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Ausgabe:

1917 Nr. 13

Spalte:

272-274

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meckauer, Walter

Titel/Untertitel:

Der Intuitionismus und seine Elemente bei Henri Bergson 1917

Rezensent:

Jordan, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 13.

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Gärung und Werdezeit, er kehrt als kritifch-liberaler Theologe
zum Studienabfchluß nach Marburg zurück. Die-
felbe frifche vorwärtsdrängende, jetzt froh zuverfichtliche
Stimmung zeigen noch die köftlichen Aachener Briefe an
feine Braut. In Aachen ift er zwifchen dem 1. und 2.
Examen Religionslehrer am Gymnafium, mit großer Befähigung
, Liebe und Erfolg (S. 62 f. 69!). 1876 geht er mit
24 Jahren, eben verheiratet, als Pfarrer nach Bukareft.
Malariafieber nötigt ihn 1884, Bukareft mit Boppard zu
vertaufchen; von dort wird er 1891 nach Köln gewählt.
Aus der Bukarefter Zeit find nur wenige, theologifch
belanglofe, aus der Bopparder Zeit gar keine Briefe (erhalten
und) mitgeteilt. Schade, denn fo bleibt eins undeutlich
, wie es möglich war, daß der vorwärtsdrängende
Theologe von Leipzig und Aachen in Bukareft (und Boppard
) ganz in den alten Geleifen ging und erft in Köln
fich felbft wieder fand, fo daß er hier als Fünfziger gelegentlich
für einen Vortrag eine Niederfchrift aus feiner
Leipziger Studienzeit unverändert benutzen konnte. Die-
fen merkwürdigen Wandel hat er kurz vor feinem Tode
(in einem Brief nach Bukareft vom 18. 7. Tl.) felbft folgendermaßen
befchrieben: ,Ich war immer eine fragende
und zu Zweifeln neigende Natur und befchäftigte mich
fchon als Student mit den Weltanfchauungsproblemen,
deren Löfungsverfuche mich endlich zu meiner jetzigen
inneren — und äußeren — Freiheit geführt haben. In
meiner praktischen Tätigkeit als Seelforger befchwerten
mich diefe Kämpfe wenig oder gar nicht. Denn hier
gibt das einfache menfchliche Empfinden jederzeit das
rechte Wort und zeigt den rechten Weg. Aber als Prediger
hatte ich mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Ich
fand für eigene Ideen in den erften zehn bis zwölf Jahren
meiner Tätigkeit die für die Gemeinde und Kanzel geeignete
Form noch nicht und Schloß mich daher an das
Überlieferte an. In Boppard wurde ich fchon Selbständiger
, und als ich vor 20 Jahren nach Köln gewählt wurde,
fand ich dort eine fo vielfeitige Gemeinde und in ihr eine
fo große Zahl von Freunden vor, die fich meinen Predigten
anfchloffen, daß mir von da an die Schwingen wuchfen
und ich immer getrofter auf Entdeckungsreifen in meiner
Predigt mich begab. Ich entwuchs immer entschiedener
der überlieferten dogmatifchen Auffaffung der chriftlichen
Religion und wandte mich mit aller Begeifterung einer
hiftorifchen und humanen Wertfehätzung derfelben zu.
So bin ich von felbft zum „Ketzer" geworden'. Merkwürdig
, daß eine fo ftarke Künstlernatur die geeignete Form
für die Kanzel nicht Sollte haben finden können und allein
deshalb fich wieder an das Überlieferte follte angefchloffen
haben? Nach einer Andeutung der Einleitung hat der
Einfluß feiner altgläubigen Frau mitgewirkt. Das leuchtet
ein. Jatho war offenbar eine (tark empfängliche und an-
fchmiegfame Natur. Das zeigt fich dann auch in Köln. Die
große Zahl der Freunde, die fich ihm anfehloß, hat auch
ihn weiter gezogen, und fo ift er der ,Ketzer' geworden.

Der Höhepunkt diefer Entwicklung liegt erft nach
feiner Abfetzung. Nicht als ob er vorher oder bei feinem
Prozeß irgend etwas verborgen oder vertufcht hätte. Er
ift immer ganz aufrichtig, eine anima Candida. Aber die
Kräfte, die ihn am Alten hielten, ftarben jetzt ab, und
die vorwärts treibenden Kräfte waren nun ungehemmt.
Und fie treiben ihn zu Anschauungen, für die man nicht
ohne Grund den Ausdruck,bodenlofe Theologie' gebraucht
hat. Er bezeichnet fich Selber als Pantheiften und Moniften
(333, 365R, 377)- Man wird Sogar Sagen müffen, er ift
faft oder ganz Naturalift (374/.). Nicht nur, daß er Deter-
minift fein will, Gott hört ihm auf, Persönlichkeit oder
Subftanz zu fein, er wird ihm bald zum Gefchöpf feines
Herzens (,Mein Gott ift die ewige Phantafie' ,Unfer Wille
ift alfo unfer gemeinfamer Gott' 225. ,Mein Gott ift mein
Wahn. Ift mein Wahn reich, groß, tief, wertvoll, fo ift's
auch mein Gott; ift erarmfelig, kleinlich, eng, flach, nichtig,
fo verarmt auch mein Gott' 161. Man denkt an gewiffe
Sprüche des ,Cherubinifchen Wandersmann', in denen der

