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Ausgabe:

1918 Nr. 1

Spalte:

243-244

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hommel, Eberhard

Titel/Untertitel:

Untersuchungen zur hebräischen Lautlehre. 1. Teil 1918

Rezensent:

König, Eduard

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243

Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 19/20.

244

Hommel, Dr. Eberhard: Unterteilungen zur hebräifchen
Lautlehre. 1. Tl.: Der Akzent des Hebräifchen nach
den Zeugniffen der Dialekte u. der alten Grammatiker
. Mit Beiträgen zur Gefchichte der Phonetik.
(Beiträge zur Wiff. vom Alten Teft. Heft 23.) (XXX,
177 S.) 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs 1917. M. 9.50;

geb. M. 11.50

Die Arbeit, die von einem Sohne des bekannten
Orientaliften Hommel (München) flammt, fieht mitRecht
den Akzent als einen wichtigen Trieb der Lautgeftal-
tung an, wie ich es einft in meiner programmatifchen
Arbeit .Gedanke, Laut und Akzent als die drei Faktoren
der Sprachbildung' (1874) gemeint habe, worauf Hommel
auch am Anfang feiner Vorrede hinweift. In dem jetzt
vorgelegten erften Teil feiner Unterfuchung handelt es fich
aber noch nicht um den Einfluß des Akzentes auf die
Lautgeftaltung des Hebräifchen, fondern um die Frage
nach der Urfprünglichkeit der allbekannten Wortbetonung
des mafforetifchen I (ebräifch. Für die Beantwortung die-
fer Frage hält Ho. in erfter Linie die Betonung für wichtig
, die in den andern Geftalten des Hebräifchen geübt
wird. Der Überblick über die älteren und neueren Dialekte
des Hebr., den er deshalb im erften Kapitel feines
Buches gibt, befitzt gerade in der jetzigen Zeit, wo untere
Augen auch viel auf die Millionen von Juden in Polen
und andern örtlichen Provinzen gerichtet find, ein aktuelles
Intereffe. Aber ob diefe Dialekte den Weg zur
Auffindung des urfprünglichen Worttones der Hebräer
zeigen können, ift fehr die Frage. Wie nämlich die jetzigen
Samaritaner beim Lefen des Hebr. den Ton ,faft ftets
auf die Paenultima' legen, fo haben auch die deutfehen
und oftländifchen Juden die Paenultimabetonung, wie man
fchon aus dem bekannten Anfang der Genefis Brefelds
böro etc. weiß, während die Juden in Jemen nicht mit Ho. j
als Vertreter der Paenultimabetonung geltend gemacht
weiden können, da fie nach den Unterfuchungen von
Grimme in der Sachau-Feftfchrift 1914 ,beim Lefen oder
Singen der Bibeltexte Anlehnung an die Akzente, alfo nach
unterer gewohnten Weife Ultimabetonung mit Ausnahme j
der bekannten Mil'el-Falle' üben. Ho. neigt nun in feinem
zweiten Kapitel ,Der Akzent des Hebr.' durchaus der Anficht
zu, daß diefe Paenultimabetonung des Hebr. die ur- 1
fprüngliche fei (S. 21 ufw.).

Aber einerfeits können die beiden erwähnten Aus-
fprachgewohnheiten (nicht: Dialekte) keine folche ent-
icheidende Autorität beigelegt bekommen. Denn über
die jetzigen Samaritaner fagte fchon H. Petermann in
feinem ,Verfuch einer hebr. Formenlehre nach der Aus-
fprache der heutigen Samaritaner', § 3, daß fie den Ton
,wie im Aramäifchen' [!] faft ftets auf die Paenultima legen,
und ebenfo können die deutfehen und polnifchen Juden
in ihrer Betonung des Hebr. ihre gewöhnliche Sprache
(das Deutfche ufw.) nachgeahmt haben. Außerdem hat
P. Kahle in Litauen auch Ultimabetonung beobachtet.
Ho. meint bei feinem erwähnten Urteil fich nicht von
den alten hebr. Grammatikern zu entfernen, da diefe den
bekannten Akzentzeichen keine Bedeutung für den Wortton
beigelegt hätten. Aber diefelben haben doch alle
ausdrücklich Milra' und Mil'el unterfchieden, folglich die
bekannte Betonung auf der letzten bzw. auf der vorletzten
Silbe vorgefchrieben. Ho. freilich will in feinem fünften
Kapitel dem Ausdruck Mil'el diefe Bedeutung geben,
daß beim Mifel-Worte ,in Wirklichkeit ein Schwinden
des letzten Vokals zu bloßem Flüfter- oder Halbvokal
vorliegt, fodaß derfelbe nicht mehr als Vollvokal gelten
kann, oder volle Apokope bzw. Synkope, fodaß alfo
hier der fog. Mil'el-Akzent tatfächlich beim letzten, [sie]
vollen Vokal des Wortes fleht, und fo z. B. aus -jbjfp ein
tjVo. wird' (S. 81). Aber gleich mit dem angeführten
Beilpiel widerlegt er fich felbft. Denn wenn die alten
Grammatiker melk gemeint hätten, würden fie es auch
gefchrieben haben, und dann hätten fie nicht von den
Milra'-Formen die Mil'el-Formen unterfchieden. Ebenfo

