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Ausgabe:

1918 Nr. 14

Spalte:

179

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Endres, Jos. Ant.

Titel/Untertitel:

Forschungen zur Geschichte der frühmittelalterlichen Philosophie 1918

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 14.

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wertbar zu machen. Ohne weiteres Suchen rinde ich die Handfchrift
der Metzer Dombibliothek wieder in einem der Metzer Codices Nr. 26
(von 1470) und 75 (von 1469), vgl. Catalogue generale des manuscrits
des bibliotheques publiques des departements (Quartreihe) V, 1879, S. 11 f.
und 30f.; die der Königlichen Bibliothek in Paris in der Nationalbibliothek
als Nr. 4276 A (von 1409), vgl. Catalogus codicum manuscriptorum
Bibliothecae Regiae, Pars tertia, Tomus quartus, 1744, S. 513; die von
St. Victor in derfelben Bibliothek unter Nr. 14335 (aus dem 15. Jahrhundert
), vgl. Delisle, Bibliothequede l'Ecole des chartes XXX (6. Serie V),
1869, S. 6.

Bonn. Wilhelm Levilon.

Endres, Lyz.-Prof. Dr. Jof. Ant.: Forlchungen zur Gefchichte
der frühmittelalterlichen Philofophie. (Beiträge zur Gefch.
der Philofophie des M.-A. 17. Bd., 2. u. 3. Heft.) (VIII,
152 S.) gr. 8°. Münfter i. W., Afchendorff 1915. M. 5 —
Eine Reihe zum Teil fchon gedruckt gewefener Abhandlungen
ift hier zufammengeftellt. Sie beginnt mit
Auffätzen über den Alcuinfchen Schulkreis und fchließt
mit Unterfuchungen ,aus dem Beginn des Nominalismus'.
Dazwifchen flehen Forfchungen, die fich mit Fulbert von
Chartres als Freund der freien Künde, mit ,einfeitigen
Dialektikern' (Anfelm dem Peripatetiker und Berengar von
Tours), mit ,Antidialektikern' und mit Lanfranks Verhältnis
zur Dialektik befaffen. Der Schwerpunkt der Sammlung
liegt in den Auffätzen über die frühmittelalterliche
Dialektik. Am ergiebigden dürften hier die Stücke fein,
die den Antidialektikern gewidmet find, einem Gerhard
von Czamäd, Otloh von St. Emmeran und Manegold von
Lautenbach. Sie entwerfen ein lebendiges Bild von jenen
Schriftdellern, ,welche die beginnende kirchliche Reform
zu einer gegenfätzlichen Stellungnahme gegenüber der
heidnifchen Literatur und Weltweisheit veranlaßten'.
Berengar von Tours id Endres wohl nicht ganz gerecht
geworden. Daß er nicht Nominalid war, darf freilich
dem Verfaffer zugegeben werden. Einen prinzipiellen
Rationalismus kann man ihm aber fchwerlich zufprechen.
Nicht Vernunft und Offenbarung find die Gegenfätze,
fondern rational und irrational verdandene Offenbarung.
Die Offenbarung als folche hat Berengar nicht angefochten
. Id nicht auch der Kommentar des Johannes
Skotus Eriugena zu Boethius für ihn entfcheidender als
die Schrift de divisione naturae?
Tübingen. Scheel.

Baeumker, Clemens: Roger Bacons Naturphilofophie, ins-
befondere feine Lehren von Materie und Form, Indivi-
duation und Univerfalität. (Verb. u. verm. Sonderdr.
aus: Franziskanifche Studien III.) (V, 74 S.) gr. 8°.
Münder i. W., Afchendorff 1916. M. 2.60

Der Titel des Buches verfpricht wohl mehr, als die
Ausführung enthält. Denn de bringt keine gefchloffene
Dardellung der Naturphilofophie Roger Bacons, fondern
erörtert die naturphilofophifchen Probleme in dändigem
Anfchluß an Hugo Hövers Buch über Bacons Hylomor-
phismus. Nirgends verleugnet fich die Herkunft des
vorliegenden Buches aus der Befprechung des Buches
Hövers. Es erfcheint als eine zu wertvollen kritifchen
Abhandlungen ausgewachfene Rezenfion des Höverfchen
Werkes, muderhaft freilich fowohl in der pofitiven Würdigung
wie in der kritifchen Analyfe, Korrektur und
Weiterführung der Aufdellungen Hövers und ganz aus
reicher Kenntnis des Stoffs fchöpfend. Auf die einzelnen
Probleme hier einzugehen id unmöglich. Es muß genügen
, Baumkers abfchließende Stellung zu Höver anzudeuten
. Wenn Höver in Bacon keinen Aridoteliker erblickt
, ihn vielmehr dem ,Augudino-Platonismus' oder
,Myitizismus' der Hochfcholadid nahe rückt, jedoch nicht
fchlechtweg den Piatonikern einreiht, fondern feinen ,My-
dizismus' mit dem Empirismus verbunden fieht und darum
Bacon als Vertreter einer mydikh-empirifchen Richtung
neben der platonifch-mydifchen im 13. Jhd. würdigt, fo
billigt Baumker diefe Charakteridik in ihren Grundzügen.
Die Abfertigung der platonifch-augudinifchen Richtung
als ,Mydizismus' werde aber den Motiven ihrer erkenntnis-

