Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1917 Nr. 14

Spalte:

299-300

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schian, Martin

Titel/Untertitel:

Der evangelische Pfarrer der Gegenwart, wie er sein soll 1917

Rezensent:

Baumgarten, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

299

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 14.

300

lifche Kirchenlehre und moderne Pfychologie fich öfter
ftoßen, hat fie felbft empfunden und in folchen Fällen
grundfätzlich auf letztere verzichtet, um nicht dem Inhalt
durch die Form Gewalt anzutun. Das Heft geht im Gewände
fchwerer Wiffenfchaft, ift ziemlich fchwerfällig mit
lehr vielen gelehrten Anmerkungen und mit unnötig vielen
Fremdwörtern gefchrieben. Die Ableitung der chriftlichen
Tugendtafel aus der zentralen Gottesliebe mutet uns künft-
lich an — und doch leuchtet überall durch die fcholaftifche
Form der Geift einer innigen myftifchen Frömmigkeit,
der die erlebte Gottesgnade das höchfte Gut ift1). Ein moderner
Beleg für die Verfchmelzung von Scholaftik und
Myftik. Aber auch ein Beleg dafür, daß wo durch die ftete
Übung in der ,guten Meinung' (,Die ,,gute Meinung" ift der
ausdrücklich konkret gefaßte und häufig auch prägnant
formulierte Gebetsvorfatz, alles Tun und Laffen und Erleiden
ausfchließlich auf Gottes Ehre und feinen Dienft
gerichtet mit der im Leben und Leiden Chrifti bezeugten
Gottesliebe zu vereinigen') die Zentrierung alles Lebens
um die im katholifch myftifchen Sinne erfaßte Gottesliebe
zum Status (Status ift mehr als Habitus, ift nicht bloß
augenblickliche Befchaffenheit fondern Dauerzuftand) geworden
ift, ein katholifcher Chrift gegen jedes moderne
Gift, auch gegen die moderne Pfychologie gefeit ift: er
geht innerlich als ein Bürger einer anderen Welt durch
diefe Erde und ihr modernes Leben.

Hannover-Kleefeld. Schuft er.

Schian, Prof. D. Martin: Der evangelifche Pfarrer der
Gegenwart, wie er fein toll. (IV, 165 S.) 8°. Leipzig,
J. C. Hinrichs 1914. M. 3—; geb. M. 3.80

Unmittelbar vor Kriegsausbruch übernahm ich die
Anzeige diefes Buches. Bei aller Gegenwärtigkeit ift es
doch nicht in dem Sinne aktuell, daß es inzwifchen etwas
an feiner Bedeutung verloren hätte. Es kann und muß
gerade heute für die älteren Theologie Studierenden, die
aus dem Feld heimkehren, warm empfohlen werden. Es
möchte nicht als Syftem und Theorie an die Reflexion,
fondern als aus der Praxis geboren und zur Praxis treibend
ans Herz herankommen. In durchaus ruhigem, gleichmäßigem
Fluß, alle Einwände berückfichtigend, auf klaren
Punkten aufgebaut, fucht die Vorlefung von der Herrlichkeit
und Fülle des geiftlichen Amts ein überzeugendes
Bild zu entwerfen. Und durch das ganze Idealbild
zieht fleh der perfönliche Erfahrungston: ,Sie wiffen, daß
ich eine nicht ganz kleine Anzahl von Jahren im Pfarramt
geftanden habe. Die Zeit, die feither vergangen ift, |
ift nicht fo lang, daß ich nicht behaupten darf: ich kann
ganz als Pfarrer fühlen. Was ich fagen will, ift nicht
ausgefonnen oder konftruiert, es ift mein perfönlichftes |
Eigentum'.

Schian geht aus von Amtsbewußtfein, ergänzt es i
durch die Perfönlichkeit des Pfarrers, fieht diefe wefent-
lich begründet in der Frömmigkeit, entwickelt durch die
theologifche und allgemeine Bildung; dann zeigt er den
Pfarrer als modernen Menfchen, nicht minder aber cha-
rakterifiert durch Kirchlichkeit, unterfucht dann feinen
Charakter als Beamter, um fofort feine Wahrhaftigkeit
feftzuftellen, feinen Idealismus und und Realismus in
wechfelfeitiger Ergänzung und als Grenze und Ermöglichung
der Kompromiffe aufzuweifen; endlich behandelt
er feine Stellung zu den Adiaphora, indem er den Parteimann
, die foziale Stellungnahme, den Privatmann und
fchließlich den Kulturträger unterfucht. Man wird nicht
leugnen können, daß auf diefem Wege alle Probleme,
die das Gegenwartsleben dem geiftlichen Amt ftellt, berührt
werden.

