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Ausgabe:

1917 Nr. 1

Spalte:

368-371

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cassirer, Ernst

Titel/Untertitel:

Freiheit und Form. Studien zur deutschen Geistesgeschichte 1917

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 18/19.

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in Thüringen liegt' (S. XVII) ift doch nunmehr ftark erhellt
. Das tolle Treiben der Bauern, ihr blindes Wüten
gegen Kirchen und Klöfter, felbft gegen Bücher ift nur
verftändlich aus dem Druck, den die Kirche und die
überrafchend zahlreichen Stifte und Klöfter mit ihren
Abgaben ausübten. Georg macht Luther und die Reformation
dafür verantwortlich und regt deshalb den
Deffauer Bund an, der die Wurzel des Aufruhrs, die Reformation
, unterdrücken follte. Das ift der beherrfchende
Gedanke feiner Politik, und doch kennt er den ,armen
Kunz' (S. 468), der doch vor Luthers Auftreten fich empört
hatte, wenn er auch von den Aufftänden im Bruh-
rain nichts weiß. Groß find die Schwierigkeiten Georgs,
ein Heer zufammen zu bringen. Während der Landgraf
Philipp fchnell die Bauern um Hersfeld und Fulda niederwirft
und bis Salza vordringt, verfagt der von Georg
aufgebotene Adel unter dem Druck der Bauern vielfach.
Schwer ift die Strafe nach dem Sieg bei Frankenhaufen,
fo daß Philipp (695 ff.) feinen Schwiegervater vor Köpfe-
abhauen, Verarmung des Volks, Beraubung der Kinder
um ihr Erbe, Beftrafung von Unfchuldigen mit den Schuldigen
warnt, und felbft Erasmus fchreibt: Durum est
sectionibus et cauteriis uti (Niederbrennen der Dörfer).
Damnosa medicina est, que plures perdit quam servat
(849). Mitleid kennt Georg nicht auch gegenüber Ulrich
von Württemberg. Philipp macht die Habfucht der
Herren für die Härte der Strafe verantwortlich. Den
Grundgedanken der Reformation, das unmittelbare Verhältnis
der Chriften zu Gott, die Verföhnung und die
Vergebung der Sünden, hat Georg nicht erfaßt. Ihm
fteht die Kirche und ihre Autorität zu hoch. Er will
auch am Evangelium fefthalten, aber nur mit der Brille
der Kirche. Offen gefleht er, daß er anfangs Luthers
Auftreten begrüßte, wie Erasmus. Denn er will Mißbräuche
auch bekämpfen. Aber fobald er Widerftand
gegen die Kirche und Konzilien, kurz ,PIufütismus' bei
Luther wittert, wendet er üch ab. Sehr wertvoll find
die Briefe des Landgrafen Philipp an Georg und der
kurze, aber kindlich fromme feiner Gemahlin Chriftine
an ihren Vater, ebenfo die feiner Schweiler Elifabeth,
Georgs Schwiegertochter, die ihn als Starrkopf fchildert,
mit dem man nicht disputieren darf, der aber durch fanf-
tes Entgegenkommen, wie fie hoffte, fich noch gewinnen
ließe, und die Predigten Chrosners und Georgs Stellung
dazu lebhaft, aber in fchauerlichem Deutfch zeichnet. Überrafchend
ift die große Vertrautheit Georgs mit der Lehre
feiner Kirche, wie fie feine Vorrede zu Emfers Neuem Tefta-
ment, die freilich eine Fault aufs Auge ift, und die Schrift
/Widder Luthers troftung ann die Chriften zu Hall' be-
weifen, die unter dem Namen Aug. Alvelds ausging.
Geß weift nach, daß fie von Georg flammt, nicht von
Cochläus oder Emfer. Gründlich ift Georgs Haß gegen
Luther, von dem er fich perfönlich beleidigt fühlte. Eine
ruhige, kühle Prüfung feiner Sache (ift ihm unmöglich.
Mit großem Eifer bekämpft er alle Äußerungen lutheri-
fcher Neigung in feinem Land bis nach Sagan in der
Niederlaufitz und Umgegend und in dem mit Kurfachfen
gemeinfamen Schneeberg, aber es gleicht dem Zuhalten
des Brunnenrohrs, aus dem doch Waffer bricht. Nur fchwer
gelingt es, die im Bauernkrieg zerftörten Klöftern wiederherzurichten
. Ein Greuel find ihm die zahlreichen entlaufenen
Mönche und Nonnen und die beweibten Pfaffen.
Aber mit Ernft bekämpft er fittliche Mißftände in der
Kirche und macht Joachim von Brandenburg ernften Vorhalt
über feine Ehebrüche. Nicht weniger liegt ihm die
Hebung der tiefgefunkenen Univerfität Leipzig am Herzen
. So eifrig er für die Kirche kämpft, fo unbedenklich
fordert er Eingehen auf feine Wünfche und vertritt
Staatskirchenrecht. Auf der Hochzeit Johann Friedrichs
in Torgau gibt er fich trotz der ftarken Spannung mit
Johann ,ganz leichtfinnig und fröhlich' mit Tanzen und
anderem (764). Das fcharfe Urteil Luthers über die
Sittlichkeit der bairifchen Herzoge (W. A. Tifchreden 4,

