 Seiten verbreitet fleh in drei Ilaupt-
abfehnitten der Verf. über die Wahrnehmungen, diePfycho-
phyfik und die Affoziation und ihre Gefetze. Hatte es der
1. Teil des I. Bandes vor allem mit den Elementen unferes
Seelenlebens zu tun, fo kommen wir jetzt zu den komplexen
Beftandteilen, von denen zuerft die Vorftellungen behandelt
werden. Erinnerungs- uud Phantafievorftellungen
werden in der üblichen Weife gegeneinander abgegrenzt
und den Nachbildern und Wiederholungsempfindungen
gegenübergeftellt. Als Hauptunterfchied zwifchen Empfindung
und Vorftellung fungieren Intenfität, Aktivität, Richtung
der Aufmerkfamkeit und Spannungsempfindungen,
doch muß auch Fröbes zugeben, daß es fich dabei aber
nur um den ,normalen' Hauptunterfchied handelt, daß
alfo unter Umftänden die Vorftellungen den Charakter
der Wahrnehmungen annehmen können, daß alfo eigentlich
die bisherigen Kriterien nicht immer ftandhalten.
Von Bedeutung Icheint mir bei diefer Unterfcheidung vor
allem der Begriff der Intenfität, der in der üblichen Faffung
leicht eine Unterfcheidung zwifchen Empfindung und Vorftellung
geftältet, felbft aber nicht ganz einwandfrei ift.
Eine Klärung des Begriffes der Intenfität der Empfindung
dürfte auch die Unterfcheidung von Empfindnng und Vorftellung
erleichtern. Im Anfchluß an die Unterfcheidung
von Empfindung und Vorftellung geht F. auf die Trugwahrnehmungen
ein. Ein 2. Kapitel führt uns die Probleme
der gleichzeitigen Tonverbindungen vor, denen im 3. Kapitel
die räumlichen Gefichtswahrnehmungen folgen, ent-
fprechend der Bedeutung diefer Probleme etwa ein Fünftel
des ganzen Bandes einnehmend. Leider geftattet der be-
fchränkte Raum nicht, näher auf die durchaus gefchickte
Darfteilung einzugehen. Naturgemäß fchließt fich an den
Sehraum der Taftraum an, wobei auch die Ergebniffe der
Blindenpfychologie herangezogen werden. Es folgen im
5. Kapitel die Zeit- und Bewegungswahrnehmungen. Mit
Rückficht auf die Aktualität des Problems fei es geftattet,
etwas genauer über die Plychologie der Gedanken zu referieren
, auch aus dem Grunde, weil die FYöbesfche Stellungnahme
in diefem Probleme Vermutungei* über die
Entwicklung des II. Bandes geftattet. F. ftellt zunächft
das Syftem des Senfismus, nach dem die bewußte Erkenntnis
auf finnliche Elemente, auf Empfindung und Vorftellung
zurückzuführen fei, dem des Intellektualismus
gegenüber, der für Begriff, Urteil, Schluß ganz neue eigenartige
Erlebniffe,,intellektuelle Prozeffe' in Anfpruch nimmt,
da keine erdenklicheKombination von finnlichen Elementen
das Denken erklären könne. Daraus folgen die haupt-
fächlichften Erklärungsverfuche der Senfiften, und zwar
a) die Verdichtungstheorien (Galton, Huxley), b) die-