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Ausgabe:

1917 Nr. 12

Spalte:

245-246

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weidel, Karl

Titel/Untertitel:

Weltleid und Religion 1917

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 12.

246

Divan und den Wanderjahren ift unbenutzt geblieben.

Die angeführten Dichterftellen aber wimmeln von Ge-
dächtnisfehlern.

Gießen. S.Eck.

Weidel, Dr. Karl: Weltleid und Religion. Zwei Abhandlungen
. (118 S.) kl. 8°. Magdeburg, C. E. Klotz 1916.

M. 1.50

Weideis Schrift zerfällt in zwei Teile. Den erften
bildet ein Vortrag über (Peffimismus und Religion' (9—48),
den der Verfaffer im Magdeburger Lehrerinnen-Verein
1909 unter dem Eindruck des furchtbaren Erdbebens von
Meffina gehalten hat; an diefem Vortrag hat Weidel nichts
geändert, ,da das einer Verfälfchung der damaligen Stimmung
gleichgekommen wäre, und ich fachlich heut im
wefentlichen noch genau fo denke' (7). Die zweite Abhandlung
.Religion und Weltkrieg' (49—118) ift durch
Zeit und Anlaß von dem 1. Stück getrennt, aber doch
eine innerliche Ergänzung zu demfelben. ,Die Hauptfrage
bleibt doch auch heute die nach dem Recht der Religion,
die an einen Sinn in dem fcheinbar fo finnlofen Gefchehen
glaubt, und zu deren Beantwortung hoffeich einige brauchbare
Gedanken beigefteuert zu haben' (7).

Nach einem hiftorifchen Rückblick auf die Weltan-
fchauung der Griechen und der Buddhiften nimmt Weidel
pofitiv Stellung zur Frage, indem er den Grundirrtum des reinen
Peffimismus darin rindet, daß die Welt nur relative und
negative Scheinwerte bergen foll (30). Diefen Irrtum will
er durch den Nachweis widerlegen, daß wir im Verftand,
im Willen und im Gefühl eine Welt ewiger Werte erfaffen
und erleben, woraus fich ergibt, daß der letzte Sinn alles
Weltgefchehens doch eine einzige große Harmonie ift.
Auch das Chriftentum ruht wie der Buddhismus auf einer
durchaus peffimiftifchen Beurteilung diefer Sinnenwelt,
ja der Peffimismus erfährt hier noch infofern eine ungeheure
Vertiefung und Verfchärfung, als in ihm die fitt-
lichen Nöte in viel tieferer Weife betont und empfunden
werden als im Buddhismus; diefe finnliche Welt ift aber
nicht die ganze Welt; ihr gegenüber ift einzig allein am
Platz peffimiftifche Verwerfung nicht im Sinne der Weltverneinung
, fondern der Weltbejahung und -Überwindung
, vom Standort eines Reiches überirdifcher Werte und
unter der Vorausfetzung, daß der Weltgrund ein ewiger,
vollkommener, göttlicher ift. —

Der zweite Teil der Weidel'fchen Schrift flammt offenbar
aus der Zeit, in welcher das geflügelte Wort vom
.kurzen, frifchen, fröhlichen Krieg' fein Wefen unter uns
trieb (107). Daher das auf Goldgrund gemalte Idealbild
eines Krieges, der ,bloß fcheinbar Auflöfurig und Zer-
ftörung, im Grunde nur eine fchöpferifche Leiftung' ift.
Er hat uns kuriert von der .ideologifchen Schwärmerei' und
dem .Irrtum der Humanitätsreligion', hat an die Stelle des
weichlichen Bildes des liebenden Vaters eine,herbere'Gottes-
auffaffung heraufgebracht, hat unfere fittliche und religiöfe
Gedankenwelt gründlich erneuert, geftärkt, vertieft! Wenn
nur nicht hinter diefen erhebenden Worten das Gefpenft
des Imperialismus und Nationalismus flecken würde, das
immer wieder die einzelnen Wahrheitsmomente, die der
Verfaffer vertritt, verkümmert! Das Menfchliche, das allzu
Menfchliche verfchwindet unter den Strahlen des gottgewirkten
Ereigniffes, das in jenem Dithyrambus gefeiert
wird: als ob, in der Mobilmachung der inneren Kräfte,
neben der Entbindung der Tugenden nicht auch die Ent-
feffelung der fchlimmften Mächte wahrnehmbar wäre!
Das allerbedenklichfte aber ift das pharifäifche Gift, das
gegenüber den andern Völkern bald verfteckt mitunterläuft
, bald offen hervorbricht: die Unart, die Tob. Beck
nach dem deutfch-franzöfifchen Krieg fo tapfer geißelte,
erfcheint hier in höchfler Potenz. Dem Hymnus auf den
Krieg als .Lebenswecker und -förderer ohne Gleichen' 1
läßt fich das Wort eines Preußen entgegenftellen, deffen I

patriotifche Gefinnung über allen Zweifel erhaben ift. ,Der
Krieg hat fich felbft diskreditiert, fchreibt Friedr. Curtius
in der Chriftlichen Welt (1916 Sp. 830). Er hat fich unendlich
böfer, für jedes menfchliche Gefühl beleidigender
gezeigt, als wir uns je vorgeftellt hatten'.

