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Ausgabe:

1917 Nr. 2

Spalte:

383-385

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buchwald u. a., G.

Titel/Untertitel:

Die Segnungen der Reformation 1917

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 20/21.

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N. kirchl. Zeitfchr. 1917) weiteren Kreifen vermitteln kann,
ift das folgende hochintereffante über die ,Rivalen der
Bibel Luthers im Reformationszeitalter' (S. 86 — 134). !
Zahlreiche Überfetzungsproben in Nebeneinanderftellungen i
veranfchaulichen in diefen Abfchnitten die Darfteilung; j
vorzüglich ausgeführte Bildertafeln, das Titelblatt der j
fogen. Septemberbibel nebft Druckprobe, ein Blatt aus I
Luthers Bibelhandfchrift (Pf. 46) und das Titelblatt der
1. vollftändigen Bibel (1534) illuftrieren die Bibelgefchichte.
Nun folgen Abfchnitte über Eigenart und Wert der
Lutherbibel in bezug auf ihren biblifchen Inhalt wie auf
ihr fprachlich.es Gewand (Verftändlichkeit und Klarheit, Eindringlichkeit
und Behaltbarkeit) S. 135—174 mit vielen j
feinen Beobachtungen. Das 6. Kapitel (Bedeutung der ;
Bibel Luthers für das deutfche Volk) (S. 173—2Ii) behandelt
die Verbreitung feiner Bibel bis in die Gegenwart
, fowie ihre Bedeutung für die deutfche Sprache und
für das deutfche Volk in geiftiger und religiöfer Beziehung
. In knapp gefaßten Anmerkungen S. 213—218 findet
der Fachgenoffe die erforderlichen Belege für die
Einzelheiten der Darfteilung; fchade, daß nicht auch ein
Namenregifter beigefügt ift. So findet man hier für die
mannigfachen Fragen, die der Gegenftand erregt, Antwort
und fachkundige Belehrung. Auch der Mitarbeiter
auf diefem Gebiete wird für mannigfache Belehrung
dankbar fein. Man darf diefem Buche getroft die Empfehlung
mitgeben: es follte in keines Theologen Bibliothek
fehlen. — In dem fehr forgfältigen Druck ift mir
nur auf S. 214 chartorum ft. chartarum aufgefallen.

4. Im J. 1911 hatte Otto Scheel feine .Dokumente
zu Luthers Entwicklung' (bis 1519) herausgegeben; eine
höchft dankenswerte Zufammenftellung der dafür in Betracht
kommenden Ausfagen der Zeitgenoffen, vor allem
aber feiner eignen Äußerungen. Dem Buche mit feinen
326 Quellenftücken fehlte jedes Regifter; die Orientierung
darin war nicht leicht. Jetzt hat der Verf. einen Bogen
folgen laffen, auf dem zunächft alle Quellenftücke regi-
ftriert find, fodann ein Perfonen- und Ortsverzeichnis
fowie ein Sachverzeichnis gegeben find. Damit wird die
Verwertung der .Dokumente' außerordentlich erleichtert;
kein Befitzer diefer follte unterlaffen, den Nachtragsbogen
fich zu befchaffen. Aber diefer bietet noch mehr: die
von Buchwald in einer handfchriftlichen Predigt Luthers
entdeckte Stelle über fein Erlebnis auf der Pilatustreppe
in Rom, die übrigens nicht nur in der Zeitfchr. f. Kirchen-
gefch. 1911, fondern auch in Weim. Ausg. 51, 89 zu finden
ift; ein Wort Luthers über fein Mönchtum aus einer Predigt
von 1534, vor allem aber zwei von den von Dege-
ri 1 ; im Zentralbl. f. Bibliothekswefen 1916 publizierten Briefen
aus Luthers Frühzeit. Zunächft den ficher echten
Brief Luthers vom 27. (28.) April 1507, in dem er einen
feiner Eifenacher Lehrer zu feiner Primiz einladet. Von
den beiden andern von Degering für Luther in Anfpruch
genommenen Briefen, deren Schreiber aber nur vermutet
werden kann, lehnt Scheel den am 23. Februar 1503 in
weltfchmerzlicher Stimmung gefchriebenen Brief (Zentralbl.
S. 84) offenbar ab, dagegen gewährt er dem Brief des
Martinus Viropolitanus vom 5. Sept. 1501, wenn auch nur
mit Fragezeichen, Aufnahme. Ich will nur erwähnen, daß
jetzt in den Jahrbüchern der Kgl. Akademie zu Erfurt
1917 fowohl Th. Neubauer S. 139 als Biereye S. 224
L.s Autorfchaft ablehnen; vgl. auch meine Bemerkung in
.Luthers Schriften' 1917 S. 5.

Berlin. G. Kawerau.

Scholz, D. Hermann: Was wir der Reformation zu verdanken
haben. Zur Vierhundertjahrfeier der Reformation
. (135 S. m. färb. Titelbild.) gr. 8°. Berlin, Verl.
d. Ev. Bundes 1917. M. 1.50; kart. M. 2 —

Die Segnungen der Reformation. Für das deutfche Volk
dargeftellt v. Superint. D. Dr. G. Buchwald, Superint.

