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Ausgabe:

1918 Nr. 2

Spalte:

274

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reiche, Paul

Titel/Untertitel:

Deutsche Bücher über Polen 1918

Rezensent:

Völker, Karl

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Seite 1

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273

Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 21/22.

gelenkt hatte, willkommen zu heißen, zumal es einen
Gegenftand betrifft, der auch in der deutfchen Reforma-
tionsgefchichte nachwirkt.

Uber die Sendomirer Union hat zum erften- und
letztenmal zufammenhängend der Berliner Hofprediger
D. E. Jablonski (1731) mit der Abficht, die bereits damals
in Preußen erwogene Union zu fördern, gehandelt. Bei
diefcm anknüpfend ftellt Halecki unter fleißiger Verwertung
des feither erfchloffenen Aktenmaterials im Rahmen
der Unionsbemühungen die" Gefchichte des Proteftantis-
mus in Polen während der letzten Regierungsjahre Sigismund
Augufts dar. Das Unionswerk kam durch politifche
wie konfeffionelle Erwägungen zuftande. Der Schwerpunkt
der Arbeit Haleckis liegt in der Klarftellung der
Religionspolitik der Krone, der hohen Geifthchkeit
und des Adels, während er bef allen Bemühungen, die

der Verftändigung mehr. Die ,Rechtgläubigkeit' aller war dadurch
gegenteilig verbürgt. Der obige Brief Simlers ift fo zu verliehen. Daß
ein folches Entgegenkommen von feiten der Lutheraner gerade um 1570
möglich war, hängt damit zufammen, daß damals in Wittenberg und
Leipzig der Philippismus herrichte. H. erwähnt diefen Umftand, ohne
aber daraus die nötigen Folgerungen zu ziehen.

Beachtenswert ift hierbei noch für Polen das Abflauen
der konfefflonellen Gereiztheit, die H. zutreffend als Beweggrund
für die Union unterftreicht. Das Ergänzungs-
abkommen zwifchen Lutheranern und böhmifchen Brüdern
auf der Synode zu Pofen im Mai 1570, worüber H. ausführlich
erzählt, beweift übrigens zur Genüge, daß es den
polnifchen Proteftanten damals ernft um die Union zu tun
gewefen ift. So wird man doch die Sendomirer Ver-
ftändigung ,als fymbolifche Schrift des polnifchen Gefamt-
proteftantismus' deuten dürfen. Auch lehnt der Verf. die
Verbindung der Sendomirer Union mit der Warfchauer

einzelnen evangelifchen Gruppen zu verftehen, der kon- Konföderation (1573) als .irreführend' ab. In dem Konfefflonellen
Seite der Verftändigung nicht ganz gerecht föderationsakt wird den Diffidenten im allgemeinen und
zu werden vermag. Die zweideutige Haltung des Königs, j nicht den zu Sendomir Unierten ,der Religionsfriede' zu-
der die Befchlüffe des Tridentinums anerkannte, dabei | gefichert. Diefe Vereinbarung wäre aber nie zuftande
aber bei den Proteftanten Hoffnungen erweckte, als wolle j gekommen, wenn fleh die Evangelifchen nicht drei Jahre

er zu ihrem Glauben übertreten, die fleh häufenden Rück
tritte zum Katholizismus, das bevorftehende Wahlkönigtum
nach dem Ausfterben der Jagellonen, die Ertüchtigung
desrömifchen Epifkopates mit demKetzerbekämpfer
pfofius an der Spitze u. a. m. ließen den Zufammenlchluß
der proteftantifchen Bekenntniffe als dringende Notwendigkeit
erfcheinen. Der Abfall der fozinianifchen ,eccle-
sia minor' brachte die drei .rechtgläubigen' Gruppen, die
Lutheraner, Calviner und Böhmifchen Brüder einander
noch näher. Es war der alte Traum Johannes Laskis,
die drei Konfefflonen zu einer polnifchen Nationalkirche

vorher auf ein gemeinfames Bekenntnis geeinigt hätten.
Die Ausweifung der Arianer 1658, der auch die .rechtgläubigen
' Proteftanten zuftimmten, beweift zur Genüge,
daß diefe die pax dissidentium nur auf die drei zu Sendomir
geeinten evang. Bekenntniffe bezogen; ihre Bemühungen
um Wiederherftellung der alten Diffidentenrechte
— Jablonskis Gefch. der Sendomirer Union hängt letztlich
auch damit zufammen ■— wurzeln in der Überzeugung
, daß die pax dissidentium ,die prinzipielle Gleichberechtigung
der drei unierten Konfefflonen mit der kathol.
Kirche' begründet habe. Die Unklarheit des Wortlautes

zufammenzufchließen; aber er ftarb (1560), bevor ihm j diefer führt H. gewiß mit Recht für fleh ins Feld; die
das Einigungwerk gelang. Bei allen Reichstagen bemüh- j Konförderation war aber die Rechtsform, durch die Beten
fleh die Evangelifchen um die ftaatliche Sicherftel- ! ftimmungen diefer Art in Polen ins Leben traten. In
lung ihrer Rechte; aber die Frage diefer drehte fleh um | der Gefchichte der Toleranz fpielt die Warfchauer Kon-
die Anerkennung eines evangel. Bekenntniffes. So kam I föderation 1573 eine ähnliche Rolle wie der böhmifche
alles darauf an, diefes zuftandezubringen. Hiervon er- Majeftätsbrief Rudolfs II. — Das Verdienftliche an H.'s
hoffte man die Gründung einer polnifchen Nationalkirche; I Unterfuchung liegt in der Klarlegung der Verquickung
die Abfchiedsworte Sigismund Augufts beim Lubliner ! der Reichspolitik in Polen mit der konfefflonellen Frage.
Reichstag 1569, auf dem die Vereinigung von Polen und i Wien. Karl Völker.

