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Ausgabe:

1917

Spalte:

289-290

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tappolet, E.

Titel/Untertitel:

Etymologie von Huguenot 1917

Rezensent:

Schröder, Edward

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289

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hohen Adels (Stand eftaat). Diefer .Anteil der Gefamtheil an
der Staatsverwaltung', ein altgermanifches Erbe in neuer
Form, verleiht dem Willen des Herrfchers endlich die gefliehte
Unanfechtbarkeit.

Das Vorwort des Buches ift am 1. Auguft 1914 ge-
fchrieben. Sein Inhalt hat durch die Ereigniffe der Zwifchen-
zeit eine Aktualität erhalten, die der Verfaffer bei der
Ausarbeitung nicht ahnen konnte.

Berlin-Dahlem. Gerhard Bonwetfch.

Tappolet, E.: Zur Etymologie von Huguenot. (S.-A. aus
dem ,Anz. f. Schweizerifche Gefch.' 47. Jahrg. [1916]
S- I33 — IS3-) Bern, K. J. Wyss 1916.

Diefe fprachwiffenfehaftliche Studie, die aber gefchicht-
lich gut begründet ift, bringe ich hier deshalb zur Anzeige,
weil ich aus der Realencyklopädie 16, 137,21 ff. zu er-
fehen glaube, daß man in den Kreifen der deutfehen
Theologen von der Diskuffion über die Herkunft des
Hugenotten-Namens wenig erfahren hat. Kattenbufch
erwähnt dort (nach Heppe) nur die unter den Calviniften
felbft früh aufgekommene Deutung, wonach die fich nachts
verfammelnden Proteftanten von Tours fpöttifch mit einem
Nachtgelpenft ,le roi Huguet (Hugon)' zufammengebracht
worden feien. Diefe Fabel darf jetzt als allgemein aufgegeben
gelten, zumal Tours in der Gefchichte des Prote-
ftantismus niemals eine hervortretende Rolle gefpielt hat.
Die Sprachforfcher find heute darin einig, daß das Wort
.Huguenot' von dem Worte .Eidgenoffe' ausgegangen
ift, das in Genf die Form eiguenot angenommen hatte;
nur die Frage, wie fich aus eiguenot ein huguenot entwickeln
konnte, blieb fchwierig und umftritten, und hier
eröffnet Tappolet einen neuen Weg, der es ermöglicht,
auch das zweite Wort auf Genf zurückzuführen. Zugleich
bietet feine Arbeit einen erfchöpfenden Überblick der
älteften Zeugniffe und der wichtigften Literatur — an
deren Spitze übrigens das Kapitel /Über den Namen der
Hugenotten' in G. W. Soldans Gefchichte des Proteftantis-
mus in Frankreich I (1855) 608—625 fteht.

Noch heute werden in der romanifchen Südweft-
fchweiz die Proteftanten von ihren katholifchen Nachbarn
ohne verächtlichen Nebenfinn als les Inguenots bezeichnet
; dies Wort ohne h-Anlaut ift, in mannigfaltigen
Formen, über viele Teile Südfrankreichs für .Proteftanten'
und .Ketzer' verbreitet, und auch in den anftoßenden nord-
franzöfifchen Gebieten nicht fremd; es geht zweifellos
zurück auf eine in Genf zu Anfang des 16. Jahrhunderts
aufgenommene Romanifierung von /Eidgenoffen': eiguenots.

Mit dem Spottwort les eiguenots wurden in Genf
von der favoyifchen Gegenpartei die Liberalen belegt,
welche feit 1518 die Selbftändigkeit der Stadt gegen den
Herzog Karl III. von Savoyen und de'ffen Vetter den
Fürftbifchof Johann verteidigten; diefe rächten fich ihrer-
feits dadurch, daß fie die Herzoglichen (.Ducaux') refp.
Bifchöflichen (.Monseigneuriftes' .Evequaux')' .Mameluken'
(mamelus) benannten. Der Name eiguenots rührt daher
, daß die Unabhängigkeitspartei fich feit 1519 auf
ein Bündnis mit Freiburg i. Ü., feit 1528 auch mit Bern
ftützte: 1530 zogen Truppen beider Kantone in Genf ein;
1532 begann die proteftantifche Propaganda, I534 fchied
das katholifch gebliebene Freiburg aus dem Bündnis
aus; 1535 erfolgt die offizielle Einführung der neuen
Lehre, 1541 tritt Calvin feine Herrfchaft in Genf an.

Eiguenots ift alfo von Haus aus die Bezeichnung
einer rein politifchen, vorläufig gut katholifchen Partei;
feine Bedeutungswandlung zum Namen einer religiöfen
Partei und weiterhin einer Konfeffionsgemeinfchaft hat
eine merkwürdige Parallele in dem Schickfal des Wortes
Fribourgs, Fribours, Fribous, womit man in Poitou noch
heute die Proteftanten belegt: auch dies Wort, das
die gut katholifchen Freiburger zu Ketzern umprägte,
muß (zwifchen 1519 und 1534) von Genf ausgegangen fein.