ftürzt er felbft feinen Aufbau ein, indem er (S. 85) darauf
hinweift, daß durch folche Apokope z. B. aus dem
hebr. qatälta im Syrifchen q^ält geworden ift. Denn
eben dies ift im Hebr. nicht gefchehen, und das Ara-
mäifche oder fpeziell Syrifche unterfcheidet fich vom
Hebr. eben durch das Verhallen vieler Vokale, was in
der Sprachgefchichte bekanntlich eine fpätere Entwick-
lungsftufe anzeigt. Der Verfuch des Verf., die überlieferte
Betonung des Hebr. mit der Paenultimabetonung z. B.
der deutfehen und polnifchen Juden zu vertaufcheu,
fcheitert auch daran, daß er dann Betonung des Schcba'
wie z. B. im famaritanifch gelefenen beret (Petermann,'

§ 3) anftatt nvfy oder Betonung des Artikels, wie z. B.

häbbo ftatt San, billigen muß (S. 16), obgleich diefe Betonung
unnatürlich ift und nur auf mechanifcher Durchführung
der Paenultimabetonung beruht, alfo fekundär
ift. Vor feiner Stellungnahme hätte fich Ho. gewiß auch
dann gehütet, wenn er beachtet hätte, daß die alten
Grammatiker von den Akzenten, die den Wortton anzeigen
, diejenigen getrennt haben, die es nicht tun, nämlich
die drei Praepofitivi und die vier Poftpofitivi, die
Ho. bedauerlicherweife in feinem ganzen Buche nicht erwähnt
hat!

Aber wenn ich auch der Hauptthefe des Verf. leider
nicht zuftimmen kann, fo erkenne ich doch gerne an,
daß er mit großartiger Gelehrfamkeit ein weites und
wichtiges Material herbeigefchafft und zu bewältigen verflicht
hat. Ganz nämlich ift ihm deffen Verarbeitung
nicht gelungen, wie man doch fagen muß, wenn auf 109
Seiten Text 53 Seiten ,Nachträge und Berichtigungen'
folgen. Übrigens an Verfehen in Einzelheiten, die auch
nicht in den Berichtigungen korrigiert find, muß ich doch
diefe notieren: Das bekannte lchibböleth, an deffen Aus-
fprache mit s die Ephraimiten erkannt wurden (Ri. 12,6),
heißt nicht ,Ähre' (S 8), fondern ,Fluß': Sie follten kundgeben
, daß fie über den Jordanfluß wollten. Ein Druckfehler
im Hebr. begegnet gleich in der 1. Zeile des
Widmungsblattes (« ftatt 1); ferner institutionem ftatt num
(S. 16 Z. 12 v. u.); Im (S. 24) ftatt Ich; rhethorici (S. 40),
und das häufige Schwanken zwifchen dem richtigen m affo-
retifch und dem unrichtigen maforetifch, das manchmal
in zwei Zeilen hintereinander auftritt (S. 9), ift auch
ftörend.

Bonn. Ed. König.

Sellin, Prof. D. Ernft: Gilgal. Ein Beitrag zur Gefchichte
der Einwand erg. Israels in'Paläftina. (VII, 106 S.) 8°.
Leipzig, A. Deichert 1917. M. 3 —

Der Verf. weift in Kap. 1 überzeugend nach, daß
Gilgal an vielen Stellen des A. T. das berühmte bei
Sichern gelegene Heiligtum bezeichnet. In Kap. 2 zeigt
er, daß der jetzige elohiftifche Bericht über Israels Eindringen
in Kanaan, der den Übergang über den Jordan
bei Jericho ftattfinden und das dortige Gilgal das erfte
Ziel und Händige Lager Israels fein läßt, auf einen älteren
zurückgeht, nach dem der Übergang bei Adam ftattfand
und das erfte Ziel und Händige Lager Israels das Gilgal
bei Sichern war. Ich kann diefe Beftätigung emes Hauptpunktes
meines Buches über die .Einwanderung der is-
raelitifchen Stämme in Kanaan' (1901) nur mit Fieuden
begrüßen und die damit gegebene Bereicherung des Beweismaterials
und beffe.e Beurteilung mancher Einzel-
heiten dankbar annehmen. Das gleiche gilt für Kap. 4,
in dem der Verf. ebenfo wie ich, doch teilweife in noch
weiterem Umfang, in einem Teil der Patriarchenfagen
eine Erinnerung an den Gang der Einwanderung Israels
nachweift, die das Ergebnis von Kap. 2 beftätigt. Dagegen
vermag ich nicht zuzuftimmen, wenn er in Kap. 3
auch den älteften jahviftifchen Bericht (Jud. 1) die gleiche
Tradition vertreten läßt, wenn ich auch das, was ich einft
über die Einwanderung derLeaftämmeausgeführthabe.jetzt
nur noch für einen Teil derfelben als erwiefen anfehen