Litauen zu einem Reichsganzen ausgefprochen wurde,
deutete man in diefem Sinne. Die beiden Wojewoden
Stanislaus Myszkowski (Krakau) und Peter Zborowski
(Sendomir), Hellten fleh an die Spitze der Bewegung um
ein evangel. Einheitsbekenntnis. Halecki fchätzt den be-
" ftimmenden Anteil des Adels bei dem Zuftandekommen
desfelben richtig ein. Auf Provinzialfynoden und
Religionsgefprächen wurde die Sendomirer Generalfy-
node, bei der die Angelegenheit endgültig erledigt werden

Reiche, Dr. Paul: Deutsche Bücher über Polen. Das Polentum im
Spiegel deutscher Wiffenfchaft. (VIII, 129 S.) gr. 8". Breslau
Priebatfch 1917. M. 4_'

Der Untertitel ,ein Beitrag zu den Beziehungen zweier Nationen
' verdeutlicht die Gegenwartsbedeutung des Buches das
mithelfen möchte, belfere Beziehungen zwifchen Germanen und
Slaven anzubahnen. Es ift keine trockene Bibliographie bezw.
eine dürre Zufammenftellung von Inhaltsangaben, fondern ein
Stück lebendiger Kulturgefchichte. Mit einigen Strichen kenn-
foilte,' vorbereitet. Die Lutheraner erklärten, alsEinheits- j ze!cnnet. der Verf- Jedesmal den Gegenftand, um alsdann zu

L^nnfviv nur Hie Auo-nftana die RerhtsoVnndho-e des ' zel8en> ln welcher Werfe deutfehe Schnftfteller hierzu Stellung
bekenntnis nur die Auguitana, die Kectitsgrundiage des : genommen haben, über die Politik, allgemeine Gefchichte, Kunft
Augsburger Rehgionsfnedens, anzuerkennen, die Bruder j Literatur, Philofophie, den Adel, die Verfaffung u. a. m. im einempfahlen
ihre von Luther gebilligte Confeffio, während j ftigen Königreich Polen wie in den drei Teilungsreichen handelt

.. v — . . tri •___1__j- __i._:r_i__ tti e I? K.,c„«^...n Vnn;,ni„ cu„..Ä.:„.„„„n»A ........

die Calviner aus Kleinpolen die polnifche Überfetzung
der Helvetica posterior als .polnifches Bekenntnis' vor-
fchoben. Schließlich einigte man fleh, ein neues gemeinfames
Bekenntnis aufzuftellen; fo kam der consensus Sen-
domiriensis zuftande.

In der Beurteilung diefes kann Rez. dem Verf. nicht zuftimmen. Für
das konferfionell Bedeutrame der Union geht ihm infolge ungenügender
dogroenhiftoriIcher Orientierung des tiefere Verliändnis ab. Die Gegner-
fchaft der ftrengen Lutheraner gegen die Einigung deutet er irrtümlich
als Beweis für den illuforifchen Charakter der Sendomirer Union.
Ebenfo bleibt er den Beweis für die Behauptung fchuldig. die Calviner
hätten die polnifche Helvetica posterior, ,das Sendomirer Bekenntnis',
für das von allen Evangelifchen angenommene Einheitsbekenntnis ausgegeben
. Die Äußerung Simlers, auf die fich EL S. 285 beruft, die
Prädikantcn hätten fich auf ein Bekenntnis, das von den reformierten
nicht abweiche, geeinigt, bewein. gar nichts. Die katholifchen Urteile,
die er anführt, verfchleiern den Tatbefland. Der Streit zwifchenl.utheranern
und Calvinern drehte lieh um die Realpräfenz Chrifti im Abendmahl;
die Einigung war in Sendomir erzielt worden, als man eine Formel
gefunden hatte, die beide Parteien in ihrem Sinne deuten konnten.
Nach Befeitigung der Schwierigkeit in der Abendmahlslehre waten die
Sonderbekenntniffe der einzelnen evang. Gruppen kein Hinderungsgrund

Reiche in befondern Kapiteln. Sein Hauptintereffe wendet er begreiflicherweife
Pofen, Weftpreußen und Schieden, der Oftmar-
kenfrage zu. Für die KG kommen die Abfchnitte: das kirchliche
Leben, kath. Stimmen im Leben der Oftmark, polnifch-nationaler
Glaubensftreit in der Reformationsepoche, Proteftantentum in
Pofen-Polen, die Reformation Polens in der Forfchung die
böhm. Brüder in Polen, Wege und Ziele Pofner Kirchenforfchung
das Erbe polnifcher Vergangenheit im Pofner evang. Leben der
deutfehe Orden in Betracht. — Das Buch fei allen, die den 'über
die verwickelte polnifche Frage ein eignes Urteil bilden möchten
als Wegweifer wärmftens empfohlen.
Wien. Karl Völker.

Paskal. Gottesgedanken eines großen Denkers. Zufammen-
geftellt v. F. Wagner. (64 S.) 8». Stuttgart, Ch. Belfe--
i9r7- M. 1 —

Um diefem Schriftchen gerecht zu werden, muß man
fich die Abficht des Vfs. vergegenwärtigen. Das Intereffe
das ihn leitet, ift nicht ein wiffenfehafthehes; es lieot ihm
nicht in erfter Linie daran, das Verftändnis Pascals zu
vertiefen, die Apologetik desfelben zu erklären, fich etwa

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