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Ausgabe:

1917

Spalte:

13-15

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herz, Johannes

Titel/Untertitel:

Arbeiterschaft und Kirche nach dem Kriege 1917

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 1.

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Vom inneren Frieden des deutfchen Volkes. Ein Buch gegenfeit
. Verftehens u.Vertrauens, hrsg. v. Friedr.Thimme.
(XI, 574 S.) gr. 8°. Leipzig, S. Hirzel 1916.

M. 5—; geb. M. 7 —
Herz, Ffr. Johannes: Arbeitertchaft und Kirche nach dem
Kriege. Als Sonderdr. aus den Mitteilungen d. Konf.
f. ev. Gemeindearbeit hrsg. v. d. Sächf. Ev.-foz. Vereinige
(24. S.) 8°. Darmftadt, C. F. Winter 1916.

M. —40

Im vorletzten Jahre habenThimme, der Bibliotheksdirektor
des Herrenhaufes, und Legien, der Vorfitzende
der Generalkommiffion der Gewerkschaften Deutfchlands,
zufammen ein Buch herausgegeben: Die Arbeiterschaft
im neuen Deutfchland. Den Herausgebern
erfchien nichts wichtiger, als fich über die Möglichkeit
und die Bedingungen einer geiftigen Arbeitsgemeinfchaft
Zwilchen der bürgerlichen und der fozialiftifchen Gedankenwelt
klar zu werden. Sie haben deshalb je zehn
bürgerliche und fozialdemokratifche Schriftfteller zu-
fammengebracht, um die Probleme der künftigen Stellung
der Arbeiterfchaft im neuen Deutfchland gemeinfam zu
erörtern. Von beiden Seiten war man bemüht, ein klaf-
fifches Beifpiel dafür aufzuftellen, wie folche Probleme
nach den Erfahrungen und Lehren des Krieges in Zukunft
zu behandeln feien. Die Herausgeber konnten
dabei im Vorwort felber ,ein folches Maß gegenfeitigen
Verftändniffes bei aller natürlichen Verfchiedenheit der
Auffaffungen' feftftellen, ,daß die Hoffnungen auf ein
gemeinfames gedeihliches Zufammenwirken in und am
neuen Deutfchland nur neu belebt werden können'.
Außer den beiden Herausgebern haben an bekannten
Männern mitgearbeitet: Hermann Eucken, Friedrich
Meinecke, Philipp Scheidemann, Edgar Jaffe, Ferdinand
Tönnies, Ernft Troeltfch und Paul Natorp.
Troeltfch' Auffatz über ,die Kirchen- und Religionspolitik
im Verhältnis zur Sozialdemokratie' wird unfere
Lefer am meiften intereffieren; er ift voll wahrer, ftarker
und fruchtbarer Gedanken: Die Trennung von Staat und
Kirche würde bei uns infolge unterer politifchen und
kulturellen Eigenart nicht fegensvoll wie in Amerika,
fondern eher zerftörend wie in Frankreich wirken. Sie
würde einen intenfiv und extenfiv unermeßlich geftei-
gerten Kulturkampf erzeugen, ift alfo unmöglich. So
bleibt nur die Möglichkeit, die Verhältniffe zu nehmen,
wie fie liegen, und auf eine langfame vorfichtige Verfelb-
ftändigung der Kirchen und eine entfprechende Löfung
der Kirchen vom Staate hinzuwirken, wobei die Probleme
der Schule und des religiöfen Unterrichts befonders
fchwierig und wichtig find. Diefe praktifche Verftändi-
gung ift freilich nur möglich, wenn die Sozialdemokratie
mit ihrem Grundfatz: ,Die Religion ift Privatfache' wirklich
Ernft macht, d. h. ihn nicht mehr im Sinne einer
beftenfalls geringfchätzigen Duldung ideeller Refte überwundener
Entwicklungsftufen, fondern im Sinn des ehrlichen
Refpekts vor fremder Uberzeugung anwendet (was
wieder vorausfetzt, daß man erkennt und zugefteht, daß
das eigene marxiftifche Dogma keine wiffenfchaftliche
Wahrheit, fondern auch nur ein Glaubensfatz ift); und
wenn andererfeits die kirchlichen Kreife entfchloffen die
Tatfache anerkennen, daß unfer Volk weithin nicht mehr
chriftlich ift, und deshalb auf unberechtigt gewordene
kirchliche Herrfchaftsanfprüche verzichten und fich auf
ihre eigentümliche religiofe Aufgabe befchränken, ferner
aber die von der Sozialdemokratie geleiftete, im Kriege
erprobte Arbeit der Disziplinierung der Mafien und damit
auch die trotz aller naturaliftifchen Theorien in ihr
wirkfamen ethifchen Kräfte anerkennen. Gegen dies
Kompromiß werden die Glaubenshüter von beiden Seiten
um des Prinzips willen Einfpruch erheben. Ihnen hält
Tr. ebenfo wahr wie ernft vor, daß ,in hiftorifchen Momenten
und bei einzelnen mächtigen Genies Prinzipientreue
bis zum Tode etwas Heroifches fein kann, in den
Händen von gewöhnlichen Durchfchnittsmenfchen und
im Zufammenhang der Alltagslage ilt fie lediglich etwas
Gefährliches, eine Gedankenlofigkeit und ein Eigenfinn,
der alle ruhige Vernunft hindert, oder gar ein Hetzmittel,
das die Leidenfchaften peitfcht, um fich ihrer zu Zwecken
zu bedienen, die mit dem Gefamtwohl und oft auch mit
der Charakterfeftigkeit nichts zu tun haben'. Möchten
diefe goldenen Worte weithin gehört und beherzigt
werden; die Perfon ihres Urhebers erhebt fie über jeden
Verdacht charakterlofer Schwäche.

