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Ausgabe:

1917 Nr. 2

Spalte:

422

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Büchmüller, Hans

Titel/Untertitel:

Der Knabe als religiöse Persönlichkeit 1917

Rezensent:

Schuster, Hermann

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421

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 22/23.

422

kommen ift, der ift im dritten Reich. Natürlich hat es
keinen Ort, fondern geht durch die andern beiden hindurch
und ift überall.

Von hier aus beleuchtet dann der Verfaffer eine Reihe
von Lebensgebieten mit Ausführungen, die bei aller Wiederholung
und auch Abweichung von einander doch ftets
anziehen und zu denken geben. Befonders gern kommt
er auf Religion und Kunft zu fprechen in denen fich
jenes dritte Reich des abfoluten Wertes objektiviert.
Die Religion befagt, daß im Grunde der Dinge der abfohlte
Wert liegt; die Transzendenz ift der Ausdruck
für die fonft unausfprechliche Empfindung von dem letzten
Wert, der gefteigerten Lebendigkeit. In der Religion
wird feine Verwirklichung antecipiert in dem Weltcinheits-
erlebnis des Willens. Die Kunft ift dasfelbe für die Vor-
ftellung, wie ja eine Vafe oder eine Melodie das Gefäß
für die letzten Geheimnifle des Däferns oder ein Bild von
Rembrandt eine Darftellung der Hintergründe tinfrcr
eigenen Seele werden kann. Auf die feinen und eigenartigen
kunftphilofophifchen Gedanken über klaffifch und
romantifch kann hier nicht mehr eingegangen werden.

Im Gegenfatz zu diefen beiden, die im religiösen und
afthetifchen Erlebnis die Harmonie und die Aufgabe in
der Welt vorwegnehmen, fteht die praktifche Tat als
Verwirklichung von Werten, die auf jenes im Unendlichen
Hegende Ziel des abfoluten Wertes hin gefchieht, und
zwar aus dem Erlebnis von Werten heraus, das zur Handlung
fpannt und uns den Höhepunkt immer noch vor
uns zeigt, weil jeder erreichte Wert in dem Verlauf der
Weltgefchichte, diefer Verwirklichung der Werte, nur eine
Abschlagszahlung bedeutet. Von der auf diefer Stufe
herrfchenden Aktivität aus mit dem für fie maßgebenden
Verhältnis von Mittel und Zweck wird dann auch das
Reich der Natur erkannt. Das principium individuationis
ift abhängig von der Kausalität, die unfere praktifche Naturbetrachtung
beherrfcht, foweit unfer Handeln reicht.
Darüber hinaus aber geht das Reich der Natur als eine
unabhängig von unfrer Aktivität beftehende vollkommene
Einheit, in der wir ausruhen können wie in der Kunft.
Sie ift aber auch in diefer ihrer Einheitlichkeit der große
.Widerftand', die große beftändig gefpielte Kontrepartie
unfres ebenfo einheitlichen Sittlichen Willens, von dem
aber Schon etwas in der Art investiert ift, wie wir die Natur
Liberhaupt erfaffen und erkennen.

In ähnlich tiefer und geistvoller Weife werden noch
andre Lebensgebiete behandelt: Armut und Reichtum,
Staat und Kirche, und befonders konfervativ und fort-
fchrittlich; immer werden die tiefen Gegenfätze herausgestellt
, aber Sofort wieder die von dem einen Glied zum
andern übergreifenden Beziehungen zumAusdruck gebracht.
So wird das Leben philofophifch durchleuchtet bis in die
Tiefe hinein, und die tiefftenGegenfätze Spiegeln Sich, nicht
ohne nach ihrer Einheit hinzuftreben, in den alltäglichen
Dingen des Lebens Darum greift man Stets wieder nach
dem Buch als nach einem ,Verfuch zu philofophifcher
Befinnung'.

Heidelberg. Niebergall.
Referate.

Steinmetz. Superint. D. Rudolf: Cantate. Auslegung wertvoller
Gefangbuchlieder. Beitrag zum dankbaren Gedächtnis der
Reformation. 1. Heft m. 14 Liedern, 12 v. D. Martin Luther
u. 2 v. Nicolaus Decius. (VII, 48 S.) 8«. Hannover, Hahn 1917.

M. 1.50

Das Büchlein ruht auf guter Kenntnis der neueren Literatur,
trägt aber trotzdem veraltete Meinungen vor. Luther gilt als
Komponilt von ,Ein fefle Burg' und als der, der das vom Volk
gefungene Glaubenslied in den Gottesdienft einführte; Decius ift
Dichter des Liedes ,0 Lamm Gottes'; von ,Aus tiefer Not' wird
nur die fünfftrophige Geftalt erwähnt. An vielen Stellen fehlt die
nötige Worterklärung (,Letze; Sufaninne'). Nach der muf kalifchen
Seite hin fetzt der Verfaffer Och Selber Schranken. Er ift Erbauungs-
fchriftfteller, der als Solcher vom bibel- und kirchengläubigen

! Standpunkt aus alte finnige Gedanken Spinnt, ohne feinen Gegenstand
unter irgend einen anderen oder gar neuen Gesichtspunkt
zu Stellen.

Münfter i. W. J. Smend.