myftifche Pantheismus in faft blafphemifchen Atheismus
umfehlägt), bald zur bewußtlofen Naturnotwendigkeit (S.
220 unten. 374 f.). Dem entfprechend lehnt er Fortleben
und Jenfeits deutlich ab (244, 323s) und bekennt vom Gebet:
ich bete nie um etwas zu erlangen. Fes ift meiner Überzeugung
nach kein Ohr da, welches menfchliche Gebets-
wünfehe vernimmt. Alles Weltgeschehen, das Größte
wie das Kleinfte, vollzieht fich mit innerer Notwendigkeit'
(348). Daß er von neuen Bekenntniffen nichts wiffen will
(342), gegen jede Miffion fkeptiSch ift (245), wundert uns
nicht. Was uns aber am meiften ftutzig macht, ift wohl
dies, daß unter dem Einfluß naturaliftifcher Denkweife
auch die Begriffe gut und böfe theoretifch erfchüttert,
wenn nicht aufgelöst werden. ,Auf dem Boden einer natur-
wiffenfchaftlich begründeten Weltanschauung verliert der .
Begriff der Sünde den Charakter des Abfoluten. So wird
auch die Sündlofigkeit zu etwas Relativem und Zufälligem'
(369). ,Gott ift weder gut noch bös. Gut und bös find
Soziale Begriffe, d. h. Begriffe, welche fich erft im Verlauf
der gefellfchaftlichen Entwicklung des Menschengeschlechts
gebildet haben' (220). Eins nur bleibt ihm feit,
die myftifche Chriftusliebe und das Ideal der Jefusjünger-
fchaft. So wie er zur Zeit feines Prozeffes in einem Brief
an den OberkonfiftorialratKoch Schreibt: ,Ich predige den
Chriftus als Idee, d. h. als die Lebensmacht persönlicher
Erlöfung zum Zweck Sozialer Bindung' (287), fo will er
auch fpäter noch, mag man ihm auch den Namen eines
.Chriften' verweigern, ein Chrift fein, ,wenn Chrift lo viel
bedeutet wie Jefusfreund oder Jefusjünger' (336).

Und in der Tat, wenn wir den weitherzigen Tief-
finn der Johannesfchriften, wonach man an der Liebe die
echten Jünger erkennt, auf Jatho anwenden, dann war er
ein echter Jünger. Denn nach dem Zeugnis diefer Briefe
ift die wunderbare Liebesflamme, die in diefem begnadeten
Menfchen brannte und fo viel Wärme und Leben entzündet
hat, bis ans Ende Stark und auch rein geblieben.
Es lebt in diefem Menfchen miteinander etwas von der
Unfchuld eines Kindes und von der Vornehmheit eines
großen Mannes. Wahrhaft bewundernswert ift die noble
Gerinnung und die innere Ruhe, die nichts Kaltes und
nichts Erzwungenes hat, fondern auf einen Starken tragenden
Grund hinweift, mit der er feinen Prozeß durchlebt
und die Abfetzung trägt. Keine Bitterkeit weder
gegen Perfonen noch Gefchick, auch keine Märtyrerpofe;
fondern ein begreifliches Gefühl der Befriedigung, fich
treu geblieben zu fein, ein Aufatmen der Befreiung und
zartefte Dankbarkeit für alle erfahrene Liebe; daher auch
keine Propaganda gegen die Kirche, fein Wirken in freien
Vorträgen durch ganz Deutschland hin Soll aufbauend
bleiben. Kein Wunder deshalb, daß ein theologifch von
Jatho Stark abweichendes Mitglied des Spruchskollegs um
feiner Perfon und ihrer Wirkfamkeit willen nicht in die
Verurteilung einftimmen konnte. Diefes Urteil aber wird
zu einem tragifchen Verhängnis, das wir begreifen, aber
doch beklagen. Jatho felbft aber bleibt uns ein religions-
pfychologifches Rätfei: man fragt fich, wie diefe Glut
myftifchen Gottesgefühls und lauterfter Menschenliebe mit
Solcher ,bodenlofen Theologie' fich einen konnte. Ob feine
mufikalifche Natur zum Verständnis hilft?

Hannover-Kleefeld. Schufter.

Meckauer, Walter: Der Intuitionismus und feine Elemente
bei Henri Berglen. Eine krit. Unterfuchung. (XIV,
160 S.) gr. 8°. Leipzig, F. Meiner 1917. M. 5—

Auf eine maßlofe Überfchätzung der Philofophie
Bergfons ift jetzt, äußerlich veranlaßt durch den Krieg,
eine faft gleich ftarke Bekämpfung und Befehdung feiner
Lehren und feines Charakters erfolgt. Die Forschung hat
demgegenüber die Pflicht, ein gefchichtlicb.es Verständnis
feines Syftems und eine objektive Kritik feiner Grundüberzeugung
anzubahnen. Ein Philofoph, über den in