Nun hat derfelbe Thimme uns ein zweites, fchönes
Buch gefchenkt, das denfelben Gedanken ,vom inneren
Frieden des deutfchen Volkes' erweitert. In fünf Ab-
fchnitten behandelt es den Frieden unter den Weltanschauungen
, den Konfeffionen und kirchlichen
Parteien, den Klaffen und Berufsftänden, den politifchen
Parteien, den Nationalitäten. Eingeleitet wird
das Ganze durch einen mannhaften Aufruf von Gottfried
Traub: ,Was not tut' und abgeschloffen durch ein wohltuendes
Schlußwort des Herausgebers: ,Gegenfeitiges
Verftehen und Vertrauen'. In Teil I verfucht Eucken
die ,Einheit der deutfchen Weltanfchauung' in dem deutfchen
Zug zur Innerlichkeit, zur tätigen Arbeit und zur
Univerfalität aufzuweifen. Natorp behandelt Univerfalis-
mus, Individualismus und Staatsgefinnung; Fendrich,
Liebfter und Peus das Verhältnis von Chriftentum und
Sozialdemokratie; Thimme-Iburg evangelifches Chriftentum
und moderne Weltanfchauung (Unterfcheidung von
Ideen und Idealen: das Chriftentum verwirft einerfeits
den Materialismus und den naturaliftifchen Monismus,
andererfeits den Utilitarismus und den individualiltifchen
Liberalismus; es verbündet fich mit jedem echten Idealismus
und kommt dem modernen Geift in Kulturoffenheit
weit entgegen nicht ohne wertvollfte Gegengabe), während
Rademacher und Lippert das Verhältnis des
Katholizismus zum modernen Leben und zur deutfchen
Kultur mit einem Optimismus darfteilen, über den wir
uns freuen würden, wenn die Schatten der antimoder-
niftifchen Kundgebungen uns das erlaubten. In Teil II
fchreiben Rade und Mausbach über das Verhältnis der
beiden großen Konfeffionen. Trotz der Anfprache des
Papftes vom 21. Nov. 1915 ift Rade nicht ohne Hoffnung;
er verweift auf die Kriegserfahrungen und die von Pfeil-
fchifter herausgegebene Abwehr der deutfchen Katholiken
gegen die Angriffe der franzöfifchen, ferner auf die
ruhige Behandlung der Jefuitenfrage und der ,römifchen
Frage' in den meiften evangelifchen Kreifen. Wenn
Mausbach fagt, die Kirche nehme an, daß Gott auch
über den fichtbaren Organismus der Kirche hinaus die
ehrlichftrebenden heilsbegierigen Seelen erleuchtet, rechtfertigt
und befeligt, und neben diefe halbe Anerkennung
unferer Kirche feine Klage über mangelnde Anerkennung
durch den Ev. Bund ftellt, fo erinnern wir uns an Rades
Warnung vor unnötiger Empfindlichkeit. Dunkmann,
Kahl, Baumgarten und Mahling handeln über die
theologifchen und kirchlichen Richtungen. Unter diefen
vier Beiträgen ift Kahls zweifellos wiffenfchaftlich der lehr-
reichfte mit feiner lichtvollen Schilderung des Urfprungs
der kirchlichen Parteien, auch feine Vorfchläge für einen
Modus vivendi find anfprechend und erwägenswert.
Baumgarten muß uns ftark bewegen durch das tiefe
Mitgefühl und das ehrliche Eingeftändnis, welche ge-
wiffensmäßigen Bedenken der Neuproteftantismus dem
alten Glauben bereiten muß; Mahling endlich hat mich
außerordentlich wohltuend berührt durch die weit- und
warmherzige Betonung der gemeinfamen praktifchen Arbeiten
. Den Schluß diefes Abfchnitts bildet Rein: ,die
Schule ein Mittel des inneren Friedens'. Der geforderten
Einheitsfchule flehe ich noch abwartend gegenüber, für
den fimultanen Religionsunterricht als zukünftiges
Ideal habe ich Verftändnis, fürReins überzeugtes Eintreten
für die Grundideen des Sittlichen als ewige Werte und