Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1917

Spalte:

461-462

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wotschke, Theodor

Titel/Untertitel:

Breslauer Briefe an Kalow 1917

Rezensent:

Völker, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 26.

Zuverficht, feinen Mut, fich auf das eigene Ich zu ftellen,
gegen dies individuelle, menfchliche Ich ganz wahr zu
fein und es tapfer und entfchloffen darzuftel'en, kurz die
dadurch begründete unabhängige, felbftentfcheidende Per-
fönlichkeit. Wie die fich auswirkt in Luther und im Luthertum
, wird dann nach verfchiedenen Seiten gezeigt, überzeugend
z. B. in der lutherifchen Ethik. Troeltfch findet
bei Luther eine ,doppelte Ethik', die der Bergpredigt
für den Verkehr der Chriften untereinander und eine weltliche
Ethik für das natürliche Leben. In der Tat, Luther
ftellt beide unvermittelt nebeneinander. Aber es fehlt
nur die theoretifche Ausgleichung, innerlich find fie geeint
durch die unabhängige felbftentfcheidende Perfönlich-
keit, die in gewiffenhafter Überlegung entfcheidet, wie
weit die Forderungen der Bergpredigt jeweils erfüllt werden
dürfen. ,Der Fehler liegt nicht darin, daß tatfächlich eine
doppelte Moral in ihm vorhanden ift, fondern darin, daß
er immer noch das Sittengefetz als ein äußeres Gebot
befchreibt und nur als folches befchreiben kann, während
er es als eine innere Gewiffensmacht im einzelnen ftark
und unabhängig erlebt'. Das erfcheint mir ebenfo richtig
wie der Nachweis, daß vielmehr die fcheinbar fo einheitliche
kalvinifche Ethik mit ihrer Unterfcheidung der Prä-
deftinierten und der Nicht-Prädeftinierten und mit der
Anweifung, letztere wenigftens zum äußeren Gehorfam
zu zwingen, eine doppelte Moral enthält, deren verhängnisvolle
Folgen die englifche Gefchichte immer wieder
im Großen wie im Kleinen zeigt. Die ftete Vergleichung
mit dem englifchen Kalvinismus und die Auseinander-
fetzung mit Troeltfch macht F.s Darftellung befonders
reizvoll; und mag er auch vielleicht zuviel an Luther
hängen (deutfche Dichtung, Philofophie, Wiffenfchaft u. a.),
feine Darlegung verdient ernfte Erwägung.

Die ,heififchen Briefe und Berichte aus der Zeit des
30 jährigen Krieges' flammen teils aus dem pfälzifchen Krieg,
teils aus der Zeit nach der Nördlinger Schlacht. Für die erffe
Periode bezeugen fie einen erftaunlichen Wohlftand der
Pfarrer (durch die Lifte der geraubten Gegenflände, große
Weinvorräte) und fchon damals eine entl'etzliche Verwilderung
der Soldateska. Noch erfchütternder find die
fpäteren Berichte. Man begreilt, was Lutherfcher Glaube
zu trotten und aufzurichten hatte, und was wir heute zu
danken haben, daß der gegenwärtige Krieg nicht in unferm
Lande und nicht von Deutlchen gegen Deutfche geführt
wird.

Hannover-Kleefeld. Schufter.

Wotlchke, Lic. Dr. Theodor: Balthafar Meisners Beziehungen
zu Schlehen. (S.-A. aus ,Correfpondenzblatt d.
Ver. f. Gefch. d. ev. Kirche Schießens'.) S. 141 —181.)
8°. Liegnitz 1916.

- Breslauer Briefe an Kalow. (S.-A. aus .Correfpondenz-
blatt d. Ver. f. Gefch. d. ev. Kirche Schießens'.) (32 S.)
8°. Liegnitz 1916.

Die 30 Briefe, die Wotfchke veröffentlicht, beleuchten
die Beziehungen des fchlefifchen Luthertums zur Wittenberger
theologifchen Fakultät im Zeitalter der Orthodoxie.
An Balthafar Meisner, der 1613 —1626 an der cathedra
Lutheri wirkte, und an Abraham Kalow, der 1650—1668
die ftrenge Rechtgläubigkeit an diefer Hochfchule vertrat
, wenden fich lutherifche Paftoren und Lehrer aus
Schießen mit ihren großen und kleinen, perfönlichen und
allgemein kirchlichen Angelegenheiten, tragen ihnen ihre
Nöte vor und bitten fie um Rat und Beiftand. Von
den Mitteilungen und Anfpielungen, die nur Augenblickswert
haben, abgefehen, gewähren die Briefe einen Einblick
in die geiitige und politifche Lage des fchlefifchen
Proteftantismus während und nach dem 30jährigen Kriege.
Die Brieffchreiber, erfüllt von der Wahrheit der reinen
Lehre, deren tiefes Verftändnis fie den von ihnen hoch-

