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Ausgabe:

1918 Nr. 14

Spalte:

189-190

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bußmann, Rudolf

Titel/Untertitel:

Das Verbrechen am Verbrecher 1918

Rezensent:

Kulemann, W.

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Seite 1

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189 Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 14. 190

jetzigen Zeit in Beziehung zu fetzen, um auf den Hörer zu wirken
. Kurze, knappe Sätze zwingen zum Nachdenken und Mitarbeiten
. Doch find die Predigten nicht alle gleichwertig. Fein
fpricht er in den ,Tifchglocken' nicht von den ,Tifchforgen' fon-
dern vom ,Tifchfegen<; packend weiß er am Konfirmationstage
rechte ,Bußglocken' an die Herzen der Konfirmanden und Eltern
anfchlagen zu lallen und fie zu einer rechten Auffaffung von Buße
zu bringen. Dagegen hätten die ,Gnadenglocken' am Charfreitag
an Tiefe gewonnen, wenn er garnicht auf die Vorwurfe, daß
Luther nach der Freiheit des Fleifches gelechzt hätte, eingegangen
wäre. Am Charfreitag foll wirklich allein das Kreuz Chnfti reden;
es Tagt ja auch genug. Die Predigten, die offenfichthch das reh-
giöfe Moment in den Vordergrund geftellt haben, entbehren
dennoch nicht, viele fittliche Antriebe zu geben.

Alfeld Schornbaum.

Bullmann Dr. Rudolf: Das Verbrechen am Verbrecher. In

Verbinde- m. S. C. Curtius, Dr. Eugen Alexander, Dr.
Ruot Uolf, Dr. Sturm u. e. Verbrecher hrsg. (95 S.)
or.S°. Bern, Akad. Buchh.v. M. Drechfel 1917. M. 2.70
&Eine eigenartige Schrift. Sie ftellt Alles auf den Kopf,
was heute als die normale Auffaffung über Verbrechen und
Strafen gilt, aber diele Revolution erfolgt mittels konfe-
quenter Durchfuhrung von Anflehten, die in weiten Kreifen,
insbefondere unter den Vertretern der Naturwiffenfchaft
durchaus als herrschend anerkannt werden muffen. Stellt
man fich auf deren Boden, fo wird man die von den Ver-
iäffern aufgeftellten Forderungen, fo feltfam und phanta-
ftifch fie uns anmuten, kaum ablehnen können. Der Standpunkt
, um den es fich handelt, ift die mechanifche
Weltanfchauung mit ihrer Grundlage, der ausnahms-
lofen Gültigkeit des Kaufalgefetzes und dem fich daraus
ergebenden Determinismus. Der Menfch ift das

intuitiven Erkennens. Die Verfaffererwarten die Durchfuhrung
ihrer Ideen erft von einer fernen Zukunft und erklären,
überzeugt zu fein, daß die Mehrzahl der Lefer fie als reif für
das Irrenhaus anfehen werde. Das letztere wäre durchaus
verfehlt; im Gegenteil, das Studium der kleinen Schrift
ift allen denjenigen zu empfehlen, die aut dem Boden der
eingangs erwähnten herrfchenden Auffaffung ftehen, denn
ihnen wird die Gelegenheit geboten, fich von deffen Un-
haltbarkeit zu überzeugen, da er in der Tat notwendig zu
den hier gezogenen Konfequenzen führt. Streiten fie gegen
unfer natürliches Gefühl, fo muß die Unterlage falfch
lein, denn bei einem Widerfpruche zwifchen Theorien und
Tatfachen find es nicht die Letzteren, fondern die Erfteren,
die den Rückzug antreten müffen. Die Verfaffer haben
fich deshalb ein erhebliches Verdienft dadurch erworben,
daß fie gegen ihren Willen die mehrgedachte Grundauf-
faffung widerlegten, indem fie fie ad absurdum führten.
Es gibt einen freien Willen und deshalb eine Verantwortung
mit ihrer Folge der Vergeltung in der Form der
Strafe. Falfch ift es, das geiftige Leben als einen Mechanismus
zu betrachten, der ausfchließlich durch das Kau-
falgefetz geleitet wird.

Ein befonderes Intereffe bietet der zu der Schrift gelieferte
Beitrag eines nichtgenannten Verbrechers. Er
fchafft wertvolle Einblicke in das Seelenleben eines folchen
und wird Seelforgern, insbefondere Gefängnisgeiftlichen
Anregung gewähren.

Braunfchweig. W. Kulemann.

Nordens Kirker i Vekfelvirkning. En Enquete i Berlingske Tidende.
(30 S.) 4". Kjöbenhavn 1915.

Produkt aus Anlage und Erziehung; beide find von feinem : T^J§a^%^ie^^hti0!^0^
Willen unabhängig. ,Eme gleiche Notwendigkeit treibt 1 hagener Tages-Zeitung fucht die Notwendigkeit und die Wege
den fallenden Stein zur Erde, wie den Menfchen zu einem I zu einer Annäherung, der drei Landeskirchen klarzulegen. Eine
beftimmten Wollen.' ,Von einer Verantwortung zu reden, ! größere Zahl führender Kirchenmänner hat geantwortet. Sie
ift .-in o-leirl-ms T'nHino- wie Her Witternncr ihre TInhilHen i ""den faß fämtlich das Ziel wertvoll, auch folche, die vor allem
llt un gleicnes ending wie der Witterung ihre Unbilden, 1 jeder Kirche ffif- Ei rt gewahrt wiffen möchten. Wenige nur
oder dem Flufle die Waffersnot vorzuwerfen. Verant- fetzen inre Hoffnung auf große Zufammenkünfte. Die meiden
wortung, Vergeltung, ja Strafe, das find alles Traditionen ! erwarten etwas bloß von einem ernfthaften ftillen Arbeitsaustaufch
aus feelenwiffenfchaftslofer Zeit.' ,Das Kaufalitätsgefetz j der Fachleute. Es zeigt fich dabei, daß das Jahr 1905 durch den
knüpft auch an die Untat, den Rechtsbruch, die ethifch tlruch zwischen Schweden und Norwegen viel gefunde Anfätze
notwendigen Folgen, ohne menfehliches Zutun.' .Eine Be- ■ nac£ r,efeI Richt.ung zerltört hat. Sehr ernfthaft gepflegt wird
n c • r- u e • • /- r , ..rr„ noch der Austaufch auf dem Gebiete der weiblichen Diakonie