Bei der Umwandlung von Eiguenots in Huguenots

mag eine dialektifche Form Euguenots (die Tappolet
nachweift) vermittelt haben, in der das eu ähnlich wie in
Europe, Eugene ufw. landfehaftlich als u (ü) gefprochen
wurde. Sie ift aber doch nicht denkbar, ohne daß in irgend
einer Weife der Perfonenname Hugues (Huguet, Hugon)
einwirkte. Derartige Mitwirkung eines Perfonennamen
bei Umgeftaltung eines Appellativums ift in der Sprach-
gefchichte nichts Unerhörtes; in Deutfchland ift das be-
kanntefte Beifpiel .Pilgrim', das aus mittelhochdeutfch pilgerin
durch Anlehnung an den germanifchen Eigennamen
Piligrim entftand, der mit peregrinus garnichts zu tun hat.

Auf diefem Umwege wäre es alfo möglich, die Gefchichte
von dem gefpenftifchen ,roi Huguet' (andere reden
von einer ,porte du roi Hugon' refp. einer ,tour feu Hugon')
doch noch eine gewiffe Rolle bei der Umbildung des alten
.Eidgenoffen'-Namens zuzuweifen? Tappolet eröffnet, auf
Soldan zurückgreifend, eine andere Ausficht: Nach der
Hinrichtung des erften Führers der Genfer Liberalen Phi-
libert Berthelier imj. 1519 trat an deren Spitze der Pelzhändler
und Bürgermeifter Befan<;on Hugues, und er
blieb ihr anerkanntes Haupt bis über den Frieden von
St.-Julien (19. Okt. i530)hinaus, durchdendie Unabhängigkeit
Genfs anerkannt wurde, bis zu feinem Tode 1532;
er hat die Umwandlung der politifchen Oppofition zu
einer religiöfen Oppofition kommen fehen, aber nicht
mehr felbft mitgemacht. Es ift fehr wohl möglich, daß
man nach diefer führenden Perfönlichkeit das Wort
eiguenots, zunächft dialektifch zu euguenots umgefärbt
und uguenots gefprochen, fchließlich zu huguenots umwandelte
. Sprachwiffenfchaftlich fteht dem nichts im Wege,
und fachlich ift es kein Hinderungsgrund, daß Hugues
felbft niemals ein ,Hugenotte' geworden ift.

Das einzige Bedenken welches bleibt ift das, daß
das Wort huguenot bisher vor dem Jahre 1553 nicht
nachgewiefen ift, aber einmal kann diefe Lücke unferer
Zeugnisreihe jeden Augenblick durch einen neuen Fund
ausgefüllt werden, und dann würde felbft das Ausbleiben
eines folchen nicht entfeheidend fein: ift doch die Benennung
der Proteftanten als fribours auch erft viel
fpäter nachgewiefen, und doch kann fie ihren Urfprung
nur in der Zeit zwifchen 1519 und 1534 und in Genf
haben.

Wir dürfen alfo, mit einigem Vorbehalt aber ohne
fchwere Bedenken, das Ergebnis des Bafeler Romaniften
hinnehmen, daß fich von Genf aus um 1530 nicht nur die
Benennung eiguenots [und fribours], fondern auch deren
Umwandlung zu huguenots verbreitet hat.

Göttingen. E. Schröder.

Hauck, Prof. Albert: Deutichland und England in ihren
kirchlichen Beziehungen. Acht Vorlefgn., im Oktober
1916 an der Univerfität Upfala geh. (III, 134 S.)
kl. 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs. M. 3.50; geb. M. 4.50

Es war immerhin kühn, mitten im Kriege mit England
, ja in einer Zeit wo diefer fich vollends gefteigert
hatte, Oktober 1916 in fremdem, wenn auch freundlich
neutralem Lande, in Upfala über die Beziehungen zwifchen
Deutfchland und England, feien es auch die kirchlichen,
Vorlefungen zu halten. Hauck hat es gewagt, und feine
große Gelehrfamkeitfowohl wie feine echte Forfcherunbe-
fangenheit hat es ihm nach meiner Empfindung völlig
gelingen laffen, das Thema fo zu behandeln, daß ganz
gewiß fich weder in Schweden noch in Deutfchland irgend
ein peinlicher Eindruck daran heftet; er hat fo zu reden
gewußt, daß nirgends für ihn Entfchuldigung oder Nachficht
bezüglich des Was und Wie in Anfpruch zu nehmen
ift. Das hätten vielleicht nicht viele gleich gut vermocht
und doch hat Hauck nichts verklebt oder bei Seite ge-
ftellt, was zur Sache gehört. Er hat fich nur als Beurteiler
fchlicht an folches gehalten, was hiftorifch-objektiv
feftgeftellt ift oder werden kann. Der Krieg mag auch