Lic. P. Flade, Pred. E.Thiele, Pfr. V. Weichelt u.
Superint. Dr. E. Zweynert. (160 S.) 8°. Leipzig,
P. Eger 1917. M. 2.80

Mit Recht befchäftigt fich der Proteftantismus mit
der Frage nach den wefentlichen Gütern, die ihm durch
die Reformation geworden find. Scholz beantwortet fie
in feiner geiftreicher Weife, fetzt aber bei den Lefern viel
voraus. Er befchränkt fich aber nicht auf fein Thema,
was wir der Reformation zu verdanken haben, fondern
will auch die treibenden Kräfte zeigen, welche die Reformation
beftimmten und fich in vier Jahrhunderten auswirkten
, und in einem Schlußkapitel die Notwendigkeit
eines Fortgangs der Reformation, der aber den Zufam-
menhang mit Luther wahrt. Der Schwerpunkt aber liegt
in den Abfchnitten: 4. Altes und Neues in der Reformation.

5. Die Grundlagen der reformatorifchen Frömmigkeit.

6. Die Ref. und das deutfche Wefen. 7. Die Ref. und
die deutfche Bildung. 8. Die Ref. und der moderne
Staatsgedanke. 10. Die Ref. und das gefellfchaftliche
Leben. Entfchieden wendet fich Scholz gegen Lamprecht,
der zuerft die Neuzeit erft mit der Aufklärung beginnen
ließ. Anerkennung verdient das billige Urteil über das
Mittelalter S. 10, die Zurückweifung der Behauptung von
Schweizern, Luther habe die Schuld am preußifchen
Militarismus. Erwünfcht wären mehr gefchichltiche Nachweife
gewefen, z. B. für die Frage: Was haben die Katholiken
von den Proteftanten gelernt, wo fchon ein Hinweis
auf den dumpfen Geifteszuftand in Bayern im 18. Jahrhundert
bis zur Berufung proteftantifcher Gelehrter Licht
gegeben hätte, für die Frage der Milderung der Sitten die
Chronik von Zimmern und die Urkunden in Sugenheims
allerdings voreingenommenem Buch „Bayerns Kirchen- und
Volkszuftände" S. 530—563. Zum Hexenwahn wäre die
teilweife Beftreitung desfelben durch Brenz, Alber und
Bidembach zu beachten. Zum Kapitel Duldfamkeit hat
Ref. die Unterftützung katholifcher Armer und Verunglückter
und die Verfendung von Jünglingen zu weiterer
Ausbildung in katholifche Länder nachgewiefen, während
Bayern und Öfterreich chinefifche Mauern errichteten. Die
Erwählungslehre Calvins foll auf die englifche Frömmigkeit
wie ein ftählerner Hammer gewirkt haben. Ift in der
anglikanifchen Kirche diefe Lehre von Gewicht? Ift die
völlige Ermattung der Volksfeele im dreißigjährigen Krieg
richtig? Dagegen fpricht die Gefchichte des Kirchenlieds
, aber auch wohl die der Erbauungsliteratur, die
dringend einer Fortfetzung von H. Becks verdienftlichem
Buch bedarf. Man denke nur an Andreä, Lütkemann und
Meiderlin(Meldenius) mit dem eines Kirchenvaters würdigen
Wort: In necessariis unitas, in non necessariis libertas,
in utrisque Caritas und feinen bis jetzt noch garnicht beachteten
Schriften. Unter den Männern der inneren
Miffion ift Guftav Werner vergeffen.

Schreibt Scholz vom ftark preußifchen Standpunkt (vgl.
S. 94 ff), fo fchimmert in der zweiten Schrift,Die Segnungen
der Reformation' der fächfifche Gefichtskreis etwas durch.
Ihr Ton ift volkstümlicher und durch reiche Lutherzitate
anziehend, dem Text find Literatur- und Quellenangaben
beigefügt. Luthers Bedeutung für das religiöfe und fitt-
liche Leben behandelt Weichelt, für deutfche Art und
deutfches Wefen Thiele, für den Gottesdienft Flade, für
das deutfche Haus Zweynert, für die Schule Buchwalci.
Letzteres Stück ift weitaus das gediegenfte. Auch Thiele
bietet Gutes, nur ift der Vergleich von Luther in feinen
drei Lebensabfchnitten mit Parfifal, dem hürnen Siegfried
und dem getreuen Eckart recht kühn. Weichelt gefleht
in der Schilderung der vorreformatorifchen Kirche offen
feinen engen (I) Anfchluß an Janffen S. 2. Die Kirche erfreut
fich ihrer vollen Lebenskraft und lebendiger Kirchlichkeit
des Volkes. S 14. Da hat Keidel die mittelalterliche
Kirche in Würtemberg (Württb. K. G. 1893 S. 182 —
246) und Geß das Staatskirchenrecht Georgs von Sachfen
(Akten und Briefe I) vergeblich gefchildert. Die Gefchichte