599) findet Beftätigung durch Georgs Äußerung: Wol wußten
wir, das den furften von Payern der vorryt auf der
bulfchaft vor uns geburt (607). Eine genaue Prüfung
fordert Ecks Brief 811 über die Hinrichtung der Ketzer
mit den entftellten Namen. Jakob Dachfer ift kein Mönch.
Ein am 2. Oktober 1524 vom Konftanzer Bifchof verbrannter
Mönch ift bis jetzt unbekannt. Wrfthofen ift
Wefthofen, Pfeffigheim Pfiffligheim. Die Rofenkreuzer in
Schneeberg 753 verdienen weitere Nachforfchung. Hat
Val. Andreä dorther den Namen entlehnt? Die fünf
Lügen, welche Georg Luther vorwirft (432), find genau zu
unterfuchen.

Dunkle Ausdrücke tollten erklärt fein; fo 55 eyrfch, 103 femner,
193 feftenunge, 212 famhäupter, 259 fteytz, 356 deng, 371 gaulen, 481
ftoffirt, 534 genn (Bogengänge um den Markt?), 569 queferei, 678 ift
ftatt markgrefifckc landgrelifche gemeint. 836 1. bullatus ftatt bullaius, in
den Erasmusbriefen: S. 620 incidit ftatt incipit, 848 solliciti ftatt
polliciti. Utz von Sulgaw d. h. Saulgau in Oberfchwaben 1S1 heißt
203 Utz von Sulza. Was ift richtig?

Stuttgart. G. Boffert.

Waters, Dr. Guftav: Die Münlterilchen katholifchen Kirchen-
liederbiicher vor dem erlten Diözelangefangbuch 1677.

Eine Unterfuchg. ihrer textl. Quellen. Mit e. Bilde
J. ä Dettens. (X, 119 S.) 8". Münfter i.W., Afchen-
dorff 1917. M. 3.60

Die Jefuiten find von Haus aus nicht Freunde von
Kirchengefang und -mufik gewefen, es aber in Deutfch-
land durch Wettbewerb mit den Ketzern geworden. Auf
fie find die älteften Münfterifchen Gefangbücher zurückzuführen
: Das ,Altväterbuch' (1593), zur Verdrängung
einer gleichnamigen evangelifchen Sammlung beftimint;
der ,Brautfchatz' (1631, wahrfcheinlich fchon vor 1624
entftanden); die niederdeutfchen ,Cath.Geiftlicke Kercken-
gefang' (1629); das hochdeutfche .Midtwinter-Büchlein'
(I. 1680, urfpr. vielleicht 1668, niederdeutfch wohl fchon
1621—-23 entftanden; II. 1674, urfpr. vielleicht vor 1623).
Die beiden erftgenannten, notenlofen Bücher waren
fchwerlich im Volksgebrauch, die nachfolgenden wohl
nur zum Teil. Nur diefe find mit Melodien verfehen.
Selbftändiger Wert kommt keinem der Bücher zu; alle
find wefentlich Kölnifcher Herkunft und obendrein ohne
erhebliche Bedeutung, fo daß das erfte, unter Bernhard
von Galen erfchienene Diözefangefangbuch Münfters
(1677) einen wirklichen Aufftieg darftellt. Auffallend fpät
melden fich im deutfchen Katholizismus plattdeutfche
Gefangbücher, deren die Evangelifchen feit 1525 eine
große Zahl befitzen. Intereffant ift immerhin der, meift
durch Leifentrit (l 567) vermittelte Zufammenhang einer
Anzahl diefer Lieder mit evangelifchen GBB., dem Erfurter
Enchiridon (1526. 1527), dem Babftfchen GB (1545),
mit Luther, Michael Weiße, N. Herman, A. Blaurer, Paul
Eber, Thomas Müntzer, fowie mit Val. Triller (1555),
Lukas Loffius, Joh. Arndt. Diefe Beziehungen find zahlreicher
, als man denken follte. — Waters Quellenunter-
fuchung ift fauber und gründlich. Bäumker wie vereinzelt
auch Wackernagel, vollends neuere kath. Hym-
nologen, erfahren mancherlei Berichtigung. Druck und
Ausllattung find beinahe üppig zu nennen. Als Druckverfehen
fallen auf .Erfurter Encheridion' (S. 17), .Nikolaus
Hermans' (58), .Gödecke' (65). .Eine direkte Ent-
fprechung' (fo öfter) laffen wir uns ungern gefallen.

Münfter i. W. J. Smend.

i Caflirer, Ernft: Freiheit und Form. Studien zur deutfchen
Geiftesgefchichte. (XIX, 575 S.) 8°. Berlin, B. Caffirer
1917. M. 9—-; geb. M. 11 —

Diefes fehr kenntnisreiche, bedeutende und elegant
gefchriebene Buch befchäftigt fich mit der heute fo oft
und dringend geftellten Frage nach dem Wefen des
! deutfchen Geiftes. Der Verfaffer fucht mit treffendem