Buchmüller, Waifenvater Hans: Der Knabe als religiöse Persönlichkeit
. (100 S.) 8". Bafel, Kober 1917. M. 1.50

Die Abhandlung über die Religiosität der Knaben, die B. in
feinem Andachtsbuch in Ausficht Stellte, liegt nun vor. Einer
Einleitung über die Möglichkeit und Notwendigkeit der religiöfen
Beeinfluffung, die nicht gerade tief gräbt und kaum etwas Neues
bringt, folgt unter der Überfchrift ,Des Knaben Forderungen' in
zwanglofer Anordnung eine Reihe von pädagogischen Betrachtungen
und Weifungen, in denen viel gute Beobachtung und
ernfte Forderung liegt, z. B. ,Gehe von den Voraussetzungen aus,
die in der Seele des Knaben vorhanden fein können',Nur nicht
langweilig' ,Keine Dogmatik' ,Sei ein Diesfeitsmenfch und zeige
mir die Religion als eine Diesfeitsfache' ,Biete uns ein freudiges
Christentum' ,Heldentum' ,Abwechslung' ,Schenke mir einen Teil
deiner Zeit' ,Kein Moralin' (vorzüglicher Beitrag von Pfarrer
Schädelin) .Freiheit' .Gerechtigkeit'. B. ift kein fyltematifierender
Theoretiker, aber ein ungewöhnlich begabter Praktiker, der auch
andere Praktiker Segensreich anregen kann.

Hannover-Kleefeld. Schuft er.

Gros, Prof. Otto: Lebenswerte aus dem Gebiete des Wiffens und

des Glaubens. (Leitfaden f. d. evangcl. Religionsunterricht Abtlg.

III. Für die oberen Klaffen höherer Lehranstalten.) (III,

128 S.) 8°. Gießen, E. Roth 1916.

M. 1.50; kart. M. 1.60; Lwbd. M. 2—
Derfelbe Offenbacher Religionsprofeffor, deffen Kirchenge-
fchichte für die Mittelstufe ich neulich (Sp. 44) empfahl, bietet
hier für die Oberftufe eine Art Glaubens- und Sittenlehre. Sie
befriedigt mich nicht So voll. Weniger wegen einzelner fachlicher
Ungenauigkeiten (z. B. in der Formulierung des ontolog. Gottes-
beweifes) als wegen der methodiTch grundsätzlich bedenklichen
(Stillschweigenden) Voraussetzung, als kämen unfere Schüler heute
noch aus Sicherer christlicher Tradition und könne man deduktiv
mit ihnen verfahren, während man m. E. induktiv vorgehen, d.
h. an ihre unklaren idealen Strebungen und Gedanken anknüpfen
und fie zur Höhe christlicher Gotteserkenntnis emporführen muß,
damit fie Sehen, nur in ihr findet das, was fie Selber fühlen und
wollen, feinen Zusammenhang und feine Sicherheit. Aber da
das Büchlein einen weiteren Gesichtskreis hat (Auseinandersetzung
mit widerchriftlichen Anschauungen und Darftellung der
wichtigsten außerchriftlichen Religionen) als leider üblich und
den hergebracht trockenen, dogmatischen Ton glücklich überwindet
, bedeutet es zweifellos einen Fortfehritt und kann auch
für die Christenlehre der konfirmierten Jugend mit Nutzen verwandt
werden.

Hannover-Kleefeld. Schufter.

Wichtige Rezensionen.

Von Prof. Lic. Paul Pape in Berlin W. 57, Manfteinftr. 10.

Beziig!. Himoeife und Sendungen find jederzeit erzoiin/cht.

Jann: Die kath. Miffionen i. Indien, China u. Japan (v. Schwartz: Th-
Ltbl 1916, 1; v. GA: Hftjb 1916,23; v. FXSeppelt: RhRev 1916,
13/14).

Jelke: Das Problem d. Realität u. d. chriltl. Glaube (v RHGrütz-
macher: ThLtbl 1916, 24; idem: ThGgw 1917, 1; v. KBeth: Th-
Rdlch 1917, 3).

Ihmels: Die chriftl. WahrbeitsgewitVhcit (v. GVellenga: ThStudien
1916, 6; v. KBeth: ThRdfch 1916, 6; v. HStephan: DtfchLtz 1916,
12).

Jordan: Theodor Kohle (v. Beß: ZKgefch 30, 12, 1915; EvgKl 1916,

13; v. JVvendland: ThRdfch 1916, 4/5).
Jordan: Comparative reiigion (BibliothSacra 1916, apr; v. YVOCarver.

RevKxpos 1916, 3; v. WBGreene: PrincetonThRev 1916, 3).
Kern: Humana civilitas (v. FXSeppelt: ThRev 1916, I/a; v. GFicker:

ThRdfch 1916, 8/9; idem: EvgFrcih 1917, 3).

Neueste Literatur

ausgewählt v. P. Pape.

KG 2: Brüning, G: Adamnans Vita Columbae u. ihre Ableitungen
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hl. Antoninus v. Florenz. Difi". (69) 8° Bonn '16. ( Ebner, J: Die
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bürg 798 | Fifcher, W: Perfonal- u. Amtsdaten d. Erzbifch. v. Salz-
'17. 4.25 | 1519. DilT (100) 8'' Greiiswald '16. | Gisbert, E: Die
Bifchöfe v Minden bis z Ende d. Inveftiturftteites. T. i u. 3. DilT.
(49) 8° Berlin '16 | Graf, Th: Papft Urban VI. Unterff. über d röm.