gefchätzten Adreffaten verdanken, beurteilen von der
hohen Warte diefer die Zeitverhältniffe. Für ihr luthe-
rifches Bekenntnis nehmen fie den Kampf gegen zwei
Fronten auf: den Calvinismus und das mit der Sttaasge-
walt verbündete Papfttum. So berichtet Joh. Scultetus feinem
Lehrer Meisner entfetzt über die rafchen Fortfehritte
des Caivinismus in feiner Vaterftadt Liegnitz nach dem
Übertritt des Herzogs Georg Rudolf; er bittet Meisner
um eine Äußerung, ob er recht gehandelt habe, daß er
das ihm angebotene Unterdiakonat an der Peter- und
Paulskirche wegen der von ihm geforderten Verpflichtung
auf die Auguftana Variata ausgefchlagen habe; mit
der Preisgabe des Exorzismus bei der Taufe, die jetzt
allgemein werde, würden bald andere Irrtümer der Calviner
, ,der F"eind Chrifti', einreißen. Die pestifera gens
Calviniana fei fchwerer zu ertragen als die Kriegsgreuel,
meint der Paftor in Schöneiche Johann Offig in einem
Schreiben an Meisner v. 2. XII 1623, und der Breslauer
Rektor Thomas Sagittarius berichtet demfelben mit aufrichtigem
Schmerz, die meiften Schulen in Schießen
feien von calvinifchen Ketzereien angefteckt (26. Juli 1620).
Kalow unterftützen feine Breslauer Freunde gegen den
Helmftedtifchen Synkretismus, hinter welchem fie calvini-
fche Machenfchaften wittern. ,Der Vorfehung fei Lob
und Dank für den Schutz der Rechtgläubigkeit und Bewahrung
der Kirche vor dem unheilvollen Mifchmafch',
führt Ananias Weber aus. Noch bedrohlicher geftaltet
fich die Lage der Lutheraner durch die Vorftöße des
Papfttums. In dem oben angeführten Brief teilt Offig
Meisner mit, aus der Graffchaft Glatz feien fämtliche
luther. Paftoren ausgewiefen worden; den fchlefifchen
ftehe das gleiche Schickfal bevor; in Neiße feien die
Jefuiten bereits fehr eifrig am Werke. Weber berichtet
Kalow (26. III 1654), die Jefuiten hätten allenthalben
die rechtgläubigen Prediger durch Diener des Antichrift
I erfetzt. Adam Fltzler bringt demfelben zur Kenntnis
(6. V. 1662), durch kaiferl. Refkript fei der Gefang des
Liedes ,Erhalt uns Herr bei deinem Wort' unterfagt worden
. Und Johann Müller, dem ehemaligen Hauslehrer der
Kinder Meisners, ,fcheint es, als ob das lutherifche Häuflein
hier mit der Zeit ganz und gar follte ausgetilgt werden
'. In den Briefen werden auch freundlichere Töne
angefchlagen: Glückwünfche zu Familienereigniffen, Empfehlungen
von Studenten, Bemühungen bei Promoti-
onswünlchen, Beratung beim Kurgebrauch, Aufmerkfim-
keiten durch Lebensmittelfendungen u. a. m. . .. es ziehen
fich die Fäden herüber und hinüber; die Angaben im einzelnen
kulturhiftorifch nicht ohne Belang. — Wie bei
allen feinen Veröffentlichungen hat Wotfchke auch diesmal
in zahlreichen Fußnoten die in den Briefen erwähnten
Perfonen feftzuftellen fich bemüht. Die Schreiben
an Meisner find in der Hamburger Stadtbibliothek, die
an Kalow in der Bibliothek des Kgl. Predigerfeminars in
Wittenberg aufbewahrt.

Wien. Karl Völker.

Kolb, Präl. Oberhofpred. D. Chr.: Die Bibel in der Evan-
gelifchen Kirche Altwiirttembergs. (S. 1 — 6, 5 und 6 und

7—168.) gr. 8°. Stuttgart, Ch. Belfer 1917. M. 6 —

Eine eigenartige Gabe zum Reformationsjubiläum,
eine geiftvolle Arbeit auf Grund einer faft gänzlich unbekannten
Literatur und ein wichtiger Beitrag zur Kirchen-,
Dogmen-, Kultur- und Schulgefchichte aus der Feder des
Mannes, dem wir die ausgezeichnete Gefchichte der evan-
gelifchen und katholifchen Kirche Württb. im 19. Jahrhundert
(W.K.G. 1893), die Anfänge des Pietismus inW.,
die Aufklärung in der Württb. K. und die Gefchichte des
Gottesdienftes der evg. Kirche W. und eine Reihe wichtiger
Abhandlungen verdanken, wie wir denn noch auf eine
weitere Bereicherung unferer württb. K.G. von ihm hoffen
dürfen, nachdem er am 1. Okt. in den Ruheftand getreten