theoretifchen Anfchauungen nicht gerecht, die auf die
von der Erfahrung unabhängig erfcheinende Geltung ma-
thematifcher Erkenntnis verweilen könnten. Diefe ,My-
diker' konnten die Naturwiffenfchaften unter dem mathe-
matifchen Gefichtspunkte betrachten. Bezeichnend genug
zählte gerade die augudinifche und neuplatonifche Richtung
im Mittelalter eine Reihe großer Mathematiker und
und mathematifcher Phyfiker. Eine Ergänzung bedürfe
Hövers Charakteridik aber vornehmlich nach der natur-
wiffenfchaftlichen und naturphilofophifchen Seite hin.
Ehrles epochemachenden Unterfuchungen brachten wohl
Verdändnis und Ordnung in die theologifche und theol.-
philofophifche Bewegung des 13. Jhds. Doch bei den
reinen Philofophen und den .Phyfikern' gibt es viel, was
nicht ohne weiteres in das Schema augudinifch-platonifche
und aridotelifche Tradition fich einfügt: die Humaniden
und Philologen, die den freien ,Künften' und ,Autoren'
gegenüber der Philofophie den Platz wahren wollten,
und die Mathematiker und Naturforfcher, die im Zu-
fammenhang mit der griechifchen und arabifchen mathe-
matifchen, naturwiffenfchaftlichen und medizinifchen Literatur
als ,Phyfiker' eine ganz befondere Entwicklungsreihe,
verlchieden von der theologifch-metaphyfifchen, aufweifen.
An diefer Bewegung, die für Bacons naturphilofophifche
Entwicklung von Bedeutung gewefen id, id Höver vorbeigegangen
. Bäumker füllt die Lücke nicht aus, er ver-
weid nur auf Alfredus Anglicus, Groffetede, Avicenna
und Alhazen. ,In diefem Rahmen wird fich von Bacon
. . . . ein vielfach anderes und jedenfalls inhaltvolleres Bild
ergeben. Nicht fo viel neues wird er uns fagen, als wie
diejenigen meinten, die ihn aus dem Zufammenhange feiner
Zeit herausriffen. Aber in der Art feiner Synthefe und
deren literarifcher Durchführung wird feine perfönliche
Eigenart um fo reicher und zugleich gefchloffener hervortreten
' (S. 71).

Tübingen. Scheel.

Kutzke, Geo.: Aus Luthers Heimat. Vom Erhalten u. Erneuern.
Mit drei Mansfelder Sagen in metr. Bearbeitg. u. 84 Abbildgn.
nach Federzeichngn. des Verf. (179 S.) Lex.-8". Jena,
E. Diederichs 1914. M. 5 —; geb. M. 6 —

Ein fchönes Buch hat uns Georg Kutzke befchert. Nirgends
finden wir mit folcher Sorgfalt, nirgends aber auch mit folchem
Verftändnis die Denkmäler befchrieben und gewürdigt, die in die
Jugendzeit Luthers zurückführen. Nicht alles, was in diefem
Buch vereinigt ift, befaßt fich mit Luther. Erinnerungen aus der
älteren und neueren Gefchichte Eislebens und Mansfelds find
mit dem verwoben, was unmittelbar an den Reformator gemahnt.
Aber er bleibt doch die Geftalt, vor die man immer wieder hingeführt
wird. Das Straßenbild Eislebens im endenden 15. Jahrh.,
der Grundriß des Haufes, in dem Luther geboren wurde, die
Kirche, in der er getauft wurde, das Mansfelder Elternhaus, die
Lateinfchule, in der er den erften lateinifchen Dnterricht empfing
, das Eisleber Sterbehaus und manches andere werden
hiftorifch genau, mit guten bildlichen Wiedergaben, ohne roman-
tifche Verzeichnungen dem Lerer bekannt gegeben. Stets wird
gewilTenhaft Rechenfchaft abgelegt über das, was wir wiffen können
und was nur mehr oder weniger ficher erfchloffen werden kann.
Der Untertitel des Buches will befonders beachtet fein. Denn
der Verfaffer will nicht nur berichten über das, was war und
verfiel, er will zugleich zu rechtem Erhalten und Erneuern des
Gebliebenen anleiten. Das 19. Jhd. hat ja im Zerftören und
Wiederherftellen ärger gefündigt als eines der vorangegangenen
Jahrhunderte. Dem profitlichen Rationalismus und Egoismus

j des Verkehrs ift zum Opfer gefallen, was den Stürmen früherer
Zeiten widerftanden hatte. Erft im 19. Jhd. verlieren unfere
Städte und Ortrchaften ihr ,mittelalterliches' Ausfehen, und räumt
man auf mit den Zeugen der Vergangenheit. Oder wo man, erfaßt
von der hiftorifchen Strömung des gleichen Jahrhunderts,
dem Alten fich pietätvoll zuwandte, lief es oft genug Gefahr, nach
der Grammatik des jeweiligen Stils wiederhergeftellt zu werden
und nun durch ,Erneuerung' und Stimmungsmache feinen Reiz

] zu verlieren. Kutzke weiß, daß folche Erneuerungen weder Be-
fchaulichkeit noch Leben wecken. Die eigentliche Aufgabe der
Erneuerungen kann angefichts der Zerftörungen des 19. Jhd.s
und des von ihm neu gefchaffenen Ortfchaftsbildes nur untüchtiges
Erhalten und leichtes oder unaufdringliches Ausbeffern des
Überkommenen fein. Auf die Bedeutung der natürlichen feelifchen
Refonanz auch kleiner Denkmäler in fremder Umgebung hat K.
mit befonderem Nachdruck hingewiefen. So enthält fein Buch