ftrafung eines Verbrechers ist eine Graufamkeit, ein Ver- Starke Anziehungskraft üben die norwegische Heidenmiffion das
brechen am Verbrecher.' Auch das wahre Chriftentum dänifche Bemühen, namentlich in Kopenhagen auf dem Wege
fteht auf diefem Boden, denn nach feiner Lehre ift die der Freiwilligkeit das kirchliche Leben zu ftärken, und die
Tat des Menfchen die Äußerung feiner durch die Erb- ' fchwedifche volkskirchliche Jugendbewegung. Am aufgefchlofien-
fünde verderbten Natur' Wir follen dem Hofen nirhr 1 ften fur Wecbfelwirkung ift Schweden. Norwegen ift mehr kri-

tifch-verfchloffen und kulturell unlebendig, Dänemark felbftgenüg-
fam. Verhältnismäßig wenig fördert die kirchliche Preffe das
Einheitsftreben. Auch die theologifche Facharbeit zeigt wenig
Trieb zur fkandinavifchen Konzentration, trotz einer teilweife
recht ingrimmigen Abneigung gegen deutfehen Einfluß. Das Bedürfnis
, fich nach Deutfchland hin geiftig zu ifolieren, fcheint
durch den Krieg ftärker geworden zu fein. Ob es die fkandina-
vifche Einigkeit fördern wird, ift die Frage.
Lauenburg (Elbe). Schmidt.

widerftreben, fondern es durch Gutes vergelten, denn Gott
(pricht: ,Die Rache ift mein'. Deshalb ift jede Art der
Beftrafung abzufchaffen, und durch Liebe zu erfetzen.
,Wer wider das Unrecht ftreitet, muß es durch Wohltat tun.'
Der Verbrecher ift ein Kranker und nicht durch den Richter,
fondern durch den Arzt zu behandeln; an die Stelle der
Gefangniffe haben Erziehungsanftalten zu treten. Ja wir
dürfen den Verbrecher nicht nur nicht verurteilen, fondern
wir müffen ihn fogar wegen der von ihm bewiefenenEnergie
höher fchätzen als den Durchfchnittsmenfchen, der nur
aus dem Grunde nichts Böfes tut, weil es ihm dazu an
Kraft fehlt. Selbft jede Verminderung unferer Achtung
gegenüber dem Verbrecher ift deshalb ein Unrecht. Die
Abhilfe liegt in der Umgeftaltung der gefamten Lebens-
anfchauungin dem Sinne, daß die Verhältniffe einen Antrieb
nicht mehr zum antifozialen, londern zum fozialen
Handeln bilden. —

So weit in gedrängter Kürze der Gedankengang der
Arbeit. Er wird mit warmer Begeifterung vorgetragen und
berührtfympathifchdurchdenin ihm zutage tretenden hohen
Idealismus. Weshalb ift er falfch? Nun, weil er den Fehler
begeht, der leider den Grundzug des wiffenfehaftlichen
Fenkens unferer Zeit bildet, nämlich das aprioriftifche Auf-
iteiien gewifler abftrakter Sätze ohne Rückficht auf unfer natürliches
Wahrheitsempfinden fowie die einfeitige Wert-
lcnatzungdes dialektifchen Verfahrens unterMißachtungdes

Timmen, Dr. Wilhelm: Deutfche Sozialpädagogen der Gegenwart.

(Pädagogiiche Forfchungen u. Fragen, 7. Heft.) (X, 125 S.) 8».
Paderborn, F. Schöningh 1917. M. 3.80

Unter Ausfcheidung der abgelehnten reinen Staatspädagogik
von Natorp und Bergemann befpricht T. in zwei Abfchnitten

A. Sozialpädagogik gleich Gemeinfchaftspädagogik als Eingliederung
in die verfchiedenen Sozialverbände: Familie, Schule, Gemeinde
, Kirche, Staat. Hauptvertreter 1. Dörpfeld, 2. Willmann,
3. Deren Anhänger: Trüper, Lietz, Hochegger, Villanyi, Rein.

B. Praktifche Sozialpädagogik gleich Volkspädagogik mit Rückficht
auf die moderne Ausgeftaltung der Volksfchulbildung und
der allgemeinen Volksbildung im fpäteren Leben: t. Rißmann,
2. Tews, 3. Kerfchenfteiner, 4. Mutheflus, 5. Ziegler, 6. Brückner.
— Der Schluß zeigt noch mal, daß T. der erften Gruppe zuneigt,
weil fie die Individualpädagogik und meiftens auch die Religion
in konfeffioneller Form mehr zur Geltung kommen läßt. Sonft
tritt T. mit feinem Urteil wie mit feinem katholifchen Standpunkt
wenig hervor. Er berichtet mehr — fleißig und billig, aber etwas
nüchtern — als daß er urteilt. Weibliche Sozialpädagogen wie
Dr. Gertrud Bäumer hat der Verf. garnicht berückfichtigt.

Hannover-Kleefeld. Schufter.