Und fie werden nicht bloß berührt und mit geift-
reichen Aphorismen bedacht — das genaue Gegenteil

') Übrigens auch eine menlchlich vornehme Gefinnung, i. B. in
ichönen Sätzen über die auf Einfühlung beruhende Tugend der .Diskretion
', befonders beim Wohltun.

ift der Fall —; fondern Schian verfolgt die Einwände
und Bedenklichkeiten bis in alle Verzweigungen und
bietet fo eine eindringende Kafuiftik des geiftlichen Pflichtlebens
. Kein größerer Gegenfatz kann gedacht werden
als der zwifchen diefen wohl abgewogenen und voll ausgeglichenen
Erörterungen der Amtskonflikte und meinen
temperamentvollen, fkizzenhaften ,Perfönlichen Erforder-
niffen des geiftlichen Berufs'. Inhaltlich berühren wir
uns fehr, fowohl in der gleichmäßigen Betonung der wiffen-
fchaftlichen, weltoffenen, kulturfreundlichen, perfönlich-
keitsfrohen Haltung und der heilsgewiffen, überweltlichen,
kulturüberlegenen, chriftusgebundenen letzten Orientierung
als auch in der Verbindung einer charaktervollen Parteinahme
in ftaatlichen, kirchlichen und Kulturfragen mit der
fteten inneren Rückfichtnahme auf die vielfeitigen Be-
dürfniffe und Anftöße der Gemeinde. Nur die Betonung
der Kirchlichkeit im Sinne der inneren Gebundenheit an
die Vergefellfchaftung der Religion fehlt bei meiner Skizze.
Aber in der Form und Tönung ift der ftärkfte Gegenfatz
. Gewiß nicht zum Schaden des Verfaffers, der alle
Ausficht hat, mit feinen ruhigen, allfeitigen Erwägungen
mehr zu überzeugen.

Es ift natürlich, daß bei dem Reichtum an Gefichts-
punkten und Aufgaben, der zum Schluß mit Recht als
Haupteindruck folcher Überfchau behauptet wird, an
vielen Stellen Widerfpruch fich regt. Darauf weiter einzugehen
, verbietet der Raum diefer Anzeige. Nur das
eine möge betont werden: mit der Behandlung der kirchlichen
Streitigkeiten, der Schian durchaus nicht aus dem
Wege geht, kann ich mich durchaus einverftanden erklären
. Selbft die Behauptung kann ich gelten laffen
(S. 97), daß in den Fällen der letzten Zeit ,die Grenze
lediglich gegen eine Auffaffung des Chriftentums gezogen
worden ift, die den Boden des gefchichtlichen Chriftentums
ohne jeden Zweifel völlig verlaffen hat'. Nur daß
ich von der Kirche der Gegenwart geduldiges Tragen
auch folcher Abweichung fordere, wo fie mit der Äb-
ficht chriftlicher Wirkfamkeit verbunden ift. Da zeigt
fich aber nur wieder wie an fo vielen Punkten, daß ich
im Leben des heutigen Geiftlichen weit mehr tragifche
Konflikte finde, als fie Schians in die preußifche Kirche
pofitiv eingelebte Kirchlichkeit gelten läßt.

Kiel. Otto Baumgarten.

Referate.

Werner, Prof. Lic. Dr. Johannes: Die neuen theologifchen Enzyklopädien
. Kritifches Referat. (Aus: ,Theol. Jahresbericht',
32. Bd.) (IV, 52 S.) Lex. 8». Leipzig, M. Heinfius Nachf. 1916.

JVL l —

Es ift fehr dankenswert, daß V/s. umfallendes Referat aus
Bd. XXXII des Theol. Jahresberichts einem weiteren Leferkreife
hier zugänglich gemacht ift. Nicht weniger als 13 Encyklopädien (darunter
zwei amerikanifche, 4 franzöflfche, 4 deutrehe) find in
diefem Werke mühfamen Fleißes verglichen, in ihrer ganzen
Arbeitsweife, ihren Stärken und Schwächen gezeichnet. Der
Lefer wird in ausgezeichneter Weife unterrichtet, wo er fachkundige
Orientierung erwarten darf, wenn ihn die gewohnten
Hilfsmittel der Realencyklopädie und des Schiele'fchen Handwörterbuchs
im Stiche laffen. Aber auch für die nach dem Kriege
ohne Zweifel notwendig werdenden Neubearbeitungen werden die
Herausgeber gut tun, W's Ausführungen eingehend zu prüfen.
Göttingen. Titius.

Hartmann, Priv.-Doz. Dr. Ludo M.: Chriftentum und Sozialismus.

3., durch e. Nachwort erweit. Aufl. (Schriften des SozialwifT.
Akad. Vereins in Czernowitz, Heft 3.) (34 S.) gr. 8». München,
Duncker & Humblot 1916. M. 1 —

Hartmann vergleicht die Organifationsform von Chriftentum
und Sozialismus. Geftützt auf von Harnacks (,Miffion<) Material,
beftimmt er die Kirche als einheitliche, durchaus fefte (exklufive)
Organifation der Solidarität, welche als Ergänzung des Staates
auftritt, diefen zunächft negiert, dann mit ihm konkurriert, fchließlich
ihn beherrfcht. In allen diefen Beziehungen erweift fich der
Sozialismus als eine genaue Parallele. Unterfchieden bleiben
beide darin, daß die Kirche als religiöfe Organifation (civitas Dei)