Straßburg i/E. P. Lobflein.

Frey tag, Willy: Unterfuchungen zu einer Willen Ich aft vom
Sittlichen. 1. Tl.: Die Aufgaben der Ethik. Dargelegt
im Zufammenhange m. krit. Erörtergn. insbef. des
Kantifchen Problems. (V, 202 S.) gr. 8°. Halle, M.
Niemeyer 1916. M. 7 —

Eine fachgemäße und doch nicht zu umfängliche Anzeige
diefes Buches ift nicht leicht. Denn es ift nur der
erfte Teil eines größeren Werks, will die Aufgaben der
Ethik beftimmen, ohne fie noch zu löfen. Dazu kommt,
daß diefer erfte Teil, wie der Untertitel ausdrücklich fagt,
,im Zufammenhang mit kritifchen Erörterungen insbefon-
dere des Kantifchen Problems' auftritt. Endlich ift der
Anfpruch der Unterfuchung ein hoher: es wird geredet
von der ,Zerfahrenheit unfrer Wiffenfchaft', davon daß ,fie
nach jahrtaufendlanger Bemühung noch immer in den
Anfängen fleht', ja daß fie ,noch nicht exiftiert'. Ver-
fuchen wir die Grundgedanken im voraus zu nennen, mög-
lichfl mit den Worten des Verf., dann zu erläutern. So
werden Fragen und Bedenken nicht den Eindruck machen,
wovor er warnt, als follte die wiffenfchaftliche Abweichung
ins Gewiffen gefchoben werden.

Trotz der großen Verfchiedenheit der fittlichen Maß-
ftäbe darf daraus nicht die Unmöglichkeit einer allgemeingültigen
Wiffenfchaft vom Sittlichen abgeleitet werden;
die Tendenz zu irgendwie Gemeinfamem ift noch unleugbarer
. Alfo wird die Urfache des unbefriedigenden Zu-
flands der Ethik in etwas anderem gefucht werden muffen,
nicht im Gegenftand, fondern in Unterfchieden der wiffen-
fchaftlichen Behandlung, der Methode (S. 15 ff). Alle
Wiffenfchaft ift entweder Theorie oder Technik, je nachdem
fie die Tatfachen an fich oder ihr Verhältnis zu
menfchlichen Zwecken unterbricht. Beide flehen in Wechfel-
wirkung. Die Tatfachen, mit denen es die Ethik zu tun hat,
find feelifche Erlebniffe. Ihre Unterfuchung, fo wie fie an
fich find, find Sache einer theoretifchen Wiffenfchaft, der
Pfychologie. Diefe feelifchen Erlebniffe aber flehen in
Beziehung zu Zielfetzungen, Entfchlüffen, Handlungen, die
gebilligt oder mißbilligt werden. So entliehen die 'drei
Fragen der technifchen Ethik: wie das Gebilligte wirklich
werden; wie es, wenn bezweifelt, auf ein Gebilligtes zurückgeführt
; wie bei den tatfächlichen Widerfprüchen in der
Billigung und Mißbilligung ein harmonifches Syftem aller
gebilligten Zwecke aufgeftellt werden kann. Diefe technifchen
Fragen weifen aber deutlich auf theoretifche
Probleme, das der Wertentftehung und Wertänderung,
das der Einheit oder Mannigfaltigkeit der wirklichen Motivation
, das der unbedingten Billigung (Richtigkeit), eben
nicht nur doch technifchen=Zweckmäßigkeit, fondern des
dabei immer fchon vorausgefetzten Zwecks. Was das
Sittliche ift, welche Eigenfchaft es außer der negativen
Beftimmung, nicht identifch mit dem Zweckmäßigen zu
fein, noch hat und ob es fo etwas überhaupt gibt, das
zu entfcheiden kann nur Sache einer die Dinge felbft
unterfuchenden, alfo Sache einer theoretifchen Unterfuchung
fein. Aber was für reine Wiffenfchaft ift die theoretifche
Ethik? Ift es reine Pfychologie? Oder ift die fittliche
Richtigkeit mit der logifchen Richtigkeit identifch,
bzw. dann gleich, daß fie wie diefe etwas Nicbtpfychifches,
dem pfychifchen Erlebnis transcendentes ift? Dann gäbe
es neben der theoretifchen Ethik, die pfychologifch ift,
noch eine zweite theoretifche, ebenfo wie es neben der
Gedankenpfychologie noch eine zweite Gedankentheorie
gibt in der Logik, der Wiffenfchaft von der Wahrheit.
(Vgl. bef. S. 57f.) Diefe Frage wird verneint. Sittlich-