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Ausgabe:

1917

Spalte:

237-239

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Charles, R. H.

Titel/Untertitel:

Studies in the Apocalypse being Lectures delivered before the University of London 1917

Rezensent:

Heitmüller, Wilhelm

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237 Theologifche Literaturzdtung 1917 Nr. 12. 238

nun aber nicht, aus welcher Zeit P. diefe Kapitel ableitet.
Sind fie wirklich falomonifchen Urfprungs oder nur einem
befcheidenen Kern nach? Freier und offener ift die
Haltung P.'s gegenüber den nicht eigentlich biblifchen
Büchern Jefus Sirach und Weisheit. Hier gibt's ja auch
keine ,Muß'-Anficht! Jefus Sirach ift zwifchen 174—171,
kurz vor Ausbruch des makkabäifchen Aufftandes zu-
fammengeftellt. Hier ficht der jüdifche Gelehrte mit der
Feder gegen die in den führenden Kreifen eingeriffene
griechifche Kultur (S. 12). Für die Weisheit Salomonis
bekennt fich P. zu der von Heinifch, ,Das Buch der
Weisheit', Münfter i. W. 1912, ausgefprochenen Anficht,
wonach das Werk zwifchen 88—30 v. Chr. verfaßt ift
als ein Trutz- und Troftbuch für die in Ägypten unter
mannigfachem inneren und äußeren Druck feitens der
Heiden und abtrünniger Glaubensbrüder lebenden Juden
(S. 15 f.).

Die Überfetzung, foweit ich Stichproben vorgenommen
, macht einen zuverläffigen Eindruck und lieft
fich angenehm. Die beigegebenen Noten find freilich arg
knapp, aber gefchickt.

Heidelberg. Georg Beer-

Cliarhss,~rTh., D. Litt., D. D.: Studies in the Apocalypse

being Lectures delivered before the Univerfity of
London. (VII, 199 S.) 8°. Edinburgh, T. & T. Clark
1913. s- 4.6

Wenn R. H. Charles, der gründliche Kenner und
verdiente Herausgeber und Erklärer jüdifcher Apokryphen,
insbefondere Apokalypfen, zum Verftändnis des neutefta-
mentlichen Buches mit den fieben Siegeln beifteuert, kann
er aufmerkfamfte Beachtung beanfpruchen. Deshalb darf
auf diefe fchon 1913 ausgegebenen Studien auch jetzt
noch hingewiefen werden. Um fo mehr, als der von ihm
für 1914 in Ausficht geftellte Kommentar zur Apokalypfe,
foweit ich feftftellen konnte, noch nicht, wenigftens bis
Ende 1915 nicht, erfchienen ift.

Das vorliegende Buch bietet in fünf Kapiteln, in breiter,
an Wiederholungen reicher Darftellung, Vorlefungen, die
Charles an der Londoner Univerfität gehalten hat (mit
einem Anhang über die wichtigften Quellenfcheidungs-
Verfuche). Die beiden erften Kapitel find der Gefchichte
der Auslegung gewidmet. Sie machen auf eigenen wiffen-
fchaftlichen VVert keinen Anfpruch- Der kritifche Bericht,
der im wefentlichen Bekanntes bietet, fich hier und da
fpeziell an die von Bouffet in feinem Kommentar 2. Aufl.
gegebene Darfteilung anlehnt (haben die Druckfehler-
Teufel, die hier wie dort v. Hoffmann einfchmuggeln,
keine Beziehung zu einander oder ift der englifche abhängig
von dem deutfchen?), aber doch manche eigene
beachtenswerte Beobachtungen enthält, will zugleich die
richtige Auslegungsmethode herausarbeiten. Von den
älteren Methoden haben nur die zeitgefchichtliche und die
endgefchichtliche mit der philologifchen bleibende Beiträge
zum Verftändnis geliefert. Da an der abfoluten
und ftarren Einheit der Apokalypfe nicht feftgehalten
werden kann, muß zu ihnen die literar-kritifche Methode
hinzutreten; da andererfeits die allgemeine Einheit des
Buches in Sprache und Stil erwiefen ift, kommt von den
literar-kritifchen Verfuchen nur die Fragmenten-Hypothefe
in Betracht. Damit muß fich die traditionsgefchichtliche
und die religionsgefchichtliche Betrachtung verbinden.

Der Hauptnachdruck und der wiffenfchaftliche Wert
des Buches ruhen auf den Kapiteln 3 bis 5. Hier fchöpft
der Verf. aus dem Reichtum langjähriger Studien. Kap. 3
gilt der wichtigen Frage des Sprachcharakters der
Apokal. Nach Charles unterfcheidet fich die fchlechthin
eigenartige Sprache des Buches von dem Griechifch der
Septuaginta, der Apokryphen und der Papyri. Der Stil ift
hebräifch, ,hebräifcher' als der der Sept. Der Apokalyp-
tiker redet zwar griechifch, aber er denkt hebräifch.
Charles fucht diefen hebräifchen Charakter der Sprache

der Apokal. durch hervorftechende Proben zu beweifen
und teilt dabei nicht wenig wertvolle Beobachtungen mit.

Unzweifelhaft hat er recht gegenüber der Übertreibung der modernen
I Erkenntnis vom engen Zulammenhang der fog. .neuteftamentlichen
j Sprache' mit der griechifchen Vulgärfprache, die fich in dem Kampf
gegen die ,Semitismcn' zeigt und felbft in den Solücismen derApkokal.
j faft nur Spuren des Vulgär-Griechifch finden möchte. Aber Charles
fcheint mir nun auch feinerfeits zu übertreiben und zu verallgemeinern. Zu
übertreiben : nicht alle (eine Beweife für den hebräifchen Charakter find
ftichhaltig (z. B. die Appofition im Nominativ zum Nomen im obliquen
Kafus oder die Koordinierung von Partizipium und Verbum finitum).
Man wird — und darin dürfte Charles felbft zuftimmcn — weniger auf
die einzelnen Beobachtungen, die z. T. verfchieden gedeutet werden
können, Wert legen dürfen als auf die Häufung der fprachlichen
Erfcheinungen, die zwar nicht ohne Parallele im Vulgär-Griechifch find,
aber zugleich auf aramäifchen oder hebräifchen Einfluß zurückgehen
können. Und weiter fcheint mir Charles zu Unrecht zu verallgemeinern :
die Erkenntnis von der Gleichartigkeit des fprachlichen Gewandes der
Schrift bedeutet einen großen Fortfchritt, aber fchon fängt fie an wie
ein Dogma zu wirken und den Fortfchritt der Forfchung zu hemmen.
Bei genauerem Zufehen ift doch zu erkennen, daß man nur von einer
gewiffen Gleichartigkeit fprechen kann, daß zugleich beachtenswerte
Unterfchiede in Grammatik, Lexikon und Diktion zu konftatieren find,
die für die literar-kritifche Unterfuchung große Bedeutung haben.

In den beiden letzten Kapiteln gibt Charles eine
intereffante Probe der Analyfe und Erklärung der Apokal.,
indem er Kap. 7—9 behandelt. Er wählt Kap. 7, weil
es faft durchweg mißverftanden und das richtige Verftändnis
doch von größter Tragweite für die Deutung nicht bloß
von Kap. 8 und 9 fei — und das ift gewiß richtig. Kap. 7
ift — nach des Verf. Darlegungen — im ganzen einheitlich,
aber während der Apokalyptiker in V. 9—17 nach Form
und Inhalt felbftändig fchafft, hat er den Inhalt von V. 1—8
aus jüdifcher Quelle, bzw. Quellen (V. 1—3 u. V. 4—8)
entnommen, feinen urfprünglichen Sinn umbiegend. Die
144000 Verfiegelten aus Ifrael V. 1—8 find diefelben Leute
wie die ungezählte Schar derer in weißen Kleidern, die
aus allen Völkern flammen V. 9—17: es find die Chriften
der Generation des Apokalyptikers, nur in verfchiedenen
Lagen clargeflellt, in V. 1—8 als ,ftreitende', in V. 9—17 als
.triumphierende Kirche', nämlich die Märtyrer, deren Seligkeit
, und zwar vordem Endgericht, V. 15 ff.gefchildert werde:
Ifrael ift eben das geiftige Ifrael, das fich aus Juden und
Heiden zufammenfetzt, und die Zahl 144000 ift fymbolifch
zu deuten. Dabei wird von Charles als befonders wichtig
betont, daß die Verriegelung, in der jüdifchen Quelle als
Schutz vor phyfifchem Übel gedacht, von dem Apokalyptiker
im jetzigen Zufammenhange als Schutz vor den
dämonifchen, fatanifchen Mächten der antichriftlichenZeit
gedeutet werde. Daraus ergibt fich dann, daß die Perikope
der vier erften Pofaunen 8,7—12 mit ihrer Schilderung
phyfifcher Plagen hier, wo man dämonifche Plagen
erwartet, als unangemeffen erfcheint und als Fremdkörper
auszufcheiden ift, daß in den urfprünglichen Zufammen-
hang nur die drei Wehe mit ihrer Weisfagung der Offenbarung
dämonifcher Kräfte gehören, deren Schilderung
mit 8, 13 beginnt. Von Kap. 8 bleiben nur (in diefer
Reihenfolge) V. 1, 3, 4, 2, 6, 13.

Als befonders erfreulich und wichtig begrüße ich die von mir längft
geteilte Erkenntnis, daß die 144000 Verfiegelten in Ifrael V. 1—8 und
die ungezählten Scharen Weißgekleideter aus allen Völkern V. 9—17
für den Apokalyptiker identifch find — trotz des zunächft fcharf prote-
ftierenden äußeren Scheines. Es ift eben in diefem wie in manchen
anderen Fällen die viel zu wenig gewürdigte Tatfache zu beachten
ohne deren Erkenntnis man bei der Erklärung der Apokalypfe nicht
auskommt: daß dem Apokalyptiker, wenn er überlieferte Stoffe verwertet,
oft nur einzelne Züge daran wichtig und lebendig find, während andere
für ihn tot und — geheimnisvoll bleiben. In unferem Fall ift ihm
wichtig nur die Tatfache und der Sinn der Verriegelung, alfo die
Bewahrung der Gottesknechte in der kommenden Not. — Wertvoll ift
in diefen Ausführungen Charles' ferner der Nachweis (der übrigens
noch mit andern Gründen geführt werden kann), daß die Siebenzahl
der Pofaunen fekundär ift, die vier erften Pofaunen von den drei andern, d. h.
den drei Wehe, zu trennen find. Andern Behauptungen wird man fehr
kritifch gegenüberftehen. Daß der Apokalyptiker in den ungezählten
Scharen Märtyrer fehe, ift trotz aller Anftrengungen nicht wahrfcheinlich
gemacht; ebenfowenig, daß in 7, 9—17 ihr Zuftand vor dem Endgericht
gefchildert werde. Daß und weshalb Charles foviel Gewicht auf die
Behauptung legt, die Verriegelung fchütze vor den dämonifchen Mächten
der antichriftlichen Zeit, ift ebenfalls nicht